2016년 7월 28일 목요일

Das Heim und die Welt 20

Das Heim und die Welt 20



Mit dem Ruf »Bande Mataram« verließen sie uns.
 
 
Fußnoten:
 
[25] Silbermünze von ungefähr 2 Mk. Wert.
 
 
 
 
SECHSTES KAPITEL
 
 
NIKHILS ERZÄHLUNG
 
VIII
 
Ein paar Tage später brachte mein Lehrer Pantschu zu mir. Sein Zemindar
hatte ihm eine Geldstrafe von hundert Rupien auferlegt und drohte, ihn
von seinem Hof zu jagen. »Was hat er denn getan?« fragte ich. »Man hat
ihn dabei ertappt, daß er ausländische Stoffe verkaufte«, war die
Antwort. Er bat und flehte Harisch Kundu, seinen Zemindar, an, er möge
ihm erlauben, seinen Vorrat, den er sich mit geliehenem Gelde gekauft
habe, abzusetzen, er wolle nie wieder mit fremden Waren handeln; aber
der Zemindar wollte nichts davon hören und bestand darauf, daß der
ausländische Stoff auf der Stelle verbrannt werde, wenn er freigelassen
werden wolle. Pantschu brach in seiner Verzweiflung trotzig los: »Das
kann ich nicht, dazu habe ich nicht die Mittel! Sie sind reich, warum
kaufen Sie es denn nicht auf und verbrennen es?«
 
Aber dies diente nur dazu, Harisch Kundu in Wut zu bringen, und er rief:
»Man muß dem Kerl Manieren beibringen, man gebe ihm eine Tracht Prügel!«
So bekam der arme Pantschu zu seiner Geldstrafe noch eine Prügelstrafe.
 
»Was wurde aus dem Stoff?«
 
»Der ganze Ballen wurde verbrannt.«
 
»Wer war sonst noch dabei?«
 
»Eine Menge Leute, die alle Bande Mataram schrieen. Sandip war auch da.
Er nahm etwas von der Asche und rief: Brüder! Dies ist der erste
Scheiterhaufen, den euer Dorf zur Totenfeier des ausländischen Handels
errichtet. Dies ist heilige Asche. Bestreut euch damit zum Zeichen eures
Swadeschi-Gelübdes.«
 
»Pantschu,« sagte ich, mich zu ihm wendend, »du mußt eine Klage
einreichen.«
 
»Niemand wird für mich zeugen«, erwiderte er.
 
»Niemand wird zeugen? -- Sandip! Sandip!«
 
Sandip kam auf meinen Ruf aus seinem Zimmer.
 
»Was ist los?« fragte er.
 
»Willst du nicht bezeugen, daß man diesem Mann seinen Stoff verbrannt
hat?«
 
Sandip lächelte. »Natürlich werde ich in dem Fall zeugen«, sagte er.
»Aber auf der Gegenseite.«
 
»Was verstehst du darunter,« rief ich aus, »auf dieser oder jener Seite
zeugen? Willst du nicht für die Wahrheit Zeugnis ablegen?«
 
»Ist das, was geschieht, die einzige Wahrheit?«
 
»Welch andre Wahrheit kann es denn noch geben?«
 
»Das, was geschehen sollte! Um die Wahrheit aufbauen zu können, brauchen
wir eine ganze Menge Lügen. Die, welche in dieser Welt vorwärtsgekommen
sind, haben die Wahrheit geschaffen, aber sie sind ihr nicht blind
gefolgt.«
 
»Und nun -?«
 
»Und nun will ich das tun, was ihr andern falsch Zeugnis redenzu
nennen beliebt und was die getan haben, die Weltreiche geschaffen, neue
Gesellschaftsordnungen aufgebaut und religiöse Organisationen gegründet
haben. Die, welche herrschen wollen, scheuen die Lüge nicht; die Ketten
der Wahrheit sind für die, die unter ihre Herrschaft fallen werden. Hast
du denn keine Geschichte gelesen? Weißt du denn nicht, daß in den
ungeheuren Kesseln, in denen die großen politischen Entwicklungen
brodeln, Lügen die Hauptbestandteile sind?«
 
»Politik wird ohne Zweifel im großen ganzen in dieser Weise gebraut,
aber...«
 
»Ach, ich weiß! Du willst natürlich bei solchem Brauen nicht mittun. Du
willst lieber einer von denen sein, die den Mischmasch nachher mit
Gewalt hinunterwürgen müssen. Sie werden Bengalen teilen und sagen, daß
es zu eurem Besten ist. Sie werden der Erziehung einen Riegel
vorschieben, und das nennen sie das Niveau heben. Aber ihr werdet immer
als artige Jungen greinend in eurer Ecke sitzen bleiben. Wir bösen Buben
jedoch müssen sehen, ob wir nicht aus der Lüge eine Festung zu unsrer
Verteidigung errichten können.«
 
»Es hat keinen Zweck, über diese Dinge zu streiten,« mischte sich mein
Lehrer ein. »Wie können die, die die Wahrheit nicht in sich fühlen,
einsehen, daß das höchste Ziel des Menschen ist, sie aus ihrer
Verborgenheit ans Licht zu bringen, statt beständig materielle Werte
anzuhäufen?«
 
