Mein buntes Buch 9
Die Ferne versinkt in Nebel, und die Nähe geht im Dunst unter. Hart
schnarrt in strengen Pausen der Wachtelkönig, gellend pfeift die Ralle,
klagend ruft eine Mooreule. Noch einmal glüht die Sonne auf, ehe sie
Abschied nimmt. Das Blaukehlchen vermischt sein Lied mit dem Geruschel
des Rohres und dem Gekluckse der Wellen, bis das Plärren der Frösche
alle anderen Laute verschlingt und der Nebel alle Farben zudeckt.
Der Haselbusch.
Wo der Wildbach zwischen den zerborstenen, mit lustigen Farnen
geschmückten grauen Klippen aus dem Unterwalde herauspoltert, reckt
sich ein alter, krummgewachsener Haselbaum über dem krausen Verhaue von
Schlehen, Weißdorn, Rosen und Brombeeren. Auf seinem untersten Zweige,
der tot und trocken auf das quicklebendige Wasser hinabhängt, sitzt
der Eisvogel gern und lauert auf die Ellritzen, die in der flachen
Bucht spielen. Schüttelt ein Wind die Äste des Hasels, daß die Käfer
und Fliegen, die auf den Blättern sitzen, herabfallen, dann gehen die
Forellen, die in dem Kolke hinter der gischtumsprühten Klippe stehen,
danach hoch, oder die gelbbäuchige Bergbachstelze, die in der Felsritze
unter den Farnwedeln ihr Nest hat, schnappt sie fort, ehe sie in das
Wasser fallen, wenn nicht die weißbrüstige Bachamsel, die unter der
überhängenden Wand brütet, ihr zuvorkommt.
Den ganzen Tag ist in und um den alten Haselbaum ein lustiges Leben.
Bald flattert die Dorngrasmücke aus ihm heraus, zwitschert lustig und
schlüpft in den Bergholderbusch neben ihm hinein, bald turnen die
Meisen in ihm herum. Dann wartet der Dorndreher dort, bis er einen
Käfer eräugt, die Grünfinken oder die Stieglitze lassen sich auf ihm
nieder, ein Häher, der aus dem Bache trinken will, sieht sich von da
um, und gern treten die Rehe dort hin und her und äsen sich an all den
üppigen Kräutern unter ihm.
Abends aber, wenn die Krähen laut quarrend zu Berge fliegen und in
dem alten Steinbruche das Käuzchen quiekt, wird ein anderes Leben in
dem alten Busche wach. Da, wo der Schlehenbusch sich mit dem Hasel
verschlingt und der von der Waldrebe umsponnene Weißdorn sich zwischen
beide drängt, rispelt und krispelt es verstohlen. Ein winziger
Kobold, mit großen, nachtdunklen Äuglein und langem, gespreiztem
Schnurrbärtchen, wohlbepelzt und feingeschwänzt, klettert über den
mit goldenen Flechten besetzten Ast des Nußbaumes, putzt sich das
rosarote Schnäuzchen, zupft an dem rötlichen, in der Dämmerung schwarz
aussehenden Fellchen, knabbert ein Käferchen auf, fängt ein Möttchen,
speist ein Räupchen, dreht sich um, setzt sich auf die Keulchen,
lockt leise und wartet, bis ein, zwei, drei, vier noch kleinere
Gespensterchen hinter ihm herkrabbeln und sich zu ihm gesellen, vier
kleinwinzige Haselmäuschen, seine Jungen. Es leckt sie, säubert sie,
hilft ihnen über einen dicken Astknorren, weist ihnen die Knospe, in
der das Würmchen steckt, bringt ihnen bei, daß das braune Ding, das
da an der Rinde klebt, eine schmackhafte Schmetterlingspuppe ist,
nimmt ihnen die Angst vor dem heftig schnurrenden Eulenfalter, den es
gehascht hat, und die Furcht vor dem Maikäfer, der mit lautem Getöse
daherschnurrt und an einem Blatte hängen bleibt, von dem ihn die alte
Haselmaus herabreißt. Knipps knapps, ist der Nacken durchgebissen,
ritsch ratsch, sind die Flügel herunter, zwick zwack, die Beine davon,
und nun geht das Geknusper und Geknasper los. Das schmeckt lecker, das
bekommt gut, das ist besser als im Frühling die Knospen und jungen
Triebe und die mageren Würmchen und die alten, muffigen Schlehen und
Mehlfäßchen im alten Laube, oder die vorjährige dürre Motte und der
halblebendige Käfer oder der ankeimende Grassamen. Nun ist die fette,
die schöne Zeit da.
