2015년 4월 27일 월요일

Mein buntes Buch 2

Mein buntes Buch 2


Auf dem Brombeerbusche am Grabenrande sitzt der Goldammerhahn und
versucht sein Lied zusammenzubringen; gestern, als die Sonne hell vom
hohen Himmel schien, dachte er nicht daran. Auch die Kohlmeise besinnt
sich auf ihre Frühlingsweise; da sie aber damit nicht fertig wird, so
lockt sie wenigstens dreimal so zärtlich, als am gestrigen Tage. Süß
und seltsam hört sich das an.
 
Der Haselbusch am Graben ist gänzlich aufgeblüht; zwischen den goldenen
Troddeln glühen purpurne Sternchen. Die Eller ist ihm sogar schon
voraus; der Weg ist mit braunen Kätzchen besät. Die silbernen Knospen
an den Weiden recken und strecken sich und die der Espen quellen und
schwellen. Aus dem Vorjahrslaube drängt sich das junge Gras, überholt
von den fetten Blättern des Aronstabes, die Scharfwurz verhüllt den
kahlen Boden und lustig wuchert das zierliche Grün des Ruprechtskrautes.
 
Die Sonne kommt noch einmal am dunstigen Himmel hervor. Überall spielen
die Wintermücken, daß es lustig blitzt, und hier und da surrt eine
Fliege vorüber. In der alten Samenbuche sitzt eine Krähe und quarrt und
schnarrt auf ganz absonderliche Art; das ist ihr Liebeslied. Aus den
Fichten kommt ein wunderliches Quietschen und Schnalzen; der Häher gibt
seinen zärtlichen Gefühlen Ausdruck. Da hinten auf der grasgrünen Saat
maulschellen sich zwei Hasen um die Häsin. Der Frühling kommt.
 
Ist es auch wahr? Ist es nicht nur ein bloßes Gerücht, eine falsche
Verheißung? Zwar wippt da schon ein Bergbachstelzenpaar an dem Graben
entlang, hier wühlt ein Maulwurf das knisternde Fallaub auf, sieben
Starmätze pfeifen auf dem Hornzacken der Eiche, im Graben plätschert
zwitschernd und quitschernd ein Spitzmauspaar umher, fauchend und
schnalzend jagt ein Eichkater die Liebste von Ast zu Ast, und ein
Goldhähnchen singt schon so gut, wie es das besser nie können wird.
 
Aber da hinter dem fernen Walde im kalten Moore liegt der Nordostwind
und schläft. Vielleicht wacht er über Nacht wieder auf und zu
Ende ist es mit Lied und Liebe. Statt der Wintermücken spielen
die Schneeflocken, Star und Bachstelze flüchten von dannen, die
bunten Bergfinken, die der weiche Wind nach Norden lockte, werden
verschwinden, und Amsel, Meise und Goldhähnchen vergessen ihre halb
gelernten Lieder wieder. Die Blümchen auf der Brache und die Kätzchen
an den Bäumen werden wirken wie unangebrachte Witze.
 
Die Sonne ist fortgegangen; dichter und unsichtiger wird die Luft. Um
so mehr aber leuchten die halb aufgesprungenen Knospen an den grauen
Zweigen des Dornbusches und an den schwarzen Ästen der Traubenkirsche
hinter dem Grabenbord und im Unterholze des Geißblatts kecke junge
Blätter. Ein sachtes Rieseln kommt herunter, unhörbar und leicht.
Fröhlich schmettert der Zaunkönig sein Liedchen, lustig trillert
die Meise, und selbst der schüchterne Baumläufer erhebt sein dünnes
Stimmchen lauter als zuvor.
 
Der Regen nimmt zu, die Dämmerung geht leise am Waldrande entlang. Da
trommelt ein Specht auf einmal los, daß es weithin dröhnt; das ist
das Zeichen für alles, was Schnäbel hat. Mit einem Schlage bricht ein
vieltöniges Zwitschern und Flöten los, so wirr, so kraus, daß keine
einzelne Stimme sich daraus hervorhebt. Ein Viertelstündchen hält
es an; dann bleibt davon nur das Gestümper der Amsel übrig und des
Rotkehlchens erst halb gelerntes Lied. Auch das verlischt im leisen
Regengeriesel, und der ihrem Schlafwalde zuziehenden Krähen rauhes
Geplärre gibt dem weichen Tage einen harten Abschluß.
 
