Das Heim und die Welt 27
Plötzlich fiel mir ein, daß ja mein Lehrer die letzten Tage verreist
gewesen war, und ich den Grund seiner Abwesenheit noch nicht erfahren
hatte. Ich schämte mich etwas über meine Gedankenlosigkeit und fragte
ihn: »Und wo sind Sie die ganze Zeit gewesen, Meister?«
»Bei Pantschu«, erwiderte er.
»Wirklich!« rief ich aus. »Sind Sie alle diese Tage dagewesen?«
Ja. Ich wollte mit der Frau, die sich seine Tante nennt, zu einer
Verständigung kommen. Sie konnte es gar nicht fassen, daß es unter den
Vornehmen solche Käuze gäbe, wie der, der Gastfreundschaft bei ihnen
suchte. Als sie sah, daß ich wirklich die Absicht hatte, zu bleiben,
fing sie an, sich etwas zu schämen. »Mütterchen,« sagte ich, »Sie werden
mich nicht los, selbst wenn Sie mich schlecht behandeln! Und solange ich
bleibe, bleibt Pantschu auch. Denn, nicht wahr, Sie müssen doch
einsehen, daß ich es nicht ruhig mit ansehen kann, wenn seine
mutterlosen Kleinen auf die Straße gesetzt werden?«
Sie hörte mir ein paar Tage lang zu, wenn ich so redete, ohne ja oder
nein zu sagen. Heute morgen sah ich, daß sie dabei war, ihr Bündel zu
schnüren. »Wir wollen zurück nach Brindaban«, sagte sie. »Geben Sie uns
das Geld für die Reise! Ich weiß, daß sie nicht nach Brindaban reisen
wird und daß ihre Reisekosten eine hübsche Summe ausmachen werden.
Deshalb komme ich zu dir.«
»Die Summe, die sie fordert, soll ihr bezahlt werden«, sagte ich.
»Die alte Frau ist gar nicht so übel«, sagte mein Lehrer nachdenklich.
»Pantschu war unsicher wegen ihrer Kaste und wollte nicht dulden, daß
sie die Wasserkrüge oder überhaupt etwas von seinen Sachen anrührte. So
zankten sie sich beständig. Als sie sah, daß ich nichts gegen ihre
Berührung hatte, sorgte sie mit großer Hingebung für mich. Sie ist eine
ausgezeichnete Köchin!«
»Aber der ganze Rest von Pantschus Achtung für mich schwand. Bis zuletzt
hatte er noch geglaubt, daß ich wenigstens ein harmloser und einfältiger
Mensch sei. Aber hier mußte er nun sehen, wie ich ganz unbedenklich
meine Kaste aufs Spiel setzte, um die alte Frau für meinen Zweck zu
gewinnen. Hätte ich versucht, ihr den Rang abzulaufen, indem ich irgend
jemandem eine Zeugenaussage eingedrillt hätte, das wäre etwas anderes
gewesen. Kriegslist muß man mit Kriegslist begegnen. Aber daß man sie
auf Kosten der Strenggläubigkeit übt, ist mehr, als er ertragen kann!«
»Jedenfalls muß ich auch nach der Abreise der Frau noch ein paar Tage
bei Pantschu bleiben, denn Harisch Kundu heckt vielleicht eine neue
Teufelei aus. Er hat zu seinen Trabanten gesagt, daß er sich begnügt
hätte, Pantschu mit einer Tante zu versehen, aber ich wäre sogar soweit
gegangen, ihm einen Vater zu verschaffen. Nun wollte er sehen, wie viele
Väter dazu gehörten, um ihn zu retten!«
»Ob es uns gelingt, ihn zu retten, oder nicht,« sagte ich, »wenn wir
zugrunde gehen bei dem Versuch, unser Vaterland aus den tausend
Schlingen zu retten, die diese Leute ihm aus Religion, Sitte und
Selbstsucht drehen, so wird unser Ende glücklich sein.«
BIMALAS ERZÄHLUNG
XIV
Wer hätte gedacht, daß sich so viel in diesem einen Leben ereignen
könnte? Es ist mir, als hätte ich eine ganze Reihe von Existenzen
durchlebt; die Zeit ist so schnell verflogen, ohne daß ich es merkte,
bis ich neulich plötzlich wie aus einem Traum erwachte.
