Das Heim und die Welt 17
In Wahrheit teilt Bimala doch nur mein Heim aber nicht mein Leben. Ich
hatte sie so vergrößert und ihr einen so großen Platz eingeräumt, daß,
als ich sie verlor, mein ganzes übriges Leben mir eng und klein schien.
Ich hatte alles andre in eine Ecke geworfen, um Platz für Bimala zu
machen, -- indem ich ganz dadurch in Anspruch genommen war, sie zu
schmücken und zu kleiden und zu erziehen und Tag und Nacht mich um sie
zu drehen, und dabei vergaß, wie groß die Menschheit ist und wie kostbar
des Menschen Leben. Wenn die Zufälligkeiten des täglichen Lebens
anfangen, den Menschen zu beherrschen, so sieht er die Wahrheit nicht
mehr und verliert seine Freiheit. Und Bimala nahm diese Zufälligkeiten
so peinlich wichtig, daß die Wahrheit sich mir ganz verbarg. Daher sehe
ich keinen Ausweg aus meinem Elend und starre nur immer auf den leeren
Platz, der mir die Welt bedeutete. Und so klingt mir an diesem
Augustmorgen schon stundenlang der alte Kehrreim im Ohr:
»August ist da. Wild schluchzt der Himmel auf,
Und Tränenströme stürzen auf die Erde.
Ach, und mein Haus ist leer.«
Fußnoten:
[20] Henri Frédéric Amiel, Genfer Dichter und Philosoph
deutscher Schule (1821-81), besonders bekannt durch die Auszüge aus
seinen Tagebüchern, die nach seinem Tode veröffentlicht und ein
verbreitetes Erbauungsbuch wurden. (Übers.)
[21] Der von der Regierung gegen eine Pachtsumme angestellte
Hauptpächter eines Landstriches mit dem Recht der Unterverpachtung.
[22] Der Name Buddhas, bevor er der Welt entsagte.
BIMALAS ERZÄHLUNG
XI
Die Veränderung, die mit einem Schlage über den Geist Bengalens gekommen
war, war ungeheuer. Es war, als ob der Ganges die Asche der
sechzigtausend Söhne Sagars[23] berührt hätte, die kein Feuer hatte
entzünden, kein Wasser in lebendige Erde hatte umwandeln können. Das
tote Bengalen stand plötzlich aus der Asche auf und sprach: »Hier bin
ich!«
Ich habe irgendwo gelesen, daß im alten Griechenland einmal ein
Bildhauer das Glück hatte, dem Bildnis, das er mit eigener Hand gemacht,
Leben zu verleihen. Doch selbst bei jenem Wunder war die Form schon da,
als das Leben entstand. Aber wo war die Einheit in diesem Haufen
unfruchtbarer Asche? Wäre sie hart gewesen, wie Stein, so hätten wir die
Hoffnung haben können, daß eine Form aus ihr entstehen könnte, wie ja
auch Ahalja, obgleich sie in Stein verwandelt war, doch ihre Menschheit
wieder erhielt. Aber diese zerstreute Asche muß dem Schöpfer zwischen
den Fingern hindurch in den Staub gefallen sein, um in alle Winde
verstreut zu werden. Sie hatte sich angehäuft, aber nie in sich
verbunden. Doch an diesem Tage, der für Bengalen gekommen war, nahm
selbst diese lose Masse Gestalt an und rief mit Donnerstimme dicht vor
unsrer Tür: »Hier bin ich!«
Wie konnten wir anders als an ein Wunder glauben? Es war, als ob dieser
Augenblick unsrer Geschichte uns wie ein Edelstein aus der Krone eines
trunkenen Gottes in die Hand gefallen wäre. Er hatte keine Ähnlichkeit
mit unsrer Vergangenheit; und so hofften wir nun, daß all unser Mangel
und Elend wie mit einem Zauberschlage verschwinden würde, daß es für uns
keine Grenze mehr gäbe zwischen dem Möglichen und Unmöglichen. Alles
schien uns zu sagen: »Es kommt, es ist da!«
So kamen wir zu dem Glauben, daß unsre Geschichte kein Roß brauchte,
sondern daß sie wie der himmlische Wagen aus eigener Kraft dahinfahren
würde. Auch brauchte man dem Fuhrmann keinen Lohn zu zahlen, man mußte
ihm nur ab und zu seinen Becher wieder mit Wein füllen. Und dann würden
wir das Ziel unsrer Hoffnungen in irgendeinem unmöglichen Paradies
erreichen.
