Das Heim und die Welt 25
Königin!« sagte ich, »jetzt im Augenblick haben wir die 50000 Rupien
noch nicht gerade nötig. Ich denke, daß wir einstweilen mit 5000 oder
sogar mit 3000 auskommen.«
Sie war wie von einem Alp befreit. »Ich werde Ihnen 5000 holen«, sagte
sie in einem Ton, als wollte sie in ein Jubellied ausbrechen, -- in das
Lied, das Radhika in den Wischnu-Liedern sang:
Die Blume aller Blumen will ich suchen,
Daß sie als Schmuck die dunklen Flechten ziere,
Wenn der Geliebte naht.
-- es ist dieselbe Weise, dasselbe Lied: fünftausend will ich bringen!
Mit dieser Blume will ich mein Haar schmücken!
Die Zurückhaltung der Flöte ist es, die diesem Liede seinen Wohllaut
gibt. Ich darf nicht meine Begierde zu heftig in ihr Rohr blasen
lassen, sonst würde, fürchte ich, statt der Musik die Frage ertönen:
»Warum?« »Wozu so viel?« »Woher soll ich das schaffen?« -- ganz andere
Töne, als das Lied, das Radhika sang! So habe ich recht, wenn ich sage,
die Illusion allein ist wirklich, -- sie ist die Flöte selbst, während
die Wahrheit nichts als ihre leere Höhlung ist. Nikhil hat in dieser
letzten Zeit diese bloße Leere spüren müssen, -- man sieht es an dem
Ausdruck seines Gesichts, der selbst mich schmerzlich berührt. Aber
Nikhil pflegte sich zu rühmen, daß es ihm um die Wahrheit zu tun sei,
während ich mich rühmte, daß ich mir die Illusion nicht rauben lassen
wollte. Nun hat jeder, was er wollte; was gibt es da zu klagen?
Um Bimalas Herz nicht aus der dünnen Luft des Idealismus zu reißen,
brach ich jede weitere Erörterung über die 5000 Rupien ab. Ich kam
wieder auf die Dämonen vernichtende Göttin und ihren Gottesdienst zu
sprechen. Wann sollte die Feierlichkeit stattfinden, und wo? In Ruimari,
einem Ort, der zu Nikhils Gebiet gehört, findet einmal im Jahre eine
grosse Messe statt, wo Hunderttausende von Pilgern sich versammeln. Das
würde eine großartige Gelegenheit sein für die feierliche Eröffnung des
Kultes unsrer Göttin.
Bimala glühte vor Begeisterung. Hier handelte es sich nicht um das
Verbrennen von ausländischen Stoffen oder gar um das Niederbrennen von
Scheunen, selbst Nikhil könnte also nichts dagegen haben, -- so meinte
sie. Aber ich lächelte innerlich. Wie wenig doch diese beiden Menschen,
die ganze neun Jahre lang Tag und Nacht zusammen gelebt haben, von
einander wissen! Sie wissen vielleicht etwas von ihrem häuslichen Leben,
aber wenn es sich um Außendinge handelt, so sind sie ganz ratlos. Sie
haben in dem schönen Wahn gelebt, daß das Heim und die Außenwelt in
vollkommener Harmonie ständen. Heute müssen sie zu ihrem Leidwesen
einsehen, daß es zu spät ist, die jahrelange Versäumnis nachzuholen und
beide miteinander in Harmonie zu bringen.
Doch was macht das? Mögen die, die den Fehler gemacht haben, beim
Zusammenstoß mit der Welt ihren Irrtum erkennen! Was kümmert mich ihre
Not? Für den Augenblick wird es mir lästig, Bimala noch länger wie einen
Fesselballon in höhern Regionen schweben zu lassen. Es ist besser, ich
bringe die Geldsache erst in Ordnung.
