Mein buntes Buch 11
Es kam eine andere, holzhungerige Zeit. Alle die alten Eichen
fielen unter Axt und Säge. Als die Hohltaube, die Blauracke und der
Wiedehopf wiederkehrten, fanden sie keine Bruthöhlen mehr und verzogen
anderswohin; der Kauz aber paßte sich der neuen Zeit an und bequemte
sich dazu, in einem alten Krähenneste zu brüten. Der Waldschnepfe
gefiel es dort auch nicht mehr, denn die Dornbüsche wurden ausgerodet,
das Vieh ging nicht mehr auf Weide in den Wald, und so blieb auch sie
fort.
So war es eine Zeitlang öde und still da. Dann bedeckten sich die
Kahlschläge mit Fichten- und Buchenjugenden, es wurden allmählich
Stangenörter daraus, und die wuchsen, bis sie zu Altholz wurden, und
ein neues Leben webte im Walde. Vielfältig war es zwar, doch nicht
so bunt und so reich, wie ehedem. Der Buchfinken und Amseln wurden
so viele, wie es einst Dompfaffen und Singdrosseln gab. Statt der
Hohltaube rückte die Ringeltaube ein, Krähen ersetzten die Dohlen, die
Häher die Racke, der Star den Wiedehopf, der Fasan die Schnepfe.
Auch die letzte alte Eiche, die stehen geblieben war als Wahrbaum für
die Landmesser, bekam andere Gäste. Die Zeiten, daß der Adler von ihrem
Wipfel aus Umschau hielt und der Uhu in ihrem Geäste den Igel kröpfte,
waren schon lange vorbei, desgleichen die Tage, da der Waldstorch
sich in ihr einschwang und der Wanderfalk in ihr horstete; sogar der
Gabelweih, der einst so gern auf ihren Hornzacken fußte, und der
Kolkrabe, der von da aus Wache hielt, blieben mit der Zeit aus, denn
die neue Zeit litt nicht mehr, daß sie am Leben blieben.
Immer aber ist sie noch von allen Bäumen im ganzen Forste der, der
die meisten Freunde hat, ganz gleich, ob sie in vollem Laube steht
oder ihre nackten Äste wie wunderliche Runen gegen Himmel reckt. Der
Falke aus Nordland, der vorüberreist, rastet auf ihr, die Krähen aus
dem Osten fallen auf ihr ein, wenn sie über das Land ziehen, die Stare
pfeifen auf ihren Hornzacken, wenn der Frühling kommt, und wiederum,
ehe der Herbst hereinbricht. Sie sucht sich der Schwarzspecht, will
er sich ein Weibchen ertrommeln, und der Grünspecht, läßt er sein
Werbegejauchze erschallen, in ihrem Geäste halten die Häher Schule
ab und auf ihrer Spitze sitzt an schönen, windstillen Mittagen der
Pfingstvogel und singt so zart und fein, wie eine Grasmücke.
Alles Geflügel, das in dem Forste sein Unterkommen hat, besucht den
alten Baum einmal. Lebt auch das Rotkehlchen im unteren Holze, im
Vorfrühlinge schwingt es sich ganz oben in den Überhälter und läßt
von da sein silberhelles Lied in die Dämmerung hinunterrieseln. Die
Dorngrasmücke, die im Gestrüppe wohnt, und sogar der Zaunkönig, der
sonst nur am Boden haust, bekommen auch dann und wann den Einfall, in
das krause Geäst zu flattern und von da herab ihre frischen Weisen
erklingen zu lassen, und die Amsel sucht sich nicht minder als die
Singdrossel den höchsten Ast, singt sie dem einschlafenden Tage das
Schlummerlied.
Es vergeht nicht eine Stunde zur Sommerszeit, daß der alte Baum nicht
neuen Besuch erhält. War es eben der Trauerfliegenschnäpper, der lustig
in ihm sang, so ist es jetzt der Gartenrotschwanz. Eben jubelte
der Mönch dort, nun trillert das Müllerchen da. Vorhin rutschte der
Baumläufer an dem Stamm entlang; jetzt klettert die Spechtmeise dort
umher. Fuhr gestern der Habicht aus dem Laube und schlug die Krähe,
so schießt heute der Sperber dort hervor und greift die Amsel. Vor
einem Weilchen schmetterte der Schwirrlaubvogel, wo hinterher der
Weidenzeisig rief, und ihm folgte der Fitis. Der Hänfling löst den
Stieglitz, diesen der Buchfink ab. Dem Goldammer folgt der Feldspatz,
und dann sitzt der Kuckuck da, ruft laut und fliegt immer noch rufend
in den Stangenort, und wo er saß, läßt sich der Täuber nieder und
ruckst. Dann klopft der Buntspecht an einem toten Aste herum, die
Kohlmeise kommt und pickt nach Käferlarven, die Blaumeise folgt ihr,
und ihr die Sumpfmeise, und schließlich fällt ein Kernbeißer ein,
rastet einen Augenblick und fliegt weiter. So geht es den ganzen Tag,
und auch bei der Nacht bekommt die Eiche bald von dem Waldkauz, bald
von der Ohreule Besuch.
