Mein buntes Buch 14
Hier in den alten Abstichen wächst der Torf schon wieder. In dem
einen schwimmen, von den goldgelben Lippenblüten des Wasserschlauchs
überragt, dichte Torfmoosballen. Der andere daneben ist ganz ausgefüllt
von den saftiggrünen Blättern und den breiten weißen Löffelblumen des
Schweineohrs. Was vermodert und zu Boden sinkt, wird erst Schlamm und
dann Torf, und darauf wächst das Torfmoos, bis es den Rand des Kolkes
erreicht hat, über ihn hinausquillt und immer höher wächst, die Binsen
und das Risch an seinen Ufern überwuchert und höher und weiter wächst,
und sich mit den benachbarten Torfmoospolstern vereinigt. Wo man jetzt
trockenen Fußes geht, da wird es dann feucht und unwegsam, und je höher
das Moor wächst, um so nasser und tiefer wird es werden. Da, wo jetzt
das goldrot in der Sonne leuchtende Reh durch die rosenroten Blumen
zieht, wird der Brachvogel stelzen und die Heerschnepfe brüten, und wo
sich jetzt in dem Brandgrus das Birkwild badet, wird die Ente einfallen
und im Mai wird dort, wo heute eine rote Rispe neben der anderen steht,
das Wollgras das Moor mit dichten weißen Flocken bedecken, daß es wie
überschneit aussieht.
Dann, nach Jahrzehnten, wird der Torf wieder reif sein, und die Bauern
werden ihn stechen, ringeln, in Mieten häufen und, wenn es dürr genug
ist, einfahren, wenn nicht, wie im letzten Sommer, wieder Feuer
auskommt und alles hier eine rote Glut unter dem Boden und ein weißer
Rauch über ihm ist, denn ein brennend fortgeworfenes Streichholz genügt
schon, um das trockene Gras zum Brennen und das Moor zum Glimmen zu
bringen. Unter dem Heidkraut glüht der Brand dann in aller Heimlichkeit
weiter, frißt und frißt und wächst und wächst, bis er so groß ist,
daß an kein Löschen mehr zu denken ist und dem Menschen nichts mehr
übrigbleibt als dafür zu sorgen, daß es nicht das meilenbreite Moor
verzehrt.
Die Strahlen der Abendsonne fallen auf das große Blumenbeet; herrlicher
als zuvor prangt es, und glüht und leuchtet und verschwimmt, als
wolle es sich von dem Boden losreißen, gen Himmel steigen und als
Abendröte mit den Wolken verschmelzen. Und dabei ist es ein rosenrotes
Leichentuch, das die Stätte bedeckt, wo die Birkhenne auf dem
Nest verbrannte und das Rehkitz in die unterirdische Glut fiel und
verkohlte, und um das herum die Bauern standen mit schwarzen, von
Schweiß mit Striemen durchzogenen Gesichtern und rußigen Händen, mit
bitteren Mienen in den Rauch starrten, aufseufzten und dann wieder
darangingen, dem Brande zu wehren, damit er nicht weiterfräße und über
das Jahr, soweit man sehen kann, alles ein einziges, wunderbares,
rosenrotes Leichentuch sei.
Der Quellbrink.
Oben auf dem Kopfe des Heidberges herrschen Magerkeit und Dürre.
Zwei alte, hohe, krummgewachsene Föhren stehen dort, ein halbes Dutzend
schiefer Birken und eine Menge spitzer oder krauser, alter und junger
Machandeln.
Wo nicht der gelbe, an buntem Geschiebe überreiche Sand zutage tritt,
bedeckt der Schafschwingel mit bläulichgrünen Borsten den Boden oder
andere büschelige Gräser, brechdürres silbergraues Renntiermoos und
sparsam blühendes, von den Schnucken niedriggehaltenes Heidkraut.
Selbst wenn es tagelang geregnet hat und der Wind streicht hinterher
nur einige Stunden über den Heidberg, sieht es da so dürr und so
trocken aus wie vordem. Doch die kräftigen Eichen, die beiden mächtigen
Buchen und die stattlichen Fichten, die den an der Flanke des Hügels
gelegenen alten Schafkoben beschützen, beweisen, daß der Berg nicht so
wasserarm ist, wie es den Anschein hat, und einige hundert Schritte
davon sieht es schon anders aus.
Da ist die Heide kniehoch und mit Doppheide gemischt, und zwischen den
runden Bülten zeigen sich kleinere und größere, nackte, schmierige
Flächen schwarzbraunen Moorbodens. Stellenweise macht die Heide
dem Wollgrase und dem Moorhalme Platz, ist immer mehr mit Torfmoos
durchflochten, wird immer nasser, bis sie schließlich hinter den hohen
Wacholdern, krummen Birken und krüppelhaften Föhren zu einem einzigen
großen Quellbrinke wird, auf dem es überall quillt und träufelt und
rieselt und fließt von dem klarsten Wasser.
