Das Heim und die Welt 26
Ich möchte«, sagte ich, »etwas Größeres pflanzen. Mir ist es nicht um
tote Pfähle zu tun, sondern um lebendige Bäume, und diese brauchen Zeit
zum Wachsen.«
»Ich fürchte, Herr,« bemerkte der Geschichtsstudent höhnisch, »Sie
werden weder Pfähle noch Bäume bekommen. Sandip Babu lehrt ganz richtig,
daß man zugreifen muß, wenn man etwas haben will. Wir brauchen alle
etwas Zeit, um dies zu lernen, weil es dem widerspricht, was wir in der
Schule gelernt haben. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie einer von
Harisch Kundus Pachteinnehmern einen der Pächter, der nichts anderes
mehr zu verkaufen hatte, zwang, sein junges Weib herzugeben! An Käufern
fehlte es nicht, und die Forderung des Zemindars wurde befriedigt. Ich
kann Ihnen sagen, Herr, der Anblick des verzweifelten Mannes ließ mich
nächtelang nicht schlafen! Aber was mein Gefühl auch sagte, soviel war
mir klar, daß der Mann, der das Geld, das er haben will, zu bekommen
weiß, und sollte er auch das Weib seines Schuldners verkaufen, -- daß
dieser ein besserer Mann ist als ich. Ich gebe zu, daß ich nicht dazu
imstande wäre, ich bin ein Schwächling, meine Augen füllten sich beim
Anblick solcher Not mit Tränen. Aber wenn irgend jemand unser Vaterland
retten kann, so sind es diese Kundus und Tschakravartis und ihre Leute.«
Ich fand keine Worte für mein Entsetzen. »Wenn das, was Sie sagen, wahr
ist,« rief ich aus, »so sehe ich klar, daß es die Aufgabe meines Lebens
sein muß, das Vaterland zu retten. Die Sklaverei, die uns bis ins Mark
gedrungen ist, kommt bei dieser Gelegenheit als entsetzliche Tyrannei
zum Ausbruch. Ihr seid so gewohnt, euch aus Furcht der Macht zu
unterwerfen, daß für euch der Glaube an die Notwendigkeit der
Unterwerfung der Schwächeren eine Art Religion geworden ist. Mein Kampf
soll gegen diese Schwäche, gegen diese abscheuliche Grausamkeit
gerichtet sein.«
Diese Dinge, die für gewöhnliche Menschen so einfach sind, verwirren
sich unglaublich in den Köpfen der Studenten, und der einzige Zweck
ihrer historischen Sophistereien scheint zu sein, die Wahrheit zu
verdrehen!
XI
Pantschus vorgebliche Tante macht mir zu schaffen. Es wird schwer sein,
sie des Betrugs zu überführen, denn obwohl es oft schwierig oder
unmöglich ist, Zeugen für ein wirkliches Geschehnis zu finden, so
lassen sich doch immer für etwas, was gar nicht geschehen ist, unzählige
Beweise aufbringen. Der Zweck dieses Schachzuges ist augenscheinlich,
den Verkauf von Pantschus Pachthof an mich rückgängig zu machen.
Da ich keinen andern Ausweg finden konnte, dachte ich daran, Pantschu
auf meinem Gebiet ein Stück Land in Erbpacht zuzuweisen und eine Hütte
darauf bauen zu lassen. Aber mein Lehrer wollte davon nichts wissen. Er
meinte, ich solle solchem boshaften Treiben gegenüber nicht gutwillig
nachgeben, und erklärte sich bereit, die Sache selbst in die Hand zu
nehmen.
»Sie, Meister?« rief ich höchst überrascht.
»Ja, ich«, wiederholte er.
Ich konnte mir durchaus nicht vorstellen, wie mein Lehrer irgend etwas
gegen diese juristischen Ränke tun könnte. An diesem Abend kam er nicht
wie sonst zur gewohnten Stunde zu mir. Als ich mich nach ihm erkundigte,
erfuhr ich von seinem Diener, daß er mit einem kleinen Koffer, in den er
ein paar Sachen und etwas Bettzeug gepackt hatte, abgereist sei und in
einigen Tagen zurück sein werde. Ich dachte, daß er sich vielleicht
aufgemacht hätte, um im Dorf, wo der Onkel Pantschus gelebt hat, Zeugen
zu finden. Aber solch Unternehmen schien mir ganz aussichtslos...
