2016년 7월 28일 목요일

Das Heim und die Welt 24

Das Heim und die Welt 24


Doch dies diente nur dazu, Nikhil aufzuregen. »Weil ihr die Kraft
verloren habt, den Weg der Wahrheit zu gehen, um euer Ziel zu
erreichen,« rief er aus, »wartet ihr beständig, daß euch irgendeine
wunderbare Gabe in den Schoß fallen soll. Jahrhundertelang habt ihr
versäumt, eurem Vaterlande zu dienen, und nun könnt ihr nichts andres
tun, als ein Götzenbild aus ihm machen und eure Hände ausstrecken, in
der Erwartung, daß euch die Gaben umsonst zufallen.«
 
»Wir wollen das Unmögliche vollbringen«, sagte ich. »Daher muß unser
Vaterland zum Gott gemacht werden.«
 
»Du willst damit sagen, daß ihr nicht den Mut für mögliche Aufgaben
habt«, erwiderte Nikhil. »Für das, was schon da ist, habt ihr keine
Augen; ihr wollt etwas Übernatürliches sehen.«
 
»Höre einmal, Nikhil«, sagte ich schließlich, aufs äußerste gereizt.
»Alles, was du da sagst, ist ganz gut als moralische Lehre. Diese
Gedanken haben als Milch für Säuglinge ihren Dienst getan, solange der
Mensch noch in diesem ersten Stadium seiner Entwicklung war, aber jetzt,
da er Zähne bekommen hat, braucht er andre Nahrung.«
 
»Sehen wir denn nicht mit unsern eignen Augen, wie Dinge, an deren
Aussaat wir nicht im Traum dachten, rings um uns her emporsprießen?
Durch welche Kraft? Durch die Kraft der Gottheit unsres Landes, die sich
darin offenbart. Der Genius der Zeit allein gibt der Gottheit ihr Bild.
Der Genius streitet nicht mit Worten, er schafft. Ich kann nur
gestalten, was der Geist des Landes aus sich gebiert.«
 
»Ich werde überall verkünden, daß die Göttin mich eines Traumes
gewürdigt hat. Ich werde den Brahmanen sagen, daß sie sie zu ihren
Priestern bestimmt hat und daß die Vernachlässigung ihres Dienstes,
deren sie sich schuldig gemacht haben, die Ursache ihres Niedergangs
ist. Und wenn du mir sagst, ich lüge, so antworte ich dir: Nein, ich
sage die Wahrheit, -- ja, mehr als das, ich sage die Wahrheit, die das
Vaterland schon lange aus meinem Munde zu hören erwartet. Wenn ich nur
die Gelegenheit hätte, ihnen meine Botschaft zu verkünden, so würdest du
über die Wirkung staunen.«
 
»Was ich fürchte,« sagte Nikhil, »ist, daß meine Lebenszeit begrenzt ist
und daß die Wirkung, von der du sprichst, nicht die endgültige Wirkung
ist. Sie wird Nachwirkungen haben, die sich noch nicht sogleich zeigen.«
 
»Mir ist es nur um die Wirkung zu tun, die sich auf das Heute
erstreckt.«
 
»Mir ist es um die Wirkung zu tun, die sich auf die Ewigkeit erstreckt«,
antwortete Nikhil.
 
Nikhil hat vielleicht auch seinen Anteil bekommen an Bengalens schönster
Gabe, der Phantasie, aber er hat sie ganz überwuchern und fast ersticken
lassen von einer ausländischen Pflanze, einer peinlichen
Gewissenhaftigkeit. Man denke nur an den Gottesdienst der Durga, den
Bengalen zu solcher Höhe entwickelt hat. Das ist eine seiner größten
Leistungen. Ich könnte schwören, daß Durga eine politische Göttin ist
und ursprünglich die Schakti des Patriotismus bedeutete zu der Zeit, als
Bengalen um Befreiung von der muhammedanischen Herrschaft betete.
Welcher andern Provinz Indiens ist es gelungen, für das Ideal, nach dem
es strebte, ein so wunderbares Sinnbild zu finden?
 
