Mein buntes Buch 17
Die Dornhecke.
Es gab einmal eine Zeit, da sah die Feldmark so bunt und kraus aus, wie
eine Federzeichnung von Albrecht Dürer.
Jeder Grabenbord hatte sein Dorngestrüpp, jede Böschung ihr Gestrüpp,
alle Teiche und Tümpel waren von Weiden und Erlen eingefaßt, und an
Wildbirnbäumen, Kopfweiden und Pappeln war kein Mangel.
Dann kam die Verkoppelung und aus war es mit der ganzen Herrlichkeit.
Die Büsche und Bäume fielen überall unter der Axt, selbst da, wo sie
niemand im Wege standen und keinen Schatten auf den Acker oder in
die Wiese warfen. Kahl und langweilig wurde das Gelände und arm an
Vogelsang und Falterflug, und alle die schönen bunten Blumen, die in
dem Gebüsche wuchsen, verschwanden.
Eine einzige Hecke ist in der ganzen weiten, breiten Feldmark noch
übriggeblieben. An der Wetterseite des Hohlweges zieht sie sich entlang
und schützt ihn vor Erdrutsch und Schneeverwehung. Die Schlehe und
der Weißdorn bilden mit Kreuzdorn und Heckenrose ein dichtes Gewirre,
dessen Grund von Brombeeren, Himbeeren und Stachelbeeren besäumt wird,
und dazwischen verschränken sich Nesseln, Disteln, Kletten und andere
Stauden zu einem engen Verhau.
Wie ein mürrisches braunblaues Bollwerk steht jetzt die Hecke im
überschneiten Felde. Man sieht es ihr nicht an, wie schön sie im
Vorfrühling ist, wenn die Schlehen sich mit weißen Blüten bedecken,
oder später, wenn der Weißdorn seine schimmernden, starkduftenden
Dolden entfaltet, oder hinterher, brechen an den Rosenbüschen die
reizenden Knospen auf. Aber auch wenn die Büsche selber nicht mehr
blühen, bleibt es bis in den Herbst hinein noch bunt von blauen
Glocken, roten Lichtnelken, weißem Labkraut und gelber Goldrute; wenn
diese verwelken, schmücken sich die Zweige mit scharlachrotem und
goldgelbem Laube, und fällt das ab, so funkeln, blitzen und leuchten
die schwarzen, blauen und roten Beeren am kahlen Gezweige.
Mit dieser Pracht ist es nun auch fast zu Ende. Die Brombeeren sind
abgefallen bis auf einige, die nicht mehr zur Reife kamen und nun
verdorrt an den Stielen zwischen den eingeschrumpften Blättern hängen.
Die Rosen haben zwar noch viele von den Hagebutten, doch sind sie von
dem Nachtfroste verschrumpft und leuchten nicht mehr so herrlich, wie
im Spätherbste, und auch die Mehlfäßchen an dem Weißdorne verloren
ihr prächtiges Aussehen und fangen an, sich zu bräunen. Einzig und
allein die Schlehen haben noch die meisten ihrer blaubereiften Früchte
bewahrt, doch werden es von Tag zu Tag weniger, da Sturm und Regen sie
nach und nach von den Zweigen reißen und zu Boden werfen. Dennoch ist
die Hecke immer noch schön. Sie war es eben, wo sie als braunblaues
Bollwerk von dem Schnee abstach, und ist es jetzt erst recht, denn
die Sonne ist durchgekommen, und das verworrene Gezweige blitzt und
schimmert und leuchtet, als bestände es aus Erz.
Auch fehlt es nicht an allerlei Leben. Zwar die Grasmücken und
Braunellen, die sommertags hier umherschlüpfen und fleißig singen,
sind verzogen, die Falter starben ab oder sitzen in Todesstarre in
ihren Winterverstecken, wie auch der Laubfrosch, der in der schönen
Zeit hier so oft lustig meckert, in seiner Erdhöhle die bitteren Tage
verschläft, und die Eidechse, die im Sommersonnenscheine hin und her
huscht, desgleichen tut; aber alle Augenblicke schwirrt oder burrt es
heran, denn alles kleine Vogelvolk, das über die Feldmark dahinfliegt,
macht hier gern Rast. Feld- und Haussperlinge fallen in ganzen Flügen
ein, Buchfinken und Grünlinge, Stieglitze und Hänflinge, desgleichen
die Goldammern und die plumpen Grauammern, die mit trockenem Geklapper
fortfliegen, wenn ein Mensch den Weg entlangkommt.
