William Wilberforce der Sklavenfreund 21
Bis 3 Uhr Nachmittags zog er sich wieder zurück, um zu studieren oder
Briefe zu schreiben, und erging sich dann bei gutem Wetter noch ein
Stündchen im Garten, am liebsten in Gesellschaft mit seinen guten
Freunden oder auch nur von seinem Vorleser, und, wenn er alleine war,
gewöhnlich ein Liedchen vor sich hinsingend, das von der freudigen
Stimmung seines Herzens Kunde gab.
Nach der Hauptmahlzeit, welche nach englischer Sitte erst um 5 Uhr
Nachmittags, aber nie später, stattfand, legte er sich auf anderthalb
Stunden nieder, um für den Abend, welcher in England stets dem
geselligen Leben, wenn auch nur im engen Kreise der Familie gewidmet
wird, neue Kräfte zu sammeln. Zuweilen arbeitete er nach der Ruhe
noch eine Zeit lang bis zur Abendandacht, welche ebenso wie die
Morgenandacht gehalten wurde, häufiger aber begab er sich sogleich
wieder in den Kreis der Familie, wo denn der Abend oft bis nach
Mitternacht mit Vorlesen, Erzählen und Gespräch zugebracht wurde.
Die schönste Zeit im Jahre war die Weihnachtszeit, welche stets alle
seine Kinder um ihn versammelte, und die er, sich ganz von der Arbeit
losmachend, immer im Schoße seiner Familie verbrachte. Da konnte er
mit seinen Kindern, solange sie noch klein waren, spielen wie ein
Kind; aber er ließ es auch freilich nicht daran fehlen, den schon mehr
erwachsenen Kindern ein Wegweiser zu dem zu werden, der da arm ward um
unseretwillen, auf daß wir durch seine Armut reich würden.
Waren einmal in späteren Jahren zwischen seinen Kindern, wie das
ja wohl nirgends ganz ausbleibt, Verstimmungen und Entfremdungen
eingetreten, so wußte er dieselben mit lindem Wort und liebreicher
väterlicher Mahnung, oder noch lieber, wenn das hinreichte, mit einem
witzigen Scherze wegzuschaffen, und setzte darein einen hohen Wert
der jährlichen, weihnachtlichen Familienzusammenkünfte, daß sie die
gegenseitige Liebe und Anhänglichkeit zwischen Eltern und Kindern
sowohl, wie zwischen den Geschwistern so lieblich förderten.
»Unsere lieben Kinder«, schreibt er einmal nach solch einem gesegneten
Familienfeste, »leben in vieler Einigkeit. Was für Grund zur
Dankbarkeit habe ich, wenn ich meine fünf Kinder, meine Schwiegertocher
und meine beiden Enkel um den Tisch versammelt sehe! Lobe den Herrn, o
meine Seele!«
Indessen blieben diese Jahre der Ruhe und des glücklichen Stilllebens
in Highwood Hill nicht ohne jede Trübung; ja der Feierabend seines
Lebens sollte für Wilberforce nicht ohne schwere Prüfungen verlaufen,
damit er das Sehnen nach der himmlischen Heimat immer völliger in sein
Herz kommen lasse, wo kein Leid, kein Geschrei, keine Schmerzen mehr
sein sollen.
In Highwood Hill selbst war keine Kirche, deren regelmäßiger Besuch
doch für unsern Wilberforce ein wesentlicher Bestandteil seiner
Sonntagsfeier war. Der Umstand, daß die nächste Kirche 3 Meilen weit
entfernt war, würde ihn sicherlich vom Kaufe des Gutes abgehalten
haben, wenn nicht der Bau einer neuen Kirche bereits so gut wie
beschlossene Sache gewesen wäre. Um den Bau zu beschleunigen, erklärte
sich Wilberforce gegen den Geistlichen des Kirchspiels sofort nach dem
Antritte seines Gutes bereit, die Kosten des Baus teils aus eigenen,
teils aus Mitteln, zu deren Hergabe er Freunde willig machen wolle, zu
bestreiten. Um dem Geistlichen in allen Stücken entgegen zu kommen,
ging er sogar auf dessen Wunsch ein, daß die neue Kirche nicht in
Highwood Hill selbst, sondern eine halbe englische Meile entfernt in
einem kleinen Weiler erbaut werden möge.
