Das Heim und die Welt 40
Was veranlaßte dich zu diesem Streich, Amulja?« fragte ich.
»Ich hatte einen sehr gewichtigen Grund, Maharadscha«, erwiderte er.
»Aber warum versuchtest du denn, das Geld zurückzugeben?«
»Rufen Sie sie, auf deren Befehl ich es tat! In ihrer Gegenwart werde
ich alles bekennen.«
»Und wer ist ›sie‹?«
»Meine Schwester, die Tschota Rani!«
Ich ließ Bimala rufen. Sie kam zögernd, barfuß, den Kopf in einen weißen
Schal gehüllt. Ich hatte meine Bima nie so gesehen. Es war, als ob sie
sich in Morgenlicht gehüllt hätte.
Amulja warf sich vor ihr nieder und berührte ehrfurchtsvoll ihre Füße.
Als er sich dann erhob, sagte er: »Ihr Befehl ist ausgeführt,
Schwester. Das Geld ist zurückgegeben.«
»Du hast mich gerettet, mein kleiner Bruder«, sagte Bima.
»Ich habe immer Ihr Bild vor Augen gehabt und keine einzige Lüge
gesagt«, fuhr Amulja fort. »Mein Losungswort Bande Mataram habe ich zu
Ihren Füßen auf immer von mir geworfen. Ich habe auch schon meine
Belohnung bekommen, Ihren prasad, sobald ich in den Palast kam.«
Bima sah ihn bei seinen letzten Worten verständnislos an. Amulja zog
sein Taschentuch hervor, band es auf und zeigte ihr die Kuchen. »Ich
habe sie nicht alle gegessen«, sagte er. »Diese habe ich noch
aufbewahrt, damit Sie sie mir selbst vorlegen.«
Ich sah, daß ich hier überflüssig war und ging aus dem Zimmer. Ich
konnte predigen, soviel ich wollte, so sagte ich mir, zum Lohn für meine
Mühe verbrannte man mein Bild. Es war mir noch nicht gelungen, eine
einzige Seele vom Pfade des Verderbens zurückzubringen. Wer die Gabe
hat, kann es durch einen bloßen Wink. Meine Worte haben nicht diese
unauslöschliche Wirkung. Ich bin keine Flamme, sondern nur eine
schwarze, ausgebrannte Kohle. Ich kann keine Lampe anzünden. Mein Leben
zeigt es, -- meine Lampen bleiben alle unangezündet.
XVI
Ich kehrte langsam nach den innern Gemächern zurück. Unwillkürlich
lenkte ich meine Schritte nach dem Zimmer der Bara Rani. Ich hatte das
unwiderstehliche Bedürfnis, zu fühlen, daß dies mein Leben imstande
gewesen war, auf einer andern Lebensharfe eine Saite anzuschlagen, die
mir mit vollem, warmem Ton antwortete. Man kann die Erfüllung seines
Daseins nicht in sich selber finden, man muß sie draußen suchen.
Als ich an das Zimmer meiner Schwägerin kam, trat sie heraus und sagte:
»Ich fürchtete, du würdest dich schon wieder so lange aufhalten. Doch
ich habe dein Mittagessen schon bestellt, sobald ich dich kommen hörte.
Es wird sogleich gebracht.«
»Inzwischen will ich dein Geld aus meinem Schrank holen, damit ich es
bereit habe.«
Als wir nach meinem Zimmer gingen, fragte sie mich, ob der
Polizei-Inspektor irgendwelche Nachricht über den Raubüberfall gebracht
hätte. Ich hatte keine rechte Neigung, ihr eingehend zu berichten, wie
das Geld zurückgebracht worden sei, und antwortete ausweichend: »Ja,
sie machen viel Wesens von der Geschichte.«
Als ich in mein Ankleidezimmer kam und mein Schlüsselbund herausnahm,
war der Schlüssel zum Geldschrank nicht an dem Ring. Wie konnte ich nur
so blödsinnig zerstreut sein! Erst heute morgen hatte ich alle möglichen
Koffer und Schränke geöffnet und gar nicht bemerkt, daß dieser Schlüssel
fehlte.
