Zweiter Aufzug.
Platz in Brussel.
Jetter und ein Zimmermeister treten zusammen.
Zimmermeister. Sagt' ich's nicht voraus? Noch vor acht Tagen auf der Zunft sagt' ich, es wurde schwere Handel geben.
Jetter. Ist's denn wahr, daß sie die Kirchen in Flandern geplundert haben?
Zimmermeister. Ganz und gar zu Grunde gerichtet haben sie Kirchen und Kapellen. Nichts als die vier nackten Wande haben sie stehen lassen. Lauter Lumpengesindel! Und das macht unsre gute Sache schlimm. Wir hatten eher, in der Ordnung, und standhaft, unsere Gerechtsame der Regentin vortragen und drauf halten sollen. Reden wir jetzt, versammeln wir uns jetzt, so heißt es, wir gesellen uns zu den Aufwieglern.
Jetter. Ja, so denkt jeder zuerst: was sollst du mit deiner Nase voran? Hangt doch der Hals gar nah damit zusammen.
Zimmermeister. Mir ist's bange, wenn's einmal unter dem Pack zu larmen anfangt, unter dem Volk, das nichts zu verlieren hat. Die brauchen das zum Vorwande, worauf wir uns auch berufen mussen, und bringen das Land in Ungluck. (Soest tritt dazu.)
Soest. Guten Tag, ihr Herrn! Was giebt's Neues? Ist's wahr, daß die Bildersturmer gerade hierher ihren Lauf nehmen?
Zimmermeister. Hier sollen sie nichts anruhren.
Soest. Es trat ein Soldat bei mir ein, Tobak zu kaufen; den fragt' ich aus. Die Regentin, so eine wackre, kluge Frau sie bleibt, diesmal ist sie außer Fassung. Es muß sehr arg sein, daß sie sich so geradezu hinter ihre Wache versteckt. Die Burg ist scharf besetzt. Man meint sogar, sie wolle aus der Stadt fluchten.
Zimmermeister. Hinaus soll sie nicht! Ihre Gegenwart beschutzt uns, und wir wollen ihr mehr Sicherheit verschaffen als ihre Stutzbarte. Und wenn sie uns unsere Rechte und Freiheiten aufrecht erhalt, so wollen wir sie auf den Handen tragen.
(Seifensieder tritt dazu.)
Seifensieder. Garstige Handel! Uble Handel! Es wird unruhig und geht schief aus!--Hutet euch, daß ihr stille bleibt, daß man euch nicht auch fur Aufwiegler halt.
Soest. Da kommen die sieben Weisen aus Griechenland.
Seifensieder. Ich weiß, da sind viele, die es heimlich mit den Calvinisten halten, die auf die Bischofe lastern, die den Konig nicht scheuen. Aber ein treuer Unterthan, ein aufrichtiger Katholike--
(Es gesellt sich nach und nach allerlei Volk zu ihnen und horcht.)
(Vansen tritt dazu.)
Vansen. Gott gruß' euch Herren! Was Neues?
Zimmermeister. Gebt euch mit dem nicht ab, das ist ein schlechter Kerl.
Jetter. Ist es nicht der Schreiber beim Doktor Wiets?
Zimmermeister. Er hat schon viele Herren gehabt. Erst war er Schreiber, und wie ihn ein Patron nach dem andern fortjagte, Schelmstreiche halber, pfuscht er jetzt Notaren und Advokaten ins Handwerk, und ist ein Branntweinzapf.
(Es kommt mehr Volk zusammen und steht truppweise.)
Vansen. Ihr seid auch versammelt, steckt die Kopfe zusammen. Es ist immer redenswert,
Soest. Ich denk' auch.
Vansen. Wenn jetzt einer oder der andere Herz hatte, und einer oder der andere den Kopf dazu, wir konnten die spanischen Ketten auf einmal sprengen.
Soest. Herre! So mußt Ihr nicht reden. Wir haben dem Konig geschworen.
Vansen. Und der Konig uns. Merkt das.
Jetter. Das laßt sich horen! Sagt Eure Meinung!
Einige andere. Horch, der versteht's! Der hat Pfiffe.
Vansen. Ich hatte einen alten Patron, der besaß Pergamente und Briefe von uralten Stiftungen, Kontrakten und Gerechtigkeiten; er hielt auf die rarsten Bucher. In einem stand unsere ganze Verfassung: wie uns Niederlander zuerst einzelne Fursten regierten, alles nach hergebrachten Rechten, Privilegien und Gewohnheiten; wie unsre Vorfahren alle Ehrfurcht fur ihren Fursten gehabt, wenn er sie regiert, wie er sollte; und wie sie sich gleich vorsahen, wenn er uber die Schnur hauen wollte. Die Staaten waren gleich hinterdrein; denn jede Provinz, so klein sie war, hatte ihre Staaten, ihre Landstande.
Zimmermeister. Haltet Euer Maul! das weiß man lange! Ein jeder rechtschaffene Burger ist, so viel er braucht, von der Verfassung unterrichtet.
Jetter. Laßt ihn reden; man erfahrt immer etwas mehr.
