2016년 7월 28일 목요일

Das Heim und die Welt 18

Das Heim und die Welt 18



Auch ich bin erfaßt von solchem Sehnen. Auch ich habe mein Heim verloren
und bin verirrt. Ziel und Weg liegen gleichdunkel vor mir. Ich fühle
nur, wie mich die Sehnsucht immer weiter treibt. Ach, du unseliger
Wanderer durch die Nacht; wenn der Morgen dämmert, wirst du keine Spur
eines Weges sehen, auf dem du zurückkehren könntest. Aber warum
zurückkehren? Der Tod ist ebensogut. Wenn das Dunkel mit seiner Flöte
mich zum Abgrund lockt, was kümmert mich das Hernach? Wenn seine
Finsternis mich verschlungen hat, so werde ich nicht mehr sein, und mit
mir sind Gut und Böse, Lachen und Tränen dahin.
 
 
XII
 
Da die Maschine der Zeit in Bengalen plötzlich mit Hochdruck arbeitete,
wurde, was schwer schien, leicht und die Ereignisse folgten einander
Schlag auf Schlag. Nichts ließ sich mehr zurückhalten, selbst in unserm
entlegenen Winkel. Anfangs war unser Distrikt zurück, denn mein Gatte
wollte keinen Zwang auf die Leute ausüben. »Die ihrem Vaterlande Opfer
bringen, sind in Wahrheit seine Diener,« sagte er oft, »aber die, welche
andere dazu zwingen, sind seine Feinde. Sie möchten die Freiheit an der
Wurzel abhauen, um sie am Gipfel zu erfassen.«
 
Aber als Sandip kam und sich hier niederließ und seine Anhänger
anfingen, im Lande umherzureisen und in Dörfern und Marktflecken ihre
Reden zu halten, da schlugen die Wellen der Erregung auch an unser Ufer.
Eine Schar junger Burschen aus dem Ort schlossen sich ihm an, darunter
sogar einige, die als ein Schandfleck für das Dorf bekannt waren. Aber
die Glut ihrer echten Begeisterung verklärte sie äußerlich und
innerlich. Es zeigte sich, wie aller Schmutz und Moder in einem Lande
plötzlich weggefegt wird, sobald die reine Brise einer großen Freude und
Hoffnung darüber hinfährt. Es ist in der Tat schwer für die Menschen,
offen und gerade und gesund zu sein, wenn ihr Vaterland geknechtet am
Boden liegt.
 
Nun richteten sich alle Blicke auf meinen Gatten, von dessen Gütern
allein ausländische Waren wie Zucker und Salz und Kleidungsstoffe nicht
verbannt waren. Selbst die Gutsbeamten wurden am Ende darüber verlegen
und beschämt. Und doch hatten noch vor einiger Zeit, als er anfing,
einheimische Artikel in unserm Dorfe einzuführen, jung und alt ihn
heimlich und öffentlich wegen seiner Torheit getadelt und verspottet.
Als es noch nicht ein Ruhm war, zur Swadeschi-Bewegung zu gehören,
hatten wir sie von ganzem Herzen verachtet.
 
Mein Gatte schärft noch immer seine indischen Bleistifte mit seinem
indischen Messer, schreibt mit Rohrfedern, trinkt Wasser aus einem
Zinngefäß und arbeitet des Abends beim Licht einer altmodischen Öllampe.
Aber solch langweiliger Zuckerwasser-Patriotismus sprach uns nicht an.
Wir schämten uns vielmehr immer der einfachen und unmodernen Einrichtung
seines Empfangszimmers, besonders wenn hohe Beamte oder andere Europäer
bei ihm zu Gaste waren.
 
Mein Gatte hörte meine Vorstellungen lächelnd an. »Warum regst du dich
über solche Kleinigkeiten auf?« pflegte er zu sagen.
 
»Sie werden uns für Barbaren halten oder jedenfalls finden, daß es uns
an feiner Lebensart fehlt.«
 
»Wenn sie das tun, so vergelte es ihnen dadurch, daß ich denke, ihre
Feinheit geht nicht tiefer als ihre weiße Haut.«
 
Mein Gatte hatte auf seinem Schreibtisch einen gewöhnlichen Messingtopf,
den er als Blumenvase benutzte. Oft, wenn ich hörte, daß er einen
europäischen Gast erwartete, schlich ich mich in sein Zimmer und setzte
an seine Stelle eine Kristallvase von europäischer Arbeit.
 
