Mein buntes Buch 5
Dann haben dort noch Kröten ihren Unterschlupf. Rechts von der Linde,
wo die Mauer schon sehr zerfallen ist und Gras und Quendel dicht
wuchern, wohnt eine dicke Erdkröte, und da, wo unter dem Holunderbusch
die kleinen blauen Glockenblumen in dichter Fülle herabhängen,
eine ebenso dicke Wechselkröte. Den Tag über halten sich beide
meist versteckt. Nur wenn nach längerer Dürre ein sanfter Regen
herunterkommt, verlassen sie auch einmal bei hellem Lichte ihre Löcher
und steigen auf den Friedhof hinauf, um zwischen den eingesunkenen
Gräbern auf die Jagd nach Nacktschnecken und Regenwürmern zu gehen, die
dann reichlich aus dem Grase und dem Erdboden hervorkommen.
Langsam und bedächtig schiebt sich die Erdkröte dