Das Heim und die Welt 34
Der ganze Tag verging in der Unruhe, die die Untersuchung brachte. Ich
war ganz erschöpft, als ich mich abends zur Ruhe begab. Ich war noch
nicht dazugekommen, das Geld meiner Schwägerin nach dem Schatzamt zu
schicken, und verschob es bis zum nächsten Morgen.
Mitten in der Nacht wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel. Ich glaubte,
irgendwo ein Stöhnen zu hören. Jemand mußte aufgeschrien haben.
Tränenschweres Schluchzen erklang wie Windstöße durch die Regennacht.
Mir war es, als ob der Schrei mitten aus meinem Zimmer gekommen wäre.
Doch ich war allein. Bimala hatte seit einigen Tagen ihr Bett in einem
andern Zimmer neben dem meinen. Ich stand auf, und als ich hinausging,
fand ich sie auf dem Balkon ausgestreckt mit dem Gesicht auf dem
nackten Boden.
Was ich jetzt erlebte, läßt sich nicht mit Worten sagen. Nur er weiß es,
der im Herzen der Welt sitzt und all ihr Weh in seinem eignen Herzen
fühlt. Der Himmel ist stumm, die Sterne schweigen, still liegt die Nacht
da, und inmitten von all diesem lautlosen Schweigen der eine
verzweifelte Schrei!
Wir geben solchem Leid Namen, gute oder schlechte, je nachdem wie es die
Wissenschaft einreiht, aber hat diese Todesangst, die aus einem
zerrissenen Herzen aufsteigt und sich in das bodenlose Dunkel ergießt,
überhaupt einen Namen? Als ich in jener Nacht unter dem schweigenden
Sternenhimmel auf jene Gestalt herabsah, erbebte meine Seele in heiliger
Scheu, und ich sagte zu mir selbst: »Wer bin ich, daß ich sie richten
sollte?« O Leben, o Tod, o Gott des ewigen Seins, ich beuge mein Haupt
in Schweigen dem Geheimnis, das in dir ist.
Einen Augenblick schwankte ich, ob ich umkehren sollte. Aber ich konnte
es nicht. Ich kniete neben Bimala nieder und legte meine Hand auf ihren
Kopf. Bei der ersten Berührung war es, als ob ihr ganzer Körper
erstarrte, aber im nächsten Augenblick löste sich die Starrheit, und die
Tränen brachen hervor. Ich strich sanft mit den Fingern über ihre Stirn.
Plötzlich tasteten ihre Hände nach meinen Füßen, sie zog sie zu sich
heran und preßte sie mit solcher Gewalt gegen ihre Brust, daß ich
dachte, ihr Herz würde brechen.
BIMALAS ERZÄHLUNG
XVIII
Amulja sollte heute morgen von Kalkutta zurückkehren. Ich hatte die
Dienstboten beauftragt, mich sofort zu benachrichtigen, wenn er ankäme,
aber ich hatte nirgends Ruhe. Endlich ging ich hinaus, um draußen im
Wohnzimmer auf ihn zu warten.
Als ich ihn ausschickte, um die Schmucksachen zu verkaufen, muß ich nur
an mich gedacht haben. Es kam mir gar nicht in den Sinn, daß ein so
junger Bursche, wenn er versuchte, solche wertvollen Juwelen zu
verkaufen, leicht in Verdacht geraten könnte. So hilflos sind wir
Frauen, daß wir, sobald Gefahr droht, die Last auf andre abschieben
müssen. Wenn wir ins Verderben geraten, so ziehen wir die, die uns
umgeben, mit hinab.
Ich hatte stolz gesagt, ich wolle Amulja retten, -- als ob ein
Ertrinkender andre retten könnte! Statt ihn zu retten, habe ich ihn in
sein Verhängnis geschickt. Mein lieber Bruder, eine solche Schwester bin
ich dir gewesen, daß der Tod an jenem Brudertag gelächelt haben muß, als
ich dir meinen Segen gab, -- ich, die unter der Last ihrer eigenen
Schuld zusammenbricht!
Ich fühle heute, daß der Mensch mitunter von dem Bösen wie von einer
Seuche befallen wird. Irgendein Keim fällt irgendwo hinein, und noch in
derselben Nacht naht mit großen Schritten der Tod.