»Sieh einmal, Bimala,« wehrte er endlich, »jener Messingtopf weiß so
wenig von sich wie jene Blumen; aber dies Ding hier macht seinen Zweck
so laut bekannt, es paßt nur für künstliche Blumen.«
 
Nur die Bara Rani schmeichelt den Launen meines Gatten. Einmal kommt sie
ganz außer Atem an: »O, Bruder, hast du es schon gehört? Sie haben jetzt
im Dorf prachtvolle indische Seife! Ich bin zwar über die Jahre hinaus,
wo man sich jeden Luxus leistet, aber wenn sie keine tierischen Fette
enthält, möchte ich sie doch versuchen.«
 
Mein Gatte strahlt, wie er das hört, und nun wird das ganze Haus mit
indischen Seifen und Wohlgerüchen überschwemmt. Fürwahr eine schöne
Seife! Sie ist vielmehr eine Art scharfen Sodas. Und als ob ich nicht
ganz gut wüßte, daß meine Schwägerin für sich die alte europäische Seife
weiter gebraucht und diese den Mädchen zum Zeugwaschen gibt!
 
Ein andermal heißt es: »Ach lieber Bruder, besorge mir doch ein paar von
diesen neuen indischen Federhaltern!«
 
Ihr »Bruder« ist wieder glückstrahlend, und das Zimmer meiner Schwägerin
wird mit allen Arten von scheußlichen kleinen Stöcken garniert, die sich
Swadeschi-Federhalter nennen. Nicht, daß das irgendwelche Bedeutung für
sie hätte, denn Lesen und Schreiben ist nicht ihre Sache. Doch liegt auf
ihrem Schreibzeug noch immer derselbe elfenbeinerne Federhalter, der
einzige, den sie je benutzt hat.
 
In Wahrheit war dies alles nur gegen mich gerichtet, weil ich die
Schrullen meines Gatten nicht mitmachen wollte.
 
Es hatte keinen Sinn, daß ich versuchte, ihm die Unaufrichtigkeit meiner
Schwägerin zu beweisen; sein Gesicht wurde strenge, sobald ich nur daran
rührte. Man schafft sich nur Ärger, wenn man versucht, solchen Menschen
die Augen zu öffnen.
 
Die Bara Rani näht sehr gern. Eines Tages konnte ich nicht umhin
herauszuplatzen: »Was für eine Komödiantin du doch bist, Schwester! Wenn
dein Bruderda ist, so bist du Feuer und Flamme für die
Swadeschi-Scheren, aber bei deiner Arbeit gebrauchst du jedesmal die
englischen.«
 
»Was schadet das?« erwiderte sie. »Siehst du denn nicht, wie es ihm
Freude macht? Wir sind hier zusammen im Hause aufgewachsen, und ich
kenne ihn von seiner Kindheit an. Ich kann es einfach nicht ertragen,
wie du, wenn er nicht mehr lächelt. Der Ärmste, er hat kein anderes
Vergnügen als das Kaufladenspiel. Du bist die Einzige, die ihn froh
machen könnte, und doch wirst du ihn zugrunde richten.«
 
»Was du auch sagst, es ist nicht recht zu heucheln«, erwiderte ich.
 
Meine Schwägerin lachte mir ins Gesicht. »Ach, du unschuldige kleine
Tschota Rani! Du bist so gerade wie der Rohrstock eines Schulmeisters,
nicht wahr? Aber eine rechte Frau ist nicht so geschaffen. Sie ist weich
und biegsam, so daß sie sich beugen kann, ohne krumm zu werden.«
 
Ich konnte die Worte nicht vergessen: »Du bist die Einzige, die ihn froh
machen könnte, und doch wirst du ihn zugrunde richten.«
 
 
XIII
 
Suksar, das auf unserm Gebiete liegt, ist eins der größten
Handelszentren im ganzen Distrikt. An der einen Seite eines Wassers wird
täglich Markt abgehalten, an der andern Seite findet einmal in der Woche
ein größerer Markt statt. In der Regenzeit, wenn der See mit dem Fluß
Verbindung hat und die Schiffe hinaufkommen können, werden große Mengen
Baumwollgarn und Stoffe für den Winter zum Verkauf dorthin gebracht.
 
