Mein buntes Buch 4
Der Baumgarten.
Die Kohlmeise war es, die den Baumgarten aus dem Winterschlafe brachte.
Sie sang so lange in dem Haselbusche, bis dessen Troddelchen sich
reckten und streckten und goldenen Staub ausschütteten.
Da fühlte sich die Amsel bewogen, die Aprikosen wachzusingen. Es
dauerte eine ganze Weile, ehe ihr das gelang; aber dann entfalteten
alle auf einmal ihre rosenroten Blüten und die Leute, die die Straße
entlang kamen, blieben stehen, lachten mit den Augen und sagten: »Ah!«
Das machte den Buchfinken eifersüchtig und er begann zu schlagen,
daß erst die Knospen an den Kirschbäumen und dann die der Birnbäume
aufsprangen und die Zweige aussahen, als seien sie frisch beschneit,
und als der Grünfink zu schwirren begann und der Girlitz trillerte,
ermunterten sich auch die Pflaumenbäume und die Leute blieben wieder
stehen und sagten: »O wie schön!«
Aber die Apfelbäume rührten sich immer noch nicht, soviel Mühe sich
Meise, Amsel und Fink auch mit ihnen gaben, und Grünfink und Girlitz,
Hänfling und Stieglitz. Es mußte erst das Gartenrotschwänzchen aus dem
Süden kommen; das weckte die Frühäpfel auf, und die späten Sorten
schüttelten auch dann noch nicht den Schlaf ab, sondern warteten, bis
der Wendehals da war. Dann aber bedeckten sie sich mit rosenroten
Knospen, zwischen denen die schlohweißen Blüten leuchteten und abermals
blieben die Leute stehen und sagten: »Ach wie entzückend!«
Mittlerweile war auch das Gras üppig gewachsen und zwischen ihm
öffneten sich Hundert und Aberhundert von goldenen Kettenblumen, so daß
die roten und weißen Taubnesseln gar nicht mehr so zur Geltung kommen
konnten, wie bisher. Sobald die Sonne am Morgen warm schien, öffneten
sich ihre Abbilder, eins nach dem anderen, wandten sich ihr zu und
strahlten und glühten gleich ihr, und nun war der Baumgarten eigentlich
erst gänzlich aufgewacht und lebte in lauter Blüten und Liedern. Um die
Stachelbeerbüsche und Johannisbeerstauden summten die Bienen, über den
goldbesternten Rasen flogen Füchse und Pfauenaugen, und in den herrlich
geschmückten Zweigen sang und klang es von früh bis spät.
Kohlmeise, Amsel und Buchfink, die bislang das größte Wort haben,
verschwinden mit ihren Liedern beinah vor denen der übrigen Vögel, so
singt und klingt es in den Wipfeln. Da ist zuerst der Star. In dem
Nistkasten, der in dem höchsten Birnbaume hängt, baut er und wenn er
nicht Neststoff einträgt oder auf Nahrung ausfliegt, dann sitzt er
vor seinem Hause, sträubt die Kehlfedern, klappt mit den Fittigen und
quiekt und schnalzt und quinquiliert und dreht sich und wendet sich,
daß sein Gefieder nur so blitzt und so blinkert.
Dann ist der Grünfink da, der in dem Rotdorne brütet und den ganzen
Tag lockt und schwirrt, bis es ihm auf einmal einfällt, daß er noch
etwas Besseres kann, um seine Frau zu belustigen, und dann fliegt er,
hin und her taumelnd, genau so wie eine Fledermaus. Das kann außer ihm
nur noch sein kleiner Vetter, der Girlitz, von dem zwei Pärchen in dem
Baumgarten nisten. Es sieht zu putzig aus, wenn der sein seltsames
Geflatter beginnt, bis er wieder auf einem Wipfel einfällt, lustig mit
dem Schwänzchen wippt und fröhlich trillert und das Gezwitscher der
Stieglitze und das Geschwätz der Bluthänflinge übertönt, obgleich er
viel kleiner ist als diese. Dafür sind ihm diese aber an schönen Farben
voraus.
Sie können aber nicht mit dem Gartenrotschwanz wetteifern, dessen
silberklarer Gesang ab und zu laut aus dem Stimmengewirr heraustönt.
Silberweiß ist seine Stirn, kohleschwarz seine Kehle und schön rot
seine Brust. Der allerschönste Vogel in dem ganzen Baumgarten ist es,
obgleich der schwarzweiße Trauerfliegenschnäpper sich auch wohl sehen
lassen kann, und auch hören, denn sein Liedchen, wenn auch nur kurz,
ist hell und klar und fröhlich, und das Vögelchen ist so flink und so
lebhaft, daß es sehr von den übrigen Bewohnern des Baumgartens absticht.
