Das Heim und die Welt 23
Bimala hatte sich von ganzem Herzen danach gesehnt, daß ich, Sandip, ein
großes Opfer von ihr fordern, sie in den Tod schicken möchte. Welch
anderes Glück gab es denn sonst für sie? Hatte sie nicht alle diese öden
Jahre auf eine Gelegenheit gewartet, sich zu Tode zu weinen, -- so
überdrüssig war sie der Eintönigkeit ihres ruhigen Glücks! Und daher
wurde, sobald sie mich erblickte, der Horizont ihres Herzens von den
Wolken verdunkelt, die ihr Leben mit Angst und Qual bedrohten. Wenn ich
Mitleid mit ihr habe und sie vor ihrem Leid zu bewahren suche, wozu bin
ich dann als Mann in die Welt gekommen?
Der wahre Grund meiner Bedenken ist, daß es sich bei meiner Bitte um
Geld handelt. Das sieht nach Bettelei aus, denn das Geld ist Sache des
Mannes, nicht der Frau. Darum mußte ich eine so große Summe nennen. Ein-
bis zweitausend hätte nach einem kleinlichen Diebstahl ausgesehen.
Fünfzigtausend hat die ganze Größe und Romantik eines kühnen Raubes.
Ach, aber ich hätte wirklich reich sein sollen! So viele von meinen
Wünschen haben immer wieder auf ihrem Wege zum Ziel haltmachen müssen,
nur weil es mir an Geld fehlte. Dies paßt nicht zu mir! Wäre das
Schicksal bloß ungerecht, so könnte ich es verzeihen, -- aber solche
Stillosigkeit ist unverzeihlich. Es ist nicht nur hart, daß ein Mann wie
ich nicht weiß, wie er es anfangen soll, seine Miete zu bezahlen, oder
daß er sorgfältig die Groschen für eine Fahrkarte zweiter Klasse
zusammensuchen muß, -- es ist plebejisch!
Es ist ebenso klar, daß Nikhils väterliches Erbe für ihn einen Überfluß
bedeutet. Zu ihm hätte Armut ganz gut gepaßt. Er hätte zusammen mit
seinem treuen Lehrer sich ganz fröhlich ins Joch des bedürftigen
Mittelstandes gespannt.
Es wäre mir eine Lust, könnte ich nur ein einziges Mal fünfzigtausend
Rupien im Dienste meines Vaterlandes und ganz nach meiner eigenen Laune
verschleudern. Ich bin ein geborener Nabob, und mein schönster Traum
ist, einmal, wenn auch nur für einen Tag, diese Maske der Armut
loszuwerden und mich in meiner wahren Gestalt zu sehen.
Ich habe jedoch meine ernsten Zweifel, ob Bimala je zu diesen 50000
Rupien gelangen wird, und wahrscheinlich werden es am Ende nicht mehr
als ein paar tausend werden. Meinetwegen. Der Weise nimmt noch lieber
ein halbes Brot oder auch nur ein Stückchen, als gar keines.
Ich muß später auf diese persönlichen Betrachtungen zurückkommen. Ich
erhalte Nachricht, daß man mich sofort braucht. Irgend etwas ist
verkehrt gegangen.
Es scheint, daß die Polizei von dem Manne, der Mirdschans Boot für uns
versenkt hat, Wind bekommen hat. Sie sind ihm auf der Spur, aber er ist
ein alter Sünder und sollte zu gerieben sein, um sich festzuschwatzen.
Doch man kann nie wissen. Nikhil ist aufgebracht, und sein Verwalter ist
vielleicht nicht imstande, nach seinem eigenen Kopf zu verfahren.
»Wenn ich Unannehmlichkeiten bekomme,« sagte der Verwalter, als er mich
sah, »werde ich Sie hineinziehen müssen.«
»Mit welcher Schlinge wollen Sie mich fangen?« fragte ich.
»Ich habe einen Brief von Ihnen und mehrere von Amulja Babu.«
Ich hatte nicht geahnt, daß der Brief mit der Bezeichnung »dringlich«,
den ich eilig beantworten mußte, nur eben dieses Zweckes wegen dringlich
gewesen war. Ich lerne allmählich eine ganze Menge Dinge.