Auch an anderem Leben mangelt es ihr nicht. Tagsüber turnen die
Eichkatzen gern in ihr hin und her, und alle paar Nächte erklimmt sie
der Marder. Unter ihrem Wurzelwerk wohnt die Waldmaus, und deshalb
stöbert das Hermelin dort gern herum. Die Waldeidechsen sonnen sich
gern auf den Wurzelknorren, und eine dicke Kröte hat dort ihren
Unterschlupf, denn an Nahrung gebricht es ihr hier nie. Zwar an den
stolzen Heldenbock, dessen Larven den Stamm kreuz und quer durchlöchert
haben, und gar an den wehrhaften Schröter, der so gern an dem gegorenen
Saft, der aus dem Rindenrisse quillt, leckt, wagt sie sich nicht, auch
nicht an die Trauermäntel und Admirale, die um den Stamm flattern,
und noch weniger an die Hornissen und Wespen, die dort ebenfalls
umherfliegen, aber die blauen und grauen Schmeißfliegen und das viele
andere kleine Volk, das hier schwirrt und flirrt und krimmelt und
wimmelt, ist ihr verfallen, sobald es in den Bereich ihrer Klappzunge
gerät.
Immer und immer lebt es um den alten Baum. In seinen Rindenritzen
birgt sich das Ordensband, an seinem Stamme haften die grünen Wickler,
klettern die Puppenräuber, huschen die Mordwespen, und wintertags, wenn
die Dämmerung früh in den Wald fällt, ist um seinen Stamm ein wildes
Geflatter von bleichen Frostspannermännchen, die auf der Weiberjagd
sind. Kommt dann der Morgen, so rücken die Meisen heran, geführt von
einem Buntspechte, gefolgt von Goldhähnchen und Baumläufern, und sorgen
dafür, daß das Geschmeiß sich nicht so sehr vermehre, daß es im Mai dem
Baume alle jungen Blätter nimmt.
Viele tausend Eichen stehen in dem Forst, keine aber ist so alt und
so ehrwürdig wie der Überhälter. Doch sein Kern ist rotfaul, sein
Stammholz von Larven durchwühlt. Die große Ameise zernagt ihn und Pilze
fressen an seinem Marke. Noch einige Jahre oder Jahrzehnte wird er sich
halten, mit knorrigen Wurzeln die Erde packen und starre Hornzacken gen
Himmel recken. Aber eines Jahres wird der Blitz ihn fällen oder der
Sturm ihn zerbrechen, den alten Überhälter, dessen Astrunen so schön
von den Tagen sprachen, da noch der Adler hier hauste und der Uhu des
Nachts seinen Waidruf erschallen ließ.
Der Feldteich.
Mitten im Felde liegt ein mäßig großer Teich. Eine doppelte Reihe
alter, hohler, krummer Kopfweiden faßt ihn auf der einen Seite ein,
drei mächtige Schwarzpappeln halten gegenüber Wacht.
Ein Drittel des Teiches ist von Schilf, Kalmus, Schwertlilie, Rohr und
Pumpkeule erfüllt, die ein undurchdringliches Dickicht bilden. Vor
ihnen bedecken Mummeln und Nixenblumen den Wasserspiegel, desgleichen
Laichkraut, Schwimmknöterich und Froschbiß. An einer Stelle erheben
sich in Menge die harten, zackigen Blätterbündel der Krebsschere,
dunkel gegen den lichten Teppich von Wasserlinsen abstechend.
Allerlei Vogelvolk, das dort reichliche Nahrung findet, bewohnt
das Röhricht. Jahr für Jahr bringt ein Stockentenpaar seine Jungen
hier aus. Auch die Wasserralle brütet hier, dann noch je ein paar
Teichhühner und Zwergtaucher. Ein Rohrammerpaar lebt dort ebenfalls,
und vier Arten von den kleinen Rohrsängern, darunter der sonderbare
Schwirrl, der wie eine Heuschrecke schwirrt, und ein Pärchen des
Drosselrohrsängers, der mit hartem, scharfem, herrischem Rufe alle
anderen Stimmen übertönt, sogar das gellende Gemecker der Laubfrösche
und das breite Geplärr der Wasserfrösche.
Wenn es Abend wird und die Unken anfangen zu läuten, dann erschallt
aus dem Geröhr ein ganz seltsamer Ton. Er ist nicht leise und ist auch
nicht laut, und wenn es eben scheint, er käme aus dem Wasser, so klingt
es gleich darauf, als ob er aus der Luft ertöne. Ein ganz tiefer,
dunkler, unirdischer Laut ist es, unheimlich zugleich und gemütlich
dabei, drohend und zärtlich gleicherweise, ein verhaltenes, gedämpftes,
halblautes »Uh«, das in streng abgemessenen Pausen hörbar ist.