Das tut der Kleinspecht nicht, obgleich er mit seiner schwarzweißroten
Färbung auffallend genug aussieht. Aber er ist ein stilles, bescheidenes
Kerlchen, das meist schweigend an den Stämmen und Ästen entlangrutscht
und die Blutläuse vertilgt und nur ab und zu lockt. Nur wenn er seinem
Frauchen den Hof macht, wird er lebhaft. Dann kichert er schrill und
fliegt mit sonderbarem Geflatter um sie herum, daß er wie ein großer
bunter ausländischer Schmetterling anzusehen ist. In dem toten Ast
des alten Winterapfelbaumes hat er sich seine Nesthöhle gezimmert
und bringt dort Jahr für Jahr seine vier bis fünf Jungen aus. Wenn
die beflogen sind, sieht es reizend aus, wenn die Eltern sie lehren,
wie man sich durch das Leben schlägt. Das ist dann ein wunderliches
Gerutsche und Gekrabbel in den Kronen und ein Hin- und Hergeflatter
und Gequieke und Gepiepse den ganzen Tag lang, bis am Abend alle
miteinander wieder ins Astloch schlüpfen.
Ein überaus schnurriger Gesell ist der Vetter des Zwergspechtes, der
Wendehals. Er sieht mit seinem bräunlichen, äußerst fein gestrichelten
Gefieder und dem breiten, schöngebänderten Schwanze gar nicht aus, als
ob er zu den Spechten gehörte, ruft aber ähnlich wie der Rotspecht,
der in dem benachbarten Eichwalde wohnt und ab und zu hier Gastrollen
gibt. Aber wenn der Wendehals an einem Stamme entlangklettert, oder an
einem morschen Aste nach Larven hämmert, dann sieht man es ihm sofort
an, wohin er zu rechnen ist. Ganz albern stellt er sich an, wirbt er
um sein Weibchen. Dann spreizt er die Schwingen, fächert den Schwanz,
richtet die Scheitelfedern auf, macht den Hals lang und dreht und
wendet ihn so aberwitzigster Art, daß man meinen sollte, er habe gar
keine Knochen darin.
Vielerlei Vögel sind es noch, die in dem Baumgarten leben oder ihn
Tag für Tag besuchen. Da sind die Gartengrasmücke, der Mönch, die
Dorngrasmücke und das Müllerchen, alle vier fleißige Sänger, die in
den Weißdornhecken und in den Stachelbeerbüschen brüten. Dann ist der
Gartenspötter noch da, der in dem Fliederbusche sein kunstvolles Nest
hat, das vier rosenrote Eier enthält, ein ganz emsiger Sänger, und ein
sehr beweglicher Vogel, der den ganzen Tag in den Zweigen umherklettert
und laut dabei singt. Sein Verwandter, der Weidenlaubvogel, ließ sich
im ersten Frühling fleißig mit seinem seltsamen Liedchen vernehmen.
Auch später singt er noch genug, doch übertönen ihn die vielen anderen
Sänger ebenso wie die Kohlmeise, die Gartenmeise und die Blaumeise, die
mit ihm die Vorfrühlingssänger waren, wie denn auch das feine Liedchen
des Baumläufers, der wie ein Mäuschen an den Stämmen emporrutscht,
jetzt ganz verschwindet in der Fülle von Lauten.
Einer aber, der sogar mitten im Winter hier sang, ist nicht
unterzukriegen, obwohl er der kleinste aller Sänger ist. Das ist der
Zaunkönig. Wenn der loslegt, sei es, daß er sein Liedchen schmettert
oder daß er vor einer stromernden Katze warnt, dann ist er mehr als
deutlich zu vernehmen. Viel mehr fällt er auf, als die Braunelle,
die in der Hecke brütet, und das Rotkehlchen, das in einer der vier
Fichten, die in den Ecken des Gartens stehen, sein Nest hat, und am
liebsten in der Frühe oder vor dem Abend sein silbernes Liedchen
erschallen läßt, das sich mit dem lauten und anspruchsvollen Gesange
der Nachtigall, der von dem Parke herüberschallt, zwar nicht an
Stärke, wohl aber an Innigkeit wohl messen kann. Von dort tönt abends
und oft die ganze Nacht hindurch auch das weiche, süße Lied des
Gartenrohrsängers, der dem Baumgarten oft einen Besuch abstattet,
hervor und mischt sich mit dem klagenden Rufe der Käuzchen, die
manchmal am hellen Tage dort angeschwebt kommen und sich einen Sperling
holen, an denen es natürlich auch nicht fehlt, sowohl an Hausspatzen,
wie an den niedlichen Feldsperlingen.
