2016년 7월 29일 금요일

Das Heim und die Welt 36

Das Heim und die Welt 36


Sandip mußte die kommende Niederlage schon vorausspüren, und so
schwatzte er, um Zeit zu gewinnen, in einem fort, ohne eine Antwort
abzuwarten. Ich glaube, er wußte, daß ich den Boten nach Amulja
geschickt, dessen Namen der Mann sicher erwähnt hatte. Trotzdem brauchte
er absichtlich diesen Kunstgriff. Er wollte mir nicht Zeit lassen, ihm
zu sagen, daß ich Amulja und nicht ihn hätte sprechen wollen. Aber seine
Kriegslist war umsonst, denn sie zeigte nur seine Schwäche. Ich durfte
keinen Fußbreit von dem Boden weichen, den ich gewonnen hatte.
 
»Sandip Babu,« sagte ich, »ich bewundere, wie Sie so endlose Reden
halten können, ohne steckenzubleiben. Lernen Sie sie vorher auswendig?«
 
Ihm schoß das Blut ins Gesicht.
 
»Ich habe gehört,« fuhr ich fort, »daß unsre Redner von Beruf ein Buch
mit allen möglichen fertigen Reden haben, die sie sich dann für jede
beliebige Gelegenheit zurechtmachen können. Haben Sie auch solch Buch?«
 
 
Sandip knirschte seine Antwort zwischen den Zähnen hervor. »Die Natur
hat euch Frauen eine Menge Reize als Ausstattung mitgegeben, und darüber
hinaus habt ihr noch die Hilfe der Putzmacherin und des Juweliers; aber
glauben Sie nur nicht, daß wir Männer ganz ohne Waffen sind...«
 
»Sie täten besser, Ihr Buch noch einmal anzusehen, Sandip Babu. Sie
bringen alles durcheinander. Das kommt davon, wenn man die Dinge
auswendig lernt.«
 
»Sie!« stieß Sandip hervor, der nun alle Herrschaft über sich verlor.
»Haben Sie ein Recht, mich zu beschimpfen? Sie, die ich bis in die
kleinste Faser ihres Wesens kenne? Was...« Er konnte nicht
weitersprechen.
 
Sandip, dieser gewaltige Zauberer, ist vollständig hilflos, sobald sein
Zauber nicht wirken will. Von der Höhe seines stolzen Königtums war er
plötzlich auf die Stufe eines rohen Bauern gesunken. O, die Freude, ihn
so schwach zu sehen! Je beleidigender er in seiner Roheit wurde, je
stärker wallte diese Freude in mir auf. Seine Schlangenwindungen, mit
denen er mich umstrickte, versagen den Dienst, -- ich bin frei. Ich bin
gerettet, gerettet! Beleidige mich, beschimpfe mich, zeige dich in
deiner wahren Gestalt; nur verschone mich mit deinen falschen
Lobeshymnen!
 
In diesem Augenblick trat mein Gatte ein. Sandip hatte nicht die
Elastizität, sich wie sonst in einem Nu zusammenzuraffen. Mein Gatte sah
ihn eine Weile überrascht an. Wäre dies ein paar Tage früher gewesen, so
hätte ich mich geschämt. Aber nun war es mir gerade recht, was auch mein
Gatte denken mochte. Ich wollte meinem geschwächten Gegner den
entscheidenden Schlag versetzen.
 
Als mein Gatte uns beide in befangenem Schweigen verharren sah, zögerte
er erst ein wenig, dann setzte er sich. »Sandip,« sagte er, »ich suchte
dich und hörte, daß du hier seiest.«
 
»Allerdings bin ich hier«, sagte Sandip mit Nachdruck. »Die
Bienenkönigin ließ mich heute morgen rufen. Und ich, als ihr gehorsamer
Arbeiter im Stock, ließ alles liegen und folgte ihrem Ruf.«
 
»Ich fahre morgen nach Kalkutta. Du wirst mich begleiten.«
 
»Und warum, wenn ich fragen darf? Gehöre ich zu deinem Gefolge?«
 
»Nun gut, sagen wir, du reist nach Kalkutta und ich begleite dich.«
 
»Ich habe dort nichts zu tun.«
 
»Um so mehr Grund, daß du reisest. Du hast hier zuviel zu tun.«
 
»Ich werde mich nicht von der Stelle rühren.«
 
»So werde ich Gewalt brauchen.«
 
»Gut, so werde ich gehen. Aber die Welt besteht nicht nur aus Kalkutta
und deinen Besitzungen. Es gibt noch andere Orte auf der Landkarte.«
 
»Nach deinem bisherigen Verhalten hätte man kaum glauben sollen, daß es
außerhalb meiner Besitzungen noch einen Platz in der Welt gäbe.«
 