Ich wußte, es würde eine Auseinandersetzung zwischen uns geben, als ich
mich entschloß, meinen Gatten zu bitten, die ausländischen Waren von
unserm Markt zu verbannen. Aber ich glaubte fest, ich würde es nicht
nötig haben, ihn mit Gründen zu überzeugen, der Zauber, der von mir
ausströmte, würde schon seine Wirkung tun. War nicht ein so gewaltiger
Mann wie Sandip mir hilflos zu Füßen gesunken, wie die mächtige
Meereswoge, die sich am Ufer bricht? Hatte ich ihn gerufen? Nein, meine
Zauberkraft hatte ihn angezogen. Und Amulja, der arme liebe Junge, als
er mich zuerst sah, wie war da der Strom seines Lebens in roter Glut
aufgeflammt, wie der Fluß beim Sonnenaufgang! Wahrlich, ich habe
empfunden, wie einer Göttin zumute sein muß, wenn sie auf das strahlende
Antlitz ihres Priesters herabschaut.
In der stolzen Zuversicht, den diese Beweise meiner Macht mir gegeben,
schickte ich mich an, meinem Gatten entgegenzutreten wie eine
gewitterschwangere Wolke. Aber was geschah? Nie in all diesen neun
Jahren sah ich einen so kühlen, fremden Blick in seinen Augen, -- wie
der Wüstenhimmel, der trocken und teilnahmlos auf alles niederblickt. Es
wäre mir eine solche Erleichterung gewesen, wenn er in Zorn aufgeflammt
wäre! Aber ich sah keine Möglichkeit, ihm nahezukommen. Ich fühlte mich
wie in einem Traume, in einem Traume, auf den nur das Dunkel der Nacht
folgen würde.
Früher beneidete ich meine Schwägerin immer wegen ihrer Schönheit.
Damals hatte ich das Gefühl, daß die Vorsehung mir keine eigene Macht
gegeben hätte, daß meine ganze Stärke in der Liebe läge, mit der mein
Gatte mich beschenkte. Jetzt, da ich den Becher der Macht zur Neige
geleert hatte und ihren Rausch nicht mehr entbehren konnte, fand ich
ihn plötzlich in Stücke zerbrochen zu meinen Füßen, und nichts schien
mir mehr des Lebens wert.
Wie fieberhaft hatte ich mich an jenem Tage mit meinem Haar gemüht! O
Schmach und Schande über mich! Meine Schwägerin hatte, als sie
vorbeikam, ausgerufen: »Ei, Tschota Rani, dein Haar scheint ja in die
Luft fliegen zu wollen. Paß nur auf, daß es nicht den Kopf mit
wegnimmt!«
Und dann neulich im Garten, wie leicht wurde es meinem Gatten, mir zu
sagen, daß er mich freigäbe! Aber läßt Freiheit -- leere Freiheit --
sich so leicht geben und nehmen? Es ist, als ob man einen Fisch in der
Luft in Freiheit setzte, -- denn wie kann ich außerhalb der Atmosphäre
liebender Sorge, die mich immer umgab, leben und atmen?
Als ich heute in mein Zimmer trat, sah ich nur Möbel -- nur die
Bettstelle, nur den Spiegel, nur den Kleiderriegel --, nicht die Seele,
die das Ganze sonst durchdrang und beherrschte. Statt dessen war da
Freiheit, nur Freiheit, bloße Leere. Ein trockenes Flußbett, in dem
alle Felsen und Kiesel bloß lagen. Kein Gefühl, nur Möbel!
Als ich in einen Zustand äußerster Verstörtheit geraten war und mich
fragte, ob mir überhaupt noch irgend etwas Wahres in meinem Leben
geblieben sei und wo es sein könne, begegnete ich zufällig wieder
Sandip. Da stieß Leben auf Leben, und die Funken sprühten, wie sie es
sonst getan. Hier war Wahrheit -- ungestüme Wahrheit, die schäumend in
das leere Flußbett stürzte und alle Grenzen überflutete, -- Wahrheit,
die tausendmal wahrer war als die Bara Rani mit ihrem Mädchen Thako und
ihren törichten Liedern und als alle die andern, die schwatzend und
lachend umherliefen...