Gleichwohl aber trat der Geistliche aus irgend einem unbekannten Grunde
gegen Wilberforce in Widerstreit und griff ihn öffentlich, sogar in
seinen Predigten, als einen eigennützigen, selbstsüchtigen Menschen
an, der nur seinen eigenen Vorteil, nicht aber das Wohl der Gemeinde
im Auge habe. Und wirklich, der ehrwürdige, selbstverleugnungsvolle
Greis sah sich jetzt in seinem 70ten Lebensjahre genötigt, gegen die
wider ihn geschleuderten gehässigen Verleumdungen öffentlich sich zu
verteidigen, und der Bau der Kirche verzögerte sich von Monat zu Monat.
Tiefer und einschneidender in sein Schicksal wurde jedoch für
Wilberforce ein anderes Erlebnis.
Wilberforce hatte sich, wie wir schon erwähnt haben, von jeher
gewöhnt, sich nur als Gottes Haushalter über das ihm anvertraute
irdische Gut zu betrachten und dasselbe deshalb in reichem, manchmal
überreichem Maße zu Werken der Wohlthätigkeit verwandt. Er war der
Ansicht, daß auch seinen Kindern mehr Segen für ihre Zukunft daraus
erwachsen würde, als wenn er bemüht wäre, das Familienvermögen zu
vermehren und tote Schätze zusammenzuhäufen.
Nun hatte er für seinen ältesten Sohn, der sich wegen seiner schwachen
Gesundheit der Landwirtschaft gewidmet hatte, ein ansehnliches Gut
kaufen lassen und sich dabei arglos in die Hände eines Unterhändlers
gegeben, dem er volles Vertrauen glaubte schenken zu dürfen. Allein
dieser ward zum Schelm an ihm, und brachte es durch seine Betrügereien
und Kniffe dahin, daß Wilberforce einen sehr beträchtlichen Teil
seines Vermögens verlor. Der Verlust war so bedeutend, daß er sich
entschließen mußte, sein schönes Highwood Hill aufzugeben und seine
ganze bisherige Lebensweise bedeutend einzuschränken.
Zwar erboten sich seine Freunde, als sie dies vernahmen, auf der Stelle
ihm seinen Verlust zu ersetzen und selbst ein »Westindier«, der ihn
trotz seiner Gegnerschaft in der Sklavensache persönlich hochachtete,
machte ihm dahin zielende Anerbietungen; aber Wilberforce glaubte auf
diese Anerbietungen, so wohl sie ihm auch innerlich thun mochten, nicht
eingehen zu dürfen, sondern vielmehr seine Lebensweise nach seinen
jetzigen Vermögensverhältnissen einrichten zu müssen.
Seine innere Heiterkeit blieb übrigens dabei ganz unangetastet, ja er
pries die Vorsehung dafür, daß dieser Schlag nicht eher eingetreten
sei, als jetzt, wo alle seine Kinder soweit erzogen waren und
größtenteils schon eine gesicherte Lebensstellung hatten.
Er beschloß, mit seiner Gattin abwechselnd, bei seinem zweiten und
dritten Sohne, die ja beide schon im Amte standen, Wohnung und
Aufenthalt zu nehmen, und, wenn er es auch bedauerte, seinen lieben
Garten aufgeben zu müssen, sowie die Möglichkeit, werte Freunde unter
seinem eigenen Dache zu beherbergen, so freute er sich doch andrerseits
sehr, nun der zarten Liebeserweisungen kindlicher Anhänglichkeit und
Dankbarkeit unausgesetzt genießen zu können. Als er sich von einem
kleinen Unwohlsein wiedererholt hatte, sagte er: »Ich kann kaum
begreifen, warum mein Leben so lange erhalten wird, es sei denn, damit
ich beweisen kann, daß ein Mensch ebenso glücklich sein kann ohne als
mit Vermögen.«
Das Scheiden von Highwood Hill wurde aber für Wilberforce noch durch
einen harten Schlag erschwert, der ohne Zweifel die ihn am meisten
erschütternde Heimsuchung seines Greisenalters war. Es starb ihm
nämlich, als er sich eben von der lieblichen Stätte losgerissen hatte,
welche der Ruheplatz für seine letzten Lebenstage hatte werden sollen,
seine einzige noch übrige Tochter. Zwar konnte er auch von ihr mit
innigem Danke gegen Gott »eine heilige, ruhige, demütige Zuversicht zu
ihrem Heilande« rühmen, »mit der sie sich gleichsam auf den Arm ihres
Erlösers lehnte«, aber es war doch für das Vaterherz etwas unsäglich
Bitteres, noch einmal einem teuren Kinde in das frühe Grab sehen zu
müssen, und in den trauten Kreis seiner Familie, worin er sich wohl
fühlte, eine empfindliche Lücke gerissen zu sehen.