Warum entfernt man solchen Kranken nicht von den übrigen Menschen? Ich
habe an mir selber erfahren, wie entsetzlich die Ansteckung ist, -- wie
eine glühende Fackel, die nach allen Seiten auszüngelt, um die Welt in
Flammen zu setzen.
Es schlug neun. Ich konnte den Gedanken nicht loswerden, daß Amulja in
Gefahr sei, daß er der Polizei in die Hände gefallen sei. Es herrscht
gewiß große Aufregung auf dem Polizeiamt: Wem gehören die Schmucksachen?
Wie hat er sie bekommen? Und schließlich werde ich öffentlich vor aller
Welt auf diese Fragen Antwort geben müssen.
Was für eine Antwort soll das sein? Endlich ist dein Tag gekommen, Bara
Rani, nachdem ich dich so lange verachtet habe. Dir wird deine Rache
werden, wenn das Publikum mich mit verächtlichen Blicken mustert. O
Gott, rette mich nur diesmal, und ich will all meinen Stolz meiner
Schwägerin zu Füßen werfen!
Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich ging geradewegs zu der Bara
Rani. Sie war auf der Veranda und würzte ihre Betelblätter. Thako war
bei ihr.
Beim Anblick Thakos wich ich einen Augenblick zurück, aber dann bezwang
ich mich, neigte mich tief vor meiner älteren Schwägerin und berührte
ehrfurchtsvoll ihre Füße.
»Du meine Güte, Tschota Rani,« rief sie aus, »was kommt dir denn in den
Sinn? Warum plötzlich diese Ehrfurcht?«
»Es ist mein Geburtstag heute, Schwester«, sagte ich. »Ich habe dich oft
gekränkt. Gib mir heute deinen Segen, daß ich es nie wieder tun möge!
Mein Wille ist so schwach.« Ich neigte mich noch einmal und ging eilig
fort, aber sie rief mich zurück.
»Du hast mir nie gesagt, daß heute dein Geburtstag ist, liebe Tschotie!
Komm doch heute nachmittag zum Tee zu mir. Das mußt du auf jeden Fall
tun!«
O Gott, laß es heute wirklich meinen Geburtstag sein! Kann ich nicht
noch einmal geboren werden? Reinige mich, mein Gott, und läutre mich und
versuche es noch einmal mit mir!
Ich ging wieder ins Wohnzimmer, wo ich Sandip fand. Es war, als ob ein
Gefühl von Ekel mir das Blut vergiftete. Das Gesicht, das ich im
Morgenlicht vor mir sah, hatte nichts von dem Zauberglanz des Genius.
»Verlassen Sie das Zimmer!« stieß ich hervor.
Sandip lächelte. »Da Amulja nicht hier ist,« bemerkte er, »sollte ich
meinen, ich sei jetzt an der Reihe, ein tête-à-tête mit Ihnen zu haben.«
Jetzt rächte sich meine Schuld. Wie konnte ich ihm das Recht wieder
nehmen, das ich ihm selbst gegeben hatte? »Ich möchte allein sein«,
wiederholte ich.
»Königin,« sagte er, »die Gegenwart eines andern hindert nicht, daß Sie
allein sind. Verwechseln Sie mich nicht mit jedem Beliebigen! Ich,
Sandip, bin immer allein, selbst wenn ich von Tausenden umgeben bin.«
»Bitte, kommen Sie zu einer andern Zeit! Heute morgen...«
»Warten Sie auf Amulja?«
Ich wandte mich zornig ab und wollte aus dem Zimmer gehen, als Sandip
aus den Falten seines Mantels meinen Schmuckkasten hervorzog und ihn
heftig auf den Marmortisch setzte. Ich war aufs höchste bestürzt. »Ist
denn Amulja nicht fort?« rief ich aus.
»Fort, wohin?«
»Nach Kalkutta?«
»Nein«, frohlockte Sandip.
O, so hatte mein Segen doch gewirkt. Er war gerettet. Mag nun Gottes
Strafe mich, die Diebin, treffen, wenn nur Amulja gerettet ist!
