William Wilberforce der Sklavenfreund 5
Schon vor der Abreise war es zwischen ihm und Milner zu einer sehr
ernsten Unterredung gekommen, die für Wilberforce einen kräftigen
Stachel in seinem Herzen zurückließ. Milner hatte nämlich einen Mann,
von dem Wilberforce behauptete, daß er die Anforderungen an ein
echt christliches Leben zu hoch spanne, mit großer Kraft und Wärme
verteidigt und dadurch bewiesen, daß er dieselben Anforderungen an
einen rechten Christen stelle. Da war denn in Wilberforce das Gewissen
mit aller Macht rege geworden und hatte ihm bezeugt, daß er selbst
noch weit davon entfernt sei, diesen Anforderungen zu genügen, und daß
deshalb sein Christentum noch kein rechtes sei. Den Stachel, den dieses
Zeugnis seines Gewissens bei ihm zurückließ, konnte er nicht wieder
los werden und brachte sowohl auf der Reise selbst, wie auch während
des mehrwöchentlichen Aufenthaltes in Nizza, in allen Gesprächen mit
Milner die christlichen Wahrheiten und die christlichen Pflichten immer
wieder zur Besprechung. Was die Belehrungen des frommen Milner dann
bei ihm angeregt hatten, ein ernstes Verlangen, mit seinem Christentum
endlich einmal wirklichen vollen Ernst zu machen, das wurde noch durch
ein gutes Buch bestärkt, welches Wilberforce zu Nizza in die Hände fiel
und welches den »Anfang und Fortgang der wahren Gottseligkeit« zum
Gegenstande hatte.
Dieses Buch machte auf den angeregten Mann einen solchen Eindruck,
daß er es fast nicht aus den Händen legte und als er anfangs des
Jahres 1785 mit Milner nach England zurückreiste, während seine Mutter
und seine Schwester noch in Nizza blieben, selbst während der Reise
darin studierte und mit Milner das Gelesene besprach. Wie dieser
ihm ernstlich anriet, machte er es sich nun zum heiligen Vorsatze,
die Wahrheit des Gelesenen und Besprochenen selbst an der heiligen
Schrift und ihren Aussprüchen zu prüfen und dem bisher nur zu sehr
vernachlässigten heiligen Buche wieder die gebührende Aufmerksamkeit
zuzuwenden.
Über diesen Vorsatz kam er freilich vor der Hand noch nicht hinaus,
denn bald hatten wieder die Parlamentsgeschäfte, sowie das zerstreuende
Londoner Leben sein ganzes Sinnen und Denken, sowie seine ganze Zeit so
in Anspruch genommen, daß es mit dem eifrigen Forschen im Worte Gottes
nicht viel wurde.
Erst auf der zweiten Reise nach Italien, die er nach Beendigung der
Parlamentssitzungen mit Milner antrat, um Mutter und Schwester von
Genua abzuholen, wohin dieselben inzwischen übergesiedelt waren,
kam es wirklich zu einem solchen ernsten, eifrigen Suchen in der
Schrift. Wilberforce hatte ein neues Testament in der griechischen
Grundsprache mitgenommen und las dasselbe unterwegs gemeinschaftlich
mit seinem Begleiter. Und diesem wurde es nun gegeben, die Tiefen des
Schriftwortes für Wilberforce so zu erschließen, daß die göttliche
Wahrheit diesem zur festesten, innigsten Überzeugung wurde.
Die Rückreise von Genua wurde durch die Schweiz gemacht, und
Wilberforce lernte bei einem längeren Aufenthalte in Zürich den frommen
Lavater kennen, dessen tief und fest gegründeter Schriftglaube,
dessen durch die innigste Frömmigkeit geweihte Persönlichkeit einen
unverwischbaren mächtigen Eindruck auf ihn machten und ihm recht
lebendig unter die Augen stellten, wieviel ihm selber noch zu einem
rechten Christen fehle.