Jetzt gilt es, die Polizei zu bestechen und Mirdschan Schweigegeld zu
zahlen. Und dabei ist gar kein Zweifel, daß viel von den Kosten dieses
patriotischen Unternehmens als Profit in die Taschen von Nikhils
Verwalter wandert. Doch ich muß für den Augenblick ein Auge zudrücken,
denn ruft er nicht sein Bande Mataram ebenso kräftig wie ich?
Diese Arbeit muß immer mit lecken Gefäßen getan werden, die die Hälfte
auslaufen lassen. Wir alle haben einen geheimen Fonds von sittlichem
Urteil in uns aufgespart, und so wollte ich mich schon über den
Verwalter entrüsten und in meinem Tagebuch eine Tirade gegen die
Unzuverlässigkeit meiner Landsleute loslassen. Aber wenn es einen Gott
gibt, so muß ich dankbar anerkennen, daß er mir einen scharfblickenden
Verstand gegeben hat, der sich selbst und die Dinge um sich herum klar
durchschaut. Ich kann wohl andre täuschen, aber nicht mich selber. Daher
konnte auch mein Zorn nicht standhalten.
Was wahr ist, ist weder gut noch böse, sondern einfach wahr. Ein See ist
nur das übriggebliebene Wasser, das nicht vom Boden eingesogen wurde.
Auf dem Grunde des Bande-Mataram-Kultes, wie überhaupt auf dem Grunde
aller weltlichen Dinge ist eine Schlammschicht, mit deren aufsaugender
Kraft man rechnen muß. Der Verwalter nimmt sich, was er braucht, wie
auch ich mir nehme, was ich brauche. Diese kleineren Forderungen bilden
einen Teil von dem, was die große Sache fordert, -- das Pferd muß
gefüttert und die Räder müssen geölt werden, wenn man gut vorwärts
kommen will.
Das Lange und Breite von der Sache ist, daß wir Geld haben müssen, und
das bald. Wir müssen es nehmen, wo wir es am leichtesten bekommen
können, denn wir können es uns nicht leisten zu warten. Ich weiß, daß
wir uns dadurch um größeren Gewinn bringen können; daß die 5000 Rupien
von heute vielleicht die 50000 von morgen im Keim ersticken. Aber ich
muß es daraufhin wagen. Habe ich nicht oft neckend zu Nikhil gesagt, daß
die, welche auf den Pfaden der Entsagung wandeln, gar nicht wissen, was
Opfer heißt. Wir begehrlichen Menschen sind es, die bei jedem Schritt
ihre Begierden opfern müssen!
Von den Todsünden ist die Begierde für die, die wirklich Männer sind,
aber die Illusion, die nur für Schwächlinge ist, hemmt sie. Denn diese
macht, daß sie ganz von der Vergangenheit und Zukunft eingenommen sind,
aber sie hat eine verteufelte Art, ihre Schritte in der Gegenwart zu
verwirren. Solche, die immer gespannt auf den Ruf aus der Ferne horchen
und dadurch den Ruf des Augenblicks überhören, sind wie Sakuntala[26],
die sich in Träumen von dem Geliebten verlor. Unerwartet kommt der Gast
und schleudert den Fluch, der sie gerade um das bringt, was sie
ersehnen.
Neulich drückte ich Bimalas Hand, und jene Berührung regt ihre Seele
noch auf, wie sie auch in mir nachzittert. Wiederholung darf dies Gefühl
nicht abstumpfen, denn dann würde zu etwas verstandesmäßig Bewußtem
herabsinken, was jetzt ganz Gefühl und Musik ist. Augenblicklich ist in
ihr kein Raum für die Frage »Warum?«.
Daher darf ich Bimala, die eins von den Geschöpfen ist, die die Illusion
nicht entbehren können, nicht ihres vollen Anteils daran berauben.
Was mich betrifft, so habe ich soviel anderes zu tun, daß ich mich für
den Augenblick damit begnügen muß, von dem Becher der Leidenschaft nur
zu nippen. O Mensch der Begierde! Zähme deine Gier und übe deine Finger
auf der Harfe der Illusion, bis sie ihren Saiten alle Töne der
Verführung entlocken! Jetzt ist noch nicht die Zeit, den Becher bis auf
den Grund zu leeren.