Der Wechsel im Ausdruck meines Gesichts reizte Sandip. »So erfreut,
Königin?« fragte er höhnisch. »Sind diese Schmucksachen so kostbar? Wie
konnten Sie sich denn dazu entschließen, sie der Göttin zu opfern? Denn
Sie haben sie ihr tatsächlich geopfert. Wollten Sie ihre Gabe nun
zurücknehmen?«
Der Stolz stirbt schwer und erhebt noch bis zum letzten Augenblick immer
wieder seine Krallen. Ich fühlte, ich mußte Sandip zeigen, daß der
Verlust der Schmucksachen mir vollständig gleichgültig war. »Wenn sie
Ihre Begierde erregt haben,« sagte ich, »so können Sie sie nehmen.«
»Meine Begierde umfaßt heute den Reichtum ganz Bengalens«, erwiderte
Sandip. »Gibt es eine größere Kraft als die Begierde? Sie ist das Roß
der Großen dieser Erde, wie der Elefant Airavat das Roß Indras. Diese
Juwelen gehören also mir?«
Als Sandip den Kasten nahm und wieder unter seinen Mantel barg, stürzte
Amulja herein. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, seine Lippen waren
trocken, sein Haar wirr; es war, als ob die Blüte seiner Jugend in einem
einzigen Tage verwelkt sei. Sein Anblick schnitt mir durch die Seele.
»Meinen Kasten!« rief er und stürzte geradewegs auf Sandip zu, ohne mich
anzusehen. »Haben Sie den Schmuckkasten aus meinem Koffer genommen?«
»Deinen Schmuckkasten?« fragte Sandip spöttisch.
»Es war mein Koffer!«
Sandip lachte auf. »Deine Unterscheidung zwischen mein und dein wird
etwas schwach, Amulja«, rief er. »Doch ich sehe, du wirst trotzdem als
frommer Priester sterben.«
Amulja sank auf den Stuhl und barg das Gesicht in den Händen. Ich trat
zu ihm und legte meine Hand auf seinen Kopf. »Was fehlt dir, Amulja?«
fragte ich.
Er sprang auf. »O Schwester Rani,« rief er, »ich wollte Ihnen so gern
selbst die Juwelen zurückgeben. Das wußte Sandip Babu, und nun ist er
mir zuvorgekommen.«
»Was liegt mir an den Juwelen?« sagte ich. »Laß ihn sie nehmen! Das
macht nichts.«
»Nehmen?« fragte er ganz verständnislos.
»Die Juwelen sind mein«, sagte Sandip. »Es sind die Insignien, die meine
Königin mir verliehen hat.«
»Nein, nein, nein!« rief Amulja leidenschaftlich. »Niemals, Schwester
Rani! Ich habe sie Ihnen zurückgebracht. Sie dürfen sie niemandem anders
geben.«
»Ich nehme deine Gabe an, mein kleiner Bruder«, sagte ich. »Aber laß
den, der Verlangen danach hat, seine Begierde befriedigen!«
Amulja funkelte Sandip Babu an wie ein Raubtier und stieß heiser hervor:
»Hören Sie, Sandip Babu, Sie wissen, daß selbst der Galgen mich nicht
schreckt. Wenn Sie sich unterstehen, diesen Schmuckkasten
wegzunehmen...«
Sandip lachte gezwungen und sagte: »Du solltest mittlerweile wissen,
Amulja, daß ich nicht der Mann bin, der sich vor dir fürchtet.«
»Bienenkönigin,« fuhr er dann zu mir gewandt fort, »ich bin heute nicht
hierher gekommen, um Ihnen die Schmucksachen zu nehmen, sondern um sie
Ihnen zu geben. Sie hätten unrecht getan, wenn Sie meine Gabe aus
Amuljas Händen angenommen hätten. Um dies zu verhindern, mußte ich mich
erst ihres Besitzes versichern. Nun nehmen Sie hier diese meine Juwelen
als eine Gabe von mir. Da sind sie! Verschwören Sie sich mit diesem
Burschen, soviel Sie wollen! Ich muß fort. Sie haben alle diese Tage
Ihre besonderen Gespräche gehabt, von denen ich nichts wissen sollte.
Wenn jetzt besondere Ereignisse kommen sollten, so geben Sie mir nicht die Schuld!
댓글 없음:
댓글 쓰기