William Wilberforce der Sklavenfreund 9
Nichts destoweniger trat Wilberforce am 2. April 1792 mit dem Antrage
auf sofortige Abschaffung des Sklavenhandels vor das Parlament,
ermutigt durch sein gutes Gewissen, welches ihn von einer Hinneigung zu
den Grundsätzen der Revolution völlig freisprach und angefeuert durch
seinen heiligen Eifer, der die gute Sache auch jetzt nicht ruhen lassen
konnte.
Wiederum sprach er mit dem ganzen Feuer seiner hinreißenden
Beredsamkeit; wiederum unterstützten ihn die beiden sonstigen Gegner,
Pitt und Fox mit gleicher Kraft und Entschiedenheit, aber sein Antrag
fiel dennoch durch. Doch hatten die gehaltenen Reden wenigstens den
bei den gegenwärtigen Zeitläufen immerhin nicht unbedeutenden Erfolg,
daß man sich mit 238 gegen 45 Stimmen für den Vorschlag erklärte, auf
allmähliche Abschaffung des Sklavenhandels Bedacht zu nehmen. Es mußte
jedoch dafür erst in einer neuen Parlamentssitzung ein besonderer
Antrag eingebracht werden.
Wilberforce konnte sich zu solch einem Antrage nicht entschließen,
weil dadurch das einstweilige Fortbestehen des Sklavenhandels als
gesetzmäßig hingestellt worden wäre. An seiner statt übernahm es
einer der Minister ihn zu stellen und wollte den 1. Januar 1795 als
den Tag angenommen haben, von welchem ab der Sklavenhandel aufhören
müsse. Das war aber den meisten ein zu naher Termin und nach langen,
heißen Verhandlungen wurde endlich auf den Antrag von Wilberforce
mit 151 gegen 132 Stimmen der 1. Januar 1796 als Endtermin für den
Sklavenhandel angenommen.
Hätte nur auch das Oberhaus, das diesen Beschluß ebenfalls annehmen
mußte, wenn er Gesetzeskraft erlangen sollte, in denselben eingestimmt!
Allein dies war nicht der Fall, sondern es verschob seine Entscheidung
bis zur nächsten Sitzung.
Obwohl so noch durchaus nichts Festes und Bestimmtes erreicht war,
ergossen doch die »Westindier« die ganze Schale ihres Zornes über
Wilberforce, als den Mann, der im Kampfe gegen sie sich nicht zur Ruhe
bringen ließ. Nicht blos, daß die schändlichsten Verleumdungen wider
ihn ausgestreut wurden, nein selbst mörderische Pläne wurden gegen ihn
geschmiedet, sodaß ihn seine Freunde nicht ohne bewaffnete Begleitung
wollten auf die Reise gehen lassen. Möglich, daß auch seine Ernennung
zum französischen Bürger, welche ihm in dieser Zeit zukam, nur eine
böswillige Anzettelung seiner Feinde war, die ihn dadurch als einen
unzweifelhaften Anhänger der französischen Revolution verdächtigen
wollten. Freilich wurde ihm diese zweifelhafte Ehre sogleich wieder
entzogen und sein Name aus den Listen der französischen Bürger
gestrichen, als er in den Vorstand einer Gesellschaft trat, die sich
die Unterstützung der durch die Revolution aus Frankreich vertriebenen
Geistlichen zum Zwecke gesetzt hatte.
Der Krieg mit Frankreich, welcher ausbrach, nachdem die Franzosen
ihre gerühmte »Brüderlichkeit« soweit getrieben hatten, daß sie am
21. Januar 1793 ihren König hinrichteten, brachte notwendig einen
Stillstand in die Verhandlungen über die Sklavensache. Nun, wo man
gesehen hatte, wie die Grundsätze der Revolution in Frankreich zum
Umsturz aller bestehenden Ordnung führen konnten, schrack man vor allem
zurück, was nur den mindesten Zusammenhang mit diesen Grundsätzen zu
haben schien, wie man das ja bereits den Bemühungen der Sklavenfreunde
und unseres Wilberforce insonderheit zum Vorwurfe gemacht hatte.
Das Parlament weigerte sich in seiner großen Mehrzahl, auch nur die
Entscheidung vom vorigen Jahre zu erneuern.
Dem Kriege mit Frankreich war Wilberforce entgegen gewesen. Als
derselbe unvermeidlich wurde, weil die französische Nationalversammlung
auf die Rückberufung des englischen Gesandten nach der Hinrichtung
Ludwigs XVI. damit antwortete, daß sie an England den Krieg erklärte,
drang Wilberforce bei seinem Freunde Pitt darauf, daß England sich nur
verteidigen solle, wenn es von Frankreich wirklich angegriffen würde.
Allein da Pitt ein erbitterter Gegner des revolutionären Nachbars war,
so ging er darauf nicht ein, und zum erstenmale fanden sich die beiden
Freunde in entschiedenem Gegensatze.