Nichtsdestoweniger kam es aber bei Wilberforce noch nicht sogleich zu
einem ernsten Versuche, solchem Vorbilde nachzueifern. Vielmehr ließ
der sechswöchentliche Aufenthalt in dem Badeorte Spaa, welcher auf
der Heimreise den Rhein hinab besucht wurde, noch nicht die mindeste
Spur davon sehen, daß Wilberforce auch nur daran denke, den weltlichen
Genüssen und Vergnügungen zu entsagen und den Weg eines ernsten, im
Lichte des Wortes Gottes geführten Lebens zu betreten. Gleichwohl
begann hier aber in ihm der innere Kampf zwischen seinem laut und
immer lauter mahnenden christlichen Gewissen und den Neigungen seines
natürlichen Menschen.
[Illustration]
Der Gedanke, daß er plötzlich von der Welt abgerufen werden könne,
ohne in rechter Weise für das Heil seiner Seele gesorgt zu haben,
ergriff ihn mit Macht, das Bewußtsein, bisher von seinen Gaben und
von seiner Zeit nicht den rechten gottgewollten Gebrauch gemacht zu
haben, legte sich wie ein Zentnerstein auf seine Seele, und unter
solchen beängstigenden Gedanken lernte er fühlen und ahnen, welch einen
festen, starken Trost es gewähren müsse, wenn man die Verheißungen des
Evangelii so recht voll und ganz mit dem Glauben ergriffen habe. Das
trieb ihn denn zum Suchen in der Schrift und zum herzlichen Gebete um
den wahren Glauben.
Vor seiner Reisegesellschaft verschloß er jedoch noch ganz den schweren
Kampf, der in seinem Herzen begonnen hatte; er wollte ihn in der Kraft
seines Gottes und Heilandes allein durchkämpfen, und sein demütiger,
keuscher Sinn hielt ihn ab, davon den andern gegenüber etwas merken zu
lassen. Nur dem Tagebuche, das er jetzt regelmäßig zu führen anfing und
das für uns die reichste und klarste Quelle ist, die rechte Erkenntnis
und das volle Verständnis seiner inneren, geistlichen Entwickelung
daraus zu schöpfen, vertraute er an, was außer ihm und seinem Gotte
niemand wissen sollte. Wir sehen daraus, welch eifriges Ringen seiner
Seele er sichs kosten ließ, in Christo, dem Heilande, Friede zu finden,
und wie er auch allmählich durch Gottes Gnade fand, was er suchte.
Besonders gesegnet wurde für ihn die freie Zeit, welche er nach seiner
Heimkehr im November noch hatte, bis die neue Parlamentssitzung
begann, die in den Februar des nächsten Jahres fiel und ihn natürlich
wieder nötigte, in das unruhige öffentliche Leben zurückzukehren.
Er brachte diese Zeit zu Wimbledon in der Nähe von London zu, wo er
sich eine Wohnung mietete, die es ihm möglich machte, ohne allzugroße
Unbequemlichkeit zu den Parlamentssitzungen zu fahren, und doch auch
die Stille der Einsamkeit zu haben, so oft er sich deren bedürftig
fühlte. Hier widmete er sich ganz dem Nachdenken über sich selbst
und der ernstesten, eifrigsten Beschäftigung mit dem Worte Gottes und
anderen religiösen Büchern.
Jetzt schwand auch allmählich die Scheu bei ihm, mit dem, was sein
Herz erfüllte, an die Öffentlichkeit zu treten; er wurde ein eifriger
Besucher der Kirche und richtete in seinem eigenen Hause einen
regelmäßigen, täglichen Hausgottesdienst ein, dem alle seine Diener
anwohnten und den er selbst leitete. Nur zum Tische des Herrn wagte er
noch nicht zu gehen, weil er dazu noch zu unwürdig zu sein glaubte, und
es noch nicht gelernt hatte, sich ganz und ohne Rückhalt der Gnade des
Heilandes zu übergeben. Die Briefe an seine Schwester aus dieser Zeit
sind voll von den herzlichsten Bitten, sich ernstlich der Beschäftigung
mit dem Worte Gottes hinzugeben; es drängte ihn nun, wo er für sich
selbst die Quelle des Heils und des Friedens gefunden hatte, zu
derselben auch diejenigen hinzuweisen, die seinem Herzen nahestanden.
