William Wilberforce der Sklavenfreund 10
Wer nach dem bisher Erzählten denken wollte, Wilberforce habe für
nichts anderes Interesse gehabt, als für seine Sklavensache und
höchstens für das, was derselben irgendwie dienen konnte, der würde
ihn durchaus falsch beurteilen. Sein Herz, das von der Liebe Christi
durchdrungen war, trieb ihn vielmehr, wo und wie er nur konnte, das
leibliche und geistliche Wohl aller seiner Mitmenschen zu fördern.
Nicht blos, daß er bei jeder sich bietenden Gelegenheit für die heilige
Sache der Mission eintrat und für ihre Ausbreitung und Förderung
kämpfte, auch das leibliche Elend seiner Mitmenschen fand in ihm einen
stets willigen und bereiten Helfer. So besuchte er, wenn er in London
war, häufig die dortigen Krankenhäuser und brachte den Elenden neben
geistlichem Zuspruche auch leibliche Erquickungen, ja hielt es nicht
unter seiner Würde, ihnen auch selbst hülfreiche Handreichung zu thun.
Auch unterstützte er nach wie vor seine Freundin Hannah More bei ihren
Bemühungen, dem unwissenden Volke die Segnungen eines regelmäßigen
Schulunterrichtes zuzuwenden und hatte dafür eine allezeit offene Hand.
Besonders aber beschäftigte ihn schon seit Jahren eine Schrift, an der
er ununterbrochen während seiner Mußezeiten arbeitete und welche den
Titel führen sollte: »Eine praktische Übersicht des vorherrschenden
religiösen Lehrbegriffs der Bekenner des Christentums in den höheren
und mittleren Ständen dieses Landes, verglichen mit dem wahren
Christentum«, also eine Schrift, die mit der Sklavensache zunächst gar
nichts zu thun hatte.
Es war nämlich für Wilberforce ein fortgesetzter tiefer Schmerz, zu
sehen, wie wenig wahres, aufrichtiges und thatkräftiges Christentum in
den Gesellschaftskreisen herrschte, darin er sich bewegte. Entweder
trat ihm da eine vollständige Gleichgiltigkeit gegen das Christentum
entgegen, die von diesem nicht einmal reden hören mochte, oder jene
unerträgliche Schwatzhaftigkeit über das Christentum, der man es doch
sofort abmerkte, daß sie ebensowenig aus aufrichtiger Hochachtung
und Liebe für dasselbe hervorging, als ihr eine rechte christliche
Erkenntnis oder gar eine wahrhaftige christliche Erfahrung zu Grunde
lag. Diese betrübende Wahrnehmung ließ dem für das Christentum,
dessen segensreiche Wirkung er täglich mehr an sich selbst erfuhr,
begeisterten Manne keine Ruhe. Er betrachtete es als eine heilige
Pflicht, mit der Gabe, die er empfangen hatte, auch anderen zu dienen,
die derselben noch ermangelten, und möglichst viele von ihren falschen,
verkehrten Wegen zu dem einzigen Wege zu rufen, der zum Frieden auf
Erden und zur Seligkeit im Himmel führt.
Bei denjenigen, welche ihm persönlich näher standen, that er dies
mündlich mit rückhaltsloser Offenheit, aber auch mit so liebenswürdiger
Milde und mit so teilnahmvoller Eindringlichkeit, daß ihm niemand
zürnen konnte, auch wenn er sich vielleicht durch ein ernstes,
strafendes Wort verletzt gefühlt hätte.
Um aber auch auf weitere Kreise zu wirken, mit denen er keine
persönliche Berührung hatte, schrieb er das erwähnte Buch. In der
Einleitung zu demselben hob er besonders hervor, daß er, obgleich ein
Nichtgeistlicher, sich doch verpflichtet gefühlt habe, solch ein Buch
zu schreiben, weil er dafür halte, daß jeder Christ dazu berufen sei,
das Heil seiner Nächsten nach Kräften zu fördern, und weil er denke,
daß man einen Nichtgeistlichen für unparteiischer halten werde; er habe
nicht für entschiedene Gegner des Christentums geschrieben, sondern für
solche, die sich wohl Christen nennten, aber deren Leben durchaus nicht
mit ihren Bekenntnissen übereinstimme.
