Das Heim und die Welt 21
Eines Nachmittags, als ich gerade sehr beschäftigt war, kam Bescheid in
mein Geschäftszimmer, daß Bimala mich rufen ließe. Ich war überrascht.
»Wer, sagtest du, läßt mich rufen?« fragte ich den Boten.
»Die Maharani.«
»Die Bara Rani?«
»Nein, Herr, die Tschota Rani.«
Die Tschota Rani! Es schien mir eine Ewigkeit, daß sie mich nicht hatte
rufen lassen. Ich ließ alle warten und ging in die inneren Gemächer. Als
ich unser Zimmer betrat, wartete meiner eine neue Überraschung, denn als
ich Bimala dort fand, sah ich deutlich, daß sie sich für mich geputzt
hatte. Das Zimmer, das in letzter Zeit durch die beständige
Vernachlässigung ein etwas geistesabwesendes Aussehen bekommen hatte,
hatte an diesem Nachmittag etwas von seiner alten Ordnung wieder
erlangt. Ich stand schweigend da und sah Bimala fragend an.
Sie errötete leicht, und die Finger ihrer rechten Hand spielten eine
Zeitlang mit den Spangen auf ihrem linken Arm. Dann brach sie plötzlich
das Schweigen.
»Sag einmal, ist es recht, daß unser Markt der einzige in ganz Bengalen
ist, der ausländische Waren zuläßt?«
»Was wäre denn das Richtige, was man tun sollte?« fragte ich.
»Laß sie wegschaffen!«
»Aber die Waren gehören nicht mir.«
»Gehört nicht der Markt dir?«
»Er gehört vielmehr denen, die ihn zum Handel brauchen.«
»So laß sie mit indischen Waren handeln!«
»Nichts wäre mir lieber. Aber wenn sie es nun nicht tun?«
»Unsinn! Wie können sie so unverschämt sein? Bist du denn nicht...«
»Ich habe heute nachmittag sehr viel zu tun und kann mich mit
Auseinandersetzungen nicht aufhalten. Aber ich muß mich weigern,
jemanden zu tyrannisieren.«
»Du tust es ja nicht in deinem Interesse, sondern für das Vaterland.«
»Tyrannei für das Vaterland heißt Tyrannei gegen das Vaterland. Aber das
ist etwas, fürchte ich, was du nie verstehen wirst.« Und damit ging ich
fort.
Plötzlich leuchtete mir die Welt in neuer Klarheit. Es war mir, als
fühlte ich in meinem Blut, daß die Erde das Gewicht ihrer Körperlichkeit
verloren hatte, und daß ihre tägliche Aufgabe, das Leben auf sich zu
erhalten, keine Last mehr für sie war, sondern daß sie in wundervollem
Schwung durch den Raum wirbelte und den Rosenkranz ihrer Tage und Nächte
abbetete. Welch endlose Arbeit, und dabei welch unerschöpflich quellende
Kraft! Niemand wird sie aufhalten, o nein, niemand kann sie je
aufhalten! Aus der Tiefe meiner Seele sprang die Freude hoch auf wie ein
Wasserstrahl, als wollte sie den Himmel stürmen.
Ich habe hernach oft darüber nachgedacht, was es war, das mein Gefühl
damals so aufwallen machte. Zuerst fand ich keine Erklärung dafür. Aber
dann wurde mir klar, daß die Fessel, an der ich mich Tag und Nacht
innerlich wund gerieben hatte, zerbrochen war. Zu meinem Erstaunen
bemerkte ich, daß der trübe Schleier, der meinen Geist umdunkelt hatte,
geschwunden war. Ich konnte alles, was sich auf Bimala bezog,
wahrheitsgetreu vor mir sehn, wie auf einer photographischen Platte. Es
war offenbar, daß sie sich besonders geputzt hatte, um mir jenen Befehl
abzuschmeicheln. Bis dahin hatte ich Bimalas Schmuck nie als etwas von
ihr Unterschiedenes angesehen. Aber an jenem Tage erschien mir die Art,
in der sie sich nach englischer Mode frisiert hatte, als bloßer
äußerlicher Aufputz. Das, was vorher das Geheimnis ihrer Persönlichkeit
in sich trug und mir von unschätzbarem Wert gewesen war, war jetzt
darauf aus, sich wegzuwerfen.
