Mein buntes Buch 15
Noch eine ganze Anzahl von quelligen Tümpeln, Wasserlöchern und Kuhlen
sind über den Quellbrink zerstreut, dem eigenartigsten Fleckchen
Land, das es hier weit und breit gibt, und das dem, der es oft
besucht, jedesmal neue Überraschungen bietet. Denn hier schlüpft die
Schlingnatter, lauert der Eisvogel, zwitschert die Wasserspitzmaus;
der Hase scharrt sich sein Lager unter dem Machandel und der Bock
birgt sich im Weidicht; gern pirscht der Fuchs hier, das Raubwiesel
stellt den jungen Wiesenpiepern und die Otter den Mäusen nach, Sperber,
Habicht, Lerchenfalk suchen hier nach Raub, auch die Kornweihe und die
Eule, und wenn nachts das Rotwild aus dem Forst tritt und zu Felde
zieht, tränkt es sich gern an den klaren Quellen, und in aller Frühe
schleicht der Waldstorch dort umher, der heimliche Vogel aus der wilden
Wohld da hinter dem Bruche.
Immer ist es schön hier und reich an allerlei Leben, sowohl im
Vorfrühling, wenn der Porst aufbricht und die Moormännchen zirpen,
späterhin, wenn das Wollgras weiße Wimpelchen wehen läßt und die
Heidlerche singt, zur Heuezeit, wenn die Doppheide anfängt zu blühen
und das Beinheil mit goldenen, rotgezierten Sternchen bedeckt ist,
die betäubend nach Honig riechen, im Erntemond, wenn die Immen um
die blühenden Heidbüsche summen, und noch später, wenn die Birken
wie goldene Springbrunnen im Winde wallen und die Krammetsvögel
scharenweise auf den Machandelbüschen einfallen.
Sogar wintertags, wenn der Schnee auf der Heide liegt und Rauhreif die
Bäume und Sträucher eingesponnen hat, lohnt es sich, den Quellbrink zu
besuchen, dessen viele Wässerchen auch um diese Zeit nicht erstarren,
sondern zwischen Eis und Schnee aus dem Boden quellen und sich sammeln
und schließlich zu dem Bächlein werden, daß sich dort unten durch die
Wiesen hinschlängelt.
Die Durchfahrt.
An drei Stellen wird das Flüßchen, das durch das Wiesenland zwischen
dem Dorfe und dem Forste hinflutet, von Fahrwegen geschnitten, auf
denen die Bauern das Heu von den Wiesen, das Holz aus dem Walde und den
Torf von dem Moore abfahren.
Die beiden ersten Straßen gehen mit Brücken über das Wasser. Die
dritte, die am weitesten von dem Dorfe entfernt ist und nicht so viel
benutzt wird wie die beiden anderen, hat keine Brücke, sondern nur
eine Durchfahrt. Damit die Fußgänger sich nicht nasse Füße zu holen
brauchen, ist unterhalb der Strömung zu beiden Seiten das Ufer hoch
aufgeschüttet und zwischen vier starken Pfählen eine lange, dicke
Eichenbohle befestigt, die an der einen Seite mit einem einfachen
Geländer versehen ist. Drei dicke Pfähle, einer immer einen halben
Fuß höher als der andere, die dort eingerammt sind, wo der schmale
Fußsteig sich aus dem Rasen den Anwurf hinaufwindet, bilden eine
kunstlose Treppe. Auf der einen Seite des Steges hat sich Weidengebüsch
angesiedelt, auf der anderen erhebt sich eine vom Winde zerzauste Eiche
über dem Ellernstockausschlag zu ihren Füßen.
Obgleich sowohl das Brückchen als auch der Baum und die Büsche an und
für sich in keiner Weise bedeutend sind, fallen sie in dem weiten,
flachen Wiesengelände doch sehr auf und wirken viel größer, als sie in
Wirklichkeit sind, zumal der Bach an dieser Stelle viermal so breit als
in seinem übrigen Laufe ist und in regnerischen Zeiten beiderseits weit
in den Weg hineinreicht. Da zudem in und bei dem Buschwerk die Blumen
und das Schilf vor der Sense geschützt sind, der Mist der Pferde und
Kühe, die hier die Wagen durchziehen, allerlei kleines Getier anlockt,
auch die Fischbrut sich an den seichten Stellen sonnt und die Strömung
totes und lebendiges Gewürm und auch wohl abgestandene Fische und
verendete Mäuse anspült, so geht es bei der Durchfahrt immer lebhaft zu.