»Was ist denn mit deinem Schlüssel passiert?« fragte meine Schwägerin.
Ich konnte es ihr nicht sagen und fuhr fort, eine Tasche um die andere
zu durchsuchen. Immer wieder suchte ich an denselben Stellen. Es wurde
uns beiden klar, daß der Schlüssel nicht verlegt sein könne. Jemand
mußte ihn vom Ring abgenommen haben. Wer konnte das sein? Wer hatte denn
sonst noch in dies Zimmer kommen können?
»Sorge dich nicht weiter darum«, sagte sie zu mir. »Iß erst zu Mittag!
Die Tschota Rani muß ihn selbst an sich genommen haben, als sie sah, wie
zerstreut du immer bist.«
Ich war innerlich jedoch sehr unruhig. Bima hatte nie einen von meinen
Schlüsseln genommen, ohne es mir zu sagen. Beim Mittagessen war sie
nicht zugegen; sie war damit beschäftigt, Amulja in ihrem Zimmer zu
bewirten. Meine Schwägerin wollte sie rufen lassen, aber ich bat sie, es
nicht zu tun.
Ich war gerade mit dem Essen fertig, als Bima hereinkam. Ich hätte
lieber nicht über die Sache mit dem Schlüssel gesprochen, solange die
Bara Rani dabei war, aber sobald sie Bima sah, fragte sie: »Weißt du,
mein Liebling, wo der Schlüssel zu dem Geldschrank ist?«
»Ich habe ihn«, war die Antwort.
»Habe ich's nicht gesagt?« rief meine Schwägerin triumphierend. »Unsre
Tschota Rani tut so, als ob diese Räubereien sie ganz kalt lassen, aber
heimlich trifft sie doch ihre Vorsichtsmaßregeln.«
Der Ausdruck in Bimas Gesicht ließ mich nichts Gutes ahnen. »Laßt den
Schlüssel jetzt«, sagte ich. »Ich nehme das Geld heute abend heraus.«
»Nun schiebst du es wieder auf«, sagte die Bara Rani. »Warum willst du
es nicht gleich jetzt, wo du daran denkst, herausnehmen und zum
Schatzamt schicken?«
»Ich habe es schon herausgenommen«, sagte Bima.
Ich stutzte.
»Wo hast du es denn?« fragte meine Schwägerin.
»Ich habe es ausgegeben.«
»Nun höre einer! Wofür hast du all das Geld ausgegeben?«
Bima antwortete nicht. Ich fragte nicht weiter. Die Bara Rani schien
etwas bemerken zu wollen, aber sie besann sich anders. »Nun, dann ist ja
alles in Ordnung«, sagte sie mit einem Blick auf mich. »Das machte ich
genau so mit meines Mannes Kleingeld. Ich wußte, es hatte keinen Sinn,
es ihm zu lassen, -- seine neunundneunzig Schmarotzer hätten es ihm doch
abgenommen. Du bist auch nicht viel anders, Bruder. Wieviel Mittel ihr
Männer habt, um Geld loszuwerden! Wir können es euch nur retten dadurch,
daß wir es euch stehlen. Nun komm aber! Fort mit dir, zu Bett!«
Die Bara Rani führte mich in mein Zimmer, aber ich wußte kaum, wohin ich
ging. Sie setzte sich an mein Bett, nachdem ich mich darauf
ausgestreckt hatte, und lächelte Bima zu. »Gib mir einen von deinen
pans, liebe Tschotie«, sagte sie. »Was, du hast keine? Du bist mir eine
schöne Hausfrau! Dann laß ein paar aus meinem Zimmer holen!«
»Aber hast du denn schon zu Mittag gegessen?« fragte ich besorgt.
»O, schon längst«, erwiderte sie. Das war augenscheinlich geflunkert.
Sie blieb neben meinem Bett sitzen und plauderte über alles Mögliche.
