Das Heim und die Welt 16
FÜNFTES KAPITEL
NIKHILS ERZÄHLUNG
IV
Alles rauscht und wogt in der Flut des Augusts. Die jungen Reisähren
glänzen wie die Glieder eines kleinen Kindes. Das Wasser ist in den
Garten beim Hause gedrungen. Das Morgenlicht gießt sich wie die Liebe
des blauen Himmels verschwenderisch über die Erde aus... Warum kann ich
nicht singen? Der ferne Fluß schimmert von Licht; die Blätter glitzern;
die Reisfelder erschauern in goldenem Leuchten; und in dieser
Herbstsymphonie bleibe ich allein stumm. Der Sonnenschein der Welt
trifft mein Herz mit seinen Strahlen, doch es wirft sie nicht zurück.
Wenn ich sehe, wie mir die Gabe versagt ist, meine Gefühle auszudrücken,
dann weiß ich, warum ich einsam bin. Wer könnte auf die Dauer Tag und
Nacht meine Gesellschaft ertragen? Bimala ist voll von Lebenskraft, und
daher bin ich ihrer in all den neun Jahren unsrer Ehe keinen Augenblick
überdrüssig geworden.
Mein Leben hat nur seine stumme Tiefe, aber kein murmelndes Rauschen.
Ich kann wie der stille See nur aufnehmen, nicht fortreißen. Und daher
ist meine Gesellschaft wie ein Fasten. Heute erkenne ich es klar, daß
Bimala die ganze Zeit an meiner Seite gedarbt hat.
Wen soll ich darum tadeln? Wie Vidjapati kann ich nur klagen:
August ist da. Wild schluchzt der Himmel auf,
Und Tränenströme stürzen auf die Erde;
Und, ach mein Haus ist leer.
Mein Haus, das sehe ich jetzt, war von Anfang an bestimmt, leer zu
bleiben, weil seine Türen sich nicht öffnen lassen. Aber bis jetzt wußte
ich nicht, daß seine Gottheit draußen saß. Ich war töricht genug zu
glauben, daß sie mein Opfer angenommen und mir dafür ihre Gnade
verliehen hätte. Aber ach, mein Haus ist die ganze Zeit leer gewesen.
Jedes Jahr um diese Zeit pflegten wir uns in einem Hausboot über die
weite Fläche des Samalda treiben zu lassen. Ich sagte oft zu Bimala, daß
jedes Lied immer wieder zu seiner Grundmelodie zurückkehren müsse. Die
ursprüngliche Grundmelodie jedes Liedes findet sich in der Natur, wo der
regenbeladene Wind über den rauschenden Strom hinfährt, wo die grüne
Erde sich den Schattenschleier übers Antlitz zieht und ihr Ohr dem
plaudernden Wasser zuneigt. Da ist es, wo am Anfang aller Zeiten Mann
und Weib sich zuerst begegneten, -- nicht zwischen Mauern. Und daher
müssen wir beide wenigstens einmal im Jahr zur Natur zurückkehren, um
unsre Liebe neu zu stimmen auf den ersten reinen Ton, in dem unsre
Herzen sich fanden.
Die beiden ersten Jahre unsrer Ehe verbrachte ich unsern Hochzeitstag in
Kalkutta, wo ich meine Examina machte. Aber von dem nächsten Jahre an,
in den sieben folgenden Jahren haben wir jedesmal diesen Tag inmitten
der blühenden Wasserlilien gefeiert. Jetzt beginnt eine andere Oktave
meines Lebens.
Es wird mir schwer, nicht daran zu denken, daß der August in diesem
Jahre wiedergekommen ist. Ob Bimala wohl daran denkt? Sie hat mich
nichts merken lassen. Alles um mich her ist stumm.
August ist da. Wild schluchzt der Himmel auf,
Und Tränenströme stürzen auf die Erde.
Ach, und mein Haus ist leer.
Das Haus, das leer geworden ist, weil die Liebenden sich trennten, ist
doch mitten in seiner Leere noch von Musik durchzittert. Aber das Haus,
das leer geworden ist, weil die Herzen sich trennten, ist furchtbar in
seinem Schweigen. Selbst der Schrei des Schmerzes ist dort nicht am
Platz.
