William Wilberforce der Sklavenfreund 6
Solch eine Veränderung konnte ihr natürlich nur wohlgefallen und sie
veranlassen, das eigene Herz mehr aufzuschließen für eine Religion,
welche im stande war, wenn es ernst mit ihr genommen wurde, solch
gesegnete Veränderung hervorzubringen. Die ernsten religiösen
Gespräche, welche der Sohn jetzt mit besonderer Vorliebe in Gang zu
bringen suchte, ließ sie sich willig gefallen und gewann dadurch
allmählig selbst einen tieferen Einblick in die tröstlichen Wahrheiten
des Christentums, als sie ihn bisher gehabt hatte. Sie stimmte jetzt
völlig in das Wort einer Freundin ein, der sie ihre Besorgnisse wegen
der mit William vorgegangenen Sinnesänderung vertraut haben mochte,
und die, nachdem sie diesen persönlich kennen gelernt und in bezug auf
die ihm schuld gegebene Thorheit beobachtet hatte, voll Begeisterung
ausrief: »Wenn das Thorheit ist, so möchte ich wünschen, daß wir alle
so thöricht würden!«
Das gesellige Leben, welches Wilberforce in dem Badeorte Bath in
vollen Strömen umrauschte, konnte ihn jetzt in seinem ernsten Sinnen
und Streben nicht mehr beirren; er schrieb vielmehr als Regel und
Richtschnur für seinen Verkehr mit den Badegästen die schönen Worte in
sein Tagebuch: »Wandle in Liebe! wo du auch bist, sei auf deiner Hut,
eingedenk daß dein Handeln und Reden Einfluß haben kann auf das Gemüt
derer, mit denen du zusammenkommst, indem sie mehr oder weniger geneigt
werden, christliche Grundsätze aufzunehmen und ein christliches Leben
zu führen!«
An den Parlamentssitzungen des Jahres 1787 konnte Wilberforce wieder
vollen Anteil nehmen und war mit Eröffnung der Sitzungen wieder
pünktlich auf seinem Platze, nach wie vor ein treuer Unterstützer
seines Freundes Pitt, mit dessen staatsmännischem Handeln er sich nur
selten im Widerspruche fand.
Was ihn aber jetzt, wo ihm die Augen für einen rechten Christenwandel
geöffnet waren, besonders bewegte, war die vollendete Gleichgültigkeit
gegen alles Heilige und Göttliche, die ihm sonst bei seiner Umgebung
begegnete und vor allem die traurige Sittenlosigkeit, die er überall
bei Hoch und Niedrig wahrnahm. Es war ihm unmöglich, dabei gleichgültig
zu bleiben und es drängte ihn, seinerseits etwas zu thun, daß es besser
werde.
Mit ein paar gleichgesinnten Freunden faßte er den Plan, einen »Verein
zur Schwächung und Entmutigung des Lasters« zu gründen und ging mit
Feuereifer an die Ausführung desselben. Er ließ sich dabei von der
gewiß richtigen Ansicht leiten, daß es der wirksamste Weg sei größere
Verbrechen zu verhindern, wenn man die kleineren mit allem Ernste
strafe und den allgemeinen Geist der Zügellosigkeit, die Quelle aller
Laster, zu unterdrücken suche; denn wenn auch durch die Einwirkung auf
die äußere Handlungsweise die Herzen der Menschen nicht geändert werden
könnten, so würden sie doch dadurch geweckt und aufgeregt.
Zunächst erwirkte er einen Königlichen Aufruf an die Statthalter der
englischen Grafschaften, worin dieselben angewiesen wurden, die
bestehenden Gesetze gegen Entheiligung des Sonntags, gegen Trunksucht
und gegen die Verbreitung unsittlicher Schriften genau und strenge zu
handhaben. Er mußte sich dabei freilich sagen, daß damit nicht viel
gewonnen würde, wenn nicht überall die einflußreichsten Männer sich
dazu verständen, persönlich gegen die herrschende Sittenlosigkeit
anzugehen und selbst mit ihrem eigenen guten Vorbilde den niederen
Ständen voranzugehen.