Soest. Er hat ganz recht.
Mehrere. Erzahlt! erzahlt! So was hort man nicht alle Tage.
Vansen. So seid ihr Burgersleute! Ihr lebt nur so in den Tag hin; und wie ihr euer Gewerb von euern Eltern uberkommen habt, so laßt ihr auch das Regiment uber euch schalten und walten, wie es kann und mag. Ihr fragt nicht nach dem Herkommen, nach der Historie, nach dem Recht eines Regenten; und uber das Versaumnis haben euch die Spanier das Netz uber die Ohren gezogen.
Soest. Wer denkt da dran? Wenn einer nur das tagliche Brot hat!
Jetter. Verflucht! Warum tritt auch keiner in Zeiten auf und sagt einem so etwas?
Vansen. Ich sag' es euch jetzt. Der Konig in Spanien, der die Provinzen durch gut Gluck zusammen besitzt, darf doch nicht drin schalten und walten, anders als die kleinen Fursten, die sie ehemals einzeln besaßen. Begreift ihr das?
Jetter. Erklart's uns.
Vansen. Es ist so klar als die Sonne. Mußt ihr nicht nach euern Landrechten gerichtet werden? Woher kame das?
Ein Burger. Wahrlich.
Vansen. Hat der Brusseler nicht ein ander Recht als der Antwerper? der Antwerper als der Genter? Woher kame denn das?
Anderer Burger. Bei Gott!
Vansen. Aber, wenn ihr's so fortlaufen laßt, wird man's euch bald anders weisen. Pfui! Was Karl der Kuhne, Friedrich der Krieger, Karl der Funfte nicht konnten, das thut nun Philipp durch ein Weib.
Soest. Ja, ja! Die alten Fursten haben's auch schon probiert.
Vansen. Freilich!--Unsere Vorfahren paßten auf. Wie sie einem Herrn gram wurden, fingen sie ihm etwa seinen Sohn und Erben weg, hielten ihn bei sich, und gaben ihn nur auf die besten Bedingungen heraus. Unsere Vater waren Leute! Die wußten was ihnen nutz war! Die wußten etwas zu fassen und fest zu setzen! Rechte Manner! Dafur sind aber auch unsere Privilegien so deutlich, unsere Freiheiten so versichert.
Seifensieder. Was sprecht Ihr von Freiheiten?
Das Volk. Von unsern Freiheiten, von unsern Privilegien! Erzahlt noch was von unsern Privilegien!
Vansen. Wir Brabanter besonders, obgleich alle Provinzen ihre Vorteile haben, wir sind am herrlichsten versehen. Ich habe alles gelesen.
Soest. Sagt an.
Jetter. Laßt horen.
Ein Burger. Ich bitt' Euch.
Vansen. Erstlich steht geschrieben: Der Herzog von Brabant soll uns ein guter und getreuer Herr sein.
Soest. Gut! Steht das so?
Jetter. Getreu? Ist das wahr?
Vansen. Wie ich euch sage. Er ist uns verpflichtet, wie wir ihm. Zweitens: Er soll keine Macht oder eignen Willen an uns beweisen, merken lassen, oder gedenken zu gestatten, auf keinerlei Weise.
Jetter. Schon! Schon! nicht beweisen.
Soest. Nicht merken lassen.
Ein anderer. Und nicht gedenken zu gestatten! Das ist der Hauptpunkt. Niemanden gestatten, auf keinerlei Weise.
Vansen. Mit ausdrucklichen Worten.
Jetter. Schafft uns das Buch.
Ein Burger. Ja, wir mussen's haben.
Andere. Das Buch! das Buch!
Ein anderer. Wir wollen zu der Regentin gehen mit dem Buche.
Ein anderer. Ihr sollt das Wort fuhren, Herr Doktor.
Seifensieder. O die Tropfe!
Andere. Noch etwas aus dem Buche!
Seifensieder. Ich schlage ihm die Zahne in den Hals, wenn er noch ein Wort sagt.
Das Volk. Wir wollen sehen, wer ihm etwas thut. Sagt uns was von den Privilegien! Haben wir noch mehr Privilegien?
Vansen. Mancherlei, und sehr gute, sehr heilsame. Da steht auch: Der Landsherr soll den geistlichen Stand nicht verbessern oder mehren, ohne Verwilligung des Adels und der Stande! Merkt das! Auch den Staat des Landes nicht verandern.
Soest. Ist das so?
Vansen. Ich will's euch geschrieben zeigen von zwei-, dreihundert Jahren her.
Burger. Und wir leiden die neuen Bischofe? Der Adel muß uns schutzen, wir fangen Handel an!
Andere. Und wir lassen uns von der Inquisition ins Bockshorn jagen?
Vansen. Das ist eure Schuld.
Das Volk. Wir haben noch Egmont! noch Oranien! Die sorgen fur unser Bestes.
Vansen. Eure Bruder in Flandern haben das gute Werk angefangen.
Seifensieder. Du Hund! (Er schlagt ihn.)
Andere (widersetzen sich und rufen). Bist du auch ein Spanier?