Am Tage vergesse ich mich über meiner Arbeit. Aber wie der
Spätherbstnachmittag langsam vorrückt und die Farben am Himmel trübe
werden, trüben sich auch meine Gefühle. Es gibt viele in dieser Welt,
deren Seele in Steinhäusern wohnt, -- sie brauchen sich um das Draußen
nicht zu kümmern. Aber meine Seele wohnt unter den Bäumen im freien
Felde; sie nimmt die Botschaften, die die freien Winde bringen,
mittelbar in sich auf, und die ganze Tonleiter von Licht und Dunkel
findet Widerhall und Antwort in ihrer innersten Tiefe.
Solange der helle Tag um mich leuchtet und ich mitten im Getriebe der
Menschen bin, scheint es, als ob meinem Leben nichts fehlt. Aber wenn
die Farben am Horizont verblassen und der Himmel die Vorhänge über seine
Fenster zieht, dann fühlt mein Herz, daß der Abend auch für mich wie ein
Vorhang herabsinkt, um die Welt draußen auszuschließen und die Stunde zu
künden, wo die Dunkelheit sich mit dem Einen füllen muß. Erde, Himmel
und Wasser rufen es uns zu, und ich kann mein Ohr nicht ihrem Ruf
verschließen. Wenn daher die Dämmerung immer tiefer wird, wie der Blick
aus den dunklen Augen der Geliebten, so sagt mir mein ganzes Wesen, daß
die Arbeit allein nicht der wahre Sinn des Lebens sein kann, daß sie
allein nicht Inhalt und Zweck des menschlichen Daseins sein soll, denn
der Mensch soll nicht ein bloßer Sklave sein -- auch nicht der Sklave
des Wahren und Guten.
Ach, Nikhil, wo ist der Teil seines Selbst geblieben, der sonst, wenn
die Arbeit des Tages getan war, unter dem Sternenhimmel alle Fesseln von
sich warf und hineintauchte in die unendlichen Tiefen des nächtlichen
Dunkels? Wie furchtbar einsam ist doch der, dem in der Mannigfaltigkeit
des Lebens der Gefährte fehlt!
Neulich abends, um die Zeit, wo Tag und Nacht sich auf der Schwelle
begegnen, hatte ich gerade nicht zu arbeiten, war auch nicht zum
Arbeiten aufgelegt, und auch mein Lehrer war nicht da, um mir
Gesellschaft zu leisten. Mein Herz war wie ein leer dahintreibendes
Boot, das einen Ankerplatz sucht, und so schlenderte ich den inneren
Gärten zu. Ich liebe die Chrysanthemen sehr, und an der einen Seite des
Parkes habe ich ganze Reihen davon in allen Spielarten an der Mauer
entlang in Töpfen hintereinander aufstellen lassen. Als sie blühten, sah
es aus, als ob eine grüne Woge sich in Schaum von allen Regenbogenfarben
auflöste. Ich war längere Zeit nicht nach diesem Teil des Parkes
gekommen, und der Gedanke, meine Chrysanthemen nach langer Trennung
wiederzusehen, erfüllte mich mit freudiger Erwartung.
Als ich eintrat, sah der Vollmond gerade über die Mauer, deren Fuß noch
im tiefen Schatten lag. Es war, als ob er sich von hinten auf den Zehen
herangeschlichen hätte und mutwillig lächelnd der Dunkelheit die Augen
zuhielte. Als ich mich der Terrasse von Chrysanthemen näherte, sah ich
davor eine Gestalt im Grase ausgestreckt. Mein Herz stockte plötzlich.
Auch die Gestalt richtete sich beim Nahen meiner Schritte erschrocken
auf.
Was sollte ich in dem Augenblick tun? Ich schwankte, ob ich mich noch
schnell zurückziehen sollte. Auch Bimala überlegte augenscheinlich, wie
sie mir entkommen könnte. Aber es schien mir ebenso ungeschickt, jetzt
fortzugehen, wie zu bleiben. Bevor ich mich entschließen konnte, stand
Bimala auf, schlug das Ende ihres Sari über den Kopf und ging fort, den
inneren Gemächern zu.
Diese kurze Pause hatte genügt, um mir das ganze Elend Bimalas
klarzumachen. Und sofort verstummte die Klage meines eigenen Lebens. Ich
rief aus: »Bimala!«
Sie fuhr zusammen und hielt an, doch wandte sie sich nicht um. Ich trat
hinzu und stand vor ihr. Ihr Gesicht war im Schatten, das Mondlicht fiel
auf meines. Sie hatte die Augen gesenkt, die Hände krampfhaft
zusammengepreßt.
