2016년 7월 29일 금요일

Das Heim und die Welt 37

Das Heim und die Welt 37


Ich gab keine Antwort, sondern beugte mich über meine Kuchen, die ich
mit geriebenen Kokosnüssen füllte.
 
»Nun, ich muß gehen«, sagte die Bara Rani, nachdem sie mich noch einmal
verwundert angestarrt hatte. »Ich muß mit Bruder Nikhil sprechen und
dafür sorgen, daß mein Geld nach Kalkutta geschickt wird, bevor es zu
spät ist.«
 
Kaum war sie fort, so überließ ich die Kuchen sich selbst und stürzte in
mein Ankleidezimmer, das ich von innen abschloß. Meines Gatten Kittel
mit den Schlüsseln in der Tasche hing noch da, -- so vergeßlich war er.
Ich nahm den Schlüssel zu dem eisernen Geldschrank von dem Ring und
steckte ihn zu mir.
 
Da klopfte es an die Tür. »Ich bin beim Anziehen«, rief ich. Ich hörte,
wie die Bara Rani sagte: »Noch vor einer Minute sah ich sie beim
Kuchenbacken, und jetzt ist sie mit ihrem Putz beschäftigt. Mich soll
wundern, was ihr danach einfällt! Gewiß haben sie wieder eine ihrer
Bande-Mataram-Versammlungen.« »Höre einmal, Räuberkönigin,« rief sie zu
mir herein, »bist du dabei, deine Beute zu zählen?«
 
Als sie fort waren, öffnete ich den eisernen Geldschrank. Ich weiß
nicht, was mich dazu veranlaßte, vielleicht hatte ich die geheime
Hoffnung, daß alles ein Traum gewesen sei. Wie, wenn ich beim Öffnen der
inneren Schublade die Geldrollen an ihrem Platze fände?... Ach, alles
war so leer wie das Vertrauen, das ich verraten hatte.
 
Ich mußte die Komödie des Umkleidens durchführen. So frisierte ich mich
denn ganz überflüssigerweise noch einmal und steckte mein Haar anders
hoch. Als ich herauskam, spottete meine Schwägerin: »Wie oft ziehst du
dich heute noch um?«
 
»Es ist ja mein Geburtstag«, sagte ich.
 
»Ach, dafür ist dir jeder Vorwand recht«, erwiderte sie. »Ich habe in
meinem Leben viele eitle Leute gekannt, aber du übertriffst sie alle.«
 
Ich wollte gerade einen Diener rufen, um Amulja holen zu lassen, als
einer der Leute mir ein kleines Billett brachte. Es war von Amulja.
 
»Schwester,« schrieb er, »Sie haben mich auf heute nachmittag
eingeladen, aber mir schien es doch besser, nicht zu warten. Lassen Sie
mich erst Ihren Auftrag ausführen und dann zu meinem prasad kommen! Es
kann etwas spät werden.«
 
Wo mochte er hingehen, um das Geld zurückzugeben? Welcher neuen Gefahr
lief der arme Junge in die Arme? Ach du elendes Weib, du kannst ihn nur
wie einen Pfeil absenden, aber nicht zurückrufen, wenn du dein Ziel
verfehlst.
 
Ich hätte sogleich bekennen sollen, daß ich die Triebfeder dieses
Raubüberfalls war. Aber wir Frauen leben von dem Vertrauen unsrer
Umgebung, -- es bedeutet uns die Welt. Wenn es einmal offenbar wird, daß
wir dies Vertrauen heimlich verraten haben, so haben wir den Platz in
unsrer Welt verloren. Wir müssen auf den Trümmern dessen stehen, was wir
zerbrochen haben, und seine scharfen Kanten verwunden uns bei jeder
Bewegung. Sündigen ist leicht, aber Wiedergutmachen ist schwer,
besonders für eine Frau.
 
Seit einiger Zeit ist jede ungezwungene Annäherung an meinen Gatten mir
abgeschnitten. Wie konnte ich ihn nun plötzlich mit dieser
ungeheuerlichen Nachricht überfallen! Er kam heute sehr spät zum Essen,
es war fast zwei Uhr. Er war zerstreut und rührte kaum einen Bissen an.
Ich fühlte, daß ich sogar das Recht verscherzt hatte, ihn zu nötigen,
noch etwas mehr zu nehmen, und ich mußte mein Gesicht abwenden, um meine
Tränen zu verbergen.
 
Ich hätte so gern zu ihm gesagt: »Komm doch in unser Zimmer und ruhe ein
Weilchen; du siehst so müde aus.« Gerade schickte ich mich dazu an, als
ein Diener eilig die Nachricht brachte, daß der Polizeiinspektor
Pantschu zum Palast heraufgebracht hätte. Das Antlitz meines Gatten
überschattete sich noch mehr, und er ging hinaus, ohne sein Mahl zu
beenden.
 