»Fünfzigtausend!« hatte Sandip gefordert.
»Was sind fünfzigtausend?« rief mein Herz berauscht. »Sie sollen sie
haben.«
Wie und wo ich sie bekommen sollte, das waren untergeordnete Fragen, die
zunächst nicht in Betracht kamen. Wie war es denn mit mir gewesen? War
ich nicht in einem Augenblick aus meinem Nichts emporgehoben worden zu
einer Höhe, die alles überragte? So wird auch alles auf meinen Wink und
Ruf kommen. Ich werde sie mir verschaffen, auf jeden Fall verschaffen,
-- daran kann kein Zweifel sein.
In dieser Stimmung hatte ich Sandip neulich verlassen. Aber als ich dann
um mich blickte, wo war er da, der Baum des Überflusses? Ach, warum
verspottet und verhöhnt die Welt draußen unser Herz so?
Doch verschaffen muß ich es mir; wie, das gilt mir gleich, denn Sünde
gibt es hier nicht. Sünde befleckt nur die Schwachen; ich mit meiner
Schakti-Kraft stehe über ihr. Nur ein Gemeiner kann Diebstahl begehen,
der König erobert und nimmt sich die Beute, die ihm zukommt ... Ich muß
herausfinden, wo das Schatzamt ist, wer das Geld dorthin bringt und wer
es bewacht.
Ich brachte die halbe Nacht auf der Außenveranda zu und spähte nach der
Reihe der Geschäftsgebäude hinüber. Aber wie sollte ich die 50000 Rupien
aus den Klauen jener Eisenriegel herausbekommen? Wenn ich durch
irgendeinen Zauberspruch alle jene Wachen hätte tot zu Boden fallen
lassen können, ich hätte nicht gezögert, -- so erbarmungslos war mir zu
Sinn!
Aber während eine ganze Räuberbande im wirbelnden Hirn seiner Rani einen
Kriegstanz aufführte, lag das große Haus des Radscha in tiefstem Frieden
da. Die Glocke des Wächters kündete eine Stunde nach der andern, und der
Himmel sah still und gelassen auf mich herab.
Schließlich ließ ich Amulja rufen.
»Wir brauchen Geld für die nationale Sache«, sagte ich zu ihm. »Kannst
du es nicht aus dem Schatzamt schaffen?«
»Warum nicht?« sagte er, sich in die Brust werfend.
Ach, hatte ich nicht auch gerade so »Warum nicht?« geantwortet, als
Sandip mich fragte? Die Zuversicht des armen Burschen konnte mir nur
wenig Hoffnung geben.
»Wie willst du es anfangen?« fragte ich.
Die abenteuerlichen Pläne, die er darauf zu entfalten begann, lassen
sich nur in einem Schauerroman wiederholen.
»Nein, Amulja,« sagte ich strenge, »du darfst nicht kindisch sein.«
»Nun,« sagte er, »so will ich die Wächter bestechen.«
»Woher willst du das Geld dazu nehmen?«
»Ich kann den Bazar plündern,« antwortete er unverblüfft.
»Solche Dinge laß bleiben! Ich habe ja meine Schmucksachen, die ich dazu
brauchen kann.«
»Aber,« sagte Amulja, »mir fällt ein, daß sich der Schatzmeister nicht
bestechen läßt. Doch das macht nichts; es gibt ein anderes und
einfacheres Mittel.«
»Welches?«
»Warum brauchen Sie es zu wissen? Es ist ganz einfach.«
»Aber ich möchte es doch wissen.«
Amulja kramte in seiner Jackentasche und zog erst eine kleine Ausgabe
der Gita heraus, die er auf den Tisch legte, -- und dann eine kleine
Pistole, die er mir zeigte, ohne weiter etwas zu sagen.
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