Ab und zu stellt sich auch anderer Besuch ein. Da sind die
wunderschönen Dompfaffen, die hier immer haltmachen, wenn sie den Wald
mit den Obstgärten des Dorfes vertauschen wollen, oder die Kramtsvögel,
die von den höchsten Zweigen der Schlehdornbüsche Umschau halten, ehe
sie zu Felde fallen. Dann und wann nimmt hier auch der Raubwürger aus
Nordland Platz oder eine der Elstern, die in den hohen Pappeln des
Gutes ihr Dornennest haben, oder einige Meisen suchen ein Weilchen in
dem Gezweige nach Raupeneiern und wandern dann lustig lockend dem
Walde oder dem Dorfe zu, und manchmal stöbert auch ein Eichelhäher da
herum und tut sich an den Beeren gütlich, oder eine Krähe lauert am
Boden auf eine Maus.
Die wohnen auch um diese Zeit in der Hecke, sowohl die braunen
Waldmäuse wie die schön schwarzgestreiften Brandmäuse und auch die
zierlichen Zwergmäuschen, denn sie finden im Laube allerlei Körner und
Samen und dazu noch die abgefallenen dürren Beeren sowie manchen Käfer
und allerlei anderes kleine Getier, das in dem trockenen Laube den
Winter verschläft. Auch Feld- und Rötelmäuse gibt es dort sowie die
dicke Wühlmaus, und deswegen läßt sich das Wiesel und das Hermelin oft
da blicken, um auf sie zu jagen.
Die Sonne ist wieder fortgegangen, der Himmel wird grau, ein Wind macht
sich auf und es beginnt zu dämmern. Da kommt es mit lauten Locktönen
herangeflattert. Die Goldammern sind es. Sie fallen auf den Zweigen
ein, sträuben die gelben Schöpfchen, zucken mit den Schwänzen, zanken
und zergen sich ein wenig und schlüpfen dann tief in das Gebüsch
hinein, wo sie noch ein Weilchen herumrascheln, um dann einzuschlafen.
Unter ihnen her schlüpft das Hermelin und wittert nach ihnen empor,
traut sich aber wegen der scharfen Dornen nicht hinauf und huscht
deshalb nach der Strohdieme, um dort auf die Mausejagd zu gehen. Es
beginnt verloren zu schneien. Allmählich fallen die Flocken dichter,
bedecken die Saat und den Sturzacker und bleiben in den Zweigen der
Hecke und auf dem Dürrlaube der Brombeeren hängen, alles verhüllend,
was darunter schläft und atmet.
Morgen früh aber, wenn die Sonne kommt, beginnt es da wieder zu leben.
Die Ammern erwachen, putzen ihr Gefieder und fliegen zu Felde. Die
Spatzen kommen an und die Finken, die im Walde geschlafen haben, und
so vergeht keine Stunde, daß auf der Dornhecke nicht irgend welches
fröhliche Leben ist, während ringsum im Felde alles weiß und tot ist.
Der Fichtenwald.
Die Morgensonne steigt rund und rot über die verschneiten Kuppen; der
Bergwald erwacht.
Lärmend fliegen die Krähen zu Tale, Häher flattern kreischend von
Baum zu Baum, Goldfinken flöten im Unterholze, Zeisige zwitschern
dahin, überall ertönt das Geklingel der Meise und das Gewisper der
Goldhähnchen, zwischendurch auch das schneidende Gezeter der Amsel, die
den zu seinem Bau schleichenden Fuchs erspäht hat.
Die Frostnebel weichen von der Bergwand, goldig erglänzen die
Schneehänge, rosig färben sich die bereiften Fichten, silbern blitzt
unter der Felswand der Wildbach. Da leidet es den Zaunkönig nicht, der
im Ufergebüsche umherschlüpft; keck schmettert er sein Liedchen, und
auch die Wasseramsel, die mitten im Bache auf einem gischtumrauschten
Blocke sitzt, singt fröhlich die Sonne an.
Auf einmal singt es lustig hier aus dem Wipfel, und da und dort, hüben
und drüben, nah und fern, laute und leise Locktöne erschallen, helle
und tiefe, spitze und runde, und von Fichte zu Fichte fliegen rote und
grünlichgelbe Vögel, hängen sich an die Äste, klettern an den Zweigen
umher, schlüpfen dahinter, tauchen wieder auf, machen sich an den
schimmernden Zapfen zu schaffen, zerklauben die größeren, kneifen die
kleineren ab, sind emsig beim Fressen, putzen dazwischen ihr Gefieder,
schnäbeln sich ein bißchen, zanken sich ein wenig und haben sich, als
wäre es Mai.
Kreuzschnäbel sind es, die seltsamen Vögel, die hier zwischen Eis und
Schnee ihre Brut aufziehen. Über hundert Paare haben sich die Wand hier
als Brutstätte gewählt. Unstet waren sie in kleineren Trupps seit dem
Frühsommer umhergestrichen, hatten bald oben in den Bergen, bald unten
im Lande gelebt, bis um die Weihnachtszeit ein Flug die reichtragenden
Fichten an dem sonnigen Abhange entdeckte und sich dort ansiedelte.