Bald darauf erschien die Bara Rani. »Warum gabst du mir nicht Nachricht,
als Bruder Nikhil hereinkam?« beklagte sie sich. »Da er so spät kam,
dachte ich, ich könnte inzwischen mein Bad nehmen. Wie wurde er nur so
schnell mit dem Essen fertig?«
 
»Wolltest du etwas von ihm?«
 
»Was bedeutet das, daß ihr morgen beide nach Kalkutta reisen wollt? Aber
das sage ich euch, ich bleibe nicht allein hier. Ich würde mich bei
jedem Laut tot ängstigen, jetzt, wo alle diese Banditen hier ihr Wesen
treiben. Ist es ganz bestimmt, daß ihr morgen reist?«
 
»Ja«, sagte ich, obgleich ich erst eben jetzt davon hörte und außerdem
gar nicht sicher war, ob nicht bis dahin Ereignisse eintreten würden,
die es ganz gleichgültig machten, ob wir reisten oder blieben. Wie
danach unser Heim und unser Leben sich gestalten würden, konnte ich mir
gar nicht vorstellen, alles erschien mir so nebelhaft und gespenstisch.
 
In ein paar Stunden mußte mein jetzt noch verborgenes Schicksal sichtbar
werden. War niemand da, der den Flug dieser Stunde aufhalten konnte, so
daß ich Zeit gewann, wieder gutzumachen, soweit es in meiner Macht lag?
Die Zeit, wo der böse Same im Boden liegt, ist lang, -- so lang, daß man
gar nicht mehr fürchtet, er könne aufgehen. Aber sobald er aus dem Boden
hervorsprießt, wächst er so schnell, daß gar keine Zeit bleibt, ihn
zuzudecken, selbst nicht mit dem eigenen Leben.
 
Ich will versuchen, nicht mehr daran zu denken, sondern in stummer
Passivität dasitzen, bis der Zusammenbruch kommt. Laß ihn kommen, in ein
paar Tagen wird alles vorüber sein -- Entdeckung, Spott, Mitleid,
Fragen, Erklärungen -- alles.
 
Aber ich kann das Gesicht Amuljas nicht vergessen, so schön und
strahlend in seiner Hingebung. Er wartete nicht verzweifelt den
vernichtenden Schlag des Schicksals ab, sondern stürzte sich mutig
mitten in die Gefahr. Auf ihn blicke ich voll Ehrfurcht in meinem Elend.
Er ist mein Erlöser. Er nahm wie im Spiel die Last meiner Sünde auf
seine Schultern. Er wollte mich retten indem er die Strafe, die mir
bestimmt war, auf sein Haupt rief. Aber wie soll ich diese furchtbare
Gnade meines Gottes ertragen?
 
O, mein Kind, mein Kind, ich neige mich vor dir. Mein kleiner Bruder,
ich neige mich vor dir. Du bist rein, du bist schön, ich neige mich vor
dir. Möchtest du in deiner nächsten Existenz als mein eigenes Kind in
meine Arme kommen, -- das ist mein Gebet.
 
 
XXII
 
Das Gerücht von dem Raubüberfall verbreitete sich nach allen Seiten. Die
Polizei ging beständig ein und aus. Unsre Dienstboten waren in großer
Aufregung.
 
Khema, mein Mädchen, kam und sagte: »Ach, Maharani, um des Himmels
willen, bewahren Sie mir doch meine goldene Halskette und Armringe in
Ihrem eisernen Geldschrank auf!« Wem sollte ich erklären, daß die Rani
selbst dieses ganze Netz von Verwirrung gewoben und sich nun auch darin
gefangen hatte? Ich mußte die Rolle der gütigen Beschützerin spielen und
Khemas Schmucksachen und Thakos Ersparnisse in meine Obhut nehmen. Sogar
die Milchfrau brachte einen Koffer in mein Zimmer, in dem ein Sari aus
Benares und andre ihrer ihr wertvollen Habseligkeiten waren. »Ich bekam
diese Sachen zu Ihrer Hochzeit«, erzählte sie mir.
 
Wenn man morgen meinen eisernen Geldschrank öffnet in Gegenwart dieser
Frauen -- Khema, Thako, die Milchfrau und all die andern ... Ich darf
nicht daran denken! Ich will lieber versuchen, mir vorzustellen, wie es
sein wird, wenn dieser dritte Magh[41] nach einem Jahre wiederkehrt.
 
Amulja schreibt, daß er erst spät am Abend kommen wird. Ich kann nicht
so untätig allein mit meinen Gedanken bleiben, ich will ihm noch ein
paar Kuchen backen. Ich habe schon eine ganze Menge gebacken, aber ich
muß noch damit fortfahren. Wer wird sie essen? Ich werde sie unter die
Dienstboten verteilen. Das muß ich noch heute abend tun. Heute abend
läuft meine Frist ab. Das Morgen steht nicht mehr in meiner Hand.
 