Als ich aus dem Schlafzimmer, diesem zerbrochenen Käfig, hinaustrat in
das goldene Sonnenlicht draußen, fiel mein Blick auf die beiden Reihen
von Bauhinien neben dem Kiesweg vor meiner Veranda, die den Himmel mit
einer zarten Röte zu übergießen schienen. Eine Gruppe von Staren
schwatzte und lärmte nach Herzenslust unter den Bäumen. Hinten auf der
Wiese stand ein leerer Ochsenkarren, vornübergekippt, mit der Nase auf
dem Boden und den Schwanz hoch in der Luft, -- der eine von den
losgeschirrten Ochsen weidete im Grase, der andre hatte sich
niedergelegt und schloß behaglich die Augen, während eine Krähe auf
seinem Rücken saß und ihm die Insekten abpickte.
Es war mir, als wäre ich dem Herzschlag der großen Erde näher gekommen,
als ich sie so in der Schlichtheit ihres täglichen Lebens sah; ich
spürte ihren warmen Atem in dem Duft der Bauhinienblüten, und ein
Lobgesang von unsagbarem Wohllaut schien von dieser Welt aufzusteigen,
wo alle Wesen sich einer Freiheit erfreuen, an der auch ich teilhabe.
Wir Menschen sind fahrende Ritter, auf der Suche nach der Freiheit, zu
der uns unsre Ideale rufen. Sie, die uns das Banner webt, unter dem wir
ausziehen, ist das wahre Weib für uns. Wir müssen der, die uns in ihrem
Zaubernetz zu Hause zu halten sucht, die Maske abreißen und sie als das
erkennen, was sie ist. Wir müssen uns hüten, daß wir sie nicht in die
Reize unsrer eigenen Träume und Sehnsüchte kleiden und uns durch sie so
von unserm wahren Ziel abziehen lassen.
Heute weiß ich, daß ich obsiegen werde. Ich bin an das Tor der Einfalt
gekommen, ich sehe jetzt die Dinge wie sie sind. Ich selbst habe meine
Freiheit gewonnen, ich werde andern die Freiheit lassen. In meiner
Arbeit werde ich mein Heil finden.
Ich weiß, daß hin und wieder mein Herz mir weh tun wird, aber jetzt, da
ich seinen Schmerz in seiner ganzen Wahrheit verstehe, kann ich ihn
unbeachtet lassen. Jetzt, da ich weiß, daß er nur mich angeht, was hat
er da noch zu bedeuten? Das Leid, das der ganzen Menschheit gehört, soll
meine Krone sein.
Rette mich, Wahrheit! Laß mich nie wieder nach dem falschen Paradiese
der Illusion trachten! Wenn ich allein wandern muß, laß mich wenigstens
deinen Pfad gehen! Laß deine Trommelschläge mich zum Siege führen!
SANDIPS ERZÄHLUNG
VII
Bimala ließ mich an jenem Tage rufen; aber sie konnte zuerst kein Wort
hervorbringen und kämpfte eine Zeitlang mit den Tränen. Ich sah gleich,
daß sie bei Nikhil keinen Erfolg gehabt hatte. Sie war so voll stolzer
Zuversicht gewesen, daß sie ihren Willen durchsetzen würde, -- aber ich
hatte diese Zuversicht durchaus nicht teilen können. Die Frau kennt den
Mann sehr gut von der Seite, wo er schwach ist, aber sie ist ganz
unfähig, seine Stärke zu ermessen. Der Mann bleibt der Frau ebenso ein
Geheimnis wie die Frau dem Manne. Wenn dem nicht so wäre, so wäre die
Verschiedenheit der Geschlechter ja überflüssig und eine Kraftvergeudung
der Natur.