Ein anderer. Was? den Ehrenmann?
Ein anderer. Den Gelahrten?
(Sie fallen den Seifensieder an.)
Zimmermeister. Ums Himmels willen, ruht! (Andere mischen sich in den Streit.)
Zimmermeister. Burger, was soll das?
(Buben pfeifen, werfen mit Steinen, hetzen Hunde an, Burger stehn und gaffen, Volk lauft zu, andere gehn gelassen auf und ab, andere treiben allerlei Schalkspossen, schreien und jubilieren.)
Andere. Freiheit und Privilegien! Privilegien und Freiheit!
(Egmont tritt auf mit Begleitung.)
Egmont. Ruhig! Ruhig, Leute! Was gibt's? Ruhe! Bringt sie aus einander!
Zimmermeister. Gnadiger Herr, Ihr kommt wie ein Engel des Himmels. Stille! seht ihr nichts? Graf Egmont! Dem Grafen Egmont Reverenz!
Egmont. Auch hier? Was fangt ihr an? Burger gegen Burger! Halt sogar die Nahe unsrer koniglichen Regentin diesen Unsinn nicht zuruck? Geht aus einander, geht an euer Gewerbe. Es ist ein ubles Zeichen, wenn ihr an Werktagen feiert. Was war's?
(Der Tumult stillt sich nach und nach, und alle stehen um ihn herum.)
Zimmermeister. Sie schlagen sich um ihre Privilegien.
Egmont. Die sie noch mutwillig zertrummern werden--Und wer seid Ihr? Ihr scheint mir rechtliche Leute.
Zimmermeister. Das ist unser Bestreben.
Egmont. Eures Zeichens?
Zimmermeister. Zimmermann und Zunftmeister.
Egmont. Und Ihr?
Soest. Kramer.
Egmont. Ihr?
Jetter. Schneider.
Egmont. Ich erinnere mich, Ihr habt mit an den Livreen fur meine Leute gearbeitet. Euer Name ist Jetter.
Jetter. Gnade, daß Ihr Euch dessen erinnert.
Egmont. Ich vergesse niemanden leicht, den ich einmal gesehen und gesprochen habe.--Was an euch ist, Ruhe zu erhalten, Leute, das thut; ihr seid ubel genug angeschrieben. Reizt den Konig nicht mehr, er hat zuletzt doch die Gewalt in Handen. Ein ordentlicher Burger, der sich ehrlich und fleißig nahrt, hat uberall soviel Freiheit, als er braucht.
Zimmermeister. Ach wohl! das ist eben unsre Not! Die Tagdiebe, die Soffer, die Faulenzer, mit Euer Gnaden Verlaub, die stankern aus Langerweile, und scharren aus Hunger nach Privilegien, und lugen den Neugierigen und Leichtglaubigen was vor, und um eine Kanne Bier bezahlt zu kriegen, fangen sie Handel an, die viel tausend Menschen unglucklich machen. Das ist ihnen eben recht. Wir halten unsre Hauser und Kasten zu gut verwahrt; da mochten sie gern uns mit Feuerbranden davon treiben.
Egmont. Allen Beistand sollt ihr finden; es sind Maßregeln genommen, dem Ubel kraftig zu begegnen. Steht fest gegen die fremde Lehre und glaubt nicht, durch Aufruhr befestige man Privilegien. Bleibt zu Hause; leidet nicht, daß sie sich auf den Straßen rotten. Vernunftige Leute konnen viel thun.
(Indessen hat sich der großte Haufe verlaufen.)
Zimmermeister. Danken Euer Excellenz, danken fur die gute Meinung! Alles, was an uns liegt. (Egmont ab.) Ein gnadiger Herr! der echte Niederlander! Gar so nichts Spanisches.
Jetter. Hatten wir ihn nur zum Regenten! Man folgt' ihm gerne.
Soest. Das laßt der Konig wohl sein. Den Platz besetzt er immer mit den Seinigen.
Jetter. Hast du das Kleid gesehen? Das war nach der neuesten Art, nach spanischem Schnitt.
Zimmermeister. Ein schoner Herr!
Jetter. Sein Hals war' ein rechtes Fressen fur einen Scharfrichter.
Soest. Bist du toll? Was kommt dir ein?
Jetter. Dumm genug, daß einem so etwas einfallt.--Es ist mir nun so. Wenn ich einen schonen langen Hals sehe, muß ich gleich wider Willen denken: der ist gut kopfen.--Die verfluchten Exekutionen! man kriegt sie nicht aus dem Sinne. Wenn die Bursche schwimmen und ich seh' einen nackten Buckel, gleich fallen sie mir zu Dutzenden ein, die ich habe mit Ruten streichen sehen. Begegnet mir ein rechter Wanst, mein' ich, den sah' ich schon am Pfahl braten. Des Nachts im Traume zwickt mich's an allen Gliedern; man wird eben keine Stunde froh. Jede Lustbarkeit, jeden Spaß hab' ich bald vergessen; die furchterlichen Gestalten sind mir wie vor die Stirne gebrannt.