Nachdem er nun zuerst die Haupt- und Grundlehren des Evangeliums:
von der Sünde, von der Erlösung durch den Herrn Jesum Christum, von
der Heiligung durch den heiligen Geist in tiefer, schriftgemäßer
Weise besprochen und mit hoher Glaubensfreudigkeit als die rechte
seligmachende Weisheit und Wahrheit bezeugt hatte, welche niemand
ungestraft und ohne Schaden verachten könne, ging er besonders darauf
aus, zu beweisen, wie eine Sittlichkeit ohne Glauben nur hohles,
kraftloses, hinfälliges Wesen sei, wie aber der Glaube nicht etwa
blos in dem Fürwahrhalten der christlichen Lehre bestehe, sondern
vielmehr ein Sauerteig sei, der das ganze Wesen durchdringen und zu
einer vollen, rückhaltlosen Hingabe des Herzens und Lebens an Gott und
den Heiland treiben müsse. An dieser Beweisführung, bei welcher er
besonders die Redensarten näher beleuchtete, mit denen die Weltmenschen
in der Regel jede Zumutung mit ihrem Christentum Ernst zu machen, von
sich abwiesen, schloß sich dann der Nachweis, wie wahres Christentum
mit allen Lebensverhältnissen und mit jeder Lebensstellung wohl
verträglich sei und durchaus nichts Unmögliches von seinen Jüngern
fordere.
Sieben Jahre lang schon hatte Wilberforce an diesem Buche gearbeitet
und, was er darin niederlegen wollte, nicht nur aufs Reiflichste
erwogen, sondern auch an seinem eigenen Herzen und an seiner eigenen
Lebenserfahrung soviel als möglich erprobt. Jetzt erst entschloß er
sich, das Buch in Druck zu geben. Der Buchhändler, an welchen er sich
deshalb wandte, hielt, nachdem er einen Blick in dasselbe gethan hatte,
den Verfasser für einen liebenswürdigen Schwärmer, der aber mit dem
Geschriebenen keinen großen Erfolg erzielen, sondern nur viel Spott
und Hohn einernten werde. Dem Namen »Wilberforce« zu liebe, meinte er
lächelnd, wolle er es wagen, 500 Exemplare zu drucken, aber es sei sehr
fraglich, ob auch nur diese Absatz finden würden.
Wie hatte sich aber der gute Mann verrechnet! Kaum war im April 1797
der Druck vollendet, und das Buch ausgegeben, als auch bereits nach
wenigen Tagen die 500 Exemplare vollständig vergriffen waren. Und
damit war es nicht am Ende, nein, die Nachfrage nach dem Buche wurde
so stark, daß im Laufe des nächsten halben Jahres 5 Auflagen in einer
Stärke von im ganzen 7500 Exemplaren nachgedruckt werden mußten. Ja
bis zum Jahre 1826 erlebte das Buch noch weitere 10 Auflagen und
wurde ins Deutsche, Holländische, Französische, Italienische und
Spanische übersetzt: jedenfalls ein unwiderlegliches Zeugnis von der
Vortrefflichkeit und durchschlagenden Wirkung des Buches!
»Ich preise Gott,« so schrieb der fromme Bischof von London über
dasselbe, »daß in diesen schrecklichen Zeiten solch ein Werk erschienen
ist, und ich will ihn inbrünstig bitten, daß es weiterhin einen
mächtigen Einfluß gewinnen möge, vor allem aber auf mein eigenes Herz,
welches dadurch zur Demut und hoffentlich bald auch zur Wirksamkeit
angeregt wird.«
Von allen Seiten kamen Wilberforce die ehrenvollsten Dankbezeugungen
wegen seines Buches zu. Ja es zeigte ihm sogar jemand in einem
namenlosen Schreiben an, er habe sich ein kleines Gut in der Grafschaft
York gekauft, eigens zu dem Zwecke, bei der nächsten Wahl ins Parlament
Wilberforce seine Stimme geben und ihm dadurch einen geringen Teil
seiner Dankesschuld abtragen zu können.