Ach, was ist es doch um den Stolz! Es schmerzte sie nicht, daß eine
notwendige Sache nicht zustande gekommen war, sondern daß eine Bitte,
die sie so viel Überwindung gekostet hatte, ihr abgeschlagen war. Welch
ein Reichtum an Farbe und Bewegung, Suggestion und Täuschung legt sich
doch um dieses »Ich« und »Mein« in der Frau! Darin liegt gerade ihre
Schönheit, -- sie ist so viel persönlicher als der Mann. Als der
Schöpfer den Mann machte, war er ein Schulmeister und hatte seinen Sack
voll von Geboten und Grundsätzen; aber als er an die Frau kam, legte er
seine Schulmeisterwürde nieder und wurde zum Künstler, der nur mit
Pinsel und Palette arbeitet.
Als Bimala so schweigend dastand in ihrem gebrochenen Stolz, mit heißen
Wangen und die Augen voll Tränen, wie eine Gewitterwolke, die mit Regen
beladen und mit Blitz gewaffnet am Horizonte droht, sah sie so
unwiderstehlich lieblich aus, daß ich nicht anders konnte, als zu ihr
gehen und ihre Hand fassen. Ihre Hand zitterte, aber sie entzog sie mir
nicht. »Bima,« sagte ich, »wir sind zwei Kameraden, die dasselbe Ziel
haben. Wir wollen uns hinsetzen und über die Sache sprechen.«
Ich führte sie widerstandslos zu einem Sessel. Aber wie sonderbar!
Gerade in diesem Augenblick fühlte meine ungestüme Leidenschaft eine
unerklärliche Hemmung, -- gleichwie der mächtige Padmastrom, der in
unaufhaltsamem Lauf dahineilt, plötzlich durch irgendein kleines Hemmnis
unter der Oberfläche von dem Ufer abgelenkt wird, das er zerbröckelt.
Als ich Bimalas Hand drückte, erklangen alle meine Nerven wie
Harfensaiten; aber dann verstummte die Symphonie plötzlich.
Was war es, das mich hemmte? Nicht eine bestimmte Sache; es war ein
Gewirr von vielen Dingen, -- nichts deutlich Greifbares, sondern nur
jenes unerklärliche Gefühl der Hemmung. So viel ist mir jedenfalls klar
geworden, daß ich nicht schwören kann, was ich in Wahrheit bin. Gerade
weil ich mir selber so ein Rätsel bin, fühle ich mich zu mir selbst so
hingezogen. Wenn ich einmal dahin kommen sollte, dies mein Ich ganz zu
erkennen, so würde ich es von mir werfen, -- und Glückseligkeit
erlangen!
Als Bimala sich setzte, wurde sie totenbleich. Auch sie mußte wohl
fühlen, welcher Gefahr sie entgangen war. Der Komet war schon über sie
hinweg, aber die Berührung seines brennenden Schweifes überwältigte sie.
Um ihr zu helfen, daß sie sich erholte, sagte ich: »Auf Hindernisse
mußten wir uns gefaßt machen, aber wir wollen tapfer weiterkämpfen und
uns nicht entmutigen lassen. Nicht wahr, Königin?«
Bimala versuchte etwas zu sagen, brachte aber nur ein schwaches »Ja«
hervor.
»Lassen Sie uns unsern Feldzugsplan machen!« fuhr ich fort und zog
Bleistift und Papier aus der Tasche.
Ich begann eine Liste von den Mitarbeitern aus Kalkutta zu machen und
jedem seine Aufgabe zu bestimmen. Bimala unterbrach mich, bevor ich
fertig war, und sagte müde: »Lassen Sie das jetzt; ich komme heute abend
noch einmal«, und dann eilte sie aus dem Zimmer. Sie war augenscheinlich
nicht imstande, irgendeiner Sache ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Sie
mußte eine Weile mit sich allein sein, -- vielleicht sich aufs Bett
legen und sich ordentlich ausweinen!
Als sie fort war, flammte meine Leidenschaft heißer auf, gleichwie die
Wolke sich tiefer färbt, wenn die Sonne hinabgesunken ist. Ich fühlte,
daß ich mir den Augenblick aller Augenblicke hatte entgleiten lassen.
Welch ein erbärmlicher Feigling war ich gewesen! Sie war gewiß aus
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