Egmonts Wohnung.
(Sekretar an einem Tische mit Papieren, er steht unruhig auf.)
Sekretar. Er kommt immer nicht! und ich warte schon zwei Stunden, die Feder in der Hand, die Papiere vor mir; und eben heute mocht' ich gern so zeitig fort. Es brennt mir unter den Sohlen! Ich kann vor Ungeduld kaum bleiben. "Sei auf die Stunde da," befahl er mir noch, ehe er wegging; nun kommt er nicht. Es ist so viel zu thun, ich werde vor Mitternacht nicht fertig. Freilich sieht er einem auch einmal durch die Finger. Doch hielt' ich's besser, wenn er strenge ware und ließe einen auch wieder zur bestimmten Zeit. Man konnte sich einrichten. Von der Regentin ist er nun schon zwei Stunden weg; wer weiß, wen er unterwegs angefaßt hat.
(Egmont tritt auf.)
Egmont. Wie sieht's aus?
Sekretar. Ich bin bereit, und drei Boten warten.
Egmont. Ich bin dir wohl zu lang geblieben; du machst ein verdrießlich Gesicht.
Sekretar. Eurem Befehl zu gehorchen, wart' ich schon lange. Hier sind die Papiere.
Egmont. Donna Elvira wird bose auf mich werden, wenn sie hort, daß ich dich abgehalten habe.
Sekretar. Ihr scherzt.
Egmont. Nein, nein. Schame dich nicht. Du zeigst einen guten Geschmack. Sie ist hubsch; und es ist mir ganz recht, daß du auf dem Schlosse eine Freundin hast. Was sagen die Briefe?
Sekretar. Mancherlei, und wenig Erfreuliches.
Egmont. Da ist gut, daß wir die Freude zu Hause haben und sie nicht von auswarts zu erwarten brauchen. Ist viel gekommen?
Sekretar. Genug, und drei Boten warten.
Egmont. Sag' an! das Notigste.
Sekretar. Es ist alles notig.
Egmont. Eins nach dem andern, nur geschwind!
Sekretar. Hauptmann Breda schickt die Relation, was weiter in Gent und der umliegenden Gegend vorgefallen. Der Tumult hat sich meistens gelegt. --
Egmont. Er schreibt wohl noch von einzelnen Ungezogenheiten und Tollkuhnheiten?
Sekretar. Ja! Es kommt noch manches vor.
Egmont. Verschone mich damit.
Sekretar. Noch sechs sind eingezogen worden, die bei Verwich das Marienbild umgerissen haben. Er fragt an, ob er sie auch wie die andern soll hangen lassen.
Egmont. Ich bin des Hangens mude. Man soll sie durchpeitschen, und sie mogen gehen.
Sekretar. Es sind zwei Weiber dabei; soll er die auch durchpeitschen?
Egmont. Die mag er verwarnen und laufen lassen.
Sekretar. Brink von Bredas Kompagnie will heiraten. Der Hauptmann hofft, Ihr werdet's ihm abschlagen. Es sind so viele Weiber bei dem Haufen, schreibt er, daß, wenn wir ausziehen, es keinem Soldatenmarsch, sondern einem Zigeuner-Geschleppe ahnlich sehen wird.
Egmont. Dem mag's noch hingehen! Es ist ein schoner junger Kerl; er bat mich noch gar dringend, eh' ich wegging. Aber nun soll's keinem mehr gestattet sein, so leid mir's thut, den armen Teufeln, die ohnedies geplagt genug sind, ihren besten Spaß zu versagen.
Sekretar. Zwei von Euern Leuten, Seter und Hart, haben einem Madel, einer Wirtstochter, ubel mitgespielt. Sie kriegten sie allein, und die Dirne konnte sich ihrer nicht erwehren.
Egmont. Wenn es ein ehrlich Madchen ist, und sie haben Gewalt gebraucht, so soll er sie drei Tage hinter einander mit Ruten streichen lassen, und wenn sie etwas besitzen, soll er so viel davon einziehen, daß dem Madchen eine Ausstattung gereicht werden kann.
Sekretar. Einer von den fremden Lehrern ist heimlich durch Comines gegangen und entdeckt worden. Er schwort, er sei im Begriff, nach Frankreich zu gehen. Nach dem Befehl soll er enthauptet werden.
Egmont. Sie sollen ihn in der Stille an die Grenze bringen und ihm versichern, daß er das zweite Mal nicht so wegkommt.
Sekretar. Ein Brief von Euerm Einnehmer. Er schreibt: es komme wenig Geld ein, er konne auf die Woche die verlangte Summe schwerlich schicken; der Tumult habe in alles die großte Konfusion gebracht.
Egmont. Das Geld muß herbei! er mag sehen, wie er es zusammenbringt.
Sekretar. Er sagt: er werde sein Moglichstes thun, und wolle endlich den Raymond, der Euch so lange schuldig ist, verklagen und in Verhaft nehmen lassen.
Egmont. Der hat ja versprochen zu bezahlen.
Sekretar. Das letzte Mal setzte er sich selbst vierzehn Tage.