Hier steht eine alte, windschiefe Eiche mit wunderlich gebogenem
Gezweige. Unter ihren seltsam gestalteten knorrigen, dicht mit den
Wedeln des Engelsüß bedeckten Tagwurzeln trieft und tröpfelt es
unablässig und bildet einen schmalen Wasserfaden, der sich hier mit
einem anderen vereinigt, der zwischen einem hohen, ulkig geformten
Machandel und einer putzigen, krummen Fichte hervorkommt, und der bei
der alten, dicken, wie eine riesige Harfe aussehenden Hängebirke zwei
andere aufnimmt und mit ihnen zusammen einen kleinen, tief in das
Torfmoos eingeschnittenen, vielfach gekrümmten Wasserlauf bildet, der
in einem Quellbecken mit schöngeschwungener Borde endigt.
So klein dieser Tümpel ist, so reizend ist er. An dem einen Ufer faßt
ihn hellgrünes, an dem anderen goldgelbes, blutrot gemustertes Torfmoos
ein. Seine Ränder sind ganz dicht mit den lichtgrünen spitzen Blättern
des Beinheils besäumt, das mit grünlichgelben, kupferrot angelaufenen
Fruchtrispen geschmückt ist. Die Einschnitte des Beckens, die von den
eindringenden Wasserfäden gebildet sind, füllen die purpurnen, silbern
glitzernden Blattbüschel des großen Sonnentaues aus. Auf dem weißen
Sande, der den Boden des Beckens bildet und in dem es an einigen
Stellen fortwährend quillt und wühlt, schlängeln sich wie große Würmer
die schwarzgrünen oder rostroten Ranken des Quellmooses.
In der Mitte des Quellkumpes hat sich aus dem Stumpfe einer alten
Eiche eine hohe, runde, aus blutrotem, am Rande goldgrünem und gelbem
Torfmoose gewachsene Insel gebildet, in deren Mitte ein hoher, spitzer
Fubusch wächst, dessen harte, dornige Blätter das Sonnenlicht in
silbernen Blitzen zurückgeben. Das Torfmooskissen unter ihm ist von der
Moosbeere durchflochten, aus deren zierlichem Laube die roten Beeren
hervorfunkeln. Hohe, bleiche Simsen mit silberigen Blüten heben sich
von dem starren Blattwerke des stolzen Strauches wirksam ab und ein
großer Fliegenpilz lodert davor, wie eine glühende Flamme.
Alte Machandeln umgeben im Kreise die Quelle, als hüteten sie ein
Geheimnis. Einige davon bestehen aus einem einzigen Stamme, der in
einem spitzen Wipfel oder in eine runde Krone ausläuft, andere sind aus
vielen, auf gespenstige Weise verreckten Stämmen gebildet, oder auf
putzige Art verbogen und in ulkiger Weise gestaltet. Zwischen ihnen
wuchert das Torfmoos in fußhohen, nassen Polstern, von der Doppheide
überragt, die dort, wo es trockener ist, der Sandheide Platz machen
muß, die sich hier zu drei Fuß hohen Sträuchern entwickelt hat, um
deren reiche Blütenfülle es von Bienen summt und brummt, zwischen denen
hier und da ein zierlicher blauer Falter flattert.
Aus der Quelle quält sich ein schmales Wässerchen unter dem Mooskissen
her, bekommt von allen Seiten Zulauf und bildet bald darauf wieder ein
Becken, in dessen Sandgrunde es heftig wogt und wirbelt und dessen
bleichgelbe und blutrot gesprenkelte Moosufer von zwei herrlichen
großen Königsfarnen beschattet werden, zwischen denen sich ein
putzwunderlich gewachsener Schneeballstrauch mit rot angelaufenen
Blättern und scharlachfarbigen Beeren hervorwindet, und unter ihm ein
Faulbaumbusch, ganz und gar mit schwarzen blanken Früchten behangen.
Vor dem Abflusse dieses Beckens wuchert die zierliche Krötenbinse
und bildet ein kleines, tief blutrotes Beet auf dem nassen Sande,
und mitten zwischen ihr sitzt ein knallgrüner Laubfrosch und meckert
lustig, während über dem Tümpel eine große, himmelblaue Wasserjungfer
auf und ab schießt und bei jeder Wendung mit den goldbraunen Flügeln
laut knistert.