Sandip erhob sich. »Es kommt bisweilen vor,« sagte er, »daß ein einziger
Ort einem Menschen eine ganze Welt bedeutet. Mir bedeutete dieses
Zimmer die Welt, darum war ich hier wie festgewachsen.«
 
Dann wandte er sich nach mir hin. »Niemand als Sie, Bienenkönigin, wird
meine Worte verstehen, -- vielleicht nicht einmal Sie. Ich grüße Sie.
Mit Anbetung im Herzen verlasse ich Sie. Mein Losungswort ist ein andres
geworden, seit ich Sie gesehen. Es lautet nicht mehr Bande Mataram, Heil
dir, Mutter, sondern: Heil dir, Geliebte, Heil dir, Zauberin! Die Mutter
verleiht uns ihren Schutz, die Geliebte reißt uns zum Untergang, -- aber
dieser Untergang ist süß. Du rufst den Tod, Geliebte, und er naht mit
tanzenden Schritten, und mein Herz jauchzt beim Klirren seiner
Fußspangen. Du hast mir, deinem Diener, das Bild gewandelt, das ich von
unserm Bengalen hatte, -- dem Land der sanften Brise, des klaren
Wassers und der süßen Früchte[38]. Du hast kein Mitleid, meine
Geliebte. Du kommst zu mir mit deinem Giftbecher, und ich werde ihn bis
auf den letzten Tropfen leeren, um in Todesangst zu vergehen oder über
den Tod zu triumphieren.«
 
»Ja,« fuhr er fort. »Der Tag der Mutter ist vorbei. O Geliebte, meine
Geliebte, was gilt mir neben dir Wahrheit und Recht und selbst der
Himmel! Alle Pflichten sind zu Schatten geworden, alle Regeln und
Gesetze haben ihre Riegel gesprengt. O Geliebte, meine Geliebte, ich
könnte die ganze Welt in Flammen setzen bis auf das Stück Land, worauf
du deine kleinen Füße setztest, und dann in rasender Lust über die Asche
hintanzen... Ach, diese Menschen mit ihrer Sanftmut und Güte! Sie
möchten allen Gutes tun, -- als ob dies alles Wirklichkeit wäre! Nein,
nein! Es gibt keine Wirklichkeit in der Welt als diese meine Liebe. Ich
neige mich vor dir. Meine Hingebung an dich hat mich grausam gemacht,
meine glühende Verehrung für dich hat die Flamme der Zerstörung in mir
entzündet. Ich bin nicht gerecht. Ich habe keinen Glauben, ich glaube
nur an sie, die sich mir allein in der Welt offenbart hat.«
 
Wunderbar! Noch vor einem Augenblick hatte ich diesen Menschen aus
tiefstem Herzen verachtet. Aber was ich für tote Asche gehalten hatte,
erwachte jetzt wieder zu lebendiger Glut. Das Feuer in ihm war echt,
daran war kein Zweifel. Ach, warum hat Gott den Menschen so zwiespältig
geschaffen? Wollte er nur seine göttliche Kunst zeigen? Noch vor wenigen
Minuten hatte ich gedacht, daß Sandip, den ich einst für einen Helden
gehalten hatte, nur ein armseliger Theaterheld sei. Aber auch darin
hatte ich nicht recht. Denn selbst unter dem Flitterkram des Theaters
kann sich zuweilen ein wahrer Held verbergen.
 
Es ist sehr viel Roheit, Sinnlichkeit und Lüge in Sandip, und seine
Seele ist mit mancher Lage von irdischen Stoffen bedeckt. Dennoch müssen
wir zugeben, daß in seiner innersten Tiefe vieles verborgen ist, was wir
nicht verstehen und nicht verstehen können, -- wie ja auch vieles in uns
selbst uns ein Rätsel bleibt. Ein wunderbares Wesen ist doch der Mensch!
Welchem großen, geheimnisvollen Zweck er dient, das weiß nur der große
Furchtbare[39], während wir unter der Last stöhnen. Schiva wird das
Chaos lichten. Er ist eitel Freude. Er wird unsre Bande zerbrechen.
 
Ich fühle immer wieder, wie zwei Wesen in mir sind. Das eine weicht vor
Sandip zurück, wenn er mir wie das Chaos selbst entgegentritt, das andre
wird gerade dadurch unwiderstehlich angezogen. Das sinkende Schiff zieht
alle, die es umschwimmen, in die Tiefe. Sandip ist solch eine
vernichtende Kraft. Seine ungeheure Anziehungskraft ergreift uns, bevor
Furcht uns warnt, und in einem Augenblick werden wir widerstandslos
hinabgezogen, fort von allem Licht, von allem Guten, von Luft und
Freiheit, von allem, was uns lieb und teuer war, -- hinab in den Abgrund
der Vernichtung.
 
