Das Heim und die Welt 22
Einer von ihnen hatte ein paar deutsche Schaltücher für seine Familie
gekauft. Sie wurden ihm unterwegs abgenommen und von einem unsrer jungen
Leute aus dem Dorfe verbrannt. Dies hatte zu Unannehmlichkeiten Anlaß
gegeben. Wir waren bereit, ihm indische Wollstoffe dafür zu kaufen. Aber
wo waren billige indische Wollsachen zu haben? Wir konnten ihm seine
Tücher doch nicht gut durch Kaschmirschals ersetzen! Er ging und
beklagte sich bei Nikhil, der ihm riet, vor Gericht zu klagen. Natürlich
sorgten Nikhils Leute dafür, daß nichts dabei herauskam, da sein
Rechtsanwalt selbst auf unsrer Seite war.
Die Sache ist nämlich die: wenn wir die verbrannten ausländischen Stoffe
jedesmal durch indische Stoffe ersetzen und noch obendrein einen Prozeß
durchkämpfen sollen, -- woher sollen wir das Geld nehmen? Und das Beste
dabei ist, daß die Zerstörung ausländischer Waren den Bedarf noch
vermehrt und damit also den Fremden Vorteil bringt. Es geht ihnen damit
wie dem glücklichen Händler, dem der Nabob seine Kristalleuchter
zerbrach, weil ihm das Klirren des zerbrechenden Glases so viel Spaß
machte.
Eine andere Frage ist, ob wir, da es keine billigen bunten indischen
Wollstoffe gibt, die Boykottierung der ausländischen Flanelle und
Merinos so streng durchführen oder eine Ausnahme zu ihren Gunsten machen
sollen.
»Weißt du,« sagte ich schließlich in bezug auf den ersten Punkt, »wir
werden auf keinen Fall fortfahren, denen, deren ausländische Stoffe
beschlagnahmt sind, dafür indische Stoffe zum Geschenk zu machen. Die
Strafe soll sie treffen, nicht uns. Wenn sie uns verklagen, so müssen
wir es ihnen dadurch heimzahlen, daß wir ihnen ihre Scheunen
niederbrennen! -- Was erschreckt dich dabei, Amulja? Es ist nicht die
Aussicht auf ein großartiges Feuerwerk, was mich lockt. Du mußt
bedenken, daß wir im Kriege sind. Wenn du Angst hast, Leiden zu
verursachen, so geh und suche dir Liebesfreuden; für unsre Aufgabe
können wir dich dann nicht brauchen!«
Die zweite Frage entschied ich dahin, daß ausländische Waren auf jeden
Fall verboten bleiben sollten und wir uns auf keinen Kompromiß
einlassen wollten. In der guten alten Zeit, als man diese bunt gefärbten
ausländischen Schals bei uns noch nicht kannte, wurden unsre Landleute
ganz gut mit ihren einfachen baumwollenen Tüchern fertig, das müssen sie
wieder lernen. Sie sehen vielleicht nicht so prächtig aus, aber jetzt
ist nicht die Zeit, an das Aussehen zu denken.
Die meisten von den Bootsleuten waren dafür gewonnen, daß sie sich
weigerten, ausländische Waren überzusetzen, aber der Hauptfährmann,
Mirdschan, war noch widerspenstig.
»Könnten Sie nicht einfach sein Boot versenken?« fragte ich unsern
hiesigen Verwalter.
»Nichts leichter als das«, erwiderte er. »Aber wie, wenn man mich
nachher zur Verantwortung zieht?«
»Wer wird die Sache so plump anfangen, daß man ihn zur Verantwortung
ziehen kann? Doch wenn es dazu kommt, so will ich es schon auf mich
nehmen.«
Mirdschans Boot lag an der Landungsstelle angebunden, nachdem es die
Ladung zum Marktplatz übergesetzt hatte. Es war niemand darin, denn der
Geschäftsführer hatte eine Unterhaltung veranstaltet, zu der alle
eingeladen waren. Als es dunkel geworden war, wurde das Boot, nachdem
man es mit Schutt beladen hatte, durchbohrt und aufs Wasser gestoßen. Es
sank mitten auf dem Wasser.
Mirdschan verstand alles. Er kam weinend zu mir und bat um Gnade. »Ich
hatte unrecht, Herr --« begann er.
»Wie kommt es, daß du das jetzt plötzlich einsiehst?« fragte ich
höhnisch.
Er gab keine direkte Antwort. »Das Boot war 2000 Rupien wert«, sagte er.
»Ich sehe jetzt meine Schuld ein, und wenn Sie mir diesmal verzeihen, so
werde ich nie mehr...« und damit warf er sich mir zu Füßen.
Ich sagte ihm, er solle in zehn Tagen wiederkommen. Wenn wir ihm nur
gleich die 2000 Rupien bezahlen könnten, so würde er mit Leib und Seele
unser sein. Und er ist gerade der Mann, der unsrer Sache ungeheure
Dienste leisten könnte, wenn wir ihn für uns gewännen. Wir werden nie
ordentlich vorwärts kommen, wenn wir nicht die nötigen Mittel in Händen
haben.