Aber eitel konnte Wilberforce nicht werden, wenn er auch die Anlage
dazu in eben dem Maße besessen hätte, als er sie nicht besaß. Seine
Feinde und Gegner sorgten dafür, daß es neben den vielen Anerkennungen
auch nicht an den härtesten, lieblosesten Beurteilungen des Buches
fehlte. War es ihnen doch ein Dorn im Auge, daß der Name des von ihnen
so bitter Gehaßten durch das Buch noch größere Berühmtheit erlangte,
als er sie schon hatte.
V.
Wilberforce war bis jetzt, obwohl nahezu 38 Jahre alt, allein durchs
Leben gegangen, ohne sich noch eine eigene Familie gegründet zu haben.
Seine Besitzungen in Yorkshire ließ er durch seine dortigen Freunde
und Bekannten verwalten, um nicht durch die gewöhnlichen, alltäglichen
Lebenssorgen in seiner öffentlichen Thätigkeit gehindert zu sein.
Obschon es ihm seine Mittel erlaubt hätten, erwarb er sich nicht einmal
eine eigene Wohnung in London, wo er doch einen großen, wenn nicht den
größten Teil seiner Zeit zubrachte.
»Als einzelner Mann,« sagte er später einmal, »fand ich ein Vergnügen
an dem Gedanken, allein in einem gemieteten Hause zu leben. Denn so
ward ich beständig daran erinnert, daß hienieden noch nicht meine
wahre Wohnung und Heimat sei, und daß ich die Pflicht habe, nach einer
besseren Heimat auszusehen und zu streben.«
Gleichwohl fühlte er sein Alleinstehen nicht selten als einen Mangel
in seinem Leben, zumal, wenn er bei Besuchen seiner Freunde deren
glückliches Familienleben sah, und die reinen erquickenden Freuden
eines solchen schmecken und fühlen lernte. Denn seit der Verheiratung
seiner Schwester fand er auch bei seiner Mutter, die einsam in Hull
wohnte und sich von diesem Orte nicht trennen wollte, wenn er dieselbe
gelegentlich besuchte, kein eigentliches Familienleben mehr, wie es
sein gefühlvolles Herz begehrte.
Allein so oft ihm auch schon der Gedanke mochte gekommen sein, sich
einen eigenen Herd zu gründen, er hatte denselben bisher immer
wieder von sich abweisen zu sollen geglaubt, weil er befürchtete,
die Pflichten eines Familienhauptes würden ihn zu sehr in Anspruch
nehmen, als daß er im stande wäre, dem Werke, das ihm ja mehr und mehr
Lebensaufgabe wurde, die gebührende Zeit und Kraft zuzuwenden. Auch
die eigene schwache Gesundheit mochte bei seiner Abneigung, sich zu
vermählen, ein bedeutsames Wort mitsprechen.
Am allerwenigsten aber glaubte Wilberforce gerade jetzt an die Gründung
einer eigenen Familie denken zu dürfen, wo er es hatte erfahren
müssen, daß seine Gegner selbst vor meuchlerischen Anschlägen auf sein
Leben nicht zurückscheuten, und wo überdies sowohl die immer noch
nicht völlig beigelegten kriegerischen Unruhen, als auch der in immer
höherem Maße um sich greifende Geist der Empörung und des Aufruhrs alle
Verhältnisse im Lande unsicher machten.
