William Wilberforce der Sklavenfreund 14
Wilberforce hatte jetzt, wo er für eine Familie zu sorgen hatte, nicht
Lust einen großen Teil seines Vermögens für einen Sitz im Unterhause
zu opfern und ließ dies einmal in einer Versammlung seiner Freunde
zu York so nebenher fallen. Da rief aber sofort jemand: »Wir dürfen
unseren Wilberforce nicht verlassen, daher unterzeichne ich 500 Pfund
zu den Wahlkosten.« -- Und siehe im Handumdrehen gleichsam war die
bedeutende Summe von 18000 Pfund (360000 Mark) durch die Anwesenden
gezeichnet und stieg nachher noch durch weitere Zeichnungen auf 64455
Pfund, über eine Million Mark. Es wurde als eine Ehrensache für die
Grafschaft angesehen, ihrem langjährigen hochgeschätzten Vertreter
jedes persönliche Opfer an Geld zu ersparen, wo derselbe so treu und
mit so hingebender Selbstverleugnung der Grafschaft seine Kraft und
Zeit widmete.
Nun erhielt zwar am ersten Wahltage Lord Milton mehr Stimmen als
Wilberforce, allein am folgenden Tage stellten sich die für Wilberforce
Stimmenden in so großer Zahl ein, daß dessen Name mit großer Mehrheit
aus der Wahl hervorging. Es hatte den Gegnern wenig geholfen, daß sie
über Wilberforce die nachteiligsten Gerüchte auszusprengen suchten,
ja ihn sogar schon für tot erklärten, weil er wegen einer leichten
Unpäßlichkeit das Zimmer hüten mußte.
Aber auch jetzt war es nur Dank gegen Gott, der ihm solche Gunst bei
den Menschen geschenkt habe, was sein Herz erfüllte, aber auch nicht
die leiseste Regung von Hochmut, wie hätte er sonst die folgenden
demütigen Worte in sein Tagebuch schreiben können, worin er sich
gewöhnt hatte, all sein Denken und Fühlen niederzulegen? »Wenn ich
auf meine Thätigkeit im Parlamente zurückblicke,« schreibt er da,
»und sehe, wie wenig ich im ganzen genommen die Lehre Gottes und
meines Heilandes geziert habe, so bin ich beschämt und beuge mich
in den Staub. Möge, o Herr, alle Zeit, welche mir noch übrig ist,
besser angewendet werden! Doch komme ich mit allen meinen Sünden,
Vernachlässigungen und Irrtümern zum Kreuze und vertraue auf die freie
Gnade Gottes in Christo, als auf meine einzige Hoffnung und Zukunft.«
Überhaupt war er, selbst in den bewegten Tagen der Wahlzeit überaus
ruhig und sorglos wegen der bevorstehenden Entscheidung. Wußte er doch,
daß die Entscheidung fallen werde und fallen müsse, wie es in Gottes
Rat und Willen beschlossen sei, und in den sich ganz zu fügen und immer
völliger sich fügen zu lernen, war für ihn Hauptsache. So berührte er,
als er am Sonntage vor der Wahl den Besuch eines Geistlichen empfing,
diese mit keiner Silbe, sondern unterredete sich zu dessen großer
Bewunderung lediglich über geistliche Dinge, wie es dem Tage des Herrn
angemessen war.