Dieser Schmerzensschrei muß in mir zum Schweigen gebracht werden.
Solange ich fortfahre zu leiden, wird Bimala nie wahrhaft frei werden.
Ich muß sie ganz freimachen, sonst werde ich mich selbst nie von der
Lüge befreien können...
Ich glaube, eins habe ich jetzt angefangen zu verstehen. Der Mensch hat
die Flamme der Liebe zwischen Mann und Weib so angefacht, daß sie über
ihr rechtmäßiges Gebiet hinaus um sich gegriffen hat, und er ihr jetzt
nicht mehr Halt gebieten kann. Der Mensch hat aus seiner Liebe einen
Götzendienst gemacht. Aber es wird Zeit, daß die Menschenopfer an ihrem
Altar aufhören ...
Ich ging heute morgen in mein Schlafzimmer, um ein Buch zu holen. Es ist
lange her, daß ich es am Tage betreten habe. Ein Schmerz schnitt mir
durch die Seele, als ich mich heute im Licht des Morgens darin
umblickte. Am Kleiderriegel hing ein Sari von Bimala, zum Gebrauch
fertig geplättet und gekräuselt. Auf dem Toilettentisch stand ihr
Parfüm, daneben lagen ihr Kamm, ihre Haarnadeln, und da war auch die
Scharlachpaste für das Stirnzeichen! Unten standen ihre goldgestickten
kleinen Schuhe.
Einst, in früheren Zeiten, als Bimala ihre Abneigung gegen Schuhe noch
nicht überwunden hatte, da brachte ich ihr diese von Lakhnau, um ihr
Lust dazu zu machen. Das erstemal wollte sie vor Scham zu Boden sinken,
als sie nur damit hinaus auf die Veranda gehen sollte.
Seitdem hat sie manches Paar zu Ende getragen, aber dies Paar hat sie
immer wie einen Schatz aufbewahrt. Als ich ihr zuerst diese Schuhe
zeigte, neckte ich sie mit einer merkwürdigen Gewohnheit, die sie hatte:
»Ich habe dich überrascht, wie du meine Füße ehrfurchtsvoll berührtest,
als du glaubtest, daß ich schliefe. Dies ist mein Liebesopfer, das die
Füße meiner Gottheit, wenn sie wach ist, immer in Ehrfurcht berühren
soll.« Allein sie wehrte erschrocken ab: »Du mußt nicht solche Sachen
sagen, sonst werde ich nie deine Schuhe tragen!«
Dies Schlafzimmer, -- es hat eine so feine Atmosphäre, die ich bis ins
innerste Herz spüre. Ich habe bis heute nie gewußt, wie mein durstendes
Herz seine Wurzeln ausgestreckt und sich um jeden einzelnen vertrauten
Gegenstand geklammert hat. Ich sehe, es genügt noch nicht, wenn ich die
Hauptwurzel ausreiße, um mein Leben zu befreien. Selbst diese kleinen
Schuhe halten mich fest.
Mein wandernder Blick fiel auf die Nische. Mein Bild da blickt noch
ebenso wie immer, obgleich die Blumen, die es schmückten, längst welk
und trocken sind. Von allen Dingen im Zimmer sind sie mit ihrem Gruß
allein aufrichtig. Sie sagen mir, daß sie nur noch da sind, weil es
nicht der Mühe lohnte, sie fortzunehmen. Doch mag es sein; ich will die
Wahrheit willkommen heißen, wenn sie auch in so dürrer und trostloser
Gestalt mir erscheint, und will auf die Zeit hoffen, wo ich imstande
sein werde, so unbewegt und ruhig auf alles hinzublicken, wie mein Bild
da oben in der Nische.
Als ich noch dastand, trat Bimala hinter mir ein. Ich wandte hastig
meinen Blick von der Nische ab zu dem Bücherregal und murmelte: »Ich
wollte mir nur Amiels Tagebücher[20] holen.« Wozu brauchte ich ihr
freiwillig eine Erklärung zu geben? Ich fühlte mich wie ein Übeltäter,
ein Eindringling, der ein Geheimnis, das er nicht wissen soll, ausspäht.