Er machte sich deshalb, sobald die Parlamentssitzungen geschlossen
waren, auf die Reise, um in erster Linie alle Bischöfe, dann aber auch
andere angesehene Männer für die heilige Sache, die ihm auf dem Herzen
lag, zu gewinnen, und seinem heiligen Ernste, seiner liebenswürdigen
Persönlichkeit gelang es auch, nicht nur sämtliche Bischöfe, sondern
auch einen großen Teil der Mitglieder des Ober- wie des Unterhauses zum
Eintritt in seinen Verein zu bewegen, welcher dann während einer ganzen
Reihe von Jahren eine reich gesegnete Thätigkeit entfaltete.
Aber diese Reise und die rastlose Arbeit, die er sich auf derselben
zumutete, hatte einen überaus ungünstigen Einfluß auf seine Gesundheit
gehabt, und sollte er für die nächste Parlamentssitzung wieder recht
bei Kräften sein, so mußte er wieder die Bäder von Bath gebrauchen, die
ihm schon einmal so sehr wohl gethan hatten. Er gewann denn dort auch
wirklich die gesuchte Kräftigung und überdies eine ihm sehr wichtige
und wertvolle Bekanntschaft, die mit der bekannten Schriftstellerin
und frommen Freundin der Jugend Hannah More, mit welcher er von da ab
zeitlebens in naher Verbindung und noch näherer Geistesgemeinschaft
blieb.
Um diese Zeit fing aber auch Wilberforce an, +die+ Arbeit ernstlich und
nachhaltig in Angriff zu nehmen, die fortan für ihn die wichtigste,
ja so recht eigentlich seine Lebensarbeit werden sollte, und die ihm
in ganz besonderem Maße die Hochachtung jedes edlen Menschen und
einen unvergänglichen Platz in den Büchern der Geschichte erwarb,
die Arbeit zu der Aufhebung des Sklavenhandels und zu der völligen
Sklavenbefreiung.
Wir haben bereits gehört, wie Wilberforce schon in seinem 15.
Lebensjahre dem Sklavenhandel seine herzlichste Teilnahme zugewandt
und sogar einen kleinen Aufsatz über denselben geschrieben hatte,
ohne Zweifel dadurch veranlaßt, daß er in seiner Vaterstadt Hull mit
eigenen Augen ein Sklavenschiff gesehen hatte, und durch die grausame
Behandlung der armen Sklaven im tiefsten Herzensgrunde ergriffen worden
war. Was damals seine ungeübte Feder in Bewegung gesetzt hatte, konnte
wohl für eine Zeitlang in den Hintergrund seines Herzens gedrängt,
aber nicht ganz aus demselben verwischt werden. Das beweisen seine uns
aufbewahrt gebliebenen Briefe, aus denen hervorgeht, daß er im Jahre
1781 einem Freunde welcher die westindische Insel Antigua besuchte, den
Auftrag gab, sich über den Zustand der dortigen Sklaven genaue Kunde zu
verschaffen, weil er, Wilberforce, beabsichtige, zu gelegener Zeit auf
die Linderung der Leiden der unglücklichen Schwarzen hinzuarbeiten.
Diese edle Absicht wurde bei Wilberforce wieder bestärkt und gefördert,
vielleicht auch erst wieder neu angeregt durch eine Preisschrift über
die Sklaverei, die im Jahre 1785 erschien und die einen jungen Mann,
Thomas Clarkson, zum Verfasser hatte, welcher in dem nun beginnenden
Kampfe gegen die Sklaverei ebenfalls einen bedeutenden Namen gewann.
Aber was jetzt Wilberforce seine frühere Absicht wieder aufnehmen
und nicht wieder aufgeben ließ, das war sein durch die christliche
Erkenntnis, welche er gewonnen hatte, geschärftes Gewissen. Der Kampf
gegen die Sklaverei wurde ihm nun in der That Gewissenssache.
Aber es galt, in diesem Kampfe mit großer Vorsicht vorzugehen, wenn
nicht von vorne herein alles verdorben werden sollte. Denn noch war die
öffentliche Meinung so ziemlich ganz auf seiten des Sklavenhandels,
und die Besitzer der 105 Schiffe, die schon im Jahre 1771 allein von
Liverpool aus diesen schändlichen Handel betrieben hatten, und deren
Zahl bei der Einträglichkeit dieses Handels wohl nicht gefallen,
sondern eher gestiegen war, unterließen gewiß nichts, die ersten Spuren
eines Gegensatzes und eines feindlichen Auftretens gegen ihr Geschäft
sofort mit aller Macht zu unterdrücken. Man mußte jedenfalls gesicherte
und nicht abzuleugnende thatsächliche Beweise für die bei dem
Sklavenhandel vorkommenden Grausamkeiten haben, wenn man mit einiger
Aussicht auf Erfolg es auch nur unternehmen wollte, die öffentliche
Meinung umzustimmen und gegen den Sklavenhandel ins Feld zu führen.