Egmont. So gebe man ihm noch vierzehn Tage; und dann mag er gegen ihn verfahren.
Sekretar. Ihr thut wohl. Es ist nicht Unvermogen; es ist boser Wille. Er macht gewiß Ernst, wenn er sieht, Ihr spaßt nicht.--Ferner sagt der Einnehmer: er wolle den alten Soldaten, den Witwen und einigen andern, denen Ihr Gnadengehalte gebt, die Gebuhr einen halben Monat zuruckhalten; man konne indessen Rat schaffen; sie mochten sich einrichten.
Egmont. Was ist da einzurichten? Die Leute brauchen das Geld notiger als ich. Das soll er bleiben lassen.
Sekretar. Woher befehlt Ihr denn, daß er das Geld nehmen soll?
Egmont. Darauf mag er denken; es ist ihm im vorigen Briefe schon gesagt.
Sekretar. Deswegen thut er die Vorschlage.
Egmont. Die taugen nicht; er soll auf was anders sinnen. Er soll Vorschlage thun, die annehmlich sind, und vor allem soll er das Geld schaffen.
Sekretar. Ich habe den Brief des Grafen Oliva wieder hieher gelegt. Verzeiht, daß ich Euch daran erinnere. Der alte Herr verdient vor allen andern eine ausfuhrliche Antwort. Ihr wolltet ihm selbst schreiben. Gewiß, er liebt Euch wie ein Vater.
Egmont. Ich komme nicht dazu. Und unter vielem Verhaßten ist mir das Schreiben das Verhaßteste. Du machst meine Hand ja so gut nach, schreib' in meinem Namen. Ich erwarte Oranien. Ich komme nicht dazu, und wunschte selbst, daß ihm auf seine Bedenklichkeiten was recht Beruhigendes geschrieben wurde.
Sekretar. Sagt mir nur ungefahr Eure Meinung; ich will die Antwort schon aufsetzen und sie Euch vorlegen. Geschrieben soll sie werden, daß sie vor Gericht fur Eure Hand gelten kann.
Egmont. Gieb mir den Brief. (Nachdem er hineingesehen.) Guter ehrlicher Alter! Warst du in deiner Jugend auch wohl so bedachtig? Erstiegst du nie einen Wall? Bliebst du in der Schlacht, wo es die Klugheit anrat, hinten?--Der treue Sorgliche! Er will mein Leben und mein Gluck, und fuhlt nicht, daß der schon tot ist, der um seiner Sicherheit willen lebt. --Schreib' ihm, er moge unbesorgt sein; ich handle, wie ich soll, ich werde mich schon wahren: sein Ansehn bei Hofe soll er zu meinen Gunsten brauchen und meines vollkommnen Dankes gewiß sein.
Sekretar. Nichts weiter? O, er erwartet mehr.
Egmont. Was soll ich mehr sagen? Willst du mehr Worte machen, so steht's bei dir. Es dreht sich immer um den einen Punkt: ich soll leben, wie ich nicht leben mag. Daß ich frohlich bin, die Sachen leicht nehme, rasch lebe, das ist mein Gluck; und ich vertausch' es nicht gegen die Sicherheit eines Totengewolbes. Ich habe nun zu der spanischen Lebensart nicht einen Blutstropfen in meinen Adern, nicht Lust, meine Schritte nach der neuen bedachtigen Hof-kadenz zu mustern. Leb' ich nur, um auf's Leben zu denken? Soll ich den gegenwartigen Augenblick nicht genießen, damit ich des folgenden gewiß sei? Und diesen wieder mit Sorgen und Grillen verzehren?
Sekretar. Ich bitt' Euch, Herr, seid nicht so harsch und rauh gegen den guten Mann. Ihr seid ja sonst gegen alle freundlich. Sagt mir ein gefallig Wort, das den edeln Freund beruhige. Seht, wie sorgfaltig er ist, wie leis' er Euch beruhrt.
Egmont. Und doch beruhrt er immer diese Saite. Er weiß von alters her, wie verhaßt mir diese Ermahnungen sind; sie machen nur irre, sie helfen nichts. Und wenn ich ein Nachtwandler ware, und auf dem gefahrlichen Gipfel eines Hauses spazierte, ist es freundschaftlich, mich beim Namen zu rufen und mich zu warnen, zu wecken und zu toten? Laßt jeden seines Pfades gehn; er mag sich wahren.