Andere Rotten, die vorüberstrichen, fanden sich dazu, und wenn es auch
anfangs ein großes Gezanke um die Weibchen und ein bitteres Gezerre um
die Neststände gab, mit der Zeit vertrug man sich hierum und darum.
Schneidend pfiff oft der Wind an dem Hang entlang, wild wirbelte der
Schnee und hüllte die Fichten ein; die Kreuzschnäbel kümmerte es wenig.
So fest und dick blieb er auf den Zweigen nicht liegen, daß er die
Samenzapfen verdeckte, und sobald die Sonne ein wenig schien, sangen
die purpurroten Männchen den grünlichgelben Weibchen lustig ihre Lieder
vor, und beide brachen dann fleißig dürre Reiserchen, Heidkrautzweige
und Grasblätter für die Außenwand des Nestes, das sie dann mit Moos und
Flechten auspolsterten, daß es so dick und so fest und so weich und
so warm wurde, wie es nötig ist, daß der Frost nicht bis zu den Eiern
gelangen konnte.
Gut versteckt waren die Nester auch in den dichten Zweigen, und fest
genug hineingebaut. Mochte der Schnee auch noch so hart treiben, er kam
höchstens mit einigen feinen Stäubchen bis zu den brütenden Weibchen
hin. Und damit die Eier nicht kalt wurden, fütterte jedes Männchen sein
Weibchen, so daß es das Nest nicht zu verlassen brauchte, als höchstens
dann, wenn die Mittagssonne ganz warm schien und es sich sein Gefieder
zurechtzupfte, es vom Harze reinigte und sich ein bißchen Bewegung
machte. Während nun rundumher das Land im Schnee begraben lag und außer
dem Gebimmel der Meisen und dem Gezirpse der Goldhähnchen oder einem
Krähenschrei und einem Häherruf kein Laut zu hören war, entstand in den
hundert und mehr verborgenen Nestern neues Leben.
Nun, wo der Winter nachts noch mit voller Macht hier am Berge
herrscht, die Sonne aber schon größere Kraft hat und oft genug den
Schnee über Mittag zum Tauen und Tröpfeln bringt, verlassen die jungen
Kreuzschnäbel die Nester und wagen sich auf die Zweige hinaus, wo sie
eng aneinandergedrängt sitzen, bis einer der alten Vögel herannaht und
sie gierend und mit den Flügeln zitternd sich ihm entgegendrängen,
um sich den Schlund mit angequollenem Fichtensamen vollstopfen zu
lassen. Der Frost macht hungrig, und so haben die alten Vögel von
Sonnenaufgang bis zum Abend hin genug zu tun, um die drei oder vier
immer freßlustigen Jungen sattzumachen.
Jeder von ihnen hat einen Fichtenzapfen vor und zerspellt mit dem
sonderbaren Schnabel die harten, festanliegenden Schuppen, löst mit der
Zunge das winzige Samenkorn heraus und läßt es in den Kropf rutschen.
Hier hängt ein altes Weibchen kopfüber an einem Zapfen und bearbeitet
ihn, daß es in einemfort leise knistert und immerzu winzige Teile der
Schuppen, wie Goldstaub blitzend, auf den Schnee am Boden wirbeln,
der davon und von den abgestreiften Nadeln und Flechten schon ganz
buntgefärbt ist. Dort kneift ein purpurrotes Männchen einen kleinen
Zapfen ab, trägt ihn mit dem Schnabel nach einem bequemen Ast und
leert ihn da aus. Überall gieren die hungrigen Jungen, hier und da und
dort zittern sie mit den Flügeln, in einemfort rieseln Nadeln herab,
stäubt Schnee herunter, rundumher ertönt das seltsame Locken der alten
Vögel und ab und zu das lustige Gezwitscher eines Hahnes, der auf
einem Wipfeltriebe sitzt, daß sein rotes Gefieder in der Sonne nur so
leuchtet.
Noch eine oder zwei Wochen wird das lustige Treiben und das bunte Leben
hier oben in den hohen Wipfeln anhalten. Dann aber, wenn die Sonne
den Schnee von der Bergwand vertreibt, wenn der Seidelbast sich mit
rosenroten Blütchen schmückt und der Nießwurz seine grünlichen Blumen
entfaltet, wenn die Meisen sich auf ihre Lieder besinnen und der Fink
zu schlagen beginnt, werden die jungen Kreuzschnäbel flügge sein und
mit den Alten von dannen ziehen, irgendwohin, wo die Fichten genügend
tragen. Heute werden sie da sein, morgen dort, und um die Zeit, wenn alle anderen Vögel sich seßhaft machen und ihre Brut aufziehen, unstet und flüchtig hin und her wandern, wie die Zigeuner.
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