Mein buntes Buch 16
Als die Sonne dann den Reif abgetaut hatte und den Boden anwärmte,
schwirrte und flirrte es da, wie zur sommerlichen Zeit. Mordwespen
suchten Raupen und Spinnen, um sie mit ihren Giftstacheln zu lähmen
und in ihre Bruthöhlen zu schleppen. Spinnen huschten zwischen den
borstigen Grasbüscheln über den feinen, weißen Sand, hier schlich ein
Rüsselkäfer, da rannte ein Sandläufer, Schlammfliegen sonnten sich
auf den Föhrenwurzeln, Bienen und Hummeln naschten an den letzten
Blumen, große dicke Raupen in samtenen, mit Gold verbrämten Pelzen
krochen langsam über das silbergraue Renntiermoos, dickköpfige Grillen
wagten sich aus ihren Löchern hervor, kleine Heuschrecken zirpten zum
letzten Male, viele Sandfüchse flatterten an den nackten Stellen,
ein Zitronenfalter taumelte an den Büschen entlang. Köcherhafte
und Florfliegen rafften sich zu einem kurzen Fluge auf und sogar
Wasserjungfern schwirrten hin und her. Auch auf dem Ameisenhaufen
krimmelte und wimmelte es noch, ein Eidechschen lag breit und
behaglich in der Sonne, ein junges Kreuzkrötchen kroch hurtig über die
Moospolster und jagte auf Mücken, und ein Grasfrosch schnappte nach
Schmeißfliegen.
Alles dieses kleine feine Leben nahm aber nach und nach ein Ende,
als Nacht für Nacht der Frost über die Heide fuhr und als dann der
schwere kalte Regenguß kam, da war es ganz aus damit. Was sich nicht
zu bergen wußte, wie die Käfer, Eulenfalter, Florfliegen und Ameisen,
das brachte die Kälte um oder tötete der Regen. Gegen Mittag, wenn die
Sonne heiß gegen die Böschung scheint, schwirrt wohl noch einmal eine
Fliege, kriecht ein Käferchen dahin, und die Wintermücken spielen dann
in hellen Haufen über dem Sande und steigen auf und ab; all das andere
kleine Getier wird aber erst wieder sichtbar, wenn der Winter aus ist
und die Frühlingssonne die Böschung bescheint. Dagegen mangelt es dort
nie an anderem Getier. Vor allem sind es die Vögel, die die Büsche
mit Leben erfüllen. Ein Meisentrupp nach dem andern, meist von einem
Spechte geführt und von Goldhähnchen begleitet, rispelt und krispelt in
den Föhren, Birken und Eichen umher, Dompfaffen suchen das Gebüsch nach
Beeren und Knospen ab, Krammetsvögel halten dort Rast, und so ist es da
fast nie still und leer.
Geht die Sonne zur Rüste, ziehen die Krähen laut quarrend unter dem
goldenen Himmel ihrem Schlafwalde zu, fallen die Goldammern in die
Eichenbüsche ein und rascheln lange in dem dürren Laube, ehe sie die
Augen zumachen, fällt die Amsel zeternd in die Schlehdornen, dann
tritt ein heimliches Leben an die Stelle des offenbaren. Aus ihren
Bauen schlüpfen die Kaninchen heraus, sichern lange an dem Eingange
der Fahrten und rücken zu Felde. Ihnen nach folgt der Hase, der sich
den Tag über in dem Sandrohre geborgen hielt. Dann erscheint die Eule
und streicht die Böschung auf und ab, der vielen Mäuse wegen, denen
die Sandrohrkörner reiche Nahrung bieten. Enten kommen angeklingelt,
fallen am Ufer ein und schnattern es nach Fraß ab. Feldhühner rennen
den Fußsteig entlang und huschen bei der Brücke über den Fahrweg.
Gern treten die Rehe dort herum, um die Brombeeren zu verbeißen. Das
Hermelin sucht die Kaninchenbaue ab und würgt, was es greifen kann,
desgleichen der Iltis, der unter der Brücke wohnt, und der Fuchs, der
in den Heidbergen sein Gebäude hat, schleicht allnächtlich hier umher,
weil er jedesmal gute Beute macht, und alle paar Tage spürt sich der
Otter auf dem Sandwege, und die Reste von Döbel und Hecht zeigen an,
daß er nicht umsonst gefischt hat.
Wenn die Sonne dann wieder über den Berg kommt, wenn der Nebel von dem
Kanale weicht, die Goldammern ihre Schlummerbüsche verlassen und zu
Felde fallen, geht das laute Leben wieder los. Dann lacht der grüne
Specht, der einen Stollen in den Ameisenhaufen getrieben hat und sich
darin vollfrißt, der Häher kreischt, der Zaunkönig schmettert sein
Liedchen, Hänflinge, Grünfinken und Stieglitzen machen halt, wenn sie
hier vorbeigestrichen kommen, die Elster nimmt für einen Augenblick
Platz, ehe sie nach der Abdeckerei fliegt, der Bussard lauert, ob er
nicht das Wiesel betölpeln kann, das unter dem Durchlasse haust, und
allerlei Meisenvolk tummelt sich im Buschwerke.
So geht es in der rauhen Zeit tagein, tagaus. Ist aber der Winter
zu Ende, werden die silbernen Kätzchen an den Weiden zu goldenen
Flämmchen, entfalten die Kohmolken am Ufer ihre großen gelben Blumen,
wandern die Pieper aus Nordland auf der Rückreise am Kanal entlang
ihrer Heimat zu, dann wacht auch das kleine und feine Leben wieder
auf und es blitzt und flitzt und schwirrt und flirrt und flittert und
flattert und summt und brummt von früh bis spät an der Böschung.
Die Kiesgrube.
Mitten in der Feldmark, weithin sich bemerkbar machend, ist ein heller
Fleck. Das ist die große Kiesgrube, aus der das Städtchen seinen
Bausand gewinnt.
Jetzt, zur späten Zeit im Jahre, herrscht nicht die bunte Pracht
in ihr, wie an sommerlichen Tagen. Hier und da hat sich noch
eine goldgelbe Rainfarnblüte vor dem Nachtfroste gerettet, eine
schneeweiße Schafgarbe, eine himmelblaue Glockenblume, eine blutrote
Karthäusernelke.
Dennoch aber fehlt es der Grube nicht an Farben. Über der gelben
Steilwand, die von den Bruthöhlen der Uferschwalben wie ein Sieb
durchlocht ist, prahlen die Schlehen mit hellblauen und die
Weißdornbüsche mit feuerroten Beeren, und die junge Birke unter der
Wand ist über und über mit goldenen Flittern behängt. Die Brombeeren
vor ihr leuchten scharlachfarbig, die hohen Beifußstauden sind
blutigrot, stumpfgrün starren die hohen Binsen und wie Rubinen strahlen
die Blättchen des Zwergampfers.
Auch an anderem Leben mangelt es nicht. Eben rüttelte der Turmfalke
über der Stelle, wo eine Waldmaus aus dem bunten Steinhaufen rutschte
und über die goldigschimmernden Moospolster hinweghüpfte. Er stieß
herunter und strich mit der Maus in den Griffen ab. Dann schnurrte ein
Flug von Feldspatzen heran, fiel in den Schlehdornen ein, lärmte ein
Weilchen und stob feldeinwärts. Jetzt hüpfen ein paar Grünfinken unter
den Klettenstauden umher und suchen nach Grassamen, auf der Spitze der
Birke sitzt ein Hänfling und lockt halb lustig, halb wehmütig, und an
den weißwolligen Schöpfen der hohen Haferdistel hängen zwei knallbunte
Stieglitze, zwitschern fröhlich und picken die Samenkörner heraus.
Plötzlich fliegen sie ab, denn in den hohen, brauntrockenen Brennesseln
hinter dem Haufen kopfgroßer Steinknollen raschelte es. Ein plattes
Köpfchen mit schwarzen Augen taucht auf, verschwindet, ist wieder
da, und nun sitzt oben auf dem Steinhaufen ein Wieselchen, schlüpft
durch die fahle Mausegerste, kommt unter den Kletten zum Vorschein
und verschwindet zwischen dem braunen Gestrüpp der Flockblumen, wohin
das Geschrille der Spitzmäuse es lockt. Ein Goldammerhahn kommt
angeschnurrt, läßt sich auf einem Pfahle nieder, lockt, wippt mit dem
Schwanze, sträubt die Holle und burrt weiter. Dann ist auf einmal eine
Haubenlerche da, die hurtig auf dem Sande umherrennt, ein Spinnchen
fängt, einige Körnchen aufliest und mit weichem Geflöte von dannen
fliegt, so daß der Sperber, der hinter der Birke hergeschwenkt kommt,
mit leeren Fängen abziehen muß.
Dünne Vogelstimmen kommen näher; vier Pieper aus Nordland lassen sich
vor den grauwolligen Mausekleebüscheln nieder, trippeln hin und her,
putzen sich ihr Gefieder, lesen Körnchen auf, tränken sich an der
Regenpfütze und wandern weiter nach Süden. Über der Steilwand erscheint
ein hellgefärbter Bussard, rüttelt eine Weile über der Stelle, wo er
zwischen den braunen Johanniskrautstengeln eine Bewegung erspähte,
und streicht dann fort, weil er das, was sich da rührte, als die
Löffel des Hasen erkannte, der dort im Lager sitzt, und er weiß, daß
er nicht stark genug ist, um den zu bezwingen. Über die silbernen
Gänsefingerkrautblätter humpelt steifbeinig ein frostlahmer brauner
Frosch; er will sich einen Unterschlupf suchen, wo er die harte Zeit
verschlafen kann. Dasselbe hat eine winzige Kreuzkröte vor, die den
dürren Ochsenzungenstauden zukriecht.
Laut schwatzend braust ein Flug Stadtsperlinge über die Grube hin.
Dann läßt sich eine Nebelkrähe in ihr nieder, schreitet würdevoll
auf und ab und sucht so lange, bis sie eine Käserinde findet,
die die Sandfuhrleute fortwarfen, und mit der sie abfliegt. Ein
Dompfaffenpärchen nimmt auf den Schlehen Platz, lockt zärtlich,
verbeißt einige Knospen und strebt dem nahen Friedhof zu. Vor der
Steilwand flattert ein alter Hausrotschwanz umher, schlüpft in eine der
Uferschwalbenhöhlen, kommt wieder heraus, rüttelt vor einem anderen
Loche, fängt dort eine Schnake weg, rennt an der Sandkante entlang,
fliegt nach den Brombeeren, zerpflückt die letzte reife Beere, trippelt
über die seidigschimmernden Moospolster, hascht eine Spinne und eine
Fliege, und fort ist er.
Die Sonne ist hinter dem Hügelkopfe untergegangen; ihr Abglanz färbt
den weißen Sand wärmer und die bunten Kiesel darauf glühen und
sprühen. Dann verliert sich das Leuchten am Himmel; die Luft wird
grauer. Bleiche Eulenfalter flattern dahin; von der Steilwand ruft
das Käuzchen. Quarrend fliegen die Krähen vorüber. Der Hase erhebt
sich aus seiner Sasse, putzt sich das Fell, hoppelt unter dem Abhange
entlang, sichert eine Weile und rückt dann zu Felde. Die Haubenlerchen
sind wieder da, locken und schlüpfen zum Schlafe in das Gekräut. Unter
den Kletten zwitschern die Spitzmäuse, in den Brombeeren rascheln die
Waldmäuse. Es burrt laut und ein Feldhuhnpaar fällt in der Grube ein,
rennt über den Fahrweg und verschwindet in dem fahlen Gestrüpp. Jetzt
lockt der Hahn und stiebt mit seiner Henne wieder ab; eine stromernde
Katze trieb ihn fort.
Immer trüber wird es. Nach einer Stunde ist es Abend. Dann jagt die
Schleiereule, die im Kirchturme wohnt, hier auf Mäuse, der Iltis
stöbert hier umher und ganz gewiß läßt sich auf seinem Wege nach
dem Seeufer, wo er die Enten beschleichen will, auch der Fuchs es
einfallen, der Kiesgrube einen kurzen Besuch abzustatten, um zuzusehen,
ob er nicht einen Hasen oder ein Feldhuhn erwischen könne, oder sei es
auch nur eine Maus, denn daran mangelt es hier nicht, weil das viele
Gekräut den Mäusen durch seine Samenkörner reiche Nahrung bietet und
die Grube trocken und warm gelegen ist, so daß sich es wintertags dort
leben läßt.
So fehlt es selbst dann, wenn der Schnee festliegt, der Kiesgrube
nicht an lustigem Leben, denn Tag für Tag stellen sich die Grünfinken,
Stieglitze, Goldammern und Feldspatzen in ihr ein und suchen
Sämereien. Am schönsten und lustigsten aber ist es zur Sommerszeit,
wenn die Uferschwalben vor ihren Bruthöhlen auf und ab fliegen,
der Steinschmätzer über das Geröll rennt, die Hänflinge schwatzen
und die Grasmücke plaudert, und über dem bunten Gewirr von Distel,
Färberkamille, Rittersporn, Löwenmaul, Johanniskraut, Minze,
Klatschmohn und Fetthenne die Falter flattern und die Bienen summen.
Dann ist das Sandloch unter dem Hügelkopfe so voll von Blumen, so laut und lebhaft von allerlei Getier, daß der, wer alles das schildern wollte, ein ganzes Buch darüber schreiben müßte.
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