Denn nur gegen diesen, nicht aber gegen die Sklaverei überhaupt durfte
man vorläufig den Kampf eröffnen.
Nachdem sich Wilberforce der Teilnahme und Unterstützung seines
Freundes Pitt bei dem zu eröffnenden Kampfe versichert hatte, trat
er in eine Gesellschaft ein, welche sich unter dem Vorsitze des
Rechtsgelehrten Granville Sharpe gebildet hatte, zu dem Zwecke,
sichere Erkundigungen einzuziehen, durch welche es möglich wäre,
den öffentlichen Unwillen gegen den Sklavenhandel wachzurufen,
und zu diesem Zwecke die nötigen Kosten aufzubringen. Denn diese
Erkundigungen sollten nicht blos diesseits des Ozeans in England selbst
gesammelt werden, wo sich ja Gelegenheit genug dazu bot, nein auch wie
es drüben in Westindien um die eingeführten Neger stand, sollte in
sichere Erfahrung gebracht werden.
Wilberforce arbeitete Tag und Nacht an der Sammlung und Sichtung der
bereits eingegangenen Nachrichten und kam dabei zu der Überzeugung, daß
schon diese allein Grund genug gäben, einen Antrag auf Abstellung des
Sklavenhandels im Parlamente zu stellen. Er kündigte in seinem heiligen
Eifer auch wirklich schon für den 2. Februar 1788 einen solchen an.
Aber die aufreibende, Körper und Geist gleicherweise angreifende
Thätigkeit, die er sich zugemutet hatte, blieb nicht ohne Rückwirkung.
Gegen Ende des Januar verfiel er in eine schwere Krankheit, die sich
rasch so sehr verschlimmerte, daß er nicht mehr im stande war, zu der
ihm verordneten Badekur in Bath abzureisen, und daß die Ärzte ihm
nur noch höchstens 14 Tage zu leben gaben. Aber im Rate des Herrn
war es anders beschlossen. Der bedenkliche Zustand der Krankheit
hob sich wieder so weit, daß er nach Bath geschafft werden konnte,
und die dortigen Heilquellen thaten auch diesmal wieder ihre gute
Wirkung in Verbindung mit reichlichen Gaben von Opium, dessen Gebrauch
von nun an für Wilberforce während seines ganzen ferneren Lebens
eine Notwendigkeit wurde, so oft er eine Unordnung in seinem Körper
verspürte.
Die Sklavensache war aber inzwischen nicht liegen geblieben. Pitt
selbst hatte sie zu der seinigen gemacht und am 9. Mai 1788 einen
Antrag im Parlamente gestellt, wonach dieses sich verpflichten sollte,
im Beginn der nächsten Sitzung jedenfalls sogleich die Verhältnisse des
Sklavenhandels in Erwägung zu ziehen. Weiter wollte Pitt nicht gehen,
weil der fehlte, welcher das nötige Material von Beweisen in Händen
hatte, auf die ein weitergehender Antrag hätte gegründet werden müssen.
Aber es geschah doch auch etwas Thatsächliches von Bedeutung.
Auf den Antrag eines Sklavenfreundes, der sich mit eigenen Augen
von der Einrichtung eines neu erbauten Sklavenschiffes überzeugt
hatte und über die Anzahl der Sklaven erschrocken war, die in den
engen Räumen desselben untergebracht werden sollten, wurde trotz
des heftigsten Widerstandes der Vertreter von Liverpool durch
einen Parlamentsbeschluß, dem auch das Oberhaus zustimmte, und
der ebensowohl die königliche Bestätigung erlangt, festgesetzt,
in welchem Verhältnisse zu dem vorhandenen Schiffsraum die Anzahl
der einzuladenden Sklaven stehen müsse, und welche Maßregeln zu
treffen seien, damit Leben und Gesundheit der noch immer enge genug
zusammengepferchten Schwarzen möglichst geschont werde.
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