Mein Gatte war nicht ganz teilnahmslos, aber während wir uns
begeisterten, schien er immer trauriger zu werden. Es war, als suche er
eine Vision hinter der wogenden Gegenwart.
Ich erinnere mich, wie er eines Tages bei einer der
Auseinandersetzungen, die er beständig mit Sandip hatte, sagte: »Das
Glück ist an unsre Tür gekommen und klopft an, nur um uns zu zeigen, daß
wir nicht in der Lage sind, es aufzunehmen, -- daß wir nicht alles
bereit gehalten haben, um es in unser Haus bitten zu können.«
»Nein«, war Sandips Antwort. »Du redest wie ein Atheist, weil du nicht
an unsre Götter glaubst. Uns ist es ganz deutlich offenbar geworden, daß
die Göttin mit ihrer Gabe gekommen ist, doch du mißtraust den
augenfälligen Zeichen ihrer Gegenwart.«
»Gerade weil ich so fest an meinen Gott glaube,« sagte mein Gatte, »bin
ich so gewiß, daß wir noch nicht zu seinem Dienst bereit sind. Gott hat
die Kraft, uns seine Gabe zu geben, aber wir müssen die Kraft haben, sie
anzunehmen.«
Solche Reden meines Gatten verdrossen mich nur. Ich konnte mich nicht
enthalten, mich einzumischen: »Du meinst, daß diese Begeisterung nur ein
Rausch ist, aber gibt solch ein Rausch nicht in gewisser Weise Kraft?«
»Ja«, erwiderte mein Gatte. »Er gibt vielleicht Kraft, aber keine
Waffen.«
»Kraft aber ist eine Gabe Gottes«, fuhr ich fort. »Waffen können von
bloßen Handwerkern beschafft werden.« Mein Gatte lächelte. »Die
Handwerker werden ihren Lohn fordern, bevor sie die Waffen liefern«,
sagte er.
Sandip warf sich in die Brust, als er erwiderte: »Sorge dich nur darum
nicht! Sie sollen ihren Lohn schon haben.«
»Ich werde die Festmusik bestellen, wenn sie ihre Bezahlung haben, nicht
vorher«, antwortete mein Gatte.
»Du brauchst dir nicht einzubilden, daß wir auf deine Freigebigkeit
dafür angewiesen sind«, sagte Sandip spöttisch. »Unser Fest hängt nicht
von Geldzahlungen ab.«
Und er begann mit rauher Stimme zu singen:
Mein Geliebter, der verschwenderisch seine Liebe ausschüttet und
nach Lohn nicht fragt,
Spielt die einfache kleine Flöte, die er für ein Nichts kaufte,
Und mein Herz lauscht den Klängen, bis es sich ganz darin verliert.
Dann wandte er sich lächelnd zu mir und sagte: »Wenn ich singe,
Bienenkönigin, so will ich damit nur beweisen, daß, wenn unser Leben
voll Musik ist, wir eine schöne Stimme entbehren können. Wenn wir nur
singen, weil wir musikalisch sind, so hat das Lied nicht viel Wert. Nun,
da ein voller Strom von Musik über unser Land dahinflutet, lassen Sie
Nikhil seine Tonleiter üben, während wir mit unsern rauhen Stimmen das
Land aufrütteln:
Mein Haus ruft mir zu: Warum willst du hinaus und willst draußen
dein Alles verlieren?
