2016년 7월 29일 금요일

Das Heim und die Welt 28

Das Heim und die Welt 28


Entsetzlich! Er besann sich keinen Augenblick, unsern guten alten
Schatzmeister[32] zu töten! Wenn man sein freimütiges, offenes Gesicht
sah, hätte man gedacht, daß er keiner Fliege wehtun könnte, aber was
waren das für Worte, die aus seinem Munde kamen! Es war klar, der
Schatzmeister war für ihn nichts Wirkliches und Lebendiges, das zu
seinem Gefühl sprach, sondern nur eine Leere, die ausgefüllt war mit
immer bereiten Sprüchen aus der Gita wie: »Wer den Leib tötet, tötet
nichts!«
 
»Aber Amulja, was denkst du dir nur?« rief ich endlich aus. »Weißt du
denn nicht, daß der gute alte Mann Frau und Kinder hat und daß er...«
 
»Wo sollen wir Männer finden, die keine Frauen und Kinder haben?«
unterbrach er mich. »Sehen Sie, Maharani, was wir Mitleid nennen, ist im
Grunde nur Mitleid mit uns selbst. Wir scheuen uns, unsre eigenen
weicheren Regungen und Gefühle zu verletzen, und daher schlagen wir
nicht zu! Das ist der Gipfel der Feigheit!«
 
Es machte mich betroffen, als ich Sandips Phrasen aus dem Munde dieses
Knaben hörte. Er war noch so rührend jung und unreif, -- in dem Alter,
wo man noch an das Gute als solches glauben kann, in dem Alter, wo man
wahrhaft lebt und wächst. Die Mutter in mir erwachte.
 
Für mich selbst gab es nicht Gut noch Böse mehr, -- gab es nur den Tod,
den schönen lockenden Tod. Aber als ich diesen Knaben so ruhig von der
Ermordung eines harmlosen alten Mannes reden hörte wie von einer ganz
gerechten Sache, überlief mich ein Schauder. Je deutlicher ich sah, daß
in seinem Herzen keine Sünde war, desto furchtbarer erschien mir die
Sünde in seinen Worten. Es war mir, als ob die Sünde der Väter an dem
unschuldigen Kinde heimgesucht würde.
 
Der Anblick seiner großen, von Glauben und Begeisterung leuchtenden
Augen schnitt mir durch die Seele. Er stürzte sich in seiner Verblendung
geradeswegs in den Schlund des Drachen, aus dem es keine Rückkehr gab.
Wie konnte ich ihn retten? Warum erweist sich mein Land nicht einmal als
wirkliche Mutter, die ihren Sohn ans Herz drückt und ausruft: »O, mein
Kind, mein Kind, was nützt es, daß du mich rettest, wenn ich dich nicht
retten kann?«
 
Ich weiß wohl, daß alle Macht auf Erden groß wird, wenn sie sich mit
dem Satan verbündet. Aber die Mutter ist da, daß sie, und wenn sie auch
ganz allein steht, dem Teufel trotze und sein Werk zu hindern suche. Die
Mutter macht sich nichts aus bloßem Erfolg, wie groß er auch sei, -- sie
will Leben geben und Leben erhalten. Und meine Seele streckt in
inbrünstigem Verlangen heute die Hände aus, dies Kind zu retten.
 
Eben noch habe ich ihn zum Raub aufgestachelt. Was ich nun auch dagegen
sagen mag, nimmt er als weibliche Schwäche. Sie lieben unsre Schwäche
nur, wenn sie die Welt in ihre Netze lockt!
 
»Du brauchst gar nichts zu tun, Amulja, ich werde das Geld schon
schaffen«, sagte ich endlich zu ihm.
 
Als er im Begriff war, aus der Tür zu gehen, rief ich ihn zurück.
»Amulja,« sagte ich, »ich bin deine ältere Schwester. Nach dem Kalender
ist heute nicht der Brudertag[33], aber in Wahrheit sind alle Tage im
Jahr Brudertage. Mein Segen sei mit dir! Möge Gott dich immer behüten!«
 
Diese unerwarteten Worte von meinen Lippen machten Amulja starr vor
Überraschung. Er stand eine Weile regungslos da. Dann kam er zu sich.
Und nun warf er sich vor mir nieder, als ein Zeichen, daß er meine
Schwesterschaft annahm und mir als Bruder seine Ehrfurcht bezeugte. Als
er sich erhob, waren seine Augen voll Tränen ... Ach, mein kleiner
Bruder! Ich eile mit schnellen Schritten dem Tode zu, laß mich all
deine Sünde mit mir nehmen! Möge deine Unschuld nie durch mich befleckt
werden!
 
