2015년 4월 27일 월요일

Mein buntes Buch 10

Mein buntes Buch 10


Denn der Berg hat seine Launen; er lacht gern, aber er hat doch dicht
am Wasser gebaut. Außerdem ist er ein Freund von Späßen. Hier ist doch
Mai, leuchtender, lachender Mai mit hellgrünen Tannensprossen, jungem
Ebereschenlaub, bienenumschwärmtem Heidelbeergekräut, blütenüberdecktem
Sauerkleerasen, Falterflug, Käfergeschwirre und Vogelgesang. Dicht
daneben ist Winter. Da liegt der Schnee hart und fest zwischen dem
wilden Getrümmer, rührt sich noch keine Fichte, haben die Heidelbeeren
noch dünne Zweige, fliegt kein Falter, kriecht kein Käfer, und hurtig
hüpft der Gletschergast im nassen Moose umher. Daneben aber, wer möchte
es glauben, ist Sommer, reichlicher Frühsommer. Die Heidelbeeren sind
abgeblüht, der Sauerklee steht in Frucht, die Fichten haben lange
Triebe. Noch etwas weiter hin, und der Vorfrühling winkt mit den
allerersten Grasspitzchen, winzigen Knöspchen an den Fichtenzweigen und
eben sich erschließenden Heidelbeerblüten.
 
Ach ja, es ist ein sonderbarer Geselle, der Berg. Die Wege und die
Bahn hat er sich gefallen lassen müssen und das Gasthaus und die
Wetterbeobachtungsstelle; mehr gewährt er aber nicht. Hier starren,
von Heidelbeergebüsch, Moos und Farn halb versteckt, gewaltige
Mauern, kunstvoll gefugt, und leicht denkt sich der Wanderer eine
Raubritterburg in früheren Zeiten hierhin. Aber dem ist nicht so
gewesen. Die Räuber, die hier wohnten, hatten vier Beine und hießen
Bär, Luchs und Wildkatze, und bis auf die letzte, die unten am Berge
noch ihr heimliches Leben führt, sind sie verschwunden, der eine seit
zweihundert, der andere seit hundert Jahren, und jenes Gemäuer ist
der Rest von Torfarbeiterhäusern und Torfköhlereien. Die Arbeit war
zwecklos; der Berg litt es nicht, daß man seine Moore ausbeutete; er
wartete, bis die Torfhaufen aufgetürmt waren, und dann weichte er sie
so ein, bis sie umfielen. Da gab man es auf.
 
Auch seine Fichten will er so haben, wie es ihm paßt. Und es paßt
ihm nicht, stehen sie in Reihe und Glied, wie die da unten im Forst.
Hier und da läßt er sie ja wachsen, aber gar zu keck dürfen sie nicht
werden, denn dann ruft er den Wind. Der kommt mit Schnee und Rauhreif,
und davon packt er den Bäumen so viel auf, bis sie auf die Knie fallen,
und wenn er seinen bösen Tag hat, dann wirft er sie durcheinander, wie
Kraut und Rüben, und trampelt mit seinen Nagelschuhen darauf umher, daß
sie tausendweise ihr Leben lassen müssen. Und dann kommt das tückische
Torfmoos an, reckt sich, streckt sich, quillt und schwillt, überspinnt
die toten Stämme, zernagt sie und frißt sie endlich ganz auf, und da,
wo einst Fichte bei Fichte stand, in der die Meisen pfiffen, läßt der
Wiesenpieper über kahlen Moorflächen sein ödes Gesinge erschallen, der
Birkhahn führt im Frühling seinen Minnetanz dort auf und im Frühherbste
schreit hier der edle Hirsch.
 
Wer aber sieht den Birkhahn tanzen und springen und schaut zu, wenn der
Platzhirsch dem Nebenbuhler heiser röhrend entgegenzieht? Wer kennt
den einsamen Hasen, der zwischen den Trümmern der Granitkuppe wohnt,
die unterirdische Gewalten einst sprengten und deren Reste bis nach
Wernigerode und Ilsenburg rollten? Nur wer am Pflanzenwuchse erkennen
kann, wo er den Fuß hinsetzen darf, ohne im Torfschlamm zu versinken,
sieht das Reh das junge Gras äsen und belauscht den Urhahn, der sich
im feinen Steingeröll badet, während die Henne im Heidelbeerbuschwerk
ihre Brut den Käferfang lehrt. Er hat seine Nücken und Tücken, der
Berg. Lose aufeinander geschichtet ist das wilde Trümmerwerk, und hier
ist die Torfdecke fest und sicher; daneben reichen drei Bergstöcke
nicht aus, den weichen Schlamm abzuloten. Und darum wird der große Troß
der Brockenfahrer niemals das geheime Leben des Brockens kennen lernen,
sondern sich an den sicheren Wegen genügen lassen und an der Aussicht
und der trefflichen Küche dort oben, und nichts wissen von den geheimen
Schönheiten seiner verschwiegenen Moore.
 
