William Wilberforce der Sklavenfreund 18
Es war jedoch nicht die Furcht vor diesen Verleumdungen, welche ihn
abhielt, in der Sitzung des Parlamentes von 1816 die Registerbill
wiederum einzubringen, sondern der erfreuliche Umstand, daß sich jetzt
Spanien zur völligen Aufgebung seines Sklavenhandels zu entschließen
schien und deshalb in Verhandlungen mit England eintrat, die durch das
Einbringen der Registerbill hätten gestört werden können. Allerdings
zogen sich diese Verhandlungen bis ins folgende Jahr hin, weil Spanien
für die Aufgebung des Sklavenhandels eine hohe Entschädigungssumme
forderte; aber sie kamen doch endlich zum erwünschten Austrage,
nachdem man über eine Entschädigungssumme von 400,000 Pfund Sterling
(= 8 Millionen Mark) übereingekommen war, welche England bezahlen
sollte. Dagegen verpflichtete sich Spanien, bis zum Jahre 1820 den
Sklavenhandel aufzugeben, hielt aber trotzdem nachher diesen Termin
nicht ein, sondern erfüllte erst im Jahre 1822 sein Versprechen.
Als von der westindischen Insel Barbadoes Nachrichten über heftige
Negeraufstände einliefen, die dort stattgefunden, war dies natürlich
wieder eine willkommene Gelegenheit für die »Westindier,« Wilberforce
wegen seiner Bemühungen für die Sklaven anzugreifen. Man gab die
Grausamkeiten, welche sich die empörten Sklaven erlaubt hatten, diesen
allein schuld, ohne anerkennen zu wollen, daß dieselben von seiten
der Sklavenhalter durch ihre grausame, schonungslose Behandlung der
Neger veranlaßt worden seien; man suchte daraus die Notwendigkeit
zu beweisen, alle Bemühungen zu Gunsten der Neger aufzugeben, weil
diese, wenn sie von solchen Bemühungen wieder hörten, dadurch zu immer
neuen Empörungen und blutigen Befreiungsversuchen gereizt würden, und
ebensowohl auch die andere Notwendigkeit, die widerwilligen Neger durch
strengen und harten Druck niederzuhalten. Wilberforce mußte wieder
seine ganze Beredsamkeit aufwenden, um seine Sache, sowie sich selbst
und seine Grundsätze zu verteidigen. Er unterschrieb jedoch willig
eine Adresse mit, die den Prinz-Regenten bitten sollte, seine ernste
Mißbilligung der Vorgänge auf der westindischen Insel auszusprechen,
aber auch den Regierungen der Kolonieen auf das Ernsteste geeignete
Maßregeln zur Verbesserung der Lage der Neger zu empfehlen.
Im Oktober 1816 traf unsern Wilberforce der schwere Schlag, daß seine
innig geliebte Schwester, die Gattin seines Freundes Stephen, verstarb,
das letzte Glied seiner Familie, von welcher er nun noch allein übrig
war. Wenn er ihr mit trauerndem Herzen nachrühmen konnte, daß er in ihr
die zärtlichste Schwester verloren habe, von der er in Wahrheit sagen
könne, daß es wohl nie auf Erden eine anhänglichere, edlere und treuere
Freundin ihres Bruders gegeben habe, so konnte er sich ebensowohl zum
Troste sagen, daß sie in wahrem Frieden mit ihrem Gotte und Heilande
heimgegangen sei.
Wilberforce hatte bisher immer nur auf Aufhebung des Sklavenhandels und
bessere Behandlung der Sklaven, welche einmal das Joch der Knechtschaft
trugen, hingewirkt, ohne noch die gänzliche Aufhebung der Sklaverei
und völlige Freilassung aller Sklaven, die ihm doch als höchstes
Ziel vorschweben mußten, anders als in gelegentlichen Äußerungen
bei Freunden angerührt zu haben. Allein es wurde ihm immer mehr zur
Überzeugung, daß er nun auch thatsächlich auf dieses Ziel lossteuern
müsse, wenn sein Werk kein halbes bleiben sollte. So lange es Sklaven
gab, konnte auch der harte, grausame Geist nicht aussterben, mit dem
man sich gegen ihre Aufstände glaubte wappnen zu müssen, und der jedes
menschliche Mitgefühl mit den armen Schwarzen ersticken mußte.
Eine große Freude wurde ihm dadurch bereitet, daß sich im Jahre 1817
der Negerkönig Heinrich I. auf der Insel St. Domingo oder Haïti
geradezu mit einer Bitte an ihn wandte, und es damit bewies, daß die
Schwarzen seinen Eifer für ihr Wohl kannten und zu seiner Menschenliebe
das vollste Zutrauen hatten.