Ich sagte zu ihm: »Gib mir diese Pistole als Brudergeschenk!«
 
»Was wollen Sie damit, Schwester?«
 
»Ich will mich mit dem Tod vertraut machen.«
 
»Das ist recht, Schwester. Auch unsre Frauen müssen lernen, wie man
stirbt und wie man tötet.« Und damit gab Amulja mir die Pistole.
 
Es war mir, als ob der Glanz seines jugendlichen Antlitzes mein Leben
mit der Ahnung eines neuen Morgenlichtes überstrahlte. Ich steckte die
Pistole zu mir. Möge dies Brudergeschenk die letzte Zuflucht in meiner
Not sein...
 
Nun, da die Tür zu der Kammer der Mutter in meinem Frauenherzen einmal
geöffnet war, glaubte ich, sie würde immer offenbleiben. Aber dieser
Pfad zum Heil wurde versperrt, als die Herrin den Platz der Mutter
einnahm und sie wieder schloß. Gleich am Tage darauf sah ich Sandip, und
sofort tanzte der Wahnsinn unverhüllt und zügellos in meinem Herzen.
 
Was war dies? War dies nun mein wahreres Ich? Nein, niemals! Nie vorher
hatte ich dieses schamlose, grausame Weib in mir gekannt. Der
Schlangenbeschwörer war gekommen und hatte getan, als ob er diese
Schlange aus den Falten meines Gewandes hervorzauberte, -- aber sie war
nie da, sie war die ganze Zeit bei ihm verborgen. Irgendein Dämon hat
Besitz von mir ergriffen, und was ich heute tue, ist sein Spiel und
Treiben -- es hat nichts mit mir zu tun.
 
Dieser Dämon war an jenem Tage unter der Maske eines Gottes mit seiner
roten Fackel zu mir gekommen und hatte gesagt: »Ich bin dein Land. Ich
bin deine Leuchte[34]. Ich bin dir mehr als irgendeiner von den Deinen.
Bande Mataram!« Und mit gefalteten Händen hatte ich geantwortet: »Du
bist meine Religion. Du bist mein Himmel. Alles andere, was mein ist,
soll von der Flut meiner Liebe zu dir hinweggefegt werden. Bande
Mataram!«
 
Fünftausend sind es? Fünftausend sollen es sein! Morgen brauchst du
sie? Morgen sollst du sie haben! In dieser rasenden Orgie soll dies
Opfer von 5000 sein wie der Schaum auf dem Becher, und dann auf zum
wilden Gelage! Die unbewegliche Welt soll unter unsern Füßen schwanken,
Feuer soll aus unsern Augen sprühen, ein Sturm soll uns im Ohr heulen,
und die Gestalten der Wirklichkeit und der Phantasie sollen
durcheinander im Nebel vor unsern Blicken tanzen. Und dann wollen wir
taumelnd in den Abgrund des Todes stürzen, -- und in einem Augenblick
wird alles Feuer erloschen, die Asche zerstreut sein, und nichts wird
übrigbleiben.
 
 
Fußnoten:
 
[32] Der Schatzmeister ist der Beamte, der am meisten mit der
weiblichen Gutsherrschaft in Berührung kommt, da er ihre Aufträge für
den Haushalt entgegennimmt und ihre Einkäufe besorgt, und so gehört er
mehr zur Familie als die andern.
 
[33] In bengalischen Häusern (vielleicht in Hinduhäusern
überall in Indien) wird die Tochter des Hauses mit besonderer Liebe
gehegt, weil sie nach dem Gebot der Sitte so früh verheiratet wird. So
nimmt sie liebe Erinnerungen mit in das Heim ihres Gatten, wo sie als
Fremde erst Wurzel fassen muß, bevor ihr die ihr gebührende Stellung
zuteil wird. Das Gefühl, das somit die junge Frau ihrem alten Heim
gegenüber bewahrt, kommt zum feierlichen Ausdruck an dem Brudertag, an
dem die Brüder ins Haus ihrer verheirateten Schwester geladen werden.
Ist die Schwester die ältere, so nimmt sie die Ehrfurchtsbezeugung ihrer
Brüder entgegen und gibt ihnen ihren Segen, und umgekehrt. Bei der
Gelegenheit werden Geschenke getauscht, die man als Gaben der Ehrfurcht
oder des Segens bezeichnet. (Anm. d. engl. Übers.)
 