Als unsre Begeisterung ihren Höhepunkt erreicht hatte, erklärte Sandip,
daß alle ausländischen Artikel samt dem Teufel der Ausländerei aus
unserm Gebiet vertrieben werden müßten.
 
»Selbstverständlich«, antwortete ich kampfbereit.
 
»Ich habe mit Nikhil deswegen gesprochen«, sagte Sandip. »Er sagt mir,
wir können Reden halten, soviel wir wollen, aber Zwang will er nicht
dulden.«
 
»Da lassen Sie mich nur machen«, sagte ich im stolzen Gefühl meiner
Macht. Ich wußte, wie tief die Liebe meines Gatten zu mir war. Wäre ich
bei Sinnen gewesen, so hätte ich mich eher in Stücke reißen lassen, als
daß ich in solchem Moment mein Recht darauf geltend gemacht hätte. Aber
Sandip sollte die ganze Macht seiner Gottheit kennen lernen.
 
Sandip hatte mir in seiner unwiderstehlichen Art klargemacht, wie die
Weltkraft sich jedem Einzelnen in Gestalt einer besonderen
Wahlverwandtschaft offenbart. »Die Philosophie der Wischnu-Verehrer«,
sagte er, »spricht von der Schakti der Freude, die im Herzen der
Schöpfung wohnt und das Herz der ewigen Liebe immer anzieht. Die
Menschen haben ein immerwährendes Verlangen, diese Schakti aus den
verborgenen Tiefen ihrer eignen Natur hervorzubringen, und die unter
uns, denen es gelingt, verstehen sogleich deutlich die Sprache der
Musik, die aus dem Dunkel zu uns hertönt.« Und sang:
 
Meine Flöte, die von Liedern quoll, ist verstummt,
Jetzt wo ich Antlitz in Antlitz dir gegenüberstehe.
Mein Ruf suchte dich unter allen Himmeln, als du verborgen lagst;
Nun findet all meine Sehnsucht Erfüllung im Lächeln deines Auges,
Geliebte.
 
Während ich seinen Allegorien zuhörte, hatte ich vergessen, daß ich nur
ganz einfach Bimala war. Ich fühlte mich als Schakti, als Verkörperung
der Weltfreude. Nichts konnte mich hemmen, nichts war mir unmöglich; was
ich berührte, gewann neues Leben. Die Welt um mich her war durch mich
neu geschaffen; denn hatte nicht erst der antwortende Ruf meines Herzens
all dies Gold über den Herbsthimmel ausgegossen? Und diesen Helden,
diesen treuen Diener des Vaterlandes, der mir so ergeben war, -- diesen
feurigen Geist, diese brennende Kraft, diesen leuchtenden Genius, -- ihn
auch schuf ich jeden Augenblick neu. Habe ich nicht gesehen, wie meine
Gegenwart ihm immer wieder neues Leben einflößt?
 
Neulich bat mich Sandip, ich möchte Amulja, einen jungen Burschen und
eifrigen Anhänger von ihm, empfangen. Ich sah, wie sogleich ein neues
Licht in den Augen des Knaben aufflammte, und wußte, daß auch er die
Schakti-Kraft an mir gespürt und daß sie in seinem Blut zu wirken
begonnen hatte. »Was für eine Zauberin Sie doch sind!« rief Sandip am
nächsten Tage aus. »Amulja ist plötzlich kein Knabe mehr, die Fackel
seines Lebens brennt lichterloh. Wie kann sich Ihr Feuer unter dem Dach
Ihres Hauses verbergen? Früher oder später werden sie alle davon
berührt, und wenn alle Lampen brennen, welch einen Dewali-Karneval[24]
werden wir dann hier im Lande feiern!«
 
Vom Glanz meines eignen Nimbus geblendet, beschloß ich, meinem getreuen
Priester diese Gabe zu gewähren. Ich vermeinte in meiner stolzen
Überhebung, daß niemand mich in dem hindern könnte, was ich wirklich
wollte. Als ich nach diesem Gespräch mit Sandip in mein Zimmer

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