2016년 7월 29일 금요일

Das Heim und die Welt 30

Das Heim und die Welt 30


Es müssen zwei verschiedene Wesen im Menschen sein. Das eine in mir
sieht ein, daß Sandip versucht, mich zu täuschen; das andre will sich
gern täuschen lassen. Sandip hat Kraft, aber keine sittliche Stärke.
Dieselbe Gewalt, mit der er das Leben aufrüttelt, zerschmettert es auch
wieder. Seine Pfeile verfehlen nie ihr Ziel, wie die der Götter, aber
sie sind giftig wie die der bösen Geister.
 
Sandips Taschentuch war nicht groß genug, um all die Goldstücke zu
fassen. »Königin,« fragte er, »können Sie mir noch ein anderes geben?«
 
Als ich ihm meines gab, führte er es ehrfurchtsvoll an seine Stirn, und
dann kniete er plötzlich vor mir nieder. »Göttin!« rief er, »ich wollte
Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen, als ich mich Ihnen nahte, aber Sie
stießen mich zurück und warfen mich in den Staub. Sei es denn, ich nehme
Ihre Zurückweisung als ein Diadem, womit ich meine Stirn schmücke.« Und
damit wies er auf die Stelle, wo er sich im Fallen verletzt hatte.
 
Hatte ich ihn denn falsch verstanden? War es möglich, daß seine
ausgestreckten Hände wirklich meine Füße berühren wollten? Aber es war
sicher, daß selbst Amulja auch die Leidenschaft gesehen hatte, die aus
seinen Augen, aus seinem Antlitz glühte. Doch Sandip ist solch ein
Meister in der Kunst, seinen Lobgesang in Musik zu setzen, daß meine
Vernunft schweigt; ich verliere die Kraft, die Wahrheit zu sehen; mein
Blick ist umnebelt wie der des Opiumessers. Und so gab er mir
schließlich den Schlag, den ich ihm erteilt hatte, viel empfindlicher
zurück, denn die Wunde an seiner Stirn machte mein Herz bluten. Als
Sandip sich wieder erhob, war es mir als hätte mein Diebstahl eine Würde
bekommen und als lächelte das Gold, das auf dem Tisch glänzte, alle
Furcht vor Schande, alle Gewissensbisse hinweg.
 
Wie ich war auch Amulja wiedergewonnen. Seine Liebe zu Sandip, die einen
Augenblick einen Stoß erlitten hatte, flammte von neuem auf. Und der
Altar seiner Seele füllte sich aufs neue mit Opfergaben für Sandip und
mich. Sein kindlicher Glaube leuchtete wie das reine Licht des
Morgensterns aus seinen Augen.
 
Und nun lohte auch die Flamme meiner Sünde wieder hell auf. Als Amulja
mir ins Antlitz sah, erhob er die gefalteten Hände zum Gruß und rief:
»Bande Mataram!« Ich kann nicht erwarten, daß mich immer solche
Verehrung umgibt, und doch ist sie das einzige Mittel, meine
Selbstachtung am Leben zu erhalten.
 
Ich kann mein Schlafzimmer nicht mehr betreten. Es ist mir, als ob die
Bettstelle abwehrend eine Hand gegen mich ausstreckte, als ob der
eiserne Geldschrank mich stirnrunzelnd anblickte. Ich möchte diesem
beständigen Vorwurf, der mich quält, entrinnen. Ich möchte immer wieder
zu Sandip laufen, um ihn mein Lob singen zu hören. Es ist ja nur dieser
eine kleine Altar da, der aus den alles überspülenden Fluten meiner
Schande hervorragt, daher möchte ich mich Tag und Nacht an ihn klammern;
denn, wohin ich sonst treten will, ist ringsum Leere.
 
Lob, Lob, ich brauche unaufhörliches Lob. Ich kann nicht leben, wenn
mein Becher einen einzigen Augenblick leer bleibt. Daher brauche ich
heute von allem auf der Welt Sandip, als den einzigen Wert meines
Lebens.
 
 
XVII
 
Es ist mir jetzt unmöglich, mich zu meinem Gatten zu setzen, wenn er zu
seinen Mahlzeiten hereinkommt. Und doch empfinde ich es als eine solche
Schande, ihn allein zu lassen, daß ich das auch nicht fertig bringe.
Daher setze ich mich so hin, daß wir einander nicht ins Gesicht sehen
können. So saß ich neulich, als die Bara Rani hereinkam und sich zu uns
setzte.
 
»Es ist alles ganz schön und gut, Bruder, wenn du über diese Drohbriefe
lachst«, sagte sie. »Aber mich beunruhigen sie doch sehr. Hast du das
Geld, das du mir gabst, auf die Bank nach Kalkutta geschickt?«
 
»Nein, ich habe noch keine Zeit gehabt, es zu besorgen«, erwiderte mein
Gatte.
 