Abends, wenn die letzten Wagen durchgefahren sind, steht der Reiher
gern vor dem Stege und lauert auf Fische. Späterhin streicht der
Waldkauz vorbei und sieht zu, ob er nicht einen Häsling oder einen
anderen Fisch greifen kann, der sich zu nahe an die Oberfläche wagt.
Allnächtlich fallen die Wildenten dort ein und suchen Gewürm, und der
Uferläufer kommt mit lautem Getriller angeschwebt, trippelt an dem
Rande des Wassers umher und fischt nach den winzigen Krebstierchen,
die in ganzen Wolken in dem Seichtwasser auftauchen, bis ein leises
Plantschen ihn davontreibt, das von dem Otter herrührt, der auf der
Jagd dort auftaucht und eine Weile auf dem Sande ausruht, ehe er wieder
in den Bach gleitet.
Ist es dann Tag geworden, so kommen die Gabelweihen, die hinten
im Walde horsten, angeschaukelt, denn sie finden ab und zu einen
abgestandenen Fisch hier, und bevor die ersten Wagen erscheinen, fußt
der Bussard auf dem Tritte und lauert auf die Wühlmäuse, die am Ufer
hin und her huschen. Tag für Tag saust der Sperber um die Büsche
herum, um zu versuchen, ob es ihm nicht gelingt, eine Bachstelze,
einen Schmätzer oder einen Ammer zu fangen; meistens muß er aber leer
abziehen, weil die Schwalben, die über der Furt ganz besonders gern
jagen, ihn früh genug melden und mit schrillem Geschrei von dannen
treiben. Genau so machen sie es mit dem Lerchenfalken, der sich
ebenfalls ab und zu hier sehen läßt. Rüttelt aber der Turmfalke, der
großen, grünen Heuschrecken wegen, die in dem Gesträuche zirpen, dort,
so bleibt er unbelästigt von den wachsamen Vögeln, denn sie wissen, er
tut ihnen nichts.
Am meisten machen sich die Krähen bei der Durchfahrt zu schaffen.
Entweder gehen sie in der Wiese umher und fangen Grashüpfer und Käfer,
oder sie waten in das niedrige Wasser hinein und sehen zu, was es dort
für ihre Schnäbel gibt, oder sitzen eine neben der anderen auf dem
Geländer, glätten ihr Gefieder und geben scharf acht, ob sich nicht
etwas Verdächtiges nähert. Kommt ein Bauer an, oder ein Gespann, so
fliegen sie stumm ein Endchen weiter und kehren bald zurück. Läßt sich
aber der Förster sehen, so erheben sie einen gewaltigen Lärm, streichen
zum Waldrande, fußen dort auf den Bäumen und warten, bis der Grünrock
verschwunden ist. Läßt es sich der Habicht einmal einfallen, bei der
Furt zu jagen, so fallen sie mit gellendem Geplärre über ihn her und
treiben ihn von dannen. Um den Bussard und um die Kornweihe, die hier
jeden Tag vorbeigaukelt, kümmern sie sich aber kein bißchen.
Allerlei Vögel tränken sich an dieser bequemen Stelle, Spatzen, Finken,
Hänflinge, Grünlinge, Ammer, die wilden Tauben und manchmal auch der
Häher. Auf der Eiche nimmt die Elster, die im Dorfe brütet, gern Platz,
und zu Zeiten auch der Raubwürger, der in dem alten Birnbaume im
Felde sein Nest hat, denn er findet dort immer reichliche Beute, weil
die dicken Bremsen gern über der Furt in der Luft stehen und auf die
Gespanne warten. Haben sie sich dumm und faul gesogen, so setzen sie
sich an das Geländer und sind leicht zu erwischen. Obgleich der Würger
selbst ein Räuber ist und gern eine Maus oder einen Jungvogel faßt, so
kann er es nicht leiden, wenn andere Räuber ihm in die Quere kommen. Er
warnt vor dem Habicht und dem Sperber, sobald er sie gewahrt, und stößt
auf sie, kommen sie näher, und wenn eine Dorfkatze an die Durchfahrt
kommt, um einen Fisch zu erbeuten, so belästigt er sie so lange, bis
sie wieder davonschleicht. Ebenso macht er es, wenn das Großwiesel,
das in dem hohlen Ufer wohnt, sich blicken läßt, um zu dem Neste des
Sumpfrohrsängers oder der Zwergmaus, die in dem Weidenstrauche stehen,
zu gelangen.