Dunkel wird es im Walde. Keine neue Knospe im Gezweig, nicht ein
frisches Blatt am Boden ist mehr zu sehen. Leblos stehen die Stämme da
und recken kahle Wipfel in die Luft. Doch immer noch will das Leben,
das dieser Tag erweckte, sich nicht zur Ruhe begeben. Vom Felde her
schrillt des Rebhahnes herrischer Ruf und von der Mergelgrube kommt das
breite Geschnatter eines arg verliebten Erpels. Wie winzige Gespenster
taumeln bleiche Wintermotten auf der Weibchensuche um die Buchen, zwei
Fledermäuse zickzacken am Graben auf und ab, und im Gebüsch schnauft
ein Igel aufgeregt hinter der Auserwählten her.
 
Die Nacht kommt näher; tiefer wird der Himmel. Kein einziger Stern
steht an ihm. Die letzte Krähe hastet, verlassen schreiend, über die
Wipfel hin. Dichter fällt der Regen; lauter tröpfelt er in das tote
Laub. Dumpf unkt in den Fichten die Ohreule; hohl heult in den Kiefern
der Kauz los.
 
Zu Ende ist der milde Tag, an dem der Vorfrühling am Waldrande spuken
ging.
 
 
 
 
Das Genist.
 
 
Vorgestern sah der Bach rein und klar aus und rann bescheiden zwischen
seinen Ufern dahin.
 
In der Nacht gingen gewaltige Regengüsse in den Bergen nieder und
gestern früh war der Bach trübe und lehmig; er polterte ungestüm dahin,
stieg über seine Ufer und überschwemmte ein gutes Stück der Wiesen.
 
Nun fällt er bereits. Nicht mehr so wild wie gestern strudelt er dahin,
führt nicht so viel Spreu mit sich, und tritt auch schon langsam wieder
von den Wiesen zurück, einen bräunlichen Streifen da hinterlassend, bis
wohin gestern die Vorflut gereicht hatte.
 
Das ist das Genist, ein Sammelsurium von Grummetresten, dürren
Stengeln, trockenen Zweigen, Grasrispen, Fruchtkapseln,
Rindenstücken, Wurzeln, Samenkörnern, Blättern, Beeren, Käferflügeln,
Schneckenhäusern, Puppenhüllen, Kerbtierleichen, Steinchen, Federn,
Haaren, Moosflöckchen, Muschelschalen, Knochen und hunderterlei anderen
Dingen, teils aus dem Haushalte der Natur herstammend, teils aus
Trümmern von Gegenständen bestehend, die der Mensch anfertigte.
 
Ganze Mengen von Grasblättern und Wurzeln sind in den Weidenbüschen
hängen geblieben, um deren Zweige die Flut sie fest herumgewickelt
hat. Nun hängen sie da wie die Reste verwitterter, zerschlissener
Wimpel und flattern im Winde. Dunkelköpfige graue Vögelchen,
Sumpfmeisen und Weidenmeisen, schlüpfen daran herum und pflücken
heraus, was sich in dem Gewirre an Körnern und Kleingetier gerettet hat.
 
An der Vorflutmarke aber, wo der Bach feineres Genist als
ununterbrochenen Streifen abgesetzt hat, sind die Krähen dabei,
herauszusuchen, was ihnen gut zu fressen dünkt, die schwarzen
Rabenkrähen und die zur Hälfte aschgrauen Nebelkrähen aus
Ostland, ferner eine Anzahl der blanken Saatkrähen sowie einige
Dohlen. Auch etliche Staare, die infolge der milden Witterung
vorläufig hiergeblieben sind, stöbern dort umher, desgleichen zwei
Bergbachstelzen und einige nordische Pieper, die eigentlich weiter zum
Süden reisen wollten, aber wegen der Stürme der letzten Tage diese
Absicht aufgeschoben haben.
 
Sie finden alle überreiche Nahrung, denn es krimmelt und wimmelt nur so
aus dem halbnassen Geniste hervor, zumal da jetzt die Mittagssonne so
hell scheint und das Gespreu abtrocknet und anwärmt. Überall schlüpfen
schwarze Laufkäfer aller möglichen Gattungen und der verschiedensten
Größe hervor und streben dem trockenen Lande zu, dazwischen sind
grünliche und hier und da ein gleißend kupferroter, der hier sonst
nicht vorkommt und den das Wasser aus den Bergen mitgerissen hat,
winzige, die wie blanker Stahl aussehen, bräunliche mit gelben Flecken,
rote mit schwarzer Kreuzzeichnung, und ein gelblicher, grüngezierter,
rund wie ein Marienkäferchen, dem man es nicht ansieht, daß er zu den
Laufkäfern gehört.
 