Sandip lachte. »Vortrefflich!« sagte er. »Eine Rede, ganz wie sie sich
für einen Schulmeister gehört. Diese Weisheit kenne ich aus Büchern,
aber in der wirklichen Welt habe ich gesehen, daß die Hauptbeschäftigung
der Menschen die Anhäufung von materiellen Werten ist. Die, welche
Meister in dieser Kunst sind, kündigen in ihrem Geschäft die größten
Lügen an, tragen mit ihren breitesten Federn falsche Rechnungen in ihre
politischen Hauptbücher ein, lassen täglich lügenstrotzende Zeitungen
vom Stapel und schicken Prediger in die Welt, die ihre Lügensaat
verbreiten wie Fliegen die Pestkeime. Ich bin ein bescheidener Schüler
dieser Großen. Als ich zur Kongreßpartei gehörte, trug ich nie Bedenken,
zehn Prozent Wahrheit mit neunzig Prozent Lüge zu verdünnen. Und wenn
ich jetzt auch nicht mehr zu der Partei gehöre, so habe ich darum doch
nicht die grundlegende Tatsache vergessen, daß das Ziel des Menschen
nicht die Wahrheit, sondern der Erfolg ist.«
 
»Der wahre Erfolg,« verbesserte mein Lehrer.
 
»Meinetwegen,« erwiderte Sandip, »aber die Frucht wahren Erfolges reift
nur auf dem gut geackerten Felde der Lüge. Die Wahrheit aber wächst von
selbst, wie das Unkraut und die Dornen, und nur Würmer können Frucht von
ihr erwarten.« Damit eilte er aus dem Zimmer.
 
Mein Lehrer lächelte, als er mich ansah. »Weißt du, Nikhil,« sagte er,
»ich glaube, Sandip ist nicht ohne Religion, seine Religion geht nur auf
die Kehrseite der Wahrheit, gleich wie der dunkle Neumond auch sein
Licht hat, wenn auch an der verkehrten Seite.«
 
»Darum auch eben,« stimmte ich zu, »habe ich auch immer eine Zuneigung
zu ihm gehabt, obgleich wir uns nie einigen konnten. Selbst jetzt kann
ich mich nicht über ihn entrüsten, obgleich er mich tief verletzt hat
und es vielleicht noch mehr tun wird.«
 
»Das ist mir klar geworden,« sagte mein Lehrer. »Ich habe mich lange
gewundert, daß du immer noch mit ihm Geduld hattest; ja, mitunter war
ich geneigt, es als Schwäche an dir zu tadeln. Jetzt sehe ich, daß ihr
beiden, wenn ihr euch auch nicht reimt, doch denselben Rhythmus habt.«
 
»Einen Reim brauche ich nicht, da mein Schicksal sich doch zu einem
Verlorenen Paradieszu gestalten scheint!« bemerkte ich, sein
Wortspiel aufnehmend.
 
»Aber was soll mit Pantschu werden?« fragte mein Lehrer.
 
»Sie sagen, daß Harisch Kundu ihn von seinem Hof weisen will. Wie wäre
es, wenn ich den Hof kaufte und ihn dann an Pantschu verpachtete?«
 
»Und seine Geldstrafe?«
 
»Wie kann der Zemindar die einziehen, wenn er mein Pächter wird?«
 
»Und der verbrannte Stoff?«
 
»Ich werde ihm andern verschaffen. Ich möchte sehen, ob irgend jemand es
wagt, meinem Pächter zu wehren, Handel zu treiben, wie es ihm gefällt.«
 
»Ich fürchte, Herr,« warf Pantschu mutlos ein, »daß, solange ihr reichen
Leute miteinander kämpft, die Geier der Polizei und des Gesetzes sich
fröhlich um euch ansammeln und die Menge ihren Spaß daran hat, aber wenn
es ans Töten geht, da wird der arme Pantschu allein an der Reihe sein.«
 
»Wieso? Was könnte dir geschehen?«
 
»Sie werden mir mein Haus niederbrennen, mit Kindern und allem.«
 
»Nun, für deine Kinder will ich sorgen«, sagte mein Lehrer. »Du kannst
darum Handel treiben, womit du willst. Sie sollen dir nichts anhaben.«
 
Noch am selben Tage kaufte ich Pantschus Hof, und er ging in aller Form
in meinen Besitz über. Dann kam gleich eine neue Störung.
 
Pantschu hatte den Pachthof als alleiniger Erbe von seinem Großvater
übernommen. Jeder wußte dies. Aber nun tauchte von irgendwoher eine
Tante auf, mit ihren Koffern und Bündeln, ihrem Rosenkranz und einer
verwitweten Nichte. Sie setzte sich in Pantschus Hause fest und erhob
Anspruch auf eine Leibrente.
 
Pantschu war wie vom Donner gerührt. »Meine Tante ist schon lange tot«,
wehrte er ab.
 
Ihm wurde erwidert, daß er an seines Onkels erste Frau dächte, aber
dieser Onkel hätte bald darauf eine zweite genommen.
 
»Aber mein Onkel starb vor meiner Tante«, rief Pantschu, der die Sache
immer weniger begriff. »Wie hatte er da noch Zeit, sich zum zweitenmal
zu verheiraten?«
 
Das war schon richtig. Aber Pantschu sollte bedenken, daß niemand
behauptet hätte, die zweite Ehe sei erst nach dem Tode der ersten Frau
geschlossen; sondern sein Onkel hätte noch zu ihren Lebzeiten eine
zweite Frau genommen. Da ihr aber der Gedanke, mit einer Nebengattin
zusammen zu leben, nicht angenehm war, so wäre sie bis zum Tode ihres
Gatten im Hause ihres Vaters geblieben, worauf sie fromm geworden wäre
und sich nach dem heiligen Brindaban zurückgezogen hätte, von wo sie
jetzt kam. Diese Tatsachen wären sowohl den Beamten Harisch Kundus wie

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