Der schlimmste Räuber nächst den Katzen aber ist der Sperber. Jeden
Tag kommt er an dem Zaune entlang geschwankt, schwingt sich über die
Hecke und geht, ehe sich die Vögel in dem dichten Gezweige bergen
können, mit einem Spatzen, einer Amsel, einem Finken oder einem anderen
Vögelchen ab. Zu den Vögeln, die der Besitzer des Gartens nicht gern
sieht, gehören die Dohlen, die auf dem Turme der alten Kirche horsten,
denn sie holen sich von den Pflaumenbäumen die Tragreiser zum Bau
ihrer Nester, plündern später auch die Kirschen, wobei ihnen Pirol und
Kornbeißer helfen, während wintertags der Dompfaff die Blütenknospen
der Bäume verbeißt.
Auch dann ist es im Baumgarten nicht still. Meisentrupps, von
einem Buntspechte geführt, fallen ein und säubern die Äste von
Frostspannereiern, Krähen kommen und stellen den Mäusen nach, und
ist sonst nichts los, so sorgen die Sperlinge dafür, daß dort etwas
Leben ist. Am allerlustigsten aber geht es im Baumgarten jetzt zu, wo
alle Zweige voller Blüten sind und im Rasen die goldenen Butterblumen
blühen.
Die Kirchhofsmauer.
Die Dorfkirche ist schon sehr alt. Man sieht das an den gewaltigen
Strebepfeilern, an den Schießscharten, die freilich schon lange
vermauert, aber noch zu erkennen sind, an den Hals- und Armeisen des
Prangers neben der Haupttüre, an der steinernen Sonnenuhr und an den
grünlichen Grabsteinen, die sie umgeben.
Auch die Mauer, die den Kirchhof einschließt, ist sehr alt. Sie bildete
mit der Kirche zusammen einst die Feste des Dorfes, in die sich die
Bauern zu Kriegszeiten, wenn die Not am höchsten war, zurückziehen
konnten. Sie ist hoch und breit und aus großen Bruchsteinen gebaut.
Jetzt ist sie ein wenig verwittert und von Rosen und Pfeifenstrauch,
Spillbaum und Judendorn überwuchert und hier und da von Efeu berankt,
und allerlei zierliche Farne und anderes Gekräut wuchert zwischen den
grauen, mit gelben Flechtenkringeln und dunkelgrünen Moospolsterchen
bewachsenen Steinen hervor.
Im ersten Frühling, wenn der Huflattich am Grunde der Mauer seine
goldenen Sönnchen entfaltet, blüht in ihren Ritzen das zierliche
Hungerblümchen und die Fingerkrautpolster bedecken sich mit weißen und
gelben Blüten. Später bilden rote und weiße Taubnesseln dichte bunte
Sträuße, der Löwenzahn prahlt stolz, der Ehrenpreis blickt freundlich,
bis Schöllkraut und Labkraut ihn und die andern im Verein mit blutrot
besterntem Storchschnabel überprotzen und an manchen Stellen das
Gestein fast ganz verhüllen, während an anderen die Fetthenne, ganz mit
goldenen Blütchen bedeckt, dichte, tief herunterhängende Rasen bildet,
und weiterhin der Gundermann seine blaublühenden Ranken bis an den
Grund der Mauer herabhängen läßt.
Vielerlei Getier lebt an der Mauer, bunte Schnirkelschnecken und die
graue spitze Schließmundschnecke, Sprungspinnen und Mörtelbienen,
auch verschiedene Käfer und sonstige Lebewesen. Gern sonnen sich hier
die Füchse und das Pfauenauge, und nicht selten verschläft ein rotes
Ordensband dort den Tag. In einer von Efeu überwucherten Spalte neben
der Treppe hat der Zaunkönig gebaut, in dem struppigen Judendorn hat
die Braunelle ihr Nest und unter den verbogenen Wurzeln der alten Linde
die Bergbachstelze. Auch das Rotkehlchen, das im Pfarrgarten wohnt,
schlüpft oft an der Mauer hin und her, und der Rotschwanz, der unter
dem Kirchdache seine Brut hat, flattert oft vor ihr umher und fängt Fliegen.
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