Wenn er aber auch so für den äußeren Frieden nichts durchsetzen
konnte, so beteiligte sich Wilberforce desto eifriger an einem anderen
Friedenswerke, zu dem sich jetzt Gelegenheit bot, und das ihm schon
längere Zeit am Herzen gelegen hatte.
Es lag nämlich die Notwendigkeit vor, die Karte der englischen Kolonien
in Asien zu erneuern, und es kam im Parlament zu Verhandlungen über
die sittlichen und religiösen Zustände der Eingeborenen in jenen
Kolonien, bei denen der Regierung zum Vorwurfe gemacht werden mußte,
daß sie diesen Zuständen bisher gar keine Aufmerksamkeit zugewendet
habe. Da verlangte denn Wilberforce, daß Geistliche und Lehrer nach
Ostindien geschickt würden, welche den Eingeborenen das Christentum
brächten, wie dies von seiten der Sekten der Methodisten und Baptisten
bereits geschehen sei. Er bekämpfte dabei mit aller Entschiedenheit
den Grundsatz, dem die englische Regierung bisher gefolgt war, und der
dahin ging, daß es am besten sei, die Eingeborenen bei ihrem Heidentum
zu lassen. Es war ein tiefer Schmerz für ihn, zu sehen, wie sein
Vorschlag mit allgemeiner Gleichgültigkeit aufgenommen wurde und sogar
nur bei einzelnen der Bischöfe Unterstützung fand. Vergebens machte
er geltend, daß eine Ablehnung seiner Forderung gleichbedeutend sei
mit der öffentlichen amtlichen Erklärung, man achte das Christentum
nur deshalb, weil es die im Lande bestehende Religion sei, nicht aber
deshalb, weil es allein den rechten Heilsweg zeige und eine göttliche
Offenbarung sei. -- Seine Anträge wurden nicht angenommen.
Als mit der Hinrichtung Robespierres am 27. Juli 1794 die
Schreckensherrschaft in Frankreich ihr Ende erreicht hatte, hielt
Wilberforce die Zeit für gekommen, den Frieden mit Frankreich wieder
herzustellen und England wieder die Segnungen des Friedens zuzuwenden.
Trotz der entgegenstehenden Ansicht der meisten seiner Freunde,
trotzdem, daß er dadurch wieder mit Pitt in offenen Widerspruch treten
mußte, brachte er, lediglich den Mahnungen seines Gewissens folgend,
im Dezember 1794 seine Friedensanträge im Parlamente ein. Er zog
sich dadurch nicht blos die Unzufriedenheit des Königs, sondern auch
seiner Wähler zu, achtete aber dessen nicht, sondern unterstützte nach
Ablehnung seiner eigenen Anträge schon im Februar des folgenden Jahres
wieder den Antrag auf Wiederherstellung des Friedens, welchen ein
anderes Parlamentsglied eingebracht hatte, sowie jeden anderen dahin
zielenden Antrag, der im Laufe dieser Parlamentssitzung gestellt wurde.
-- So heilig war ihm eine einmal gewonnene gewissenhafte Überzeugung.
Zu einer inneren Entfremdung zwischen Wilberforce und Pitt kam es
indessen durch diese Gegnerschaft in Sachen des Krieges keineswegs.
Pitt wußte zu gut, daß der Freund lediglich aus der Gewissenhaftigkeit
seiner Überzeugung heraus diese Gegnerschaft aufrecht erhielt und alles
war zwischen beiden vergessen, als sich auch die Minister dem Frieden
mit Frankreich glaubten zuneigen zu müssen.
Sie gingen wieder einträchtig zusammen, als die Regierung vom
Parlamente die Berechtigung zu außerordentlichen Maßregeln forderte,
um den Revolutionsgeist unterdrücken zu können, der sich immer weiter
im Lande auszubreiten schien und immer kecker und unverhohlener
hervortrat. Schon predigte man offen in eigens dazu berufenen
Versammlungen den Aufruhr gegen die Regierung, verbreitete ungescheut
Bilder, durch welche der König auf dem Gange zum Schaffot dargestellt
wurde, ja wagte es sogar, den König persönlich zu beunruhigen und
zu beschimpfen, als er zur Eröffnung des Parlamentes fuhr. -- Da
unterstützte denn Wilberforce furchtlos und kräftig, wenn auch ungern,
die Forderung der Regierung und half dazu, daß sie, wenn schon auch
erst nach langem und heißem Redekampfe bewilligt wurde.
Er hatte aber damit nicht allein die Feindschaft der Freiheitspartei
auf sich geladen, die sich auch im Parlamente gebildet hatte, sondern
auch die ganze Masse seiner Wähler in der Grafschaft York wider sich
erbittert, die sich von dem Revolutionsgeiste hatten bestricken lassen.