Unter diesem Becken steigt der Boden an, so daß das Wasser seitabwärts
sich seinen Weg suchen muß. Nach der einen Seite müht es sich durch
ein verworrenes Machandeldickicht hin, um, sobald die Büsche ihm
Raum lassen, einen winzigen Teich mit steilen Mooswänden zu bilden,
der noch von vier Seiten Zufluß bekommt. Zwischen den beiden oberen
Rinnsalen liegt ein mächtiger Findelstein aus weißlichem Granit,
hinter dem sich ein alter, vielverästelter Rosenbusch hervorreckt,
der so dicht mit dicken scharlachroten Früchten bedeckt ist, daß das
Blattwerk dazwischen fast verschwindet, und unter dem Steine sprießen
die hellgrünen Wedel eines zierlichen Farns aus dem blutroten fußhohen
Moospolster hervor, auf dem ein grellgestreifter Moorfrosch hockt, der
ab und zu die rote Zunge nach einer Mücke oder Fliege vorschnellt,
blitzschnell sich dabei umdrehend. Da diese Quelle in der vollen
Sonne liegt, flirrt und flattert es von vielen goldenen und roten
Schillebolden über ihrem Spiegel, der rundherum unter dem Moose von den
schirmförmigen runden Blättern des Wassernabels umschlossen wird.
Der andere Wasserlauf, der aus dem oberen Becken hervortritt und sich
dann im tiefen Moose verläuft, hat einstmals auch einen offenen Pump
gebildet; da er aber ganz von Weidengebüsch umschlossen ist, so wuchs
einmal das Moos so üppig, daß es ihn bis auf ein tiefes Wasserloch
zudeckte, und dann siedelte sich das Schweineohr in ihm an und wucherte
so stark, daß es ihn ganz ausfüllte, so daß nichts mehr von ihm zu
sehen ist, sondern er gänzlich verschwunden ist unter dem hohen und
dichten Gewirre von dicken, fleischigen Stengeln, breiten, saftigen
Blättern und großen, weißen Blüten, von denen manche schon zu dicken
Fruchtkolben geworden sind, deren feuerrote Giftfarbe seltsam von dem
Untergrunde absticht. In diesem feuchten, kühlen Grunde lagert sich das
Birkwild gern, wenn es gar zu heiß ist, und äst sich an den Früchten
der Moosbeere, die die nassen Polster unter den Weidenbüschen dicht
berankt hat.
Rund um das Buschwerk ist der Boden mit fußhohem Moose, Wollgras und
Farnkraut bedeckt, und ist selbst im heißesten Sommer immer naß. Dann
hebt er sich zu einer dicht mit Machandeln bestockten, heidwüchsigen
Sandwelle, aus deren anderer Seite ein halbes Dutzend Wässerchen
herausquellen, die ein weites, offenes und tiefes Becken bilden, das
von der Höhe her noch drei Zuflüsse bekommt. Die Ufer dieses Pumpes
sind stellenweise recht steil und tief eingeschnitten. Auf den moosigen
Landzungen recken stolze Farnen ihre Wedeltrichter und in den oberen
Buchten wuchern Beinheil und Sonnentau, in den unteren ein hellgrünes
Laichkraut, das sich mühsam aus dem angespülten Sande hervorarbeiten
muß. Am Kopfe des Beckens steht eine junge, krumme, von einem alten
Gaisblattbusche halb erdrosselte Eiche, die eine Unmenge wachsgelb und
hellrot gemusterter Blumenbüschel trägt, zwischen denen die Beeren wie
Rubine funkeln. In dem Gewirre des Busches hat der Hänfling sein Nest,
der auf dem Gipfel des hohen, spitzen Machandels, der gegenüber der
Eiche auf der anderen Seite der Quelle steht, lustig schwatzt, aber nun
dem Raubwürger Platz machen muß, der von da aus auf eine Maus lauert.
Die Abflüsse dieses Beckens rinnen um drei schlanke Birken her, bilden
zwischen einem halben Hundert alter Machandeln ein kleines Moor, das
von der Sandheide rosenrot gefärbt und von den dürren Blüten der
Doppheide rostrot gesprenkelt ist, und treten dann wieder in allerlei
von Porstbüschen, Weiden und Brombeeren umwucherten und vom Torfmoose
halb erstickten Tümpeln heraus, deren Wässer sich unter der Erde
sammeln und bei einer vom Blitze der halben Krone beraubten kernfaulen
Eiche einen kleinen, drei Fuß tiefen Teich entstehen lassen, bei dem
sieben hohe spitze Machandeln Wache halten, und in dem ein krummer
Ebereschenbaum seine roten Früchte spiegelt. Der weiße Grund des
Pumpes ist in fortwährender Bewegung; bald hier, bald da öffnet er
sich und ein silberner Strudel quillt daraus hervor und bewegt die
langen, rosenroten Wasserwurzeln der Ellernstockausschläge, die die
Ufer umgeben, hin und her. Allerlei schöne Blumen blühen hier, blaue
Enzianen und Knaulen, gelber Weiderich und Hahnenfuß, weiße Dolden und
Spierstauden und hohe Sumpfdisteln, um deren rote Köpfe die Hummeln
brummen und weiße und rostrote Falter flattern, und auf die vielerlei Fliegen, die hier surren, macht die schlanke Waldeidechse Jagd, die sich auf dem Goldmoospolster an dem Fuße der Eiche sonnt.
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