2016년 7월 29일 금요일

Das Heim und die Welt 38

Das Heim und die Welt 38


Es gibt nichts Trostloseres in der Schöpfung als den Menschen, der
allein ist. Selbst der, dessen Angehörige alle einer nach dem andern
gestorben sind, ist nicht allein, Gesellschaft kommt ihm von jenseits
des Grabes. Doch der, dessen Angehörige noch leben, aber keine
Gemeinschaft mit ihm haben, der aus dem bunten Kreis eines vollen Heims
herausgefallen ist, dessen Dunkel blickt selbst das Sternenweltall mit
Schaudern an.
 
Wo ich bin, da bin ich nicht. Ich bin weit fort von denen, die um mich
sind. Ich lebe und bewege mich am Rande einer weltweiten Trennungskluft,
unsicher wie der Tautropfen auf dem Lotusblatt.
 
Warum verwandeln die Menschen sich nicht ganz, wenn sie sich verwandeln?
Wenn ich in mein Herz sehe, so finde ich noch alles da, was sonst da
war, -- nur ist alles auf den Kopf gestellt. Was schön geordnet war,
liegt wirr durcheinander. Die Perlen, die zu einem Halsband vereint
waren, rollen im Staub. Und so bricht mir das Herz.
 
Ich möchte sterben. Und doch wird in meinem Herzen alles fortleben, --
selbst im Tode kann ich nicht das Ende von allem sehen; der Tod bringt
nur noch größere Reuequalen. Was beendet werden soll, muß in diesem
Leben beendet werden, -- es gibt keinen andern Ausweg.
 
O vergib mir nur dies eine Mal noch, mein Gott! Alles, was du als
Reichtum meines Lebens in meine Hände legtest, habe ich mir zur Last
gemacht. Ich kann sie nicht länger tragen, noch sie abwerfen. O Herr,
laß noch einmal jene süßen Melodien auf deiner Flöte ertönen, die du
einst vor langer Zeit für mich spieltest, als du am rosigen Horizont
meines Morgenhimmels standest, -- und laß alle meine Verwirrungen
einfach und leicht sich lösen! Nur die Musik deiner Flöte kann heilen,
was zerbrochen, und reinigen, was beschmutzt ist. Schaffe mein Heim neu
mit deiner Musik! Ich weiß keine andere Rettung.
 
Ich warf mich ausgestreckt auf den Boden und schluchzte laut. Ich betete
um Erbarmen, um ein wenig Erbarmen von irgendwoher, um Zuflucht, um
irgendein Zeichen von Vergebung, eine Hoffnung, die das Ende bringen
könnte. »Herr!« gelobte ich, »ich will hier liegen und warten und warten
und weder Speise noch Trank anrühren, bis deine segnende Hand mich
berührt hat.«
 
Ich hörte das Geräusch von Tritten. Wer sagt, daß die Götter sich nicht
den Sterblichen zeigen? Ich wagte nicht mein Antlitz zu erheben, aus
Furcht, sein Anblick könne den Zauber verscheuchen. Komm, ach, komm und
laß deine Füße mein Haupt berühren! Komm, Herr, und setze deinen Fuß auf
mein pochendes Herz und laß mich in dem Augenblick sterben!
 
Er kam und setzte sich zu meinen Häupten. Wer? Mein Gatte! Im ersten
Augenblick, als ich seine Gegenwart fühlte, war mir, als sollten mir die
Sinne schwinden. Und dann brach all der Schmerz, der sich in meiner
Seele gestaut hatte, in einem unaufhaltsamen Tränenstrom hervor. Ich
preßte seine Füße an meinen Busen, als ob ich ihre Spur für immer dort
festhalten wollte.
 
Er streichelte zärtlich meinen Kopf. So empfing ich seinen Segen. Nun
werde ich morgen die Buße der öffentlichen Demütigung auf mich nehmen
können und sie mit geläutertem Herzen als Sühnopfer zu den Füßen meines
Gottes niederlegen.
 