Wenn nur die Angst nicht wäre, die gräßliche Angst! Horch, was war das
da unten? Sollte das das Wiesel sein oder der Iltis und am Ende sogar
der Fuchs, der Gaudieb? Und was flog dort eben hin? Der Kauz oder nur
eine Fledermaus? Wie schön wäre es, könnte man jetzt beim Sternenlichte
auf den äußersten Ästen umherturnen oder am Boden zwischen den blanken
Efeublättern nach Käfern jagen! Aber da oben ist man vor der Eule nicht
sicher und da unten könnte einen das Wiesel haschen. Es ist schon
besser, in dem dichten Gewirr der Äste des Hasel, der Schlehen und des
Weißdorns zu bleiben, oder in den Ranken der Waldrebe umherzuklettern
oder zwischen den zackigen Wildrosenschößlingen, die das Wiesel scheut
und wo man vor der Eule sicher ist. Da wimmelt es ja überall von
Nachtfaltern, Käfern und Raupen. Ein dicker Schwärmer kommt angesaust.
Wupps, hat ihn die alte Haselmaus am Flunk erwischt. Er schnurrt und
burrt so gefährlich, daß die vier kleinen Haselmäuse entsetzt auf einen
Haufen zusammenkriechen. Doch die Mutter hat ihm schon einen Flügel
nach dem anderen abgeknipst, und wenn er auch noch heftig mit den
grünen Augen funkelt und wild den bunten Hinterleib bewegt, es hilft
ihm alles nichts, vier paar Rosenmäulchen fallen über ihn her und
bald ist nichts von ihm übrig, als die dicken Fühler und die dünnen
Beine, die in das Gras fallen. Dann schnurrt ein Bockkäfer daher, dem
es ebenso geht, und die große grüne Heuschrecke, die auf dem Aste
heranstelzt, muß ebenfalls daran glauben.
Aber dann gibt es ein Unglück. Die eine von den kleinen Haselmäusen hat
eine dicke fette Raupe gewittert und klettert in demselben Augenblicke
hinter ihr her, als ein jäher Windstoß den Zweig heftig anrührt. Sie
verliert den Halt, schlägt durch das Laubwerk, plumpst vor die Klippe,
wird von dem Strudel gefaßt und in den Kolk getrieben. Dreimal dreht
sie sich hilflos um sich selber, und noch einmal, dann aber steigt die
dreipfündige Forelle hoch und nimmt sie in die Tiefe mit.
Das Käuzchen vom Steinbruche ruft lauter und schwebt an dem Haselbusche
vorüber. Der Nebel wird dicker, die Luft kühlt sich ab. Die Haselmäuse
haben sich sattgefressen und sind müde von dem Umherklettern. Die Alte
geht voran, ihre drei Kinder folgen ihr. Da, wo am Grunde der Klippe
der Hasel mit den Schlehen und dem Weißdorn sich ineinander verfilzt
und Gras und Kraut und altes Laub die Lücken füllen, wo sie den
Winter verschlafen hat, da hat sie auch ihren Sommerschlupf und dort
verschwindet sie mit ihren Jungen, um erst wieder wach zu werden, wenn
die Abendsonne den Haselbusch nicht mehr bescheint.
Das Bergmoor.
Menschengesichter gibt es, hinter deren düsteren Augen und
verschlossenen Lippen wir ein böses Geheimnis ahnen; wir gehen ihnen
aus dem Wege.
Und wieder gibt es Menschengesichter, ernst aber mit Güte in den Augen,
mit Lippen, die nicht oft und nicht viel reden, mit Geheimnissen, die
aber keinen Hauch von Grausen ausströmen; an solchen Menschen nehmen
wir Anteil.
So ist der Brocken. Er hat seine Geheimnisse, aber sie sind nicht
schrecklicher Art. Es sind Geheimnisse, wie einsame Menschen von viel
Gemüt und gutem Humor sie in sich hegen, Leute, wie Arnold Böcklin
und Wilhelm Busch es waren, die der gemeinen Menge als schrullenhafte
Sonderlinge gelten.
Wer kennt ihn von den zweimalhunderttausend Leutchen, die alljährlich
zu Fuß oder mit dem Wagen oder auf der Eisenbahn auf seinen Gipfel
klettern? Nicht Hundert davon sehen mehr von ihm, als die gelben
Granitwege zwischen sturmzerfetzten Fichten, als die Aussicht in das
bunte Land, als die weißgedeckte Tafel im Unterkunftshause mit ihren
Flaschenkübeln.
Auf gebahnten Wegen geht es hinauf, man ißt und trinkt, bewundert die
Aussicht oder schimpft, ist sie nicht da, schreibt Ansichtskarten, und
dann geht man auf sicheren Steigen hinab in dem stolzen Gefühle, den
Brocken kennen gelernt zu haben. Man hat ihn kennen gelernt, wie einen
großen Mann, den man im Gehrock und hohem Hute aufsuchte und mit dem
man zehn Minuten sprechen durfte.