Große Überwindung kostete es ihn allerdings noch, auch seinen
bisherigen Freunden kund werden zu lassen, welche innerliche
Veränderung mit ihm vorgegangen war. Denn von den wenigsten derselben
konnte er ein rechtes Verständnis für das, was sein Herz bewegte,
erwarten, wohl aber desto mehr Spott und höhnisches Achselzucken.
Allein die Erwägung, daß er ungestörter seinen Grundsätzen nach würde
leben können, wenn er dieselben frei und rückhaltlos habe kund werden
lassen, öffnete ihm den widerstrebenden Mund zum frischen, fröhlichen
Bekenntnisse. Der gefürchtete Spott blieb nun freilich wohl aus, weil
Wilberforce sich in zu hohem Maße die Achtung seiner Freunde erworben
hatte, als daß man ihn hätte verspotten können; aber niemand begriff
die mit dem Freunde vorgegangene Umwandlung. Man begriff am wenigsten
bei ihm, der bisher als ein Muster von Sittenreinheit gegolten hatte,
die demütigen Selbstanklagen wegen seiner Sünden; man schüttelte wohl
im stillen den Kopf über ihn, ließ ihn aber sonst ruhig gehen und nahm
am wenigsten von seiner Sinnesänderung Veranlassung, sich einmal auf
den Zustand des eigenen Herzens zu besinnen.
Dies war auch bei seinem Freunde Pitt der Fall, der natürlich
zu den Ersten gehörte, dem er sein Inneres erschloß. Stand auch
der große Staatsmann dem wahren Christentum keineswegs feindlich
gegenüber, sondern schätzte es hoch, wo es ihm als ein aufrichtiges,
lebenskräftiges entgegentrat, er war doch von seinen staatsmännischen
Geschäften und Sorgen zu sehr erfüllt, von seinen Arbeiten zu sehr in
Anspruch genommen, als daß er sich durch die inständigen Bitten, womit
ihn Wilberforce bestürmte, hätte bewegen lassen, auch für die Sorge um
sein Seelenheil Zeit und Kraft zu erübrigen.
Je weniger Verständnis und Entgegenkommen aber Wilberforce bei seinen
bisherigen Parlamentsfreunden fand, desto mehr neigten sich ihm die
Herzen aller derer zu, die selber schon ernste Christen geworden waren,
oder es doch werden wollten, und die natürlich den reich begabten,
schon so angesehenen jungen Mann mit Freuden als einen der ihrigen
begrüßten. Sie nahmen sich seiner in Liebe an, teilten ihm mit, was
sie selbst schon an inneren geistlichen Erfahrungen gesammelt hatten,
und bewahrten ihn dadurch vor den Verirrungen, in welche Neubekehrte
so leicht geraten, wenn ihnen brüderliche Leitung und Handreichung
mangelt. Besonders waren es ein hochgeachteter Geistlicher Namens
Newton und ein alter Verwandter, John Thornton, deren herzlicher
Teilnahme und liebevoller Leitung er sich zu erfreuen hatte und die
ihm vor allen Dingen den guten Rat erteilten, vorsichtig zu sein im
Anknüpfen neuer Bekanntschaften und Freundschaften und sich nicht zu
leicht von den alten Freunden abzuwenden, sondern sich nur im Verkehre
mit ihnen der sorgfältigsten Wachsamkeit zu befleißigen.