Aber was meine Seele bedrückt, ist der Gedanke, daß die festlichen
Flöten, die vor neun Jahren bei meiner Hochzeit erklangen und mich in
diesem Hause willkommen hießen, mir nie in diesem Leben mehr erklingen
werden. Welche Buße gäbe es, die hart genug wäre, um mich noch einmal
als die für ihren Gatten geschmückte Braut auf denselben bräutlichen
Sitz zu erheben? Wieviel Jahre, wieviel Zeitalter, wieviel Weltalter
müssen vergehen, bis ich den Weg zurückfinde zu dem Platz, wo ich vor
neun Jahren stand?
 
Gott kann neue Dinge schaffen, aber hat selbst er die Macht, das neu zu
schaffen, was sich selbst zerstört hat?
 
 
Fußnoten:
 
[38] Zitat aus der Nationalhymne Bande Mataram.
 
[39] Rudra, »der Furchtbare« (eig. wohl »der Brüllende«), der
ursprüngliche Name Schivas (so im Veda).
 
[40] Leckerbissen, die als Festgeschenk geboten werden, müssen
von der Dame des Hauses selbst zubereitet sein.
 
[41] Indischer Monat, etwa von Mitte Jan. bis Mitte Febr.
 
 
 
 
ZWÖLFTES KAPITEL
 
 
NIKHILS ERZÄHLUNG
 
XV
 
Heute reisen wir nach Kalkutta. Wenn wir nur immer fortfahren, unsre
Freuden und Leiden anzuhäufen, lasten sie schwer auf uns. Wir sollten
sie von uns werfen, denn wir haben nicht hier unsre Stätte, sondern sind
Pilger auf dem Pfade des Lebens. Wenn wir hier unser Haus bauen, kerkern
wir unsre Seele ein, bis sie in der Kerkerluft erstickt.
 
Meine Vereinigung mit dir, Geliebte, war nur für die Pilgerfahrt, die
hinter uns liegt; sie war gut, solange wir denselben Weg gingen, sie
wird uns nur hemmen, wenn wir versuchen, sie darüber hinaus zu erhalten.
Jetzt streifen wir diese Fessel ab. Wir haben die Reise nach andern
Zielen angetreten, und es muß uns genug sein, wenn wir einander einen
Blick zuwerfen oder im Vorübergehen die Hand des andern streifen
können. Und danach? Danach gelangen wir auf die größere Heerstraße der
Welt, in den endlosen Strom des Alllebens.
 
Wie unermeßlich viel bleibt mir noch, wenn wir geschieden sind!
Geliebte! Wenn ich lausche, höre ich die Flöte spielen, ich höre den
Quell ihrer Melodien hervorströmen aus der Kluft, die uns trennt. Der
unsterbliche Trank der Göttin versiegt nie. Sie zerbricht nur bisweilen
den Becher, aus dem wir ihn trinken, und lächelt, wenn sie uns so
untröstlich sieht über den unbedeutenden Verlust. Ich will nicht
stillstehen und die Scherben auflesen. Ich will vorwärtsschreiten, wenn
auch mit durstendem Herzen.
 
Die Bara Rani kam und fragte mich: »Was bedeutet denn das, Bruder, daß
diese Bücher eingepackt und kistenweise weggeschickt werden?«
 
»Das bedeutet nur, daß ich meine Liebe zu ihnen noch nicht habe
überwinden können,« erwiderte ich.
 
»Ich wollte nur, daß du deine Liebe auch einigen andern Dingen noch
bewahrtest! Hast du denn die Absicht, gar nicht nach Hause
zurückzukommen?«
 
»Ich werde hin und wieder kommen, aber ich werde mich hier nicht wieder
ganz einmauern.«
 
»O wirklich! Nun, da komm einmal in mein Zimmer und sieh, an wieviel
Dingen ich mit meiner Liebe hänge!« Damit nahm sie mich bei der Hand und
führte mich ab.
 