Dann sind Halbflügler da, größere, glänzend schwarze, kupfrige,
grünliche und blaue, kleinere, die gelbrot und blau gemustert sind,
andere mit roten Halsschildern, und unzählige ganz winzige, die an
schönen Abenden gern über den Landstraßen schwirren und den Radfahrern
verhaßt sind, weil sie ihnen in die Augen fliegen und sie durch ihren
beißenden Mundsaft zum Tränen bringen. Ferner gibt es noch größere
und kleine Mistkäfer, stattliche und unglaublich winzige Rüßler,
Blattkäfer, Erdflöhe, die kaum sichtbaren Haarflügler, seltsame
Ameisenkäfer, Stutzkäfer, blank wie Erz, Borkenkäfer, Schnellkäfer und
wer weiß noch welche Käferarten, solche, die hier in der Ebene leben,
andere aus dem Hügellande da hinten und wieder andere oben aus dem
Gebirge.
 
Die drei Sammler, die dort eifrig an der Arbeit sind, das Genist
durchzusieben und ganze Mengen von Kleinkäfern in ihre Gläser zu
füllen, werden zu Hause beim Aussuchen manches sehr seltene Stück
finden, ebenso wie der andere Sammler, der die Rückstände nach
Schneckenhäusern durchsiebt, denn die liegen zu Tausenden hier. Da
sind einzelne Weinbergschnecken, rote, gelbe, braune, gesprenkelte
und gestreifte große Schnirkelschnecken mit weißen oder braunen
Mundsäumen, kleinere, bräunliche mit seltsam gefalteten Öffnungen,
spitze Schließmundschnecken, viele Arten von Moospuppen, darunter ganz
seltene Arten, halb und ganz durchsichtige Hyalinen, Vitrinen und
Dauderbardien, winzige Schneckchen mit Haaren, Rillen und Stacheln, die
häufigen Bernsteinschnecken und allerlei große und kleine Posthörner
und andere Wasserschnecken, mit Kiemen atmende kleine Deckelschnecken,
darunter eine nadeldünne, braunrote, glänzende, die auf dem Lande lebt
und sehr selten ist, ferner ein weißes, bleiches, zartes und kleines
Schneckchen, das kaum anders als auf diese Weise gefunden wird, weil es
eine unterirdische Lebensweise führt, noch kleinere Deckelschnecken aus
den Quelltümpeln des Gebirges und das noch viel kleinere schneeweiße
Ohrschneckchen, das wie ein Grassamenkorn aussieht. Auch kleine
Müschelchen finden sich vor und ab und zu Nacktschnecken, besonders
eine kleine Verwandte der Ackerschnecke, die wie ein junger Blutegel
anzusehen ist.
 
In solchen Unmengen setzt das Hochwasser mehrere Male im Jahre die
Schneckenhäuser und Muschelschalen hier ab, daß der Boden rechts
und links von dem Bache viel kalkhaltiger und fruchtbarer ist als
weiterhin. Auch hat er eine ganz andere Pflanzenwelt, denn das Wasser
führt aus dem Gebirge eine Masse von Samen solcher Gewächse mit, die
hier in der Ebene nicht vorkommen. In den dürren Stengeln, die das
Wasser mitführt, in den Grasbüscheln, Rindenfetzen und Holzstücken
findet sich noch manches lebensfähige Ei, manches Fliegentönnchen,
manche Larve oder Puppe, die im Frühling auskommen, und so siedelt sich
an der Grenze der Flutmarke den Bach entlang allerlei kleines Leben an,
das von Rechts wegen der Ebene nicht angehört.
 
Die meisten Menschen gehen gleichgültig an dem Streifen von Spreu
vorüber, den das Wasser hier angespült und zurückgelassen hat, ohne zu
ahnen, welche Bedeutung er hat. Wenn sie sich aber einmal bückten,
eine Handvoll von dem Geniste aufnähmen, es auseinanderzupften und alles das betrachteten, woraus es besteht, so würden sie staunen über die Fülle von Leben, das darin verborgen ist.

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