Aber er sollte es erfahren, daß in der That die rechten Ehen »im Himmel
geschlossen werden,« und daß Gottes Gedanken über seine Kinder oft ganz
andere sind als die eigenen Menschengedanken, wenn dieselben auch auf
dem Boden voller pflichtmäßiger Überzeugung erwachsen sind und durchaus
nicht mit Gottes heiligen Geboten in Widerstreit stehen.
Denn gerade jetzt, wo er in Bath die Osterferien 1797 zubrachte,
führte ihm des Herrn Hand Diejenige zu, welche bestimmt war, ihm ein
reiches häusliches Glück zu bereiten, und so den Mangel auszufüllen,
den er sich bisher in opferwilliger Selbstverleugnung geglaubt hatte
auferlegen zu müssen.
Es war Barbara Ann, die älteste Tochter eines adeligen Herrn aus der
Grafschaft Warwickshire, des Esquire Isaak Spooner zu Elmdon Hall.
Schon die erste Begegnung dieser Dame hatte auf Wilberforce einen
tiefen Eindruck gemacht und den Gedanken in ihm erweckt, daß eine
Lebensgefährtin, die er sich erwählen sollte, gerade so und nicht
anders sein müsse. Daß es aber nicht bestechende äußere Vorzüge waren,
die diesen Eindruck auf ihn machten und ihm solche Gedanken erweckten,
sondern vielmehr die inneren Eigenschaften, die er bei der neuen
Bekannten wahrnahm und die sich ihm bei fortgesetzter Bekanntschaft
immer deutlicher erschlossen, zeigt eine Stelle in seinem Tagebuche,
welche er nach seiner Verlobung niederschrieb.
»Der Würfel ist gefallen,« heißt es da. »Ich glaube, sie eignet sich
ganz besonders für mich, und manche Umstände schienen mir diesen
Schritt anzuraten. Ich hoffe, Gott wird mich dabei segnen; ich will
darum zu ihm beten. Ich halte sie für eine ächte Christin, liebevoll,
gefühlvoll, verständig in ihrem ganzen Wesen, mäßig in ihren Wünschen
und Bestrebungen, fähig, Glück und Unglück zu ertragen, ohne davon
beherrscht zu werden. Wenn ich voreilig gewesen bin, so vergieb mir, o
Gott! Aber wenn, wie ich zuversichtlich hoffe, wir beide Dich lieben
und fürchten, und Dir dienen werden, dann wollest Du uns segnen nach
dem untrüglichen Worte Deiner Verheißung.«
Am 23. April 1797 verlobte sich Wilberforce förmlich mit der Erwählten,
und je näher er dieselbe kennen lernte, desto inniger wurde sein
Dank gegen Gott, der sie ihn hatte finden lassen, desto freudiger und
hoffnungsreicher sein Blick in die Zukunft, die sich bei der vollen
inneren Übereinstimmung der beiden Verlobten zu einer glücklichen und
gesegneten gestalten zu müssen schien.
Die glücklichen Stunden jedoch, welche Wilberforce jetzt hier in Bath
verleben durfte, konnten sein ernstes Pflichtgefühl auch nicht um einen
Finger breit abschwächen und ihn zurückhalten, wenn die Pflicht zur
Arbeit rief. Und das sollte schon wenige Tage nach der Verlobung der
Fall werden.
Es waren nämlich dadurch, daß Österreich, Englands bisheriger
Bundesgenosse gegen Frankreich, mit diesem einen besonderen Frieden
geschlossen hatte, ernste Verwickelungen für England entstanden,
die auf den inneren Zustand des Landes einen höchst nachteiligen
Einfluß äußerten. Deshalb lud der Minister Pitt seinen Freund, dessen
Scharfsinn und staatsmännische Klugheit er in hohem Maße schätzte, auf
das dringendste ein, sofort nach London zu kommen. Und Wilberforce
zögerte keinen Augenblick, diesem Rufe zu folgen, so schwer es ihm auch
werden mochte, sich jetzt sogleich wieder von seiner Braut zu trennen.
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