Mein buntes Buch 12
Schließlich naht der Abend heran, an dem die junge Brut sich darauf
besinnt, daß sie nicht nur Zehen zum Klettern, sondern auch Schwingen
zum Fliegen haben, und es beginnt erst ein unbeholfenes Geflatter und
Getaumel, bis von Nacht zu Nacht der Flug der Jungen sicherer und
länger wird und sie es den Alten gleichtun. Dann aber verlassen sie
alle den Teich und ziehen erst zusammen unstet von einem Röhricht zum
anderen, um sich schließlich zu teilen und jeder für sich erst langsam,
dann eiliger, Nacht für Nacht dem Süden zuzurücken, um dort, entweder
in den Schilfbrüchen Südeuropas, oder gar in den Sümpfen Afrikas, den
Winter zu verbringen.
Im Frühling aber treibt es sie wieder zurück und aus dem Rohrdickichte
des Feldteiches ertönt dann auf das neue ihr dumpfer Ruf, den keiner
kennt und den niemand zu deuten weiß.
Der Bergwald.
Zwei Gesichter hat der Berg. Ernst ist sein Südabhang. Kein Ort
unterbricht die grüne Gleichförmigkeit seines steilen Hanges. So
unnahbar sieht er aus, daß keine der bunten Ortschaften im Auetale es
wagte, sich ihm zu nähern: sein ernstes Gesicht jagte sie nach den
Weserbergen hin.
Ein ganz anderes Antlitz hat der Berg nach Norden hin; da ist nichts
von Unnahbarkeit, von abweisender Schroffheit zu spüren. In langsamen
Absätzen steigt er zu Tal und so kletterten die Ansiedlungen hoch an
ihm empor, trieben ihre Häuser, Äcker und Felder in seinen Wald und
brachten viele Farben in seine grüne Gleichförmigkeit, rote Dächer und
weiße Rauchwolken, aus kühn emporstrebenden Schloten hervorquellend,
einer regen Industrie fröhliche Banner.
Außer diesen beiden großen Gegensätzen zeigt der Berg aber noch viele
anderer Art. Hier, wo die düstere Fichte herrscht, ähnelt er dem
Oberharze; nebenan, wo die Buche das große Wort führt, gleicht er den
Weserbergen, und weiterhin, da wo Buche und Eiche sich mengen und ein
Bach rieselt, erinnert er an die Bergwälder Thüringens. Dann aber
wieder tritt die Kiefer auf heidwüchsigen Flächen auf, und wer die
Beschaffenheit des Bodens nicht beachtet und die Steine übersieht,
der könnte meinen, er sei in einem der hochgelegenen Geestwälder der
Lüneburger Heide, vorzüglich im Vorherbste, wenn der Honigbaum blüht.
Aber auch um die jetzige Zeit kann man sich dort in die Heide träumen,
weil gerade so wie dort das düstere Gezweig der Kiefern goldene
Schossen treibt und über den heidwüchsigen Rodungen die Birke ihr
grünes Blättergeflatter bewegt, während rundumher der Baumpieper
schmettert, im Dickicht Haubenmeisen zwitschern und kollern, der
Laubvogel sein wehmütiges Lied flötet und von der blauen Höhe eine
Heidlerche süß singt. Ganz so wie in der fernen Heide blitzen goldgrüne
Käfer über die sonnigen Schneisen, tanzen die krausen Schatten der
Kiefern auf der weißen Fahrstraße, schweben düstere Falter über das
spitze Gras.
Der Eindruck bleibt auch noch im raumen Stangenorte, dessen Boden bunt
ist von den hellgrünen Bickbeerensträuchern und dem rostroten Dürrlaube
des Adlerfarns. In allen Kronen piepsen unsichtbare Goldhähnchen,
überall leuchten die roten Mordwespen, der Wind erfüllt den Wald mit
dem behäbigen Gebrumme, wie es nur die Kiefer kann, und die Sonne
entlockt ihm den eigenen Duft von Kien und Juchten, den nur der
Heidwald ausströmt.
Dann, auf einmal, ist etwas da, was nicht in den Heidwald gehört.
Ein großer, rostroter Falter fegt mit wildem Zickzackfluge über
das leuchtende Bickbeergrün, hastet zwischen den rotschimmernden
Stämmen hindurch, saust über das schattige Gestell, taumelt an den
Birken vorbei und verschwindet dort, wo das lachende Laub einer Buche
auftaucht. Denn das ist sein, des Hammerschmieds, Baum; mit den Kiefern
und Birken will der seltsame Schmetterling nichts zu tun haben, der auf
den Flügeln in blauen Feldern vier weiße Halbkreuze trägt. Die Buche
ist sein Baum und wo sie herrscht, da ist seine Heimat. Ihr strebt er
zu.