Mit diesem Negerkönige verhielt es sich aber folgendermaßen. Von dem
großen Sklavenaufstande auf St. Domingo im Jahre 1791, von welchem
bereits Erwähnung gethan wurde, und bei dem sich Neger und Farbige
zur Vertilgung aller Weißen auf der Insel vereinigt hatten, war das
Ende gewesen, daß in der That sämtliche Weiße, soweit ihnen nicht die
rechtzeitige Flucht gelang, schonungslos niedergemetzelt wurden. Der
französische Nationalkonvent hatte darauf am 4. Februar 1794 den Negern
und Farbigen in dem französischen Teile der Insel völlige Freiheit
und völlig gleiche Rechte mit den Weißen bewilligt und sogar einen
der hervorragendsten unter den aufständischen Negern, einen gewissen
Toussaint L'Ouverture, zum Obergeneral aller französischen Truppen auf
der Insel eingesetzt. Als nun die Spanier 1795 im Frieden von Basel
ihre Besitzungen auf der Insel an die Franzosen abgetreten hatten,
nachdem ihr Versuch fehlgeschlagen war, gemeinsam mit den Engländern
die mit den Franzosen verbündeten Neger zu besiegen, und auch die
Engländer im Jahre 1797 die Insel ganz aufgegeben hatten, brachen
die Neger in einem neuen Aufstande unter ihrem Führer Dessalines,
auch die Herrschaft der Franzosen, so daß diese im November 1803 die
Insel räumten. Jetzt warf sich Dessalines zum Herrscher der ganzen
Insel auf, nahm den Titel: »Kaiser Jacob I.« an und führte ein rohes,
grausames Regiment über Neger und Farbige. Aber schon nach einem Jahre
wurde er in einer Empörung gegen ihn ermordet und nun brach die alte
Eifersucht zwischen Negern und Farbigen wieder in hellen Flammen aus.
Die Neger sammelten sich unter ihrem Generale Heinrich Christoph, die
Farbigen unter dem Mulatten Pétion und teilten sich endlich friedlich
in den Besitz der Insel. Die Farbigen gründeten unter Pétion eine
Republik, die Neger unter Heinrich Christoph, welcher jedoch 1811 die
Negerrepublik in eine erbliche Monarchie verwandelte und sich als König
Heinrich I. die Krone aufsetzte. Obwohl als Sklave geboren, hatte er
sich dennoch eine tüchtige geistige Bildung zu verschaffen gewußt und
Erkenntnis genug gewonnen, um einzusehen, daß seine Herrschaft nur
Bestand haben könne, wenn er sich bemühe, seine Schwarzen aus ihrer
Rohheit und Unwissenheit herauszureißen.
Schon im Jahre 1815 hatte er sich mit Wilberforce in Verbindung zu
setzen gewußt und ihm erklärt, daß er in allen Stücken seinem Rate
folgen wolle. Wilberforce hatte mit Erlaubnis der Regierung diese
Verbindung gerne angenommen und gepflegt, weil der schwarze König
versichert hatte, nicht blos die englische Sprache, sondern auch die
evangelische Religion in seinem Königreiche einführen zu wollen.
Wie ihm der Negerkönig sein Bildnis zugesandt hatte, so schickte
Wilberforce als Gegengabe sein eigenes, sowie das seines ältesten
Sohnes nach Domingo hinüber.
Jetzt im Jahre 1817 wandte sich König Heinrich I. wiederum an
Wilberforce mit der Bitte, ihm einen englischen Erzieher für seinen
Sohn, sowie 7 Lehrer für das Volk und 7 Professoren für eine zu
errichtende Hochschule zu senden, auch englische Landleute zur
Ansiedelung auf St. Domingo zu bewegen, indem er zugleich 6000 Pfund
Sterling (120,000 M.) zur Bestreitung der Kosten beilegte.
Niemand wird bezweifeln, daß es für Wilberforce eine Gewissenssache
wurde, dieser Bitte zu entsprechen, und mit der ängstlichsten
Gewissenhaftigkeit die Leute auszuwählen, die er für die Verhältnisse
in St. Domingo als die tüchtigsten und geeignetsten ansah. Allein es
waren fruchtlose Bemühungen; denn im Jahre 1820 erschoß sich König
Heinrich I. bei einem Aufstande, welcher sich gegen ihn wegen allzu
strenge geübter Gerechtigkeit erhob, und die ganze Insel kam nun unter
die Herrschaft eines Mulatten Boyer.
Wilberforce, der sich bei dem Kongresse zu Aachen im Jahre 1818,
allerdings vergeblich, bemüht hatte, für seinen König Heinrich I. die
Anerkennung der europäischen Mächte zu erlangen, betrauerte es tief,
daß der für die Bildung seiner Schwarzen so eifrige Mann ein solches
Ende nahm und machte sich sogar Vorwürfe darüber, daß er für dessen
christliche Bildung nicht genug gethan und gebetet habe.