Wie rasch sich übrigens Wilberforce in das veränderte Leben
eingewöhnte, und wie wohl es ihm dabei war, zeigt ein Brief an seinen
Freund und Schwager Stephen. »Wir befinden uns«, so schreibt er aus
dem Pfarrhause des einen Sohnes, »hier jetzt ungefähr 6 Wochen. Wie
viel mehr Ursache habe ich, mich zu freuen, als über einen Verlust
zu klagen, der einen solchen Erfolg gehabt hat! Wir sind unter das
Dach unserer teueren Kinder gekommen; wir sind Zeugen, wie sie ein
großes häusliches Glück genießen und gewissenhaft die Pflichten des
wichtigsten Berufes erfüllen.«
Die Gebrechen des Alters stellten sich bei Wilberforce, wie er öfters
mit herzlichem Danke gegen Gott erwähnte, nur langsam ein und ohne
die schmerzhaften Leiden, die sich so oft damit verbinden. Es war
im wesentlichen nur ein größeres Bedürfnis von Ruhe, welches sie
herbeiführten und dieses Bedürfnis konnte er sich in den stillen
Pfarrhäusern seiner Söhne besser befriedigen, als es in Highwood Hill
möglich gewesen wäre, dessen nähere Lage bei London auch häufigere
Besuche seiner Freunde wie Solcher, die Rat bei ihm suchen wollten,
gebracht haben würde. Aber, wie groß auch sein Ruhebedürfnis war, er
vergaß es doch gänzlich und zeigte sich noch stets als einen sehr
unterhaltenden Gesellschafter, wenn ihn Freunde besuchten, ja konnte
noch in wahrhaft jugendliches Feuer geraten, wenn es galt, jemand, der
ihn besuchte, auf das Eine, was not ist, hinzuweisen und ihn von den
Irrtümern seines Weges zu überzeugen.
Ebenso wurde er stets tief ergriffen und zu feuriger Begeisterung
entflammt, wenn auf die Sklavensache die Rede kam, und wenn es sich
darum handelte, die Notwendigkeit der völligen Abschaffung der
Sklaverei zu beweisen.
Als ein Bild von ihm gemalt werden sollte, und der Maler, der ihn
nicht als den müden, altersschwachen Greis abkonterfeien wollte,
als welcher er jetzt erschien, begehrte, man möge ihm irgend eine
geistige Anregung zu verschaffen suchen, da genügte es, daß jemand die
Bemerkung fallen ließ, nach den neuesten Nachrichten würden die Sklaven
in Westindien jetzt doch weit besser als früher behandelt. Sofort
regte sich da in Wilberforce der heilige Eifer, dies aus den neuesten
Nachrichten, die er selber besaß, zu bestreiten und es entspann sich
eine so belebte Unterhaltung, daß der Maler von ihm ein Bild gewann,
wie er es haben wollte, und wie es auch sein mußte, um ihn in voller
Lebenswahrheit darzustellen.
Als im April 1833 zu Maidstone, dem Hauptorte der Grafschaft Kent, in
der er sich gerade jetzt bei seinem Sohne in East Farleigh befand,
eine Versammlung gehalten wurde, worin eine Adresse gegen die
Sklaverei beschlossen werden sollte, ließ sich Wilberforce, obwohl er
seit zwei Jahren nicht mehr öffentlich gesprochen hatte, doch nicht
zurückhalten, die Versammlung zu besuchen und nicht allein als der
erste die zu stande gekommene Adresse zu unterschreiben, sondern auch,
obwohl nur mit schwacher Stimme für die heilige Sache zu sprechen,
deren begeisterter Vorkämpfer er so lange Jahre hindurch gewesen war.
Und wie freute er sich mit einer heiligen Freude, zu spüren, daß die
öffentliche Meinung auf dem Punkte angekommen sei, wohin sie zu führen
die letzte Anstrengung seines öffentlichen Lebens gewesen war! Denn in
der ganzen großen Versammlung war niemand, der daran gezweifelt hätte,
es müsse auf eine vollständige Beseitigung aller Sklaverei gedrungen
werden.
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