Nichts verriet deutlicher, wie gänzlich Nikhil diese göttliche Gabe der
Phantasie verloren hat, als die Antwort, die er mir gab. »Während der
muhammedanischen Herrschaft«, sagte er, »erhofften die Mahraten[27] und
Sikhs[28] Erfolge von den Waffen, die sie selbst ergriffen hatten. Der
Bengale begnügte sich damit, Waffen in die Hände der Göttin zu legen und
Beschwörungsformeln zu murmeln; und da sein Land nun nicht wirklich eine
Göttin war, so war das Einzige was für ihn dabei herauskam, die
abgehauenen Köpfe der Opferziegen und -büffel. Sobald wir das Wohl
unsres Landes auf dem Wege der Gerechtigkeit suchen, so wird der, der
größer ist als unser Land, uns wahren Erfolg gewähren.«
 
Das Gefährliche bei der Sache ist, daß Nikhils Worte sich auf dem Papier
immer so schön ausnehmen. Jedoch was ich sage, ist nicht dazu bestimmt,
auf Papier gekritzelt zu werden, sondern soll sich tief ins Herz des
Landes eingraben. Der Gelehrte hinterläßt uns in Druckerschwärze seine
Abhandlung über den Ackerbau; aber der Landmann gräbt mit der scharfen
Sichel seines Pfluges sein Werk tief in den Boden ein.
 
 
Fußnoten:
 
[26] Sakuntala war, nachdem der König, ihr Geliebter, mit dem
Versprechen, sie holen zu lassen, in sein Königreich heimgekehrt war, so
in Gedanken an ihn verloren, daß sie den Ruf des Eremiten, der als Gast
zu ihr kam, überhörte. Der Eremit sprach den Fluch über sie aus, daß der
Gegenstand ihrer Liebe sie ganz vergessen solle.
 
[27] Ein kriegerischer Volksstamm im Innern Indiens, der 1648
die Herrschaft des Großmoguls abschüttelte, erfolgreiche Eroberungszüge
unternahm und ein Jahrhundert hindurch eine beherrschende Rolle spielte.
(Übers.)
 
[28] Ursprünglich eine religiöse Sekte, gestiftet von Baba
Nanak (1468-1539), die eine Vereinigung des Islams und des Hinduismus
anstrebte. Sie verwandelte sich unter dem Druck von Verfolgungen in
einen fanatischen Kriegerstaat, der lange mit wechselndem Erfolge gegen
die Herrschaft des Großmoguls ankämpfte und sich schließlich mit den
Mahraten in ihr Erbe teilte. (Übers.)
 
 
X
 
Als ich Bimala danach zuerst wiedersah, schlug ich ohne weiteres gleich
hohe Töne an. »Ist es uns gelungen,« begann ich, »von ganzem Herzen an
den Gott zu glauben, auf dessen Erscheinen wir seit Millionen von Jahren
gewartet haben, um ihm zu dienen, und der sich uns jetzt endlich in
sichtbarer Gestalt offenbart hat?«
 
»Wie oft habe ich Ihnen gesagt,« fuhr ich fort, »daß ich, wenn ich Sie
nicht gesehen hätte, niemals mein ganzes Vaterland als eine Einheit
erkannt haben würde. Ich weiß noch nicht, ob Sie mich richtig verstehen.
Die Götter sind nur in ihrem Himmel unsichtbar, auf Erden zeigen sie
sich den Sterblichen.«
 
Bimala sah mich seltsam an, als sie ernst erwiderte: »Doch, ich verstehe
Sie, Sandip.« Es war das erste Mal, daß sie mich schlechtweg Sandip
nannte.
 
»Krischna,« fuhr ich fort, »den Ardschuna sonst nur als seinen
Wagenlenker gekannt hatte, offenbarte sich ihm eines Tages auch in
seiner göttlichen Gestalt, und an dem Tage sah Ardschuna die Wahrheit.
Ich habe Ihre göttliche Gestalt in meinem Vaterlande erblickt. Der
Ganges und der Brahmaputra sind die goldnen Ketten, die sich in vielen
Windungen um Ihren Nacken schlingen; im Waldsaum an den fernen Ufern des
dunklen Flusses erblickte ich die dunklen Wimpern Ihrer Augen; der
wechselnde Glanz Ihres Sari leuchtete mir in dem Spiel von Licht und
Schatten auf dem wogenden grünen Kornfeld, und die brennende
Sommerhitze, in der der Himmel schwer atmend daliegt, wie ein
verschmachtender Löwe in der Wüste, ist nichts als Ihre grausam
versengende Glut.«
 
»Da nun die Göttin ihrem Priester ihre Gegenwart in so wunderbarer
Gestalt offenbart hat, so ist meine Aufgabe, im ganzen Lande ihren
Dienst zu predigen, und dann wird das Land zu neuem Leben erwachen.
 