Ich konnte Bima nicht ins Gesicht sehen und eilte schnell hinaus.
V
Ich saß draußen in meinem Zimmer und hatte mir gerade gesagt, daß es
keinen Sinn hätte, wenn ich versuchte zu lesen oder mich irgendwie sonst
zu beschäftigen, -- es war mir, als ob alle meine künftigen Tage in eine
feste Masse zusammenfrieren und sich für immer schwer auf meine Brust
legen wollten, -- da kam Pantschu, der Pächter eines benachbarten
Zemindars[21] mit einem Korb voll Kokosnüsse und begrüßte mich
ehrerbietig.
»Nun, Pantschu«, sagte ich. »Was soll denn dies?« Ich hatte Pantschu
durch meinen Lehrer kennengelernt. Er war sehr arm, daher dachte ich,
der arme Bursche wollte sich durch dies Geschenk ein kleines Trinkgeld
verschaffen, um aus einer augenblicklichen Verlegenheit zu kommen. Ich
nahm etwas Geld aus meiner Börse und hielt es ihm hin, aber er wehrte
mit gefalteten Händen ab: »Nein, Herr, das kann ich nicht nehmen!«
»Warum nicht, was hast du denn?«
»Lassen Sie mich Ihnen beichten, Herr. Einmal, als ich sehr in Not war,
stahl ich ein paar Kokosnüsse aus diesem Garten hier. Ich werde alt und
kann jeden Tag sterben, daher bin ich gekommen, um sie Ihnen
zurückzuzahlen.«
Amiels Tagebücher hätten mir an jenem Tage nicht helfen können, aber
diese Worte Pantschus machten mir das Herz leichter. Es gibt doch noch
andere Dinge im Leben als die Vereinigung oder Trennung von Mann und
Weib. Darüber hinaus erstreckt sich die große Welt, und man hat erst das
rechte Maß für seine eigenen Leiden und Freuden, wenn man mitten in
dieser Welt steht.
Pantschu hängt mit großer Verehrung an meinem Lehrer. Ich weiß recht
wohl, wie er sich abmüht, um das Notwendigste zum Leben aufzubringen. Er
steht jeden Morgen vor Tagesgrauen auf, watet mit seinem Korb voll
Betelpfefferblättern, Tabakrollen, farbigem Nähgarn, kleinen Kämmen,
Spiegeln und anderm Kram, den die Dorffrauen lieben, durch das knietiefe
Wasser des Sumpflandes und geht hinüber zu dem Namasudra-Viertel. Da
tauscht er seine Waren gegen Reis ein, wodurch er etwas mehr bekommt,
als er dafür bezahlt hat. Wenn er früh genug zurückkommt, geht er, nach
einer eiligen Mahlzeit, noch einmal fort zum Konditor, wo er beim
Schlagen des Zuckers für die Waffeln hilft. Sobald er heimkommt, setzt
er sich hin und macht Schildpattspangen und plagt sich oft dabei bis
Mitternacht. Und bei all dieser trostlosen Plackerei verdient er kaum so
viel, daß er und die Seinen sieben Monate hindurch zweimal am Tage essen
können. Um satt zu werden, trinkt er erst immer eine tüchtige Portion
Wasser, und seine Hauptnahrung sind die billigsten und minderwertigsten
Bananen. Und doch muß die Familie den übrigen Teil des Jahres mit einer
Mahlzeit auskommen.
Ich dachte einmal daran, ihm eine jährliche Unterstützung zu geben,
aber mein Lehrer sagte: »Du kannst das harte Los dieses Mannes nicht
ändern, du könntest nur ihn selbst mit deiner Gabe verderben. Mutter
Bengalen hat nicht nur diesen einen Pantschu. Wenn ihre Brüste
ausgetrocknet sind, so kann die Milch, die von außen kommt, das nicht
gutmachen.«
Solche Gedanken machen nachdenklich, und ich beschloß, es mir zur
Aufgabe zu machen, einen Ausweg aus der Not zu finden. Noch am selben
Tage sagte ich zu Bima: »Wir wollen unser Leben daran setzen, die Wurzel
dieses Übels in unserm Lande auszurotten.«
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