»Du bist so sorglos, lieber Bruder, du solltest lieber vorsichtig
sein...«
 
»Aber es ist im Ankleidezimmer da drinnen, in dem eisernen Geldschrank«,
sagte mein Gatte mit einem beruhigenden Lächeln.
 
»Wenn sie aber da hineinkommen? Man kann nie wissen!«
 
»Wenn sie bis dahin kommen, so können sie ebenso gut dich auch
forttragen!«
 
»Hab' keine Angst, an meiner armen Person vergreift sich niemand. Der
wahre Anziehungspunkt ist in deinem Zimmer! Aber Scherz beiseite, du
solltest es nicht wagen, Geld so im Zimmer aufzubewahren.«
 
»In ein paar Tagen werden die Regierungseinkünfte nach Kalkutta
gebracht. Dann schicke ich das Geld unter demselben Schutz zur Bank.«
 
»Gut. Aber vergiß es nur nicht ganz, du bist so zerstreut.«
 
»Selbst wenn das Geld verloren ginge, solange es in meinem Zimmer ist,
würde der Verlust doch nicht dich treffen, Schwester Rani.«
 
»Nun machst du mich aber böse, Bruder, wenn du so redest. Als ob ich
mich nur beunruhigte, weil das Geld mir gehört! Wenn du dein Geld
verlierst, glaubst du, daß mir das gleichgültig ist? Wenn das Schicksal
mir auch alles genommen hat, so hat es mich doch nicht gefühllos
gemacht für den Wert des treuesten Bruders, den es seit Lakschmans[35]
Zeiten her gegeben hat.«
 
»Nun, Tschota Rani, bist du zu Stein geworden? Du hast noch kein Wort
gesagt. Weißt du, Bruder, unsre Tschota Rani glaubt, ich wolle dir nur
schmeicheln. Wenn es darauf ankäme, würde ich es schon tun, aber ich
weiß, daß es bei meinem lieben alten Bruder nicht nötig ist.«
 
So plauderte die Bara Rani weiter und vergaß dabei nicht, ihren Bruder
auf diesen oder jenen Leckerbissen unter den Gerichten, die serviert
wurden, aufmerksam zu machen. Mein Kopf war die ganze Zeit in einem
Wirbel. Die Krisis nahte schnell. Das Geld mußte irgendwie wieder an
seinen Platz gebracht werden. Und während ich mein Hirn zermarterte, was
geschehen könne und wie es geschehen könne, wurde mir das unaufhörliche
Schwatzen meiner Schwägerin immer unerträglicher.
 
Und was alles noch schlimmer machte, war, daß nichts dem scharfen Blick
meiner Schwägerin entgehen konnte. Immer wieder sah sie mich prüfend von
der Seite an. Was sie auf meinem Gesicht lesen konnte, weiß ich nicht,
aber es war mir, als ob alles nur zu deutlich darauf geschrieben stände.
 
 
Dann tat ich etwas ganz Tollkühnes. Ich zwang mich zu einem leichten,
belustigten Lachen und sagte: »Ich sehe schon, daß der ganze Verdacht
der Bara Rani auf mich geht -- ihre Furcht vor Dieben und Räubern ist
nur Verstellung.«
 
Die Bara Rani lächelte boshaft. »Du hast recht, Schwester. Der Diebstahl
einer Frau ist der verhängnisvollste von allen Diebstählen. Aber wie
kannst du meiner Wachsamkeit entgehen? Bin ich ein Mann, daß du mich
täuschen könntest?«
 
»Wenn du mich so fürchtest,« entgegnete ich, »so laß mich dir alles, was
ich besitze, als Sicherheitspfand zur Aufbewahrung geben. Wenn du dann
etwas durch mich verlierst, so kannst du dich schadlos halten.«
 
»Nun höre einmal die kleine Einfalt«, wandte sie sich lachend an meinen
Gatten. »Weiß sie denn nicht, daß es Verluste gibt, die sich nicht
ersetzen lassen, weder in dieser Welt noch in einer andern?«
 
Mein Gatte mischte sich nicht in unser Wortgeplänkel. Als er fertig
war, ging er nach den äußern Gemächern, denn jetzt hält er seine
Mittagsruhe nicht mehr in unserm Zimmer.
 