»Bimala,« sagte ich, »warum sollte ich versuchen, dich in diesem
verschlossenen Käfig bei mir festzuhalten? Weiß ich denn nicht, daß du
auf diese Weise vor Kummer und Sehnsucht vergehen mußt?«
Sie stand still da, ohne die Augen zu erheben oder ein Wort zu sagen.
»Ich weiß,« fuhr ich fort, »daß, wenn ich dich mit Gewalt gefesselt
halten wollte, mein ganzes Leben nichts mehr sein würde als eine
eiserne Kette. Welche Freude könnte ich davon haben?«
Sie schwieg noch immer.
»Daher sage ich dir aufrichtig, Bimala,« schloß ich, »du bist frei. Was
immer ich dir auch gewesen bin oder vergeblich zu sein versucht habe, --
deine Fessel will ich nicht sein.« Und damit ging ich nach den äußeren
Gemächern.
Nein, nein, es war weder ein großmütiger Impuls, noch war es
Gleichgültigkeit. Ich hatte nur einfach eingesehen, daß ich selbst nie
frei sein würde, solange ich andere in Unfreiheit ließe. Hätte ich
versucht, Bimala wie eine Schmuckkette um meinen Hals zu behalten, so
hätte diese Kette wie eine schwere Last auf mein Herz gedrückt. Habe ich
nicht aus tiefster Seele gebetet, daß ich willig mein Los auf mich
nehmen und auf Glück verzichten oder den Schmerz willkommen heißen
wollte, wenn ich nur nicht in Knechtschaft leben sollte? Wenn man sich
gewaltsam an die Lüge klammert und nicht von dem Glauben lassen will,
daß sie Wahrheit ist, so erdrosselt man sich selbst. Möge ich vor
solcher Selbstzerstörung bewahrt bleiben!
Als ich mein Zimmer betrat, fand ich meinen Lehrer dort wartend. Meine
erregten Gefühle wogten noch in mir. »Die Freiheit, Meister,« begann ich
ohne ein Wort der Begrüßung oder der Frage, »die Freiheit ist das
Höchste für den Menschen. Nichts läßt sich mit ihr vergleichen, -- gar
nichts!«
Überrascht über diesen Ausbruch, sah mein Lehrer schweigend zu mir auf.
»Aus Büchern kann man nichts verstehen«, fuhr ich fort. »Wir lesen in
den heiligen Schriften, daß unsre Begierden Fesseln sind, die so wohl
uns selbst, wie andre binden. Aber solche Worte an sich sind so leer.
Erst in dem Augenblick, wo wir den Vogel aus dem Käfig lassen, wird es
uns klar, wie unfrei der Vogel uns gemacht hatte. Was wir einkerkern, es
sei, was es sei, fesselt uns mit Begierde, deren Bande stärker sind als
eiserne Ketten. Ich sage Ihnen, Meister, dies ist es, was die Menschen
nie begreifen wollen. Sie alle versuchen irgend etwas zu reformieren,
was außerhalb ihrer selbst ist. Aber die eigenen Begierden sind es, die
reformiert werden müssen, sonst nichts, sonst nichts!«
»Wir meinen,« sagte er, »daß wir unser eigener Herr sind, wenn wir den
Gegenstand unsrer Begierden in unsre Hand bekommen haben, aber in
Wahrheit sind wir nur unser eigener Herr, wenn es uns gelingt, unser
Herz von unsern Begierden zu befreien.«
»Wenn wir das alles so in Worte fassen, Meister,« fuhr ich fort, »so
klingt es wie irgendeine sterile Greisenweisheit, aber wenn wir uns
etwas davon wirklich begreifen, so sehen wir, daß es amrita ist, das die
Götter tranken und unsterblich wurden. Wir können die Schönheit erst
erkennen, wenn wir sie freilassen. Es war Buddha, der die Welt eroberte,
nicht Alexander, -- dies ist falsch, wenn wir es in trockner Prosa
sagen, -- ach, wann werden wir es in die Welt hinaus singen können? Wann
werden alle diese innersten Wahrheiten des Universums überfließen über
die Seiten der gedruckten Bücher und sich zu einem heiligen Strom vereinigen?
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