Als Bimala aufstand, um fortzugehen, und schon nahe der Tür war, sagte
ich so ganz nebenbei: »Und was das Geld anbetrifft...«
Bimala hielt an, und sich nach mir umsehend sagte sie: »Ende dieses
Monats, wenn ich mein Monatsgeld bekomme...«
»Das würde viel zu spät sein, fürchte ich.«
»Wann brauchen Sie es denn?«
»Morgen.«
»Gut -- Sie sollen es morgen haben.«
Fußnoten:
[29] Zitat aus der Nationalhymne Bande Mataram von Bankin
Tschatterdschi.
[30] Ein Zitat aus den Upanischads.
[31] Es hängt eine Welt von Gefühlen an dem Schmuck der
bengalischen Frauen. Er legt nicht nur Zeugnis ab von der Liebe und
Achtung des Gebers, sondern er wird auch getragen als Symbol für alles,
was man am Weibe am höchsten schätzt, -- die beständige Sorge um das
Wohl ihres Gatten, die erfolgreiche Verrichtung aller materiellen und
geistigen Pflichten, die der Haushalt ihr auferlegt. Wenn der Gatte
stirbt und die Verantwortung für den Haushalt in andere Hände übergeht,
dann wirft die Witwe allen Schmuck beiseite, als ein Zeichen, daß sie
allen weltlichen Interessen entsagt. Zu jeder andern Zeit aber ist der
Verzicht auf Schmuck immer ein Zeichen von höchster Not und appelliert
als solches aufs lauteste an die Ritterlichkeit eines jeden Bengalen,
der zufällig Zeuge davon ist. (Anmerkg. d. engl. Übers.)
ACHTES KAPITEL
NIKHILS ERZÄHLUNG
X
Die Lokalzeitungen haben angefangen, Artikel und Briefe gegen mich zu
veröffentlichen, und ich höre, daß Karikaturen und Schmähschriften
folgen sollen. Witz und Humor lassen ihren Übermut an mir aus, und über
die Lügen, die auf diese Weise verbreitet werden, krümmt sich das ganze
Land vor Lachen. Sie wissen, daß sie das Monopol haben, die Leute mit
Schmutz zu bewerfen, und so kommt der harmlose Vorübergehende nicht
unbesudelt davon.
Sie sagen, daß meine sämtlichen Gutsinsassen, vom höchsten bis zum
niedrigsten, Freunde der Swadeschi-Bewegung sind, aber aus Furcht vor
mir es nicht wagen, sich als solche zu bekennen. Die wenigen, die tapfer
genug waren, mir zu trotzen, haben die ganze Härte meiner Verfolgung
fühlen müssen. Ich bin im geheimen Einverständnis mit der Polizei und
mit dem Magistrat, und diese verzweifelten Anstrengungen, mir zu meinem
ererbten Titel noch einen ausländischen zu erwerben, sollen alle
Aussicht auf Erfolg haben.
Auf der andern Seite sind die Zeitungen des Lobes voll von den Zemindars
Kundu und Tschakravarti, den treu ergebenen Söhnen des Vaterlandes. Wenn
das Land nur noch ein paar solche tapfre Patrioten mehr hätte, heißt es,
so würden die Fabriken von Manchester sich bald ihr eigenes Grablied
nach der Melodie des Bande Mataram singen müssen.
Dann folgt in blutroten Lettern eine Liste der verräterischen Zemindars,
deren Schatzhäuser man verbrannt hat, weil sie die Sache nicht
unterstützen wollten. »Das heilige Feuer«, heißt es weiter, »ist
aufgerufen, daß es seinen heiligen Beruf erfülle und das Land reinige,
und noch andere Kräfte sind am Werk, die dafür sorgen, daß die, die
nicht wahre Söhne des Mutterlandes sind, sich nicht länger auf seinem
Schoß breitmachen.« Die Unterschrift ist augenscheinlich ein Pseudonym.
Ich merkte, daß unsre Studenten dahinter steckten, daher ließ ich einige
von ihnen rufen und zeigte ihnen den Brief.