[Illustration]
Und in einem Briefe an seine Frau aus diesen Tagen heißt es unter
Anderem: »Wie schön muß Broomfield (der damalige Aufenthaltsort seiner
Familie) in diesem Augenblicke sein! Auch hier ist spanischer Flieder
und Weißdorn an warmen Stellen in Blüte. Ich stelle mir oft vor, wie
ich den Garten mit Dir und den Kleinen durchstreife, und gewiß habe
ich mich im Geiste mehrmals täglich mit Euch vereinigt und gehofft,
wir wendeten uns zugleich an den Thron der Gnade. Wie barmherzig und
gnädig ist Gott gegen mich! Gewiß muß ich die allgemeine Liebe, welche
ich erfahre, als einen besonderen Beweis der Güte des Allmächtigen
ansehen. Wahrlich kein Mensch hat soviel Ursache, den Ausspruch zu dem
seinigen zu machen: »Gutes und Barmherzigkeit sind mir gefolgt mein
Leben lang.« Ich danke Gott, mein Geist ist ruhig und heiter. Ich kann
Ihm ohne Ängstlichkeit den Ausgang überlassen und wünsche nur, daß ich
in der Stellung, in welche ich gesetzt werden mag, die Lehre Gottes
und meines Heilandes und mein christliches Bekenntnis ehren möge. Ich
muß gute Nacht sagen. Möge Gott dich segnen! Küsse die Kleinen und
grüße freundlichst das ganze Haus und andere Freunde! Wenn es bei Euch
so heiß gewesen ist, wie bei uns, (bei Ostwind zeigte das Thermometer
um 12 Uhr im Schatten 77° Fahrenheit!) so müßt Ihr viel ausgestanden
haben. Jeder Segen treffe Dich und die unsrigen in Zeit und
Ewigkeit. Immer Dein anhänglicher W. Wilberforce.«
Eine leichte Lungenentzündung, die ihn im Dezember 1807 befiel,
hinderte Wilberforce, an der Parlamentssitzung dieses Winters
teilzunehmen. Als aber im März 1808 eine sogenannte »afrikanische
Stiftung« errichtet wurde, welche sichs zur Aufgabe stellte, dahin zu
wirken, daß das Gesetz wegen Aufhebung des Sklavenhandels auch wirklich
zur Ausführung gebracht werde, ließ er sich, obwohl seine Krankheit
noch nicht völlig überwunden war, doch nicht abhalten, sich an dieser
Stiftung mit allem Eifer zu beteiligen. Ohnehin schien es ihm, daß
sich jetzt in Spanien, welches dem französischen Eroberer so kräftigen
Widerstand im Volkskriege entgegensetzte, eine Stimmung bilden müsse,
die der Aufhebung des Sklavenhandels auch in diesem Lande, das ihn
ohnehin nur schwach betrieb, günstig wäre. Wo man Unterdrückung und
Grausamkeit so verabscheuen lerne, meinte er, wie es jetzt die Spanier
durch die Franzosen lernten, da könne man auch die Grausamkeiten des
Sklavenhandels fernerhin nicht mehr ruhig mitansehen und dulden.
Während er selber sich mit den spanischen Ministern in Verbindung
setzte und von diesen auch die Zusicherung ihrer thätigen Teilnahme
empfing, forderte er seinen Schwager Stephen auf, eine Flugschrift
an das spanische Volk zu richten, um dasselbe über den Sklavenhandel
gründlich zu belehren und ihm die Gräuel dieses Handels recht gründlich
aufzudecken.
Ebenso schrieb Wilberforce an den Präsidenten der vereinigten Staaten
Nordamerikas, um eine Übereinkunft herbeizuführen, nach welcher
es jedem Staate freistehen sollte, die Sklavenschiffe des andern
wegzunehmen, um so den schändlichen Handel, gegen den sich jetzt
auch die Nordamerikaner auflehnten, völlig lahm zu legen. Denn es war
allerdings so gekommen, wie die »Westindier« im Parlamente vorausgesagt
hatten, der Sklavenhandel, wenn auch gesetzlich verboten, wurde
doch insgeheim und gegen das Gesetz fortgetrieben. Deshalb erwirkte
Wilberforce auch bei dem Ministerium, daß den englischen Beamten
auf den westindischen Inseln die größte Wachsamkeit in betreff des
Sklavenhandels zur Pflicht gemacht wurde, und wandte sich eben deshalb
auch an den englischen Konsul in Brasilien.
Als er erfuhr, daß auf der ostindischen Insel Ceylon aus Rücksichten
der Sparsamkeit fast alle christlichen Schulen geschlossen worden
seien und dadurch die Verbreitung des Christentums dort aufs tiefste
geschädigt sei, machte er auch diese Sache bei dem Ministerium anhängig
und erwirkte, daß die alten Schulen zum größten Teile wieder eröffnet
und neue gegründet wurden.
So wirkte Wilberforce auch außerhalb des Parlamentes nach allen
Seiten hin, wo sich nur die geringste Veranlassung bot, zum Segen der
Menschheit und setzte seine schwache Körperkraft unbedenklich ein, wo
es galt, etwas Gutes zu schaffen.