Das Letztere wurde Wilberforce nun freilich schwer genug, und er
mußte sich oft von seinem Gewissen anklagen lassen; aber er kannte
ja nun die Quelle, aus welcher er immer wieder Beruhigung und Trost
schöpfen konnte, sowie auch immer neue und wachsende Kraft zum Wachen
und Beten, und die immer reichlicher für ihn zu fließen begann, als
er erst gelernt hatte, das Vertrauen auf eigenes Verdienst und eigene
Würdigkeit aufzugeben, das ihn bisher von dem Genusse des heiligen
Abendmahls ferne gehalten hatte.
Wir glaubten, ehe wir zur Schilderung der eigentlichen Lebensarbeit
unseres Helden übergingen, zuerst, wie es im Vorstehenden versucht
ist, seiner inneren Entwickelung etwas genauer nachgehen zu müssen.
Denn wenn er nicht durch Gottes Gnade das geworden wäre, was wir
bisher ihn haben werden sehen, ein entschiedener, glaubensfester und
liebeseifriger Christ, so würde er sicher nicht der edle, mutige,
aufopfernde Menschenfreund geworden sein, dessen Name nie vergessen
werden wird und darf, wo diejenigen aufgezählt werden, die sich in
besonderem Maße um die Menschheit verdient gemacht haben.
III.
Das wahre, lebendige Christentum, dem sich Wilberforce zugewandt hatte,
hinderte ihn nicht, die Pflichten eines Parlamentsmitgliedes mit
voller Treue und Hingebung zu erfüllen. Das wäre ja auch gewiß kein
wahres Christentum, welches zur Erfüllung des irdischen Lebensberufs,
darein man von Gott gesetzt ist, untüchtig machte. Und Wilberforce sah
seine Wirksamkeit im Parlamente in der That als den Beruf an, den ihm
Gott der Herr angewiesen habe, und hat sich dabei auch sicherlich nicht
getäuscht.
An den Sitzungen des Parlamentes im Jahre 1786 konnte er allerdings nur
wenig Anteil nehmen wegen eines bösen Augenleidens, das ihn befiel.
Er hatte sich durch eifriges Studieren, womit er die Lücken in seiner
Universitätsbildung auszufüllen suchte, welche er jetzt oft empfindlich
fühlte, die ohnehin schwachen Augen gründlich verdorben und mußte
es sich auf den Rat eines ihm befreundeten Arztes zu Leeds gefallen
lassen, den Spätherbst und einen Teil des Winters in dem Badeorte Bath
zuzubringen.
Ehe er sich dorthin begab, brachte er 14 Tage bei seiner Mutter und
Schwester in Hull zu, welche er beide seit der italienischen Reise
nicht mehr gesehen hatte. Hier gelang es ihm denn, die Besorgnisse
der Mutter völlig zu beschwichtigen, denen sie sich hingegeben
hatte, als das Gerücht zu ihr drang, ihr Sohn habe sich der Sekte
der Methodisten angeschlossen. Wilberforce hatte sie freilich schon
brieflich einigermaßen beruhigt und ihr versichert, daß er nach
keiner menschlichen Lehre frage, sondern nur die heilige Schrift zur
Richtschnur seiner Gedanken und Handlungen nehmen und sich nur von
deren Vorschriften bei der Erfüllung der ihm obliegenden Pflichten
auf dem Platze, den ihm die Vorsehung angewiesen habe, leiten lassen
wolle. Allein die mütterliche Befürchtung, der Sohn möge gleichwohl
auf allerlei Thorheiten und Ueberspanntheiten verfallen sein, schwand
erst gänzlich, als sie ihn persönlich wieder sah. Denn nun erkannte
die Mutter, daß die ganze Veränderung, die mit dem Sohne vorgegangen
war, nur in einer größeren Freundlichkeit und inneren Ruhe bestand,
als er früher gehabt hatte, und in einem noch viel liebevolleren,
bescheideneren und achtungsreicheren Benehmen gegen sie selbst, als er es schon früher bewiesen.
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