Einer der Studenten berichtete mir mit ernster Miene, sie hätten auch
gehört, daß eine Schar entschlossener Patrioten sich zusammengetan habe,
die rücksichtslos jedes Hindernis, das sich der Swadeschi-Bewegung
entgegenstellte, aus dem Wege räumen wolle.
»Wenn auch nur einer unserer Landsleute diesen verwegenen Gesellen zum
Opfer fällt,« sagte ich, »so bedeutet dies in der Tat eine Niederlage
unseres Vaterlandes.«
»Das verstehen wir nicht, Maharadscha«, sagte ein Student der
Geschichte.
Ich versuchte, ihnen meine Meinung zu erklären.
»Unser Vaterland«, sagte ich, »ist durch bloße Furcht bis an den Rand
des Abgrunds gebracht, -- Furcht vor den Göttern bis hinab zu der Furcht
vor der Polizei; und wenn ihr nun im Namen der Freiheit ein anderes
Schreckgespenst aufstellt, -- wie ihr es auch nennen mögt --, wenn ihr,
mit der Schwäche eures Vaterlandes rechnend, es durch offene Gewalt
eurem Willen unterwerfen wollt, so kann keiner, der sein Vaterland
wirklich liebt, auf eurer Seite sein.«
»Gibt es denn irgend ein Land,« fragte der Geschichtsstudent weiter,
»das sich aus einem andern Grunde als aus Furcht seiner Regierung
unterwirft?«
»Die Freiheit, die in einem Lande herrscht,« erwiderte ich, »kann man
nach dem Grade bemessen, in dem die Furcht dort herrscht. Wo ihre
Herrschaft sich auf die beschränkt, die rauben und plündern möchten, da
kann die Regierung sich rühmen, den Menschen von der Gewalttätigkeit des
Menschen befreit zu haben. Aber wo Furcht darüber wachen soll, wie die
Menschen sich kleiden, wo sie Handel treiben und was sie essen, da hat
man keine Achtung vor der Willensfreiheit des Menschen und zerstört die
Menschheit an der Wurzel.«
»Übt man in andern Ländern nicht auch solchen Zwang auf den
Einzelwillen?« fragte der Geschichtsstudent weiter.
»Wer leugnet dies?« rief ich aus. »Aber in allen diesen Ländern hat der
Mensch erst seine Menschheit zerstören müssen, damit die Sklaverei
gedeihen konnte.«
»Beweist es nicht vielmehr,« warf ein älterer Student dazwischen, »daß
Sklaverei dem Menschen angeboren und eine Grundtatsache seiner Natur
ist?«
»Sandip Babu setzte die Sache sehr klar auseinander«, sagte ein dritter.
»Er gab uns das Beispiel Ihres Nachbarn, des Zemindars Harisch Kundu.
Auf seinen Gütern würden Sie auch nicht eine einzige Unze ausländischen
Salzes finden. Woher kommt dies? Weil er immer mit eiserner Faust
regiert. Für die, die von Natur Sklaven sind, ist es das größte Elend,
wenn ihnen ein strenger Herr fehlt.«
»Ei, Herr,« fiel ein jüngerer Student ein, »haben Sie denn nicht von dem
widerspenstigen Pächter des andern Zemindars hier in der Nähe,
Tschakravarti, gehört, wie man gesetzlich gegen ihn vorging, bis er in
äußerste Not geriet? Als er schließlich gar nichts mehr zu essen hatte,
ging er aus, um die silbernen Schmuckstücke seiner Frau zu verkaufen,
aber niemand wagte, sie ihm abzunehmen. Dann bot ihm Tschakravartis
Verwalter fünf Rupien für alles zusammen. Sie waren über dreißig wert,
aber er mußte den Handel annehmen oder Hungers sterben. Nachdem der
Verwalter ihm die Sachen abgenommen hatte, sagte er kalt, daß diese fünf
Rupien auf seinen Pachtzins gutgeschrieben werden sollten! Als wir das
댓글 없음:
댓글 쓰기