Sekretar. Es ziemt Euch, nicht zu sorgen; aber wer Euch kennt und liebt --
Egmont (in den Brief sehend). Da bringt er wieder die alten Marchen auf, was wir an einem Abend in leichtem Ubermut der Geselligkeit und des Weins getrieben und gesprochen, und was man daraus fur Folgen und Beweise durchs ganze Konigreich gezogen und geschleppt habe.--Nun gut! wir haben Schellenkappen, Narrenkutten auf unsrer Diener Armel sticken lassen, und haben diese tolle Zierde nachher in ein Bundel Pfeile verwandelt; ein noch gefahrlicher Symbol fur alle, die deuten wollen, wo nichts zu deuten ist. Wir haben die und jene Thorheit in einem lustigen Augenblick empfangen gleich und geboren; sind schuld, daß eine ganze edle Schar mit Bettelsacken und mit einem selbstgewahlten Unnamen dem Konige seine Pflicht mit spottender Demut ins Gedachtnis rief; sind schuld--was ist's nun weiter? Ist ein Fastnachtsspiel gleich Hochverrat? Sind uns die kurzen bunten Lumpen zu mißgonnen, die ein jugendlicher Mut, eine angefrischte Phantasie um unsers Lebens arme Bloße hangen mag? Wenn ihr das Leben gar zu ernsthaft nehmt, was ist denn dran? Wenn uns der Morgen nicht zu neuen Freuden weckt, am Abend uns keine Lust zu hoffen ubrig bleibt, ist's wohl des An- und Ausziehens wert? Scheint mir die Sonne heut', um das zu uberlegen, was gestern war? und um zu raten, zu verbinden, was nicht zu erraten, nicht zu verbinden ist, das Schicksal eines kommenden Tages? Schenke mir diese Betrachtungen; wir wollen sie Schulern und Hoflingen uberlassen. Die mogen sinnen und aussinnen, wandeln und schleichen, gelangen wohin sie konnen, erschleichen, was sie konnen.--Kannst du von allem diesem etwas brauchen, daß deine Epistel kein Buch wird, so ist mir's recht. Dem guten Alten scheint alles viel zu wichtig. So druckt ein Freund, der lang unsre Hand gehalten, sie starker noch einmal, wenn er sie lassen will.
Sekretar. Verzeiht mir! Es wird dem Fußganger schwindlig, der einen Mann mit rasselnder Eile daher fahren sieht.
Egmont. Kind! Kind! nicht weiter! Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch; und uns bleibt nichts, als mutig gefaßt die Zugel festzuhalten, und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Rader wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam!
Sekretar. Herr! Herr!
Egmont. Ich stehe hoch, und kann und muß noch hoher steigen; ich fuhle mir Hoffnung, Mut und Kraft. Noch hab' ich meines Wachstums Gipfel nicht erreicht; und steh' ich droben einst, so will ich fest, nicht angstlich stehn. Soll ich fallen, so mag ein Donnerschlag, ein Sturmwind, ja ein selbst verfehlter Schritt mich abwarts in die Tiefe sturzen; da lieg' ich mit viel Tausenden. Ich habe nie verschmaht, mit meinen guten Kriegsgesellen um kleinen Gewinst das blutige Los zu werfen; und sollt' ich knickern, wenn's um den ganzen freien Wert des Lebens geht?
Sekretar. O Herr! Ihr wißt nicht, was fur Worte Ihr sprecht! Gott erhalt' Euch!
Egmont. Nimm deine Papiere zusammen. Oranien kommt. Fertige aus, was am notigsten ist, daß die Boten fortkommen, eh' die Thore geschlossen werden. Das andere hat Zeit. Den Brief an den Grafen laß bis morgen; versaume nicht, Elviren zu besuchen, und gruße sie von mir.--Horche, wie sich die Regentin befindet; sie soll nicht wohl sein, ob sie's gleich verbirgt. (Sekretar ab.)
(Oranien kommt.)
Egmont. Willkommen, Oranien. Ihr scheint mir nicht ganz frei.
Oranien. Was sagt Ihr zu unsrer Unterhaltung mit der Regentin?
Egmont. Ich fand in ihrer Art uns aufzunehmen nichts Außerordentliches. Ich habe sie schon ofter so gesehen. Sie schien mir nicht ganz wohl.
Oranien. Merktet Ihr nicht, daß sie zuruckhaltender war? Erst wollte sie unser Betragen bei dem neuen Aufruhr des Pobels gelassen billigen; nachher merkte sie an, was sich doch auch fur ein falsches Licht darauf werfen lasse; wich dann mit dem Gesprache zu ihrem alten gewohnlichen Diskurs: daß man ihre liebevolle, gute Art, ihre Freundschaft zu uns Niederlandern nie genug erkannt, zu leicht behandelt habe, daß nichts einen erwunschten Ausgang nehmen wolle, daß sie am Ende wohl mude werden, der Konig sich zu andern Maßregeln entschließen musse. Habt Ihr das gehort?
Egmont. Nicht alles; ich dachte unterdessen an was anders. Sie ist ein Weib, guter Oranien, und die mochten immer gern, daß sich alles unter ihr sanftes Joch gelassen schmiegte, daß jeder Herkules die Lowenhaut ablegte und ihren Kunkelhof vermehrte; daß, weil sie friedlich gesinnt sind, die Garung, die ein Volk ergreift, der Sturm, den machtige Nebenbuhler gegen einander erregen, sich durch ein freundlich Wort beilegen ließe, und die widrigsten Elemente sich zu ihren Fußen in sanfter Eintracht vereinigten. Das ist ihr Fall; und da sie es dahin nicht bringen kann, so hat sie keinen Weg, als launisch zu werden, sich uber Undankbarkeit, Unweisheit zu beklagen, mit schrecklichen Aussichten in die Zukunft zu drohen, und zu drohen, daß sie--fortgehn will.