Ich fuhr unermüdlich fort, einen Kuchen nach dem andern zu backen.
Bisweilen kam es mir vor, als ob ich oben irgendwo in unsern Zimmern ein
Geräusch hörte. Konnte es sein, daß mein Gatte den Schlüssel zum
Geldschrank vermißt und die Bara Rani nun die Dienstboten
zusammengerufen hatte, um suchen zu helfen? Nein, ich wollte nicht mehr
hinhören; es war am besten, die Tür zu schließen.
 
Ich war eben im Begriff, es zu tun, als Thako keuchend hereingestürzt
kam: »Maharani, o Maharani!«
 
»Mach', daß du fortkommst!« fuhr ich sie an. »Laß mich in Ruh!«
 
»Die Bara Rani läßt Sie rufen,« sagte sie. »Ihr Neffe hat ihr ein so
wundervolles Instrument von Kalkutta mitgebracht. Es spricht wie ein
Mensch. Kommen Sie und hören Sie!«
 
Ich wußte nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. So mußte jetzt von
allen Dingen auf der Welt ein Grammophon auf der Bildfläche erscheinen,
um bei jeder Drehung den näselnden Singsang seiner Arien zu wiederholen!
Welch fürchterliche Sache ist es doch um eine Maschine, die einen
Menschen nachäfft!
 
Die Schatten des Abends begannen zu sinken. Ich wußte, daß Amulja sich
sofort melden würde, wenn er zurückkäme, doch ich konnte nicht länger
warten. Ich rief einen Diener und sagte: »Geh und sag Amulja Babu, er
möchte sofort herkommen!« Der Mann kam nach einer Weile zurück mit dem
Bescheid, daß Amulja noch immer nicht zu Hause sei, er sei schon so
lange fort.
 
»Fort!« Dies letzte Wort tönte wie eine Klage durch das zunehmende
Dunkel an mein Ohr. Amulja fort! War er denn gekommen wie ein Strahl der
untergehenden Sonne, um auf immer zu verschwinden? Alle möglichen und
unmöglichen Gefahren schwirrten mir durch den Sinn. Ich war es, die ihn
in den Tod geschickt hatte. Wenn er ihm auch furchtlos entgegengegangen
war, das zeigte nur seine Seelengröße. Aber wie sollte ich hiernach noch
ohne ihn allein weiterleben?
 
Ich hatte kein Andenken von Amulja außer jener Pistole, seinem
Brudergeschenk. Sie erschien mir als ein Zeichen, das mir die Vorsehung
geschickt hatte. Diese Schuld, die mein Leben an seiner Wurzel vergiftet
hatte, -- mein Gott hatte mir in Gestalt eines Kindes das Mittel
gegeben, sie auszulöschen, und war dann entschwunden. O welche Fülle
erlösender Gnade lag in dieser Liebesgabe verborgen!
 
Ich öffnete meine Truhe, nahm die Pistole heraus und hob sie in
ehrfürchtiger Scheu an meine Stirn. In dem Augenblick erklangen die
Glocken vom Tempel unseres Hauses. Ich warf mich anbetend nieder.
 
Am Abend bewirtete ich das ganze Haus mit meinen Kuchen. »Du hast uns
einen wunderbaren Geburtstagsschmaus bereitet, und dazu noch ganz
allein!« rief meine Schwägerin aus. »Aber du mußt auch uns etwas zu tun
übrig lassen.« Und damit stellte sie ihr Grammophon an und ließ den
schrillen Sopran der Kalkuttaschen Sängerinnen durch das Haus tönen. Es
war, als hörte man einen Stall voll wiehernder Füllen.
 
Es wurde ziemlich spät, bis der Schmaus vorüber war. Ich hatte
plötzlich ein Verlangen, meine Geburtstagsfeier damit zu beenden, daß
ich die Füße meines Gatten ehrfurchtsvoll berührte. Ich ging hinauf ins
Schlafzimmer und fand ihn in tiefem Schlafe. Er hatte einen so
sorgenvollen, schweren Tag gehabt. Ich hob ganz, ganz sachte den Saum
des Mosquitonetzes und legte meinen Kopf neben seine Füße. Mein Haar
mußte ihn berührt haben, denn er bewegte im Schlaf die Füße und stieß
meinen Kopf weg.
 
Ich ging hinaus und setzte mich auf die Veranda an der Westseite. Ein
Wollbaum, der alle seine Blätter verloren hatte, stand in der Ferne da
wie ein Skelett. Hinter ihm sank die Mondsichel hinab. Plötzlich hatte
ich das Gefühl, daß selbst die Sterne des Himmels Furcht vor mir hätten,
daß die ganze Nachtwelt mich mißtrauisch anblickte. Warum? Weil ich allein war.

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