Sobald Bimala des Abends ins Wohnzimmer kam, ging ich ihr entgegen:
»Königin! Alles ist bereit, der Erfolg wartet, aber wir müssen Geld
haben.«
»Geld? Wieviel?«
»Nicht so sehr viel, aber auf die eine oder andre Weise müssen wir es
bekommen.«
»Aber wieviel denn?«
»Augenblicklich genügen bloße 50000 Rupien.«
Bimala fuhr innerlich zusammen, als sie die Zahl hörte, aber sie
versuchte, es nicht zu zeigen. Wie konnte sie sich wieder geschlagen
geben?
»Königin!« sagte ich, »nur Sie können das Unmögliche möglich machen. Das
haben Sie in Wahrheit schon getan. Oh, daß ich Ihnen die ganze Größe
Ihrer Leistung zeigen könnte, dann würden Sie es wissen. Aber jetzt
handelt es sich um etwas anderes. Jetzt brauchen wir Geld.«
»Sie sollen es haben«, sagte sie.
Ich sah, daß sie auf den Gedanken gekommen war, ihre Schmucksachen zu
verkaufen. Daher sagte ich: »Ihre Schmucksachen müssen unsre Reserve
bleiben. Man kann nie wissen, wann wir sie brauchen.« Und als Bimala
mich in stummer Bestürzung anstarrte, fuhr ich fort: »Dies Geld muß aus
der Kasse Ihres Gatten kommen.«
Bimala war noch bestürzter. Nach einer langen Pause fragte sie: »Aber
wie soll ich sein Geld bekommen?«
»Gehört sein Geld nicht ebensogut Ihnen?«
»Ach, nein!« sagte sie, von neuem in ihrem Stolz verletzt.
»Nun,« rief ich, »dann gehört es auch nicht ihm, sondern seinem
Vaterlande, dem er es in der Zeit der Not entzogen hat!«
»Aber wie soll ich es mir verschaffen?« wiederholte sie.
»Verschaffen müssen und werden Sie es sich. Wie Sie es anfangen, das
wissen Sie selbst am besten. Sie müssen es sich für die Göttin
verschaffen, der es mit Recht gehört. Bande Mataram! Dies ist das
Zauberwort, das die Tür seines eisernen Geldschranks öffnen, die Wände
seiner Stahlkammer durchbrechen und die Herzen derer beschämen wird, die
pflichtvergessen ihrem Ruf nicht folgen. Sagen Sie Bande Mataram,
Bienenkönigin!«
»Bande Mataram!«
SIEBENTES KAPITEL
SANDIPS ERZÄHLUNG
VIII
Wir sind Männer, wir sind Könige, und unser Tribut muß uns werden.
Solange wir auf der Erde sind, haben wir sie geplündert; und je mehr wir
verlangten, je mehr hat sie uns gewährt. Von Urzeiten her haben wir
Männer Früchte gepflückt, Bäume abgehauen, den Boden umgegraben,
Säugetiere, Vögel und Fische getötet. Vom Meeresboden, aus den Tiefen
der Erde, ja aus dem Rachen des Todes haben wir errafft, was wir nur
erraffen konnten; keinen Verschluß in der Vorratskammer der Natur haben
wir respektiert und unerbrochen gelassen.
Die einzige Lust dieser Erde ist, das Begehren derer zu erfüllen, die
Männer sind. Die endlosen Opfer, die sie ihnen gebracht hat, sind es,
die sie fruchtbar und schön und vollkommen gemacht haben. Ohne diese
Opfer würde sie in der Wildnis verloren sein, sie würde sich selbst
nicht kennen, die Türen ihres Herzens würden sich nie geöffnet, ihre
Diamanten und Perlen nie das Licht erblickt haben.
So haben die Männer auch, nur dadurch, daß sie immer wieder forderten,
alle latenten Möglichkeiten der Frauen erschlossen. In dem Maße, wie sie
sich uns hingaben, haben sie immer ihre wahre Größe erlangt. Weil sie
alle Diamanten ihres Glücks und alle Perlen ihres Leides in unser
königliches Schatzhaus bringen mußten, haben sie ihren wahren Reichtum
gefunden. So bedeutet für die Männer »annehmen« in Wahrheit »geben«, und
für die Frauen heißt »geben« in Wahrheit »gewinnen«.
Was ich jedoch von Bimala verlangt habe, ist wirklich sehr viel! Zuerst
hatte ich Bedenken, denn es ist ja nun einmal eine Eigenschaft des
menschlichen Geistes, in zwecklosem Streit mit sich selbst zu sein. Ich
fürchtete, ich hätte ihr eine zu schwere Aufgabe auferlegt. Mein erster
Impuls war, sie zurückzurufen und ihr zu sagen, ich wollte lieber nicht
ihr Leben elend machen, dadurch, daß ich sie in alle diese Sorgen
hineinzöge. Ich vergaß in dem Augenblick, daß der Mann die Frau ja nicht
schonen darf, wenn er ihr Dasein fruchtbar machen will, daß es seine
Aufgabe ist, die Ruhe und Passivität ihres Wesens zu stören und dadurch,
daß er den unermeßlichen Abgrund des Leidens in ihr aufwühlt, der ganzen
Welt Segen zu bringen. Darum ist des Mannes Hand so stark und sein Griff so fest.
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