Im Zimmer meiner Schwägerin fand ich zahllose Koffer und Bündel fertig
gepackt. Sie öffnete einen der Koffer und sagte: »Sieh, Bruder, da habe
ich all meine Sachen zur Bereitung von pan[42]. In dieser Flasche habe
ich Katschupuder, das mit dem Pollen von Schraubenbaumblüten gewürzt
ist. In den kleinen Zinndosen sind lauter verschiedene Gewürze. Auch
meine Spielkarten und mein Damenbrett habe ich nicht vergessen. Wenn ihr
beiden zu beschäftigt seid, so werde ich schon andre Freunde da finden,
die ein Spiel mit mir machen. Erinnerst du dich noch an diesen Kamm? Es
ist einer von den Swadeschi-Kämmen, die du mir mitbrachtest...«
 
»Aber was bedeutet dies alles, Schwester Rani? Warum hast du denn all
diese Sachen gepackt?«
 
»Denkst du, ich gehe nicht mit euch?«
 
»Aber welche Idee!«
 
»Hab keine Angst! Ich werde weder mit dir kokettieren noch mit der
Tschota Rani streiten. Man muß doch eines Tages sterben, und man tut
ebenso gut, das Ufer des heiligen Ganges aufzusuchen, bevor es zu spät
ist. Der Gedanke, hier auf eurem elenden Verbrennungsplatz unter dem
verkrüppelten Feigenbaum eingeäschert zu werden, ist entsetzlich, --
darum habe ich mich nicht entschließen können, zu sterben und dich so
lange geplagt.«
 
Hier sprach endlich mein Heim zu mir mit seiner wahren Stimme. Die Bara
Rani war als Braut in unser Haus gekommen, als ich erst sechs Jahre alt
war. Wir haben an den schläfrigen Nachmittagen zusammen in einer Ecke
der Terrasse des Daches gespielt. Ich habe ihr oben vom Baum herunter
grüne Mangofrüchte zugeworfen, aus denen sie köstlich unverdauliche
chutnees machte, indem sie sie in dünne Scheiben zerschnitt und mit
Senf, Salz und verschiedenen Kräutern würzte. Meine Aufgabe war es, ihr
all die verbotenen Sachen aus der Vorratskammer zu holen, die sie für
das Hochzeitsfest ihrer Puppe brauchte, denn der Strafkodex meiner
Großmutter ließ nur für mich Ausnahmen zu. Und sie wählte mich immer zum
Boten an ihren Bruder, wenn sie ihm etwas Besonderes abschmeicheln
wollte, denn meinen ungestümen Bitten konnte er nicht widerstehen. Ich
weiß noch, wie ich damals unter den strengen Maßregeln der Ärzte litt,
die bei Fieberanfällen nur warmes Wasser und Kardamomlimonade
gestatteten, und wie meine Schwägerin meine Entbehrungen nicht mit
ansehen konnte und mir heimlich Leckerbissen brachte. Was für Schelte
bekam sie eines Tages, als sie dabei ertappt wurde!
 
Und als wir dann größer wurden, waren die Leiden und Freuden, die uns
miteinander verbanden, ernsterer Art. Wie wir mitunter in Streit
gerieten! Bisweilen, wenn eigennützige Interessen uns trennten, stieg
Mißtrauen und Eifersucht auf und brachte einen Riß in unsre
Freundschaft; und als die Tschota Rani zwischen uns trat, sah es so aus,
als ob dieser Riß nie wieder heilen würde. Aber es zeigte sich immer,
daß die heilenden Kräfte am Grunde stärker waren als die Wunden an der
Oberfläche.
 
So ist von Kindheit an bis heute eine innige Freundschaft zwischen uns
emporgewachsen, deren dichtbelaubte Zweige sich über jedes Zimmer, jede
Veranda, jede Terrasse dieses großen Hauses breiten. Als ich sah, wie
die Bara Rani sich bereit machte, mit all ihrer Habe dies unser Haus zu
verlassen, da fühlte ich, wie es an allen Banden, die uns
zusammenhielten, bis in die äußersten Enden schmerzhaft zerrte.
 
Ich wußte wohl den Grund, warum sie sich entschlossen hatte, dem
Unbekannten zuzutreiben und alle jene Bande zu zerschneiden, die sie mit
den täglichen Gewohnheiten an das Haus knüpften, das sie nie einen Tag
verlassen, nachdem sie es mit neun Jahren zuerst betreten hatte. Und
doch wollte sie diesen wahren Grund nicht über ihre Lippen kommen
lassen, sondern verbarg ihn lieber hinter andern, nichtigen Vorwänden.

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