Auf dem Kongresse zu Aachen waren zwar die Bemühungen, die Wilberforce
gemacht hatte, um zu erringen, daß von seiten der dort tagenden
europäischen Mächte der Sklavenhandel, von dem er nur zu gut wußte,
daß derselbe nach wie vor weiter betrieben würde, nun in der That mit
der Seeräuberei auf gleiche Linie gestellt würde, von keinem Erfolge
gekrönt, aber die deshalb geführten Verhandlungen hatten doch das
Gute gehabt, daß den Mächten einmal wieder die Scheußlichkeiten des
Sklavenhandels recht in Erinnerung gebracht wurden. Wilberforce hatte
sich noch einmal schriftlich an den Kaiser von Rußland gewendet, aber
wie sehr auch dieser, wie sehr auch die englischen Bevollmächtigten
bei dem Kongresse sich darum bemühten, es konnte weder hier in Aachen,
noch auch auf dem 4 Jahre später stattfindenden Kongresse zu Verona die
allgemeine Erklärung des Sklavenhandels für Seeraub erlangt werden.
Auch die »Registerbill«, obschon wiederholt von Wilberforce im
Parlamente eingebracht und warm befürwortet, konnte nicht zur Annahme
gelangen. Sie scheiterte stets an dem hitzigen Widerstande der
»Westindier« und an ihrer steif festgehaltenen und deshalb von Vielen
als richtig angesehenen Behauptung, daß die westindischen Kolonieen
dadurch in ihrem Bestande gefährdet und dadurch auch England selbst
schwer geschädigt werden würde. Die Verhandlungen darüber machten es
aber allen Sklavenfreunden immer mehr zur unbestreitbaren Gewißheit,
daß nur durch völlige Aufhebung der Sklaverei den entsetzlichen
Grausamkeiten gegen die armen Neger ein Ende gemacht werden könne.
Vorläufig war jedoch für Wilberforce noch nicht daran zu denken, mit
einem bestimmten dahin zielenden Antrage vor das Parlament zu treten.
Die öffentliche Meinung in England war dafür noch nicht reif genug.
Aber seine Papiere aus dieser Zeit geben Zeugnis davon, wie er sich
fortwährend mit dem großen, edlen Gedanken beschäftigte und unablässig
auf Maßregeln sann, wie vorläufig wenigstens das Elend der armen
Schwarzen gelindert werden könne. Er mußte eben in seiner heiligen
Sache wirken, so lange es Tag für ihn war, und die 60 Lebensjahre,
die er nun schon auf dem Nacken trug, mußten ihm von Tag zu Tage mehr
eine Mahnung daran werden, daß es für ihn nicht mehr weit bis zum
Lebensabende und bis zu der Nacht sei, da niemand mehr wirken kann.
Auch fühlte er, der eigentlich niemals recht gesund und kräftig gewesen
war, deutlich, daß seine Lebenskraft sehr in der Abnahme begriffen
sei, und daß er nicht mehr so wie früher in allen Angelegenheiten des
Parlaments die ganze Arbeitskraft einsetzen könne und dürfe, wenn er
für diejenige, welche ihm am meisten am Herzen lag, noch ein wenig
Kraft behalten wolle.
Nur in Einer Angelegenheit, die mit seiner Sklavensache in keinem
näheren Zusammenhange stand, konnte er es nicht lassen, wieder in die
erste Reihe der Parlamentsredner einzutreten, weil sie ihm überaus
wichtig erschien und im ganzen Lande große Aufregung verursachte.
Der Prinz-Regent, welcher für seinen dem völligen Wahnsinne
anheimgefallenen und dazu noch erblindeten Vater Georg III. schon
seit 1811 die Regierung führte, lebte mit seiner Gemahlin, einer
braunschweigischen Prinzessin, in einer höchst unglücklichen Ehe, und
es kam so weit, daß die Königin, die schon längst getrennt von ihrem
Gemahle lebte, endlich die gänzliche gesetzliche Scheidung ihrer Ehe
beantragte.
Wilberforce, dessen sittliches Gefühl sich dagegen sträubte, daß
dem Volke von höchster Stelle aus solch ein böses Beispiel gegeben
werden sollte und der, wenn die Scheidung der königlichen Ehe wirklich
erfolgte, davon einen beklagenswerten Nachteil für die öffentliche
Sittlichkeit befürchtete, bot im Parlamente alles auf, die Scheidung zu
verhindern. Er fragte nichts danach, daß er sich dadurch das Mißfallen
der Königin zuzog. Allein die Hartnäckigkeit dieser ließ jeden
Vergleich zwischen den beiden Gatten vergeblich erscheinen, und es wäre
wohl sicher zum Vollzug der Scheidung gekommen, wenn nicht im August
1821 der Tod der Königin eingetreten wäre. Auch hierbei zeigte es sich
wieder recht klar, wie Wilberforce weder nach rechts noch nach links
sah, wenn ihm sein Weg durch eine klar erkannte Pflicht vorgezeichnet
war. Denn nicht blos, daß er durch sein Auftreten im Parlamente bei
der Ehescheidungs-Verhandlung die Gunst der Königin aufs Spiel setzte,
nein er lief auch dadurch Gefahr, wieder in die Ungunst des Volkes zu
geraten. Denn dieses stand in seiner großen Mehrzahl auf der Seite der
Königin gegen den König, welcher sich durch sein zügelloses Leben,
sowie auch durch seine Regierungsgrundsätze bei dem Volke äußerst
mißliebig gemacht hatte und schon einmal von einem wütenden Volkshaufen
thätlich angegriffen worden war.
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