Und das ist gerade das Reizvolle an dem seltsamen Berge, daß ihn so
viele Menschen besuchen, daß aber nur ganz wenige ihn kennen. Ist
Pfingsten helles, warmes Wetter, dann kann es sein, daß dort oben
zweimal tausend Menschen Mittag essen, daß alle Zuwege bunt von bunten
Hüten und hellen Kleidern und laut von Gelächter und Gesang sind; wer
aber bescheid weiß, der tritt vom bezeichneten Pfade und ist dann
allein, hört und sieht nichts mehr von dem Volke der Ausflügler,
braucht keinen Singsang und kein Gejodel mehr auszustehen und sich
nicht über Papier, Kartons, Stanniol, Eierschalen und Flaschenscherben
zu ärgern, mit denen die Wegeränder verschandelt sind. Frau Einsamkeit
sieht ihn mit großen, guten Augen an, hängt sich an seinen Arm und
weist ihm die Geheimnisse des Berges, seine großen und kostbaren
Schätze, seine kleinen und feinen Sächelchen, an denen er seine Freude
hat.
Seitdem die Bahn bis zu seiner Spitze geht, hat er viele von seinen
Schätzen beiseite geschafft, denn zu arg wütete das unholde Volk
dagegen. Jetzt grasen die Leute die ganze Kuppe ab, hungrig auf
Brockenmyrte, wie sie die zierlich begrünten Ranken der Krähenbeere
tauften. Aber sieh dich hier im Moore einmal um! Du gehst nur auf
Brockenmyrte, ganze Rasen bildet sie und darüber nicken, rosig und
weiß, wie die Gesichter von Elfenkinderchen, die lieblichen Blüten der
Rosmarinheide unter den silberweißen Wimpeln des Wollgrases. Nebenan,
wo das Torfmoor verdächtig naß aussieht, rankt die zierliche Moosbeere
und läßt auf haarfeinen Stielchen ihre entzückenden Blümchen, winzige
Abbilder der Türkenbundlilie, erzittern, und daneben steht ein üppiger
Strauch der Zwergbirke. Ist es ein Andenken, das der Berg sich aus
jener Zeit bewahrte, wo das Inlandeis bis tief nach Norddeutschland
hineinreichte und schlitzäugige, schwarzhaarige Jäger dem Mammut
Fallgruben bauten und den Moschusochsen vor den Hunden erlegten? Oder
haben reisende Vögel aus dem Nordlande die Samen hierher verschleppt?
Unter der Kleintierwelt des Berges ist allerlei zu finden, was sonst
nur in den Mooren des hohen Nordens oder vor den Gletschern der
Hochalpen lebt, ein blankes Käferchen, ein grauer Falter, eine Spinne
oder eine Milbe.
Jetzt, wo die Sonne gegen die wilde Trümmerhalde scheint, die das
Moor umsäumt, lebt das kleine Leben auf. Da surrt und burrt es
tausendfältig um die rötlichgrünen Kugelblüten der Heidelbeeren vor
Bienen und Wespen, Fliegen und Hummeln, die Blöcke wimmeln von plumpen
Rüsselkäfern, schlanken Schnellkäfern. Auf dem tiefen Tümpel, in dem
sich die Äste der Zwergweide ihr goldgrünes Laub spiegeln, huschen
Wasserwanzen hin, und am Rande ist ein Gewimmel eben ausgeschlüpfter
Larven des Grasfrosches, eine willkommene Beute für die Bergmolche,
deren himmelblaue Seiten und feuerrote Bäuche jedesmal aufleuchten,
wenn die schlanken Tiere Luft schöpfen. Auf den von Flechten und Moosen
buntgesprenkelten grauen Granitblöcken sonnt sich die Waldeidechse und
zwischen den Heidelbeersträuchern jagen sich liebestolle Spitzmäuse.
Heute wacht der Berg; gestern schlief er, hatte sich die Nebelkappe
über den Kopf gezogen und schnarchte, daß die verwetterten Fichten
hin und her schwankten. Kein Käfer kroch, keine Biene flog und kein
Vogel sang. Aber heute früh, als der Nebel zerriß und die Sonne den
Berg so lange streichelte, bis er ein vergnügtes Gesicht machte,
da meldeten sich die Fichtenmeisen überall, der Fink schlug, die
Braunelle zwitscherte, Graudrossel und Schnarre flöteten, der Laubvogel
sang, und da erhob sich auch der Wiesenpieper, stieg ungeschickt
in die Luft und klapperte seinen hölzernen Singsang, und über die
Trümmerhalde stieg der Steinschmätzer und quirlte mit viel Geflatter
sein Schalksnarrenlied heraus. Dann, auf einmal, wimmelte die Luft von
Mauerseglern. Sie brüten dort unten in den Städten und lassen sich
hier nicht sehen, wenn der Berg sein Nebelkleid trägt; sobald aber die
Sonne auf seine Glatze scheint, sind sie da, kreischen hungrig und
erschrecken die Brockenfahrer, die vom Turme in das leuchtende Land sehen, mit schallendem Schwingenschlage. Sobald aber der Wind kälter pfeift, sind sie verschwunden, wie fortgezaubert.
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