Ab und zu sucht der Storch auch die Ufer der Furt ab, teils der
Ukleis wegen, die an den Ausbuchtungen laichen und dann ganz dumm und
unvorsichtig sind, oder der großen, grünen Frösche halber, die dort auf
Fliegen, Bremsen und besonders auf die blauen, grünen, gelben, braunen
und roten Wasserjungfern lauern, die massenhaft um die Schilfhorste
flattern oder kreuz und quer über den Wasserspiegel flirren. Sobald
sich aber die Ringelnatter blicken läßt, plumpsen die Frösche eilig in
das Wasser und verbergen sich im dichtesten Gekräute, doch erwischt die
Schlange dann und wann einen von ihnen, macht aber auch auf die Fische
Jagd. Hat sie einen erbeutet, so schlängelt sie sich mit hochgehaltenem
Kopfe, den Fisch im Maule, durch das Wasser nach dem Ufer, wo sie
ihren Raub hinunterwürgt. Unter den mit blauen und weißen Glöckchen
geschmückten Beinwellstauden sonnt sie sich dann auf dem warmen Sande.
Wenn sich aber ein Wagen oder ein Mensch naht, so schlüpft sie in das
lange Gras.
Der schönste von allen Besuchern der Durchfahrt ist der Eisvogel, der
fast jeden Tag auf der Bohle oder dem Geländer sitzt und auf Beute
wartet. Streicht er den Bach aufwärts seinem Neste zu, das er an der
steilen Wand des Mühlenkolkes unter den alten Ellern hat, dann sieht
es aus, als flöge ein großer Kolibri dahin, so blitzt und funkelt das
Gefieder des kleinen Fischers. Der lustigste Vogel aber, der an der
Furt sein Wesen treibt, ist die Bergbachstelze, die ebenfalls bei der
Mühle brütet. Sie hat sich erst vor einigen Jahren hier angesiedelt,
und wenn sie auch fast so aussieht wie die Kuhstelze, so ist sie
doch viel fröhlicher als diese und dient dem Plätzchen ebenso zum
Schmucke, wie die weiße Bachstelze, die sich gleichfalls hier jeden Tag
einstellt, hurtig auf dem Stege umhertrippelt und nach Fliegen springt.
Im Spätherbste und Winter, wenn die Wiesen unter Wasser stehen und der
Wagenverkehr bei der Durchfahrt bis zum Vorfrühling aufhört, schweben
oft durchreisende Möwen dort hin und her und suchen nach Futter, und
mancherlei nordische Enten und Taucher lassen sich da nieder, weil sie
von da aus weiten Blick haben und deshalb vor dem Jäger sicher sind.
Nur wenn starker Frost die Wasserfläche zum Zufrieren bringt, ist es
still und öde da, und einzig und allein die Krähen sitzen trübselig auf
dem Geländer oder hacken an einem eingefrorenen Fische auf dem Eise
herum.
Kommt aber der Frühling in das Land, taut das Eis, schmilzt der Schnee,
läuft das Wasser ab, sprießt das Gras und blühen die gelben Kuhblumen
an dem Flüßchen, dann beginnt bei der Durchfahrt wieder das bunte,
lustige Leben.
Die Böschung.
Quer durch die Heide zieht sich der Kanal, der die Wasser des Moores
dem Flusse zuführt.
Er ist so tief in das Gelände eingelassen, daß seine Böschungen
hoch und steil sind. Deshalb ist es dort meist überwindig und darum
herrscht selbst dann, wenn die Luft rauh über das übrige Land geht,
noch allerlei Leben, zumal der Rand der Böschung mit Föhren, Birken,
Eichen und allerlei Gebüsch bedeckt ist und ihre Flanken an den meisten
Stellen ausgedehntes Sandrohrgestrüpp trägt.
Neulich, als es zum ersten Male über Nacht hart gefroren hatte, das
Heidkraut von Reif starrte und das meiste von den Faltern, Fliegen,
Bienen und Käfern, das tags zuvor noch lustig sein kleines Leben
geführt hatte, tot dalag oder sich verborgen hielt, sah es an der
Böschung gar nicht danach aus, als ob der Winter sich schon angemeldet
habe.
Die Birken waren zwar binnen zwölf Stunden gelb geworden, die
Eichenblätter hatten sich auf einmal gebräunt und die Espen hatten
kohlschwarzes Laub bekommen. Die Silberrispen des Sandhalmes
schimmerten aber noch in alter Pracht, die Moorhalmbüsche leuchteten
wie goldenes Glas, an den Brombeeren waren nur wenige fahle Blätter
zu sehen und hier und da fristete noch eine Blume das Leben, hier die
rubinrote Karthäusernelke, da das goldene Mauseohr, dort die blaue
Knaule und daneben die weiße Sumpfschafgarbe.
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