Um auch während der Parlamentssitzungen bei seiner Familie sein
zu können, bezog er mit derselben, die bisher in dem etwas weiter
von London entlegenen Broomfield gewohnt hatte, jetzt eine dem
Parlamentshause näher gelegene Wohnung in Kensington Gore. Denn er
fühlte es immer mehr als eine heilige Pflicht, die er bisher wegen
seiner ausgebreiteten öffentlichen Thätigkeit viel zu wenig hatte
erfüllen können, sich selbst mit der Erziehung seiner Kinder zu
befassen, deren Zahl im Laufe der Jahre auf 6 herangewachsen war,
darunter 4 Söhne und 2 Töchter. Zwar konnte er sich darauf verlassen,
daß seine Frau den günstigsten Einfluß auf dieselben üben und besonders
auch für ihre christliche Erziehung sorgen werde; aber es drängte
sein Vaterherz, gerade in der letzten Beziehung seinen Kindern auch
selbst etwas zu werden und ihnen aus dem reichen Schatze seines Herzens
mitzuteilen, was ihm selber von Gott gegeben war.
Wenn er gehofft hatte, dies in der neuen Wohnung besser als bisher thun
zu können, so war das freilich eine Täuschung; denn sein gastfreies
Haus wurde gerade hier mehr denn je von Besuchern heimgesucht, ohne daß
er es hindern konnte und wollte. Nur die frühen Morgenstunden blieben
ihm frei, und diese war er seit langer Zeit gewöhnt, der Beschäftigung
mit Gott vor Allem und dann seinen wichtigsten Arbeiten zu widmen.
So nahm er denn nicht ungern das Anerbieten eines Freundes an, dessen
leerstehenden Landsitz in Sussexshire mit seiner Familie zu beziehen,
nachdem die Parlamentssitzung des Jahres 1810 beendet war. Und hier
konnte er sich nun ganz seinen Kindern widmen, was ihm bisher nur an
den Sonntagen möglich gewesen war. Dann pflegte er mit ihnen nach der
gemeinsamen Familienandacht regelmäßig zur Kirche zu gehen und den
übrigen Teil des Tages mit ihnen im Garten oder auf Spaziergängen zu
verbringen.
Hier in der ungestörten Stille des Landlebens konnte er ihre ganze Art
und Weise beobachten und je nach der Verschiedenheit der bei ihnen sich
zeigenden Neigungen und Anlagen seine erziehliche Einwirkung regeln.
Vor Allem suchte er durch Liebe und Freundlichkeit, die er ihnen in
reichster Fülle entgegenbrachte, ihre Herzen auch an sich zu fesseln,
wie sie bereits auf das innigste an das treue Mutterherz gefesselt
waren, und sich so einen wirksamen Einfluß auf ihr Gemüt zu sichern.
Aber er ließ es ihnen gegenüber auch an dem nötigen Ernste nicht fehlen
und strafte sie unnachsichtig, wo es sich nötig erwies. Sie in das
rechte Verhältnis zu Gott, ihrem himmlischen Vater zu bringen, war und
blieb jedoch seine Hauptsorge. Nur wachte er ängstlich darüber, daß
sich in dieses Verhältnis nichts Unächtes und Gemachtes einschleiche,
und daß die Kinder nicht Gefühle erheuchelten, die ihren Herzen fremd
waren. Wenn er in ihnen die Liebe zu Gottes Wort und zur Kirche zu
erwecken und zu nähren bemüht war, so that er das mehr durch sein
eigenes Vorbild als durch Worte der Mahnung.
Aus diesem für ihn selbst so lieblichen, für seine Kinder aber so
ersprießlichen Stillleben wurde er indes bald durch die Nachricht
aufgeschreckt, daß der König Georg III. ernsthaft erkrankt sei und
deshalb schon am 1. November eine Sitzung des Parlamentes stattfinden
müsse, um wegen einer Stellvertretung in der Regierung des Landes
zu beraten. Da die Ärzte die Krankheit des Königs für hoffnungslos
erklärten, so übernahm der Kronprinz, oder wie er in England stets
heißt: der Prinz von Wales, im Januar 1811 die Regierung.
Jetzt, wo eine Auflösung des Parlamentes und neue Wahlen zu erwarten
standen, legte sich Wilberforce der Gedanke nahe, die mit so vieler
Mühe und Arbeit verbundene Vertretung der großen Grafschaft York
aufzugeben und sich lieber für einen kleineren Bezirk wählen zu
lassen. Die sorgfältige Beschäftigung mit seinen Kindern hatte ihn die
Notwendigkeit eines solchen Schrittes deutlich einsehen gelehrt.
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