Sandip ist als Bote gekommen aus einem fernen Reiche des Unheils, und
wie er über das Land schreitet und unheilige Zaubersprüche murmelt,
scharen sich alle Knaben und Jünglinge um ihn. Die Mutter sitzt im
Lotusherzen des Landes und wehklagt laut, denn sie haben ihre
Vorratskammer erbrochen, um dort ihr trunkenes Gelage zu halten. Ihre
Weinernte für den Trank der Unsterblichen schütten sie in den Staub;
ihre altehrwürdigen Geräte zertrümmern sie. Wohl fühle ich ihr Leid,
doch zugleich werde auch ich von dem Rausch mit fortgerissen.
 
Die Wahrheit selbst hat uns diese Versuchung geschickt, um unsre Treue
gegen ihre Gebote zu prüfen. Die Trunkenheit verkleidet sich in
himmlisches Gewand und tanzt vor den Pilgern her. »Ihr Narren,« ruft
sie, »die ihr den unfruchtbaren Weg der Entsagung geht! Er ist lang und
die Zeit vergeht euch langsam, wenn ihr ihn wandelt. Daher hat mich der
Schleuderer des Donnerkeils zu euch geschickt. Seht her! Ich, die
Schönheit, die Leidenschaft, rufe euch zu mir, -- in meiner Umarmung
sollt ihr Erfüllung finden.«
 
Nach einer Pause wandte Sandip sich noch einmal an mich. »Göttin, die
Zeit ist gekommen, wo ich dich verlassen muß. Es ist gut so. Deine Nähe
hat ihre Wirkung getan. Wenn ich noch länger säumte, würde sie
allmählich wieder aufgehoben. Wir verlieren alles, wenn wir in unsrer
unersättlichen Begierde das gemein machen wollen, was das Höchste auf
Erden ist. Was ewig ist im Augenblick, wird schal, wenn wir es in der
Zeit ausbreiten. Wir waren im Begriff, unsern unendlichen Augenblick zu
verderben, als du deinen Donnerkeil erhobst, der ihm zu Hilfe kam. Du
selbst rettetest die Reinheit deines Gottesdienstes und damit zugleich
auch deinen Priester. Um deines Gottesdienstes willen scheide ich heute.
Ja, Göttin, auch ich gebe dich heute frei. Mein irdischer Tempel konnte
dich nicht mehr fassen; er drohte jeden Augenblick zu bersten. Ich
scheide heute, um in einem größern Tempel dein größeres Ebenbild
anzubeten. Erst wenn ich fern von dir bin, wirst du wahrhaft mein
werden. Hier empfing ich nur deine Gunst, dort wird mir deine Gnade
zuteil werden.«
 
Mein Schmuckkasten stand noch auf dem Tisch. Ich hob ihn auf und sagte:
»Bringen Sie diese Juwelen der Gottheit, der ich diene, und opfern Sie
sie ihr in meinem Namen!«
 
Mein Gatte verharrte in Schweigen. Sandip verließ das Zimmer.
 
 
XXI
 
Ich hatte eben angefangen, ein paar Kuchen für Amulja zu backen, als die
Bara Rani erschien. »O Himmel,« rief sie aus, »ist es dahin gekommen,
daß du dir die Kuchen zu deinem Geburtstag selbst backen mußt?«
 
»Könnte ich sie nicht für jemand anders backen?« fragte ich.
 
»Aber an solchen Tagen solltest du nicht andre festlich bewirten,
sondern wir dich. Ich wollte gerade etwas Leckeres für dich
zubereiten[40], als ich die schreckliche Nachricht hörte, die mich ganz
aus der Fassung gebracht. Eine Schar von fünf- bis sechshundert Banditen
sollen in eins unsrer Schatzhäuser eingebrochen sein und sich mit 6000
Rupien davongemacht haben. Man erwartet, daß sie demnächst unser Haus
plündern werden.«
 
Ich war in hohem Grade erleichtert. So war es also doch unser eignes
Geld. Ich hätte am liebsten gleich Amulja rufen lassen, um ihm zu sagen,
daß er die Banknoten nur meinem Gatten einzuhändigen brauchte und die
Erklärung mir überlassen könnte.
 
»Du bist wirklich ein wunderliches Geschöpf!« rief meine Schwägerin aus,
als sie den Wechsel im Ausdruck meines Gesichts sah. »Kennst du denn gar
nicht so etwas wie Furcht?«
 
»Ich glaube nicht daran«, sagte ich. »Warum sollten sie unser Haus
plündern?«
 
»Du glaubst nicht daran, wahrhaftig! Wer hätte denn geglaubt, daß sie unser Schatzhaus angreifen würden?

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