Oranien. Glaubt Ihr dasmal nicht, daß sie ihre Drohung erfullt?
Egmont. Nimmermehr! Wie oft habe ich sie schon reisefertig gesehn! Wo will sie denn hin? Hier Statthalterin, Konigin; glaubst du, daß sie es unterhalten wird, am Hofe ihres Bruders unbedeutende Tage abzuhaspeln? oder nach Italien zu gehen und sich in alten Familienverhaltnissen herumzuschleppen?
Oranien. Man halt sie dieser Entschließung nicht fahig, weil Ihr sie habt zaudern, weil Ihr sie habt zurucktreten sehn; dennoch liegt's wohl in ihr; neue Umstande treiben sie zu dem lang verzogerten Entschluß. Wenn sie ginge? und der Konig schickte einen andern?
Egmont. Nun, der wurde kommen, und wurde eben auch zu thun finden. Mit großen Planen, Projekten und Gedanken wurde er kommen, wie er alles zurecht rucken, unterwerfen und zusammenhalten wolle; und wurde heut' mit dieser Kleinigkeit, morgen mit einer andern zu thun haben, ubermorgen jene Hindernis finden, einen Monat mit Entwurfen, einen andern mit Verdruß uber fehlgeschlagne Unternehmen, ein halb Jahr in Sorgen uber eine einzige Provinz zubringen. Auch ihm wird die Zeit vergehn, der Kopf schwindeln, und die Dinge wie zuvor ihren Gang halten, daß er, statt weite Meere nach einer vorgezogenen Linie zu durchsegeln, Gott danken mag, wenn er sein Schiff in diesem Sturme vom Felsen halt.
Oranien. Wenn man nun aber dem Konig zu einem Versuch riete?
Egmont. Der ware?
Oranien. Zu sehen, was der Rumpf ohne Haupt anfinge.
Egmont. Wie?
Oranien. Egmont, ich trage viele Jahre her alle unsere Verhaltnisse am Herzen, ich stehe immer wie uber einem Schachspiele und halte keinen Zug des Gegners fur unbedeutend; und wie mußige Menschen mit der großten Sorgfalt sich um die Geheimnisse der Natur bekummern, so halt' ich es fur Pflicht, fur Beruf eines Fursten, die Gesinnungen, die Ratschlage aller Parteien zu kennen. Ich habe Ursach', einen Ausbruch zu befurchten. Der Konig hat lange nach gewissen Grundsatzen gehandelt; er sieht, daß er damit nicht auskommt; was ist wahrscheinlicher, als daß er es auf einem andern Wege versucht?
Egmont. Ich glaub's nicht. Wenn man alt wird und hat so viel versucht, und es will in der Welt nie zur Ordnung kommen, muß man es endlich wohl genug haben.
Oranien. Eins hat er noch nicht versucht.
Egmont. Nun?
Oranien. Das Volk zu schonen und die Fursten zu verderben.
Egmont. Wie viele haben das schon lange gefurchtet. Es ist keine Sorge.
Oranien. Sonst war's Sorge; nach und nach ist mir's Vermutung, zuletzt Gewißheit geworden.
Egmont. Und hat der Konig treuere Diener als uns?
Oranien. Wir dienen ihm auf unsere Art; und unter einander konnen wir gestehen, daß wir des Konigs Rechte und die unsrigen wohl abzuwagen wissen.
Egmont. Wer thut's nicht? Wir sind ihm unterthan und gewartig in dem, was ihm zukommt.
Oranien. Wenn er sich nun aber mehr zuschriebe und Treulosigkeit nennte, was wir heißen, auf unsere Rechte halten?
Egmont. Wir werden uns verteidigen konnen. Er rufe die Ritter des Vließes zusammen, wir wollen uns richten lassen.
Oranien. Und was ware ein Urteil vor der Untersuchung? eine Strafe vor dem Urteil?
Egmont. Eine Ungerechtigkeit, der sich Philipp nie schuldig machen wird; und eine Thorheit, die ich ihm und seinen Raten nicht zutraue.
Oranien. Und wenn sie nun ungerecht und thoricht waren?
Egmont. Nein, Oranien, es ist nicht moglich. Wer sollte wagen, Hand an uns zu legen?--Uns gefangen zu nehmen, war' ein verlornes und fruchtloses Unternehmen. Nein, sie wagen nicht, das Panier der Tyrannei so hoch aufzustecken. Der Windhauch, der diese Nachricht uber's Land brachte, wurde ein ungeheures Feuer zusammentreiben. Und wo hinaus wollten sie? Richten und verdammen kann nicht der Konig allein; und wollten sie meuchelmorderisch an unser Leben?--Sie konnen nicht wollen. Ein schrecklicher Bund wurde in einem Augenblick das Volk vereinigen. Haß und ewige Trennung vom spanischen Namen wurde sich gewaltsam erklaren.
Oranien. Die Flamme wutete dann uber unserm Grabe, und das Blut unsrer Feinde flosse zum leeren Suhnopfer. Laß uns denken, Egmont.