Doch mein Leben sagt: Nimm deine ganze Habe und gib sie den Winden
preis!
Ich folge dem Ruf des Lebens, was gilt mir das Gut, das doch
entflieht?
Muß ich den Untergang freien, so sei es lächelnd getan!
Denn nur das Eine begehr' ich: den Todestrank der Unsterblichkeit.
Du mußt begreifen, Nikhil, daß wir alle unser Herz verloren haben.
Niemand kann uns länger in den Grenzen des leicht Möglichen festhalten
bei unsrer Jagd nach dem hoffnungslos Unmöglichen.
Halten wollt ihr uns,
Toren, die ihr nicht die unbändige Lust der Verwegenheit kennt,
Die ihr den Ruf nicht hörtet, der uns kam vom Ziel des verschlungenen
Pfades!
Alles, was brav ist, gerade und glatt,
Kopfüber damit in den Staub!«
Ich glaubte, mein Gatte wollte die Diskussion fortsetzen, aber er stand
schweigend auf und ließ uns allein.
Was mich innerlich aufwühlte, war nur das Widerspiel der stürmischen
Leidenschaft draußen, die über das Land hinfegte, von einem Ende zum
andern. Ich fühlte, wie der Herr meines Schicksals auf seinem
Siegeswagen schnell heranbrauste, und das Rollen der Räder fand einen
Widerhall in mir. Ich hatte beständig das Gefühl, daß jeden Augenblick
etwas Außerordentliches geschehen könnte, für das mich jedoch keine
Verantwortung träfe. War ich nicht in eine Sphäre gerückt, wo nach Recht
und Unrecht und den Gefühlen anderer nicht mehr gefragt wird? Hatte ich
dies je gewollt -- hatte ich je so etwas erhofft oder erwartet? Wer
könnte, wenn er mein ganzes bisheriges Leben ansieht, sagen, daß mich
irgendwelche Schuld träfe?
Mein ganzes Leben lang hatte ich getreulich am Altar meine Opfer
dargebracht, -- aber als endlich die göttliche Gnade sich offenbaren
sollte, erschien ein andrer Gott als der, dem ich zu dienen glaubte. Und
gleichwie das erwachte Land von dem Jubelruf Bande Mataram erzittert,
mit dem es den plötzlich vor ihm aufgetauchten Zukunftstraum begrüßt, so
schlagen alle Pulse dem plötzlich erschienenen, unbekannten, ungestümen
Fremden entgegen.
Eines Nachts verließ ich mein Bett und schlüpfte aus meinem Zimmer auf
die Terrasse draußen. Hinter unsrer Gartenmauer sind reifende
Reisfelder. Nach Norden zu sieht man durch die Bäume des Dorfes den Fluß
schimmern. Die ganze Landschaft lag in der Dunkelheit da wie der noch
schlummernde Keim einer neuen Zukunft.
In jener Zukunft sah ich mein Vaterland, ein Weib gleich mir, dastehen
und voll Erwartung ausspähen. Der plötzliche Ruf eines unbekannten Etwas
hat sie aus der Enge ihres Hauses herausgetrieben. Sie hat keine Zeit
gehabt zu warten und zu überlegen, oder sich eine Fackel anzuzünden,
sondern ist ohne Besinnen in das Dunkel hinausgestürzt. Ich weiß wohl,
wie ihre innerste Seele auf die fernen Flötenklänge, die sie rufen,
antwortet; wie ihre Brust wogt; wie sie fühlt, daß sie diesem
Unbekannten immer näher kommt, es schon erreicht hat, so daß sie sich
blind hineinstürzen kann. Sie ist nicht Mutter. Sie hört nicht auf den
Ruf ihrer hungrigen Kinder, vergeblich wartet am Abend das dunkle Heim
auf ihre Lampe. Sie eilt zu ihrem Stelldichein, denn dies ist das Land
der Wischnu-Dichter. Sie hat ihr Heim verlassen, ihre häuslichen
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