»In allen Tempeln soll dein Bildnis thronen[29]. Aber unser Volk hat
die Wahrheit noch nicht erkannt. Daher möchte ich es in Ihrem Namen
aufrufen und in unsern Tempeln ein Bild der Göttin aufstellen, dem
niemand Glauben versagen kann. O meine Göttin, verleih mir die Macht
dazu!«
 
Bimala hatte die Augen geschlossen und saß da wie ein Steinbild. Hätte
ich weitergesprochen, so wäre sie in Verzückung erstarrt. Als ich
schwieg, schlug sie die Augen groß auf und murmelte wie betäubt mit
starrem Blick: »O Wanderer auf dem Pfade des Verderbens! Wer kann deine
Schritte aufhalten? Sehe ich doch, daß niemand deinen Begierden Einhalt
tut. Könige werden ihre Krone dir zu Füßen legen, die Reichen werden
sich beeilen, dir ihren Schatz zu öffnen; die nichts weiter haben,
werden bitten, ihr Leben für dich hingeben zu dürfen. O mein König, mein
Gott! Was du in mir siehst, weiß ich nicht, aber ich habe die
Unermeßlichkeit deiner Größe in meinem Herzen erkannt. Wer bin ich, was
bin ich, vor dir? Ach, wie furchtbar ist deine vernichtende Gewalt! Ich
werde nicht wahrhaft leben, bis sie mich ganz zerstört. Ich kann es
nicht länger ertragen, mir bricht das Herz.«
 
Bimala glitt von ihrem Stuhl und umklammerte meine Füße, und dann brach
sie in ein unaufhaltsames Schluchzen aus.
 
Dies ist nun wirklich Hypnotismus, -- der Zauber, mit dem man sich die
Welt unterwirft! Man bedarf dazu keiner Waffen, sondern nur einer
unwiderstehlichen Suggestionskraft. Wer sagt noch: »Die Wahrheit wird
triumphieren?«[30] Nein, es ist die Täuschung, die den endgültigen Sieg
davonträgt. Der Bengale hatte dies erkannt, als er das Bild der
zehnhändigen auf einem Löwen reitenden Göttin erfand und ihren Dienst in
seinem Lande verbreitete. Jetzt muß Bengalen ein neues Götzenbild
erfinden, um die Welt zu berücken und zu erobern. Bande Mataram!
 
Ich hob Bimala sanft auf und ließ sie auf ihren Stuhl nieder, und aus
Furcht, daß eine Reaktion eintreten könnte, begann ich von neuem, ohne
Zeit zu verlieren: »Königin! Die göttliche Mutter hat mir die Pflicht
auferlegt, ihr in diesem Lande einen Tempel zu bauen. Aber ach, ich bin
arm!«
 
Bimala war noch in höchster Erregung. Ihre Augen glühten dunkel, ihre
Stimme war heiser, als sie erwiderte: »Sie arm? Gehört nicht alles, was
jeder von uns besitzt, Ihnen? Wozu habe ich meine Kästen mit Juwelen?
Nehmen Sie all mein Gold und meine Edelsteine für Ihren Gottesdienst!
Ich brauche sie nicht!«
 
Bimala hatte mir schon einmal ihren Schmuck angeboten. Ich pflegte sonst
keine Grenzen zu setzen, aber ich fühlte, daß ich es hier mußte[31]. Ich
weiß, warum ich hier zaudere. Dem Mann geziemt es, der Frau Schmuck zu
schenken; es verletzt seine Männlichkeit, wenn er ihn von ihr annimmt.
 
Aber ich darf nicht an mich denken. Nehme ich ihn denn an? Er soll als
Opfer der göttlichen Mutter zu Füßen gelegt werden. O, es soll eine
großartige Opferfeier werden, wie das Land sie noch nie vorher gesehen
hat. Sie soll ein Markstein in unsrer Geschichte werden. Sie soll mein
höchstes Vermächtnis an die Nation sein. Unwissende Menschen beten
Götter an. Ich, Sandip, werde sie _erschaffen_.
 
Aber alles dies liegt noch in weiter Ferne. Wie werden wir der Not des

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