[34] Im Englischen: I am your Sandip. Das indische Wort sandipu
bedeutend »flammend, leuchtend«. (Übers.)
 
 
 
 
NEUNTES KAPITEL
 
 
BIMALAS ERZÄHLUNG
 
XV
 
Eine Zeitlang grübelte ich vergeblich hin und her, wie ich das Geld
bekommen sollte, bis neulich plötzlich vor meiner aufs höchste erregten
Phantasie der Weg als deutliches Bild dastand.
 
Jedes Jahr, um die Zeit des Festes der Göttin Kali, macht mein Gatte
meiner Schwägerin ein Ehrengeschenk von 6000 Rupien, und immer wird es
auf ihr Konto bei der Bank in Kalkutta niedergelegt. In diesem Jahr
erhielt sie diese Ehrengabe wie gewöhnlich, aber das Geld ist noch nicht
auf die Bank gebracht und wird solange in einem eisernen Geldschrank
aufbewahrt, in einer Ecke des kleinen Ankleidezimmers neben unserm
Schlafzimmer.
 
Jedes Jahr bringt mein Gatte das Geld selbst auf die Bank. Diesmal hat
er noch keine Gelegenheit gehabt, in die Stadt zu fahren. Mußte ich
nicht darin die Hand der Vorsehung erkennen? Das Geld ist hier
zurückgehalten, weil das Vaterland es braucht, -- wer hätte da die
Macht, es ihm zu nehmen und es auf die Bank zu bringen? Und wie könnte
ich mich weigern, es fortzunehmen? Die Göttin der Zerstörung hält mir
ihren Blutbecher hin und ruft: »Gib mir zu trinken, ich bin durstig.«
Ich will ihr mein eignes Herzblut geben mit jenen 5000 Rupien. Große
Mutter! Der, der das Geld verliert, wird den Verlust kaum fühlen, aber
mich wirst du ganz zugrunde richten!
 
Wie manchesmal habe ich früher meine Schwägerin innerlich eine Diebin
genannt, weil sie meinem arglosen Gatten Geld abschmeichelte. Nach dem
Tode ihres Gatten brachte sie oft Sachen, die uns gehörten, für sich auf
die Seite. Ich pflegte meinen Gatten darauf aufmerksam zu machen, aber
er sagte nichts. Oft wurde ich böse und sagte: »Wenn du Lust hast zu
schenken, so schenke meinetwegen, soviel du willst, aber warum läßt du
dich bestehlen?« Die Vorsehung muß damals über meine Klagen gelächelt
haben, denn heute bin ich es, die das, was meiner Schwägerin gehört, aus
meines Gatten Geldschrank stiehlt.
 
Mein Gatte hat die Gewohnheit, die Schlüssel in seiner Tasche zu lassen,
wenn er sich vor dem Schlafengehen im Ankleidezimmer auszieht und sein
Zeug dort läßt. Ich suchte mir den Schlüssel zum Geldschrank heraus und
öffnete ihn. Es war mir, als ob das leise Geräusch die ganze Welt
aufwecken müßte! Meine Hände und Füße wurden plötzlich eiskalt, und ich
zitterte am ganzen Leibe.
 
In dem Geldschrank ist eine Schieblade. Als ich sie öffnete, fand ich
das Geld, nicht in Banknoten, sondern in eingewickelten Goldrollen. Ich
hatte keine Zeit, mir das, was ich brauchte, abzuzählen. Es waren
zwanzig Rollen. Ich nahm sie alle und knotete sie in eine Ecke meines
Sari.
 
Welch ein Gewicht war das! Es war, als ob die Last des Diebstahls mich
zu Boden zöge und mein Herz in den Staub drückte. Vielleicht hätten
Banknoten es mir weniger als Diebstahl erscheinen lassen, aber dies war
alles Gold.
 
Nachdem ich mich wie ein Dieb zurückgeschlichen hatte, erschien mir mein
Zimmer nicht mehr wie mein eignes. All die kostbaren Rechte, die ich
daran hatte, verschwanden vor meinem Diebstahl. Ich begann leise für
mich hin zu murmeln, als ob ich Zaubersprüche murmelte: »Bande Mataram,
Bande Mataram, mein Land, mein goldnes Land, all dies Gold ist für dich, für niemanden sonst!

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