Jäh bricht der Kiefernwald ab und macht dem Buchenwalde Platz. Hier
und da hat sich noch eine Kiefer vorgewagt, einige Birken ringen sich
zum Lichte, eine Eiche schafft sich mit rücksichtslosen Ästen Raum,
aber weiterhin herrscht der grüne Schatten, den nur die Buche gibt,
der keiner Blume, es sei denn, daß sie sich von Moder nährt, das Leben
gönnt, der alles grüne Leben am Boden in muffigem Fallaube erstickt.
Verschwunden sind die frohen Käfer und die lustigen Schmetterlinge,
verhallt sind des Piepers und der Goldhähnchen Lieder; eines einzelnen
Finken Schlag klingt verloren in der Stille und ein Häherruf
unterbricht auf einen Augenblick das schwere Schweigen.
Hart neben dem Buchenwalde erhebt sich wie eine schwarze Mauer das
Fichtenaltholz, kalt und tot wie ein Gefängnis. Lautlos treten die Füße
über die weichen, braunen Matten des Bodens. Hier und da ist ein heller
Fleck, als fiele aus einem Dachfenster ein karges Licht, und läßt ein
Büschlein Schattengrases, einen Bickbeerenhorst, eines Farnes frohes
Blattwerk weithin wirken. Oder es fällt von obenher ein Vogelruf in
das kalte Schweigen oder ein langer blauer Sonnenstrahl überschneidet
schräg die düsteren Stämme, bemalt sie mit Gold, macht aus dem toten
Zweigwerk ein silbernes Netz und aus dem Bock, der langsam dahinzieht,
ein fabelhaftes Wesen von lodernder Glut.
Dort aber, wo das Bächlein sich abhastet, um aus dem Bergwalddunkel in
das lachende Land zu kommen, springen die Hainbuchen hinzu und stellen
sich rechts und links daneben, damit es sich vor den ernsten Fichten
nicht allzusehr grusele. Sie spreizen ihre Zweige weit von sich, damit
der Mönch und Zaunkönig etwas Sonne haschen können und nicht ganz ihre
kecken Lieder verlernen, und auf daß dort auch allerlei gutes Kraut
wachsen könne, damit Has und Reh bei Tage Äsung finden.
Hinter dem Bache, wo die Talwand steil emporstrebt, ist ein wilder
Kampf zwischen allen Bäumen, die es im Berge gibt. Da zanken sich Buche
und Kiefer um den besten Platz, und während sie streiten, schleicht
sich die Birke zwischen sie, und auch die Lärche findet sich ein, bis
dann wieder die Eiche hinzutritt und die anderen beiseite schiebt. Und
während sich die großen Herren balgen, hat es das kleine Volk gut,
und so sprießt Pfeifengras und Adlerfarn, Bickbeere und Eberesche,
Heidecker und Siebenstern, weil die uneinigen Bäume ihnen nicht, wie im
geschlossenen Bestande, alles Licht und jedes bißchen Luft wegnehmen.
Darum gefällt es der Amsel dort auch so ausnehmend und der Graudrossel
nicht minder, Mönch und Zaunkönig und Fink sagt es dort ganz besonders
zu und die drei Vettern, der schwirrende Laubvogel des Buchenwaldes,
der Weidenlaubvogel aus dem Birkengebüsch und des Kiefernwaldes
Fitis finden sich hier zusammen und veranstalten einen ergötzlichen
Gesangswettstreit; aber die Finken übertönen sie, des Rotkehlchens
silberhelles Lied kommt auch noch voll zur Geltung, von der Blöße her
mischt sich die Braunelle ein, der Pieper macht sich kräftig bemerkbar
und das Geplauder des Grauhänflings bringt neues Leben hinzu.
Oben auf der Rodung ist eine andere Welt. Die Sonne liegt auf der
weiten, ringsum von dunklen Fichten eingefaßten Blöße und es ist still
und verlassen dort. Aus himmelhoher Luft kommt eines Seglers spitziger
Ruf, irgendwo lockt traurig ein Vogel, ein weißer Schmetterling
flattert, wie verängstet, über die Ödnis, und der grüne Buchenhorst
sieht aus, als hätte sich Bäumchen an Bäumchen gedrückt, aus Furcht
vor der Einsamkeit, die von allen Seiten auf sie eindringt. Unheimlich
klingt vom fernen Tann des Taubers dumpfer Ruf.