Das Mädchen kam und sagte Bima, daß ihr Mittagessen serviert sei und
kalt würde, aber sie schien es nicht zu hören. »Was, du hast noch nicht
gegessen? Was machst du für Geschichten! Es ist schon furchtbar spät.«
Damit führte die Bara Rani Bima mit sich fort.
Ich konnte erraten, daß zwischen diesen 6000 Rupien und dem Diebstahl
der andern ein Zusammenhang bestand. Aber ich bin nicht neugierig, zu
wissen, welcher Art er ist. Ich werde nie danach fragen.
Die Vorsehung formt unser Leben im groben, sie will, daß wir selbst die
letzte Hand anlegen und ihm seine endgültige Gestalt nach unserm Sinn
geben. Ich habe mich immer bemüht, bei der Gestaltung meines Lebens den
vom Schöpfer vorgezeichneten Linien zu folgen und ihm einen tiefen Sinn
zu geben. In diesem Bestreben habe ich mein ganzes Leben verbracht. Wie
ernstlich ich mich bemüht habe, meine Begierden im Zaum zu halten und
jede Selbstsucht in mir zu unterdrücken, weiß nur Er, der in unser Herz
sieht.
Aber die Schwierigkeit ist, daß unser Leben nicht uns allein gehört. Wir
können es nicht formen ohne die Hilfe unsrer Umgebung. Daher war es
immer mein Traum, Bima dafür zu gewinnen, daß sie mir bei dieser Arbeit
helfe. Ich liebte sie von ganzer Seele; daher glaubte ich fest, es müsse
mir gelingen.
Dann machte ich die Entdeckung, daß ich nicht zu den Menschen gehöre,
die so ganz einfach und natürlich ihre Umgebung zu dieser Arbeit an
ihrem Selbst heranziehen können. Ich habe den Lebensfunken erhalten,
aber ich kann ihn nicht weitergeben. Die, denen ich mein Alles gegeben
habe, haben es genommen, ohne mich selbst mitzunehmen.
Ich werde wirklich schwer geprüft. Immer, wenn ich am meisten eines
helfenden Gefährten bedarf, werde ich auf mich selbst zurückgewiesen.
Dennoch gelobe ich aufs neue, durchzuhalten in dieser Prüfungszeit.
So will ich denn allein meinen Dornenpfad gehen, bis die Reise dieses
Lebens zu Ende ist...
Mir ist der Gedanke gekommen, daß ich doch immer etwas Neigung zur
Tyrannei gehabt habe. Es war ein gewisser Despotismus in meinem
Verlangen, meine Beziehungen zu Bimala in eine feste, klar umrissene und
vollkommene Form zu bringen. Aber des Menschen Leben ist nicht dazu
bestimmt, in eine feste Form gepreßt zu werden. Und wenn wir versuchen,
dem Guten auf solche Weise Gestalt zu geben, als wäre es bloßer Stoff,
so rächt es sich furchtbar, dadurch, daß es das Leben verliert.
Erst jetzt ist es mir klar geworden, daß es diese unbewußte Tyrannei
gewesen sein muß, die uns allmählich voneinander entfernte. Als Bimalas
Leben nicht zu seiner wahren Höhe aufsteigen konnte, da ich es von oben
niederdrückte, mußte es sich dadurch einen Abfluß suchen, daß es seine
Ufer am Grunde unterhöhlte. Sie mußte diese 6000 Rupien stehlen, weil
sie mir gegenüber nicht offen sein konnte, weil sie fühlte, daß ich für
gewisse Dinge kein Verständnis hatte noch haben wollte.
Menschen wie ich, die von einer Idee beherrscht werden, sind mit denen
im Einklang, die ihren Überzeugungen zustimmen können; aber die andern
können nur mit uns fertig werden, wenn sie uns betrügen. Unser
hartnäckiger Eigensinn ist es, der selbst die Offensten und Geradesten
auf krumme Wege treibt. Bei dem Versuch, uns eine Gefährtin nach unserm Sinn zu formen, verderben wir das Weib.
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