IX
Unsre Arbeit geht schnell vorwärts. Aber obgleich wir uns heiser
geschrien haben, indem wir die Muhammedaner für unsre Brüder erklärten,
haben wir doch einsehen müssen, daß es uns nie gelingen wird, sie ganz
auf unsre Seite zu bringen. Daher müssen wir sie nun ganz unterdrücken
und ihnen begreiflich machen, daß wir die Herren sind. Jetzt zeigen sie
die Zähne, aber eines Tages werden sie wie zahme Bären nach unsrer
Pfeife tanzen.
»Wenn es euch mit dem Gedanken eines vereinigten Indiens ernst ist,«
wendet Nikhil ein, »so müßt ihr die Muhammedaner als einen notwendigen
Teil desselben gelten lassen.«
»Ganz recht,« sagte ich, »aber wir müssen wissen, wo ihr Platz ist, und
dafür sorgen, daß sie da bleiben, sonst werden sie uns beständig
beschwerlich fallen.«
»So wollt ihr also Beschwerden verursachen, um Beschwerden zu
verhindern?«
»Und was wolltest du tun?«
»Es gibt nur ein bekanntes Mittel, Streit zu vermeiden,« sagte Nikhil
mit Betonung.
Ich weiß, daß Nikhils Reden, wie die Erzählungen guter Leute, immer mit
einer Moral enden. Das Merkwürdige ist, daß er trotz seiner Vertrautheit
mit moralischen Vorschriften noch immer an sie glaubt! Er ist ein
unverbesserlicher Schuljunge. Das einzig Gute an ihm ist seine
Aufrichtigkeit. Das Schlimme ist, daß seinesgleichen nicht einmal die
Endgültigkeit des Todes zugibt, sondern immer den Blick auf ein Hernach
richtet.
Ich habe mich lange mit einem Plan getragen, der, wenn ich ihn ausführen
könnte, das ganze Land in Flammen setzen würde. Wir werden niemals unsre
Landsleute zu wahrem Patriotismus aufrütteln, wenn wir ihnen das
Mutterland nicht irgendwie versinnbildlichen können. Wir müssen eine
Göttin von ihm machen. Meine Gefährten begriffen die Sache sofort. »Wir
müssen ein passendes Götzenbild erfinden,« riefen sie aus. »Erfinden
nützt nichts,« belehrte ich sie. »Wir müssen uns eins der anerkannten
Götzenbilder aneignen, dem die Verehrung des Volkes in den tief
gegrabenen Kanälen der Gewohnheit zuströmt, und es zum Repräsentanten
des Landes machen.«
Aber Nikhil muß natürlich auch dagegen seine Einwendungen machen. »Wir
dürfen nicht bei einer Sache, die wir für die rechte halten, zu
Täuschungen unsre Zuflucht nehmen,« sagte er vor einiger Zeit zu mir.
»Kleinere Geister brauchen Täuschungen,« sagte ich, »und die meisten
Menschen gehören nun einmal zu dieser Klasse. Darum richtet man in jedem
Lande Gottheiten auf, um die Illusionen im Volke aufrecht zu erhalten,
denn die Menschen sind sich ihrer Schwäche nur zu wohl bewußt.«
»Nein,« erwiderte er. »Gott ist nötig, um die Illusionen fortzuschaffen.
Die Gottheiten, die sie aufrecht halten, sind falsche Götter.«
»Was macht das? Wenn es nottut, müssen wir auch falsche Götter anrufen,
lieber als daß die Sache leidet. Unsre Illusionen sind noch lebendig
genug, aber zu unserm Unglück verstehen wir nicht, sie unserm Zweck
dienstbar zu machen. Sieh einmal die Brahmanen! Trotzdem wir sie wie
Halbgötter behandeln und unermüdlich ehrfurchtsvoll ihre Füße berühren,
sind sie doch eine Macht, die im Verfall ist.«
»Es wird immer eine große Klasse von Menschen geben, deren Natur es ist,
am Boden zu kriechen, und die nur durch Berührung mit den Füßen andrer
-- sei es auch in Gestalt von Fußtritten -- zu einer Tat gebracht werden
können. Welch ein Jammer ist es doch, daß wir die Brahmanen, nachdem wir
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