Alle meine wertvolleren Juwelen waren auf dem Schatzamt in der Obhut des
Schatzmeisters. Doch auch das, was ich bei mir hatte, mußte noch
dreißig- bis vierzigtausend Rupien wert sein. Ich nahm meinen
Schmuckkasten und brachte ihn der Bara Rani. »Ich lasse diese Juwelen
bei dir, Schwester«, sagte ich, ihr den geöffneten Kasten hinhaltend.
»Dann brauchst du dir keine Sorge zu machen.«
 
Die Bara Rani machte eine Bewegung, als wollte sie sagen, daß ich sie
zur Verzweiflung brächte. »Ich weiß gar nicht, was ich von dir denken
soll, Tschota Rani«, sagte sie. »Glaubst du denn im Ernst, ich habe
schlaflose Nächte aus Angst, daß du mich beraubst?«
 
»Was wäre Schlimmes dabei, wenn du mir mißtrautest? Kann denn irgend
jemand sagen, daß er irgend jemand in dieser Welt kenne?«
 
»Du willst mich beschämen, indem du mir Vertrauen schenkst? Nein, nein!
Ich habe schon genug mit meinen eignen Schmucksachen zu hüten, ohne auch
noch die deinen zu bewachen. Komm, sei vernünftig und nimm sie weg, es
schnüffeln soviel Dienstboten herum.«
 
Ich ging aus dem Zimmer meiner Schwägerin geradeswegs nach dem
Wohnzimmer draußen und ließ Amulja rufen. Mit ihm kam auch Sandip. Ich
war in großer Hast und sagte zu Sandip: »Entschuldigen Sie, aber ich muß
ein paar Worte mit Amulja reden. Möchten Sie...«
 
Sandip lächelte verägert. »Also ich gehöre nicht dazu, wenn Sie mit
Amulja sprechen? Wenn Sie sich vorgenommen haben, ihn mir abspenstig zu
machen, so muß ich mich wohl ohne weiteres darein ergeben, da ich dann
doch keine Macht habe, ihn zurückzuhalten.«
 
Ich antwortete nicht, sondern wartete schweigend, daß er ginge.
 
»Gut denn«, fuhr Sandip fort. »Haben Sie Ihr tête-à-tête mit Amulja!
Aber danach müssen Sie mir auch eins gewähren, sonst würde es eine
Zurücksetzung für mich bedeuten. Ich kann alles ertragen, nur keine
Zurücksetzung. Ich muß immer den Löwenanteil haben. Deswegen bin ich ja
fortwährend mit der Vorsehung im Streit. Auch von ihr kann ich mir keine
Zurücksetzung gefallen lassen.«
 
Mit einem vernichtenden Blick auf Amulja verließ Sandip das Zimmer.
 
»Amulja, mein lieber, guter kleiner Bruder, du mußt etwas für mich tun«,
sagte ich.
 
»Was Sie mir auch auferlegen, Schwester, dafür werde ich mein Leben
einsetzen.«
 
Ich zog den Schmuckkasten aus den Falten meines Schals hervor und
stellte ihn vor ihn hin. »Verkaufe oder verpfände dies,« sagte ich, »und
verschaffe mir 6000 Rupien, so schnell du nur kannst!«
 
»Nein, nein, Schwester Rani«, sagte Amulja, aufs tiefste betroffen.
»Behalten Sie diese Juwelen! Ich werde Ihnen auch so 6000 verschaffen.«
 
»O, sei nicht töricht«, rief ich ungeduldig. »Es ist keine Zeit für
irgendwelche Phantastereien. Nimm diesen Kasten, fahre mit dem Nachtzuge
nach Kalkutta und bringe mir das Geld bestimmt bis übermorgen!«
 
Amulja nahm ein Diamanthalsband aus dem Kasten, hielt es hoch gegen das
Licht und legte es finster brütend wieder zurück.
 
»Ich weiß,« sagte ich zu ihm, »daß du niemals den richtigen Preis für
diese Diamanten bekommen wirst, daher gebe ich dir Schmucksachen im
Werte von ungefähr 30000. Es macht nichts, wenn sie alle draufgehen,
aber ich muß unbedingt die sechstausend haben.«
 
»Wissen Sie, Schwester Rani,« sagte Amulja, »daß ich mit Sandip Babu
einen Streit hatte wegen der 6000 Rupien, die er von Ihnen angenommen
hat? Ich kann Ihnen nicht sagen, wie beschämend mir die Sache war. Aber
Sandip Babu behauptete, wir müßten selbst unser Schamgefühl dem
Vaterlande opfern. Das mag wohl sein. Aber hiermit ist es doch anders.
Ich fürchte mich nicht, für das Vaterland zu sterben, für das Vaterland
zu töten, -- soviel Schakti-Kraft ist mir verliehen. Aber ich kann die
Scham nicht überwinden, daß ich von Ihnen Geld genommen habe. Darin ist
Sandip mir voraus. Er hat keine Reue und Gewissensbisse. Er sagt, wir
müssen uns von der Idee freimachen, daß das Geld demjenigen gehöre, in
dessen Kasten es zufällig ist, -- wenn wir das nicht können, wo bleibt da die Zauberkraft des Bande Mataram?

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