Doch hinter der blanken Blöße, wo ein Hohlweg den Boden zerschneidet,
an dessen Abhängen Farne winken, Silberweiden schimmern und der
Bergholder mit lichten Dolden prahlt, oder dort, wo ein Eichenhain mit
lustiggrünenden Ästen sich lichtet, und hier, wo die Buchen so weit
stehen, daß die Sonne über den Boden Macht hat, oder dort, wo der alte
Steinbruch gähnt, und weiterhin, wo fleißige Hände im neuen Bruche
schaffen und unfern davon der Wald vor dem Abhange zurückprallt und von
grasiger, hellgeblümter Halde der Blick hinunter in das Tal und hinüber
zu den Bergketten reicht, da ist trotz aller Bergwaldheimlichkeit
Leben, und trotz des Lebens Waldheimlichkeit.
Wenn auch Maschinenwerk knarrt und klappert oder froher Wanderer
Stimmen von der Wirtschaft herschallen, ein Viertelstündchen weiter
ist wieder die Einsamkeit zu finden mit Wipfelrauschen, Bussardruf
und Vogellied, wo nur die reihenweise Gliederung des Waldes, die
Wegeführung und die Wagenspur von Menschen und Menschenwerk reden und
den Wanderer nicht zu jenem bedrückenden Gefühle der Verlassenheit
kommen lassen, das ihn beschleicht, schweift er im pfadlosen Moore oder
in der ungeteilten Heide. Er weiß, daß der Weg ihn zu Menschen bringt,
ihn zum Abhange des Berges führt, dorthin, wo sich Ort an Ort reiht, an
den Südhang oder dahin, wo tief im Tale der Aue die Straße von Dorf zu
Dorf geht.
Und so wird der Berg jedem gerecht, der ihn aufsucht. Der menschenmüde
Waldfahrer kann stundenlang schweifen ohne gestört zu werden, und der
frohe Wanderer kann sich des stillen Waldes freuen, während vom Hange
her rote Dächer ihn grüßen und vom Tale aus der Pfiff der Dampfpfeife
und das Rollen der Räder ihm meldet, daß ein kurzer Weg ihm wieder
Gesellschaft bringe.
Der Eisenbahndamm.
Als häßlicher gelber Wall zog sich anfangs der neue Bahndamm durch das
Wiesenland vor der Stadt. Es dauerte aber gar nicht lange, so begrünte
er sich, und als der Frühling kam, sah er längst nicht mehr so kahl und
so nackt aus.
Der Boden, aus dem er aufgebaut war, und der teils aus den großen
Ausschachtungen neben ihm gewonnen, teils von weither angefahren
war, enthielt eine Unmenge von Samenkörnern, auch Wurzelstöcke und
Knollen, und die keimten oder trieben aus. Die Vögel, die gern auf
den Leitungsdrähten sitzen, bringen in ihrem Kote allerlei unverdaute
Sämereien dahin, und aus den mit Getreide, Wolle, Häuten und Kohlen
beladenen Güterwagen fiel manches Körnlein heraus, wie denn auch der
Wind allerlei leichtes Gesäme antrieb.
Kaum ist der März in das Land gekommen, so überziehen sich die kahlen
Stellen mit den zierlichen Blütchen des winzigen Hungerblümchens
und des Zwergsteinbrechs, das Marienblümchen erhebt seine weißen,
der Huflattich seine gelben Sterne. Schießt das Gras höher, ist der
Huflattich greis geworden, so strahlen überall die goldenen Sonnen des
Löwenzahnes, und Taubnesseln mit roten und weißen Blütenquirlen bilden
weithin sichtbare bunte Flecken an den Abhängen. Darüber hinaus ragt
der Hahnenfuß, an den Abflüssen wuchert das Schaumkraut und neben ihm
später auch hellrote Kuckucksnelke, bräunlicher Ampfer, blauer Beinwell
sowie massenhaft die Wucherblume, ganz und gar mit großen weißen
Strahlblumen bedeckt.
Ist eine Blumenart abgeblüht, so tritt eine andere an ihre Stelle,
um den Bahndamm zu schmücken, bis er im Sommer wie ein künstlich
angelegtes Blumenbeet aussieht. Labkräuter verhüllen ganze Flächen
mit weißen und gelben Blütenschleiern, die Hauhechel schmückt sich
rosenrot, bis zur Manneshöhe reckt sich weißer und gelber Steinklee,
die wilde Reseda bildet ganze Bestände, blau schimmert der rauhe
Natterwurz, und die stolze Nachtkerze, eine echte Eisenbahnpflanze,
die aus Amerika kam, wie der unscheinbare, aber in Unzahl auftretende Kuhschwanz, sucht mit ihren großen, hellgelben Blumen die heimische Königskerze um ihr Ansehen zu bringen.
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