Als er nun hörte, daß diese eine große öffentliche Versammlung abhalten
wollten, um ihrem Unwillen gegen das Ministerium und seine Absichten
Ausdruck zu geben, beeilte er sich, zu dieser Versammlung noch zurecht
zu kommen und benutzte dazu sogar, ohne irgend welches Bedenken, weil
sein eigener Wagen für eine so weite eilige Reise nicht gehörig in
Ordnung war, den Wagen, den ihm der so verhaßte Minister zur Verfügung
stellte.
Allein als Wilberforce am Orte der Versammlung ankam, stellte es sich
heraus, daß die sogenannte Freiheitspartei doch noch nicht so groß
war, als man befürchtet hatte, und bei Eröffnung der Versammlung waren
die Freunde und Anhänger des Ministeriums entschieden in der Überzahl.
Ohne Furcht vor etwaigen Feindseligkeiten gegen seine Person trat
Wilberforce in die stürmisch tobende Versammlung hinein, verschaffte
sich Gehör und hielt eine glänzende Rede, die den Erfolg hatte, daß
eine ganz gegenteilige Kundgebung als die beabsichtigte zu stande kam,
nämlich eine Schrift, die bald mit zahlreichen Unterschriften bedeckt
war, und worin man die entschiedenen und kräftigen Maßregeln des
Ministeriums gegen die revolutionäre Partei vollständig billigte, und
dieser Vorgang fand bald auch in anderen Grafschaften Nachahmung.
So hatte Wilberforce den deutlichsten Beweis geliefert, wie falsch
die ihm gemachten Vorwürfe wegen Hinneigung zu den Grundsätzen der
Revolution gewesen seien, und glaubte denn nun, ohne aufs neue solche
Vorwürfe erleiden zu müssen, seine Sklavensache wieder in Angriff
nehmen zu können. Denn entmutigt war er durch die bisher nur errungenen
geringen Erfolge keineswegs, und es lag gerade jetzt wieder ein
besonderer Grund vor, in seiner Sache ernstlich vorzugehen.
Frankreich hatte nämlich, um den verhaßten englischen Nachbarn
einen empfindlichen Schaden zuzufügen und wo möglich die ganze
Negerbevölkerung auf seinen westindischen Besitzungen in Aufruhr zu
bringen, auf seinen eigenen Besitzungen drüben alle Neger für frei
erklärt, und es dadurch auch wirklich dahin gebracht, daß auf den
englischen Inseln Granada, St. Vincent und Dominica Empörungen der
Neger stattfanden. Da hatten denn die Freunde des Sklavenhandels
wieder Oberwasser und wußten den Mund nicht voll genug zu nehmen, um
auszuschreien, daß man hier sehen könne, wozu die Freundschaft gegen
die Neger führe.
[Illustration]
Sofort war Wilberforce auf dem Kampfplatze und brachte am 18. Februar
1796 wieder seine alten Anträge auf Aufhebung des Sklavenhandels und
wo möglich der Sklaverei selbst das Parlament, entwickelte auch
wieder die alte, feurige Beredsamkeit für seine Herzenssache und
wußte das thörichte Geschrei der Gegner mit der Wucht seiner Gründe
zu übertäuben. Allein wiewohl er auch jetzt wieder von Pitt kräftig
unterstützt wurde, konnte er doch seine Anträge nicht durchbringen,
weil seine Freunde bei der schließlichen Abstimmung nicht in der
nötigen Zahl auf dem Platze waren, und selbst der von ihm gestellte
Antrag fiel durch, daß durch das Gesetz eine bessere Behandlung der
Sklaven auf den Sklavenschiffen erzwungen werden möchte.
Tiefbetrübt über diesen neuen Mißerfolg würde Wilberforce wohl nicht
daran gedacht haben, sich um seine Wiederwahl ins Parlament zu
bewerben, wie es jetzt nötig wurde, wenn er nicht zweifellos an den
endlichen Sieg seiner guten Sache geglaubt und es deshalb für eine
heilige Pflicht angesehen hätte, seine Wirksamkeit im Parlamente
unbeirrt und mit aller Kraft fortzusetzen. Seine Wiederwahl hatte denn
auch nicht die geringste Schwierigkeit.
Bei einem Besuche seiner Mutter in Hull, den er bei Gelegenheit dieser
Wiederwahl machte, durfte er mit inniger Freude wahrnehmen, wie die
betagte Frau, die er so sehr liebte, jetzt durch Gottes Gnade innerlich
eine ganz andere geworden und auf dem besten Wege war, sich mit ganzem,
vollem Ernste dem wahren Christentum zuzuwenden. Ihre Bitte beim
Abschiede, daß der Sohn ihrer fleißig in seinem Gebete gedenken möge,
hat dieser gewiß von nun an mit doppelter Freudigkeit erfüllt
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