Egmont. Wie sollten sie aber?
Oranien. Alba ist unterwegs.
Egmont. Ich glaub's nicht.
Oranien. Ich weiß es.
Egmont. Die Regentin wollte nichts wissen.
Oranien. Um desto mehr bin ich uberzeugt. Die Regentin wird ihm Platz machen. Seinen Mordsinn kenn' ich, und ein Heer bringt er mit.
Egmont. Aufs neue die Provinzen zu belastigen? Das Volk wird hochst schwierig werden.
Oranien. Man wird sich der Haupter versichern.
Egmont. Nein! Nein!
Oranien. Laß uns gehen, jeder in seine Provinz. Dort wollen wir uns verstarken; mit offner Gewalt fangt er nicht an.
Egmont. Mussen wir ihn nicht begrußen, wenn er kommt?
Oranien. Wir zogern.
Egmont. Und wenn er uns im Namen des Konigs bei seiner Ankunft fordert?
Oranien. Suchen wir Ausfluchte.
Egmont. Und wenn er dringt?
Oranien. Entschuldigen wir uns.
Egmont. Und wenn er darauf besteht?
Oranien. Kommen wir um so weniger.
Egmont. Und der Krieg ist erklart, und wir sind die Rebellen. Oranien, laß dich nicht durch Klugheit verfuhren; ich weiß, daß Furcht dich nicht weichen macht. Bedenke den Schritt.
Oranien. Ich hab' ihn bedacht.
Egmont. Bedenke, wenn du dich irrst, woran du schuld bist: an dem verderblichsten Kriege, der je ein Land verwustet hat. Dein Weigern ist das Signal, das die Provinzen mit einmal zu den Waffen ruft, das jede Grausamkeit rechtfertigt, wozu Spanien von jeher nur gern den Vorwand gehascht hat. Was wir lange muhselig gestillt haben, wirst du mit einem Winke zur schrecklichsten Verwirrung aufhetzen. Denk' an die Stadte, die Edeln, das Volk, an die Handlung, den Feldbau, die Gewerbe! und denke die Verwustung, den Mord!--Ruhig sieht der Soldat wohl im Felde seinen Kameraden neben sich hinfallen; aber den Fluß herunter werden dir die Leichen der Burger, der Kinder, der Jungfrauen entgegenschwimmen, daß du mit Entsetzen dastehst, und nicht mehr weißt, wessen Sache du verteidigst, da die zu Grunde gehen, fur deren Freiheit du die Waffen ergriffst. Und wie wird dir's sein, wenn du dir still sagen mußt: Fur meine Sicherheit ergriff ich sie.
Oranien. Wir sind nicht einzelne Menschen, Egmont. Ziemt es sich, uns fur Tausende hinzugeben, so ziemt es sich auch, uns fur Tausende zu schonen.
Egmont. Wer sich schont, muß sich selbst verdachtig werden.
Oranien. Wer sich kennt, kann sicher vor- und ruckwarts gehen.
Egmont. Das Ubel, das du furchtest, wird gewiß durch deine That.
Oranien. Es ist klug und kuhn, dem unvermeidlichen Ubel entgegenzugehn.
Egmont. Bei so großer Gefahr kommt die leichteste Hoffnung in Anschlag
Oranien. Wir haben nicht fur den leisesten Fußtritt Platz mehr; der Abgrund liegt hart vor uns.
Egmont. Ist des Konigs Gunst ein so schmaler Grund?
Oranien. So schmal nicht, aber schlupfrig.
Egmont. Bei Gott! man thut ihm unrecht. Ich mag nicht leiden, daß man unwurdig von ihm denkt! Er ist Karls Sohn und keiner Niedrigkeit fahig.
Oranien. Die Konige thun nichts Niedriges.
Egmont. Man sollte ihn kennen lernen,
Oranien. Eben diese Kenntnis rat uns, eine gefahrliche Probe nicht abzuwarten.
Egmont. Keine Probe ist gefahrlich, zu der man Mut hat.
Oranien. Du wirst aufgebracht, Egmont.
Egmont. Ich muß mit meinen Augen sehen.
Oranien. O, sahst du diesmal nur mit den meinigen! Freund, weil du sie offen hast, glaubst du, du siehst. Ich gehe! Warte du Albas Ankunft ab, und Gott sei bei dir! Vielleicht rettet dich mein Weigern. Vielleicht, daß der Drache nichts zu fangen glaubt, wenn er uns nicht beide auf einmal verschlingt. Vielleicht zogert er, um seinen Anschlag sicherer auszufuhren; und vielleicht siehest du indes die Sache in ihrer wahren Gestalt. Aber dann schnell! schnell! Rette! rette dich!--Leb' wohl! --Laß deiner Aufmerksamkeit nichts entgehen: wie viel Mannschaft er mitbringt, wie er die Stadt besetzt, was fur Macht die Regentin behalt, wie deine Freunde gefaßt sind. Gieb mir Nachricht--Egmont--
Egmont. Was willst du? |
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