Von den Pappeln meldet das Käuzchen den Abend an; im Weidicht singt
das Blaukehlchen; lauter kiksen die Teichhühner, stärker plärren
die Frösche und im Röhricht schnattern und pantschen die Enten. Da
ratschelt es im Schilfe, ein sonderbarer Vogel stiehlt sich hervor
und schleicht am Rande des Röhrichts schnell und sicher über die
Seerosenblätter. Ganz schmal und glatt ist er, und tief gebückt hält er
sich. Ab und zu schnellt sich der Hals lang aus den Schultern heraus,
und der lange, scharfe, spitze Schnabel schnappt irgend eine Beute aus
der Luft oder aus dem Wasser.
Der dumpfe Ton in der Mitte des Dickichts kommt näher und wiederholt
sich häufiger. Es rispelt und krispelt in den harten Halmen, und
plötzlich schwebt ein Vogel, dem gleichend, der jetzt in dem Schilfe
verschwindet, herbei, und taucht ebenfalls dort unter, wo der andere
sich verkroch. Dann gibt es ein lautes Rauschen und Rascheln, wilder,
öfter ertönt das dunkle »Uh, uh, uh« und jetzt zickzacken die beiden
Zwergrohrdommeln über den Teich hin, vorne die Henne, dahinter der
Hahn. Mit lautlosem eulenhaftem Fluge schweben sie dahin, jetzt
geradeaus und langsam, nun nach rechts und links sich wendend und
hastiger rudernd, und dann verschwinden sie mit Geraschel in den
Pumpkeulen, um drüben wieder zum Vorschein zu kommen und bald über dem
Teiche, bald über der Wiese ihr geisterhaftes Gaukelspiel fortzusetzen,
bis sie dessen müde sind und der Hunger sie antreibt, sich mit allerlei
Larven, Pferdeegeln, Schnecken und Kaulquappen die Kröpfe zu füllen,
und dann, faul und müde, angeklammert an einem Rohrhalm, zu schlafen.
Da hocken sie zwischen den gelben Blättern und sind in ihrer fahlen
Farbe fast unsichtbar. Weckt sie ein verdächtiges Geräusch, so machen
sie sich ganz lang und dünn und richten die Schnäbel steif in die
Höhe, und erst, wenn bei der Suche auf Jungenten der Hund ihnen ganz
nahe kommt, schlüpfen sie von Stengel zu Stengel und verbergen sich
im dichtesten Röhricht, und es muß schon sehr schlimm kommen, lassen
sie sich zum Auffliegen bewegen. Denn als reiner Nachtvogel scheut
der Zwergreiher den Flug bei Tage. So spielt sich sein Leben in aller
Heimlichkeit ab, und nicht oft kommt es vor, daß der Jäger ihn zu
Gesicht bekommt und, verblüfft über den ihm unbekannten Vogel, ihn
erlegt und dann nicht weiß, was er aus dem winzigen Reiherchen mit dem
Eulengefieder machen soll. Steht er gar an dem Teiche auf streichende
Enten an und vernimmt den dumpfen Ruf der Zwergdommel, so sieht er sich
die Augen nach dem Tiere aus, das sich so sonderbar verkündet, ohne
sich blicken zu lassen, rät auf dieses und das und bleibt so klug, wie
zuvor.
Weil der Teich so weit entlegen ist, so kommt der Jäger selten zu
ihm, und die Dommelchen fühlen sich so sicher, daß sie schon am
Spätnachmittage fischen gehen, zumal wenn sie Junge haben. Da, wo
das Röhricht am allerdichtesten ist, steht das wirre, unordentliche
Nest auf einer breiten, hohen Riedgrasbülte, gegen den Himmel durch
darüber geknickte Stengel gut vor den scharfen Blicken der Rohrweihe
verborgen, die fast jeden Tag vorübergaukelt. Merkwürdige Geschöpfe
sind die jungen Dommelchen, halb wie Igel, halb wie junge Krokodile
aussehend mit den stacheligen Speilen und dem breiten, kurzen
Schnabel. Immer haben sie Hunger, fortwährend gieren sie, und die
Alten können gar nicht genug Pferdeegel, Kaulquappen, Jungfrösche,
Wasserjungferlarven, Schnecken und Gewürm herbeischaffen und ihnen
in die Kröpfe hineinwürgen. Das reichliche Futter setzt aber auch
gut an. Die Kleinen bekommen jeden Tag dickere Bäuche und längere
Schnäbel, die schimmelartigen Daunen fallen aus, die Speile platzen
und lassen die Federn hervorbrechen, und bald verlassen die Jungen das
Nest und klettern den Eltern entgegen, wenn die mit vollen Kröpfen herangeschlüpft kommen.
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