 
 
 
Der Bach.
 
 
Die Klippe ist dem Bache ein Ärgernis; seit ewigen Zeiten versperrt sie
ihm den Weg.
 
Wenn seine Wellen, die weiter oben und unten meistenteils gemütlich
plaudernd dahinrieseln, bei ihr anlangen, so bekommen sie jedesmal
einen Wutanfall.
 
Dumpfe Verwünschungen murmeln sie und wilde Flüche sprudeln sie heraus,
sie schäumen vor Zorn und geifern vor Grimm, und wie Zähneknirschen
klingt das Knirren und Knarren des Gerölles, das sie mit sich führen.
 
Aber oben auf der Klippe inmitten des spritzenden Gischtes sitzt
Knickschen und singt sein Lied, singt sein Lied trotz Eis und Schnee,
singt ein Stück Frühling in den Winter hinein, ein bißchen Frohsinn
durch das Wellengegrolle, ein wenig Liebe über dem Haß zwischen Wasser
und Fels.
 
Keck sitzt es da, die blütenweiße Brust der Sonne zugekehrt, und
schwatzt und plaudert halblaut sein schnurriges Liedchen vor sich
hin, macht einen Knicks, schnellt das Stummelschwänzchen auf und ab
und zwitschert weiter, als wenn keine Eiszacken an den Tagwurzeln der
Fichten blitzten und die Jungbuchen keine Schneebälle trügen.
 
Die Vormittagssonne steht hell am blauen Himmel und bescheint die
verschneiten Fichten an der Steilwand, vor der die roten und gelben
Kreuzschnäbel, die dort jetzt brüten, mit lauten Lockrufen auf und ab
fliegen. Ab und zu rasselt ein Samenzapfen, den sie abbissen, durch
das Gezweig und reißt den Schnee herunter, der polternd zu Boden
fällt. Die Wasseramsel kümmert sich nicht darum. Aber nun beginnt die
kleine Meise, die in den Waldrebenranken umherturnt, heiser zu zetern.
Blitzschnell dreht Knickschen sich um sich selbst, schnarrt trocken und
schwingt sich nach dem anderen Ufer, denn zwischen den Brombeerstauden
schnüffelt, nur einen Fuß von ihm entfernt, das Hermelin umher, und dem
ist nicht zu trauen.
 
Fortwährend schnarrend sitzt die Wasseramsel auf einem angetriebenen
Aste, der sich in einer Felsspalte verfangen hat, und macht dem weißen
Wiesel einen höhnischen Diener nach dem andern, bis dieses, durch das
Zetern der Meisen und das Schimpfen des Zaunkönigs verärgert, unter den
Wurzeln verschwindet. Da schnurrt Knickschen wieder auf seine Klippe,
bleibt dort einen Augenblick sitzen, späht dann unter sich und stürzt
sich kopfüber in das tiefe, grüne Stillwasser zwischen den schäumenden
Strudeln. Mit drei Flügelschlägen schwimmt es dem Flohkrebschen nach,
das es erblickte, faßt es, taucht mit ihm vor einem halbüberspülten
Steine am Ufer auf und schluckt es hinab.
 
Sofort ist es wieder in dem strudelnden Seichtwasser zwischen den
abgerollten Steinen, rennt hurtig dahin, fischt hier eine Mückenlarve,
da einen Wasserkäfer, dort ein Müschelchen, watet bis an die Brust in
das ruhige Wasser, stochert mit dem Schnabel zwischen den rötlichen
Flutwurzeln der Ellern umher, wo es allerlei kleines Getier erwischt,
Köcherfliegenlarven, Wassermilben, Schnecken, schwimmt, wo das Wasser
tiefer wird, darin umher, wie eine Ente gründelnd, taucht dann gänzlich
unter, rennt auf dem Grunde hin, stöbert dort ein Weilchen umher,
erscheint trocken und sauber, als sei das Wasser nicht naß, und so
fröhlich, als sei es auch gar nicht kalt, wieder auf einem Steine und
singt los, als wären die Ufer voller Blüten und als sprängen an den
Büschen die neuen Blätter aus den Knospen.
 
Den Eisvogel, der wie ein lebendiger Edelstein dahinfunkelt und mit
scharfem Schrei das verworrene Gerausche des Baches durchschneidet,
würdigt der seltsame Vogel kaum eines Blickes, und auch die beiden
gelbbrüstigen Bergbachstelzen aus Nordland, denen der Winter hier mild
genug erscheint, und die lustig von Stein zu Stein trippeln, regen sie
nicht auf; aber nun schnurrt sie mit kurzen Flügelschlägen bachabwärts
und fährt auf eine ihrer Art los, die sich in ihr Gebiet gewagt hat.
Bis zu der Mühle treibt sie sie hin, und darüber hinweg, und erst da, wo
der Bach breit und behäbig zwischen den Pappeln dahinplätschert, läßt
sie ab, nimmt auf einem Blocke Platz und glättet ihr Gefieder, das bei
der Balgerei ein wenig in Unordnung kam.
 
Doch der Tag ist kurz, die Kälte zehrt und die Nahrung ist sparsamer
als zur sommerlichen Zeit. Sie erhebt wieder ihr Gefieder, durchfliegt,
ohne sich zu besinnen, die brausenden Wassermassen, die über das Wehr
stürzen, liest von dem nassen, moosigen Gebälke die Schnecken und
Larven ab, stürzt sich in den Kolk, rennt auf dessen Grund umher, sitzt
plötzlich wieder zwischen den schäumenden Wellen auf einem angespülten
Holzblocke, fliegt zu den Pappeln hin, huscht unter den hohlgewaschenen
Wurzeln hin und her, bis des Müllers Katze, die dort angeschlichen
kommt, sie vertreibt, und so nimmt sie sich wieder auf und kehrt zu
ihrem Lieblingsplatze, der Klippe im Bache zurück, unter der der
Strudel all das Gewürm zusammentreibt, das die Wellen auf ihrem Laufe
mit sich rissen.
 
Da treibt sie ihr munteres Wesen den ganzen Tag über, jetzt über
die Uferklippen trippelnd, nun in dem niedrigen Wasser watend, auf
dem Grunde des Baches einherrennend oder wie ein Fisch seine Flut
durchschwimmend, stumm auf einem Stein sitzend, schieben sich die
Wolken vor die Sonne, lustig singend, wird der Himmel wieder heiter.
Doch wenn es Abend wird, wenn die Mäuse im Fallaube pfeifen und das
Käuzchen in den Weiden ruft, dann fliegt Knickschen nach der Mühle hin,
stürzt sich in die tosenden Wassermassen, die über das Wehr hinfallen,
und birgt sich dort, sicher vor Wiesel und Iltis, in einem Balkenwinkel.
 
Dort wird sie, wenn die Finken wieder schlagen und die Drosseln
pfeifen, und sie sich gepaart hat, auch ihr weiches, warmes, rundes
Nest bauen, ihre schneeweißen Eier legen, sie ausbrüten und ihre Brut
aufziehen, damit ihr Geschlecht nicht aussterbe, daß sie wintertags,
wenn es stille an dem Bache ist, den Menschen mit ihren lustigen
Liedern erfreue, unbekümmert darum, daß es rohe Tröpfe darunter gibt,
die dem lieben Vogel mit Pulver und Blei nachstellen, weil irgend ein
törichter Bücherschreiber ihr nachgesagt hat, daß sie ein böser Feind
der Forellenbrut sei.
 
Zwar ist das nicht an dem, und wenn es so wäre, reichlich machte durch
fröhliches Singen und lustiges Benehmen die paar Fischchen Knickschen
wieder wett, des Bergbaches reizendster Schmuck.
 
 
 
 
Der Überhälter.
 
 
Nicht weit von dem Waldrande, eingeschlossen von Dickungen und
Stangenörtern, steht ein alter Eichbaum.
 
Mit knorrigen Wurzeln, die wie ein Haufen von Schlangen
übereinanderkriechen, hält er sich in der Erde fest. Sein
hochschäftiger Stamm trägt eine lange, breite, aber gut verheilte Narbe
von der Wunde, die ihm der Blitz schlug, der auch einige der Äste in
der krausen Krone tötete, die nun als kahle Hornzacken starr gegen den
Himmel stehen.
 
Einst standen viele solcher Eichen hier; dieses ist die letzte. Sie
stand schon, als der Adler hier noch horstete, als der Uhu hier noch
jagte, als der Wolf noch aus dem Walde brach und die Schafe riß, als
die Wildkatze nächtlicherweile das Unterholz verließ, um auf Raub
auszugehen. Hunderte und Hunderte von alten Eichen und knorrigen
Hagebuchen standen an Stelle der Fichten- und Rotbuchenörter und
boten in ihren Höhlungen Kauz und Hohltaube, Blauracke und Wiedehopf
Brutgelegenheiten die Menge. Unter den Eichen stockten Schlehen,
Weißdorne und Stachelbeerbüsche und bildeten dichtes Gehege für die Schnepfe, die in dem Dung der Kühe und Schweine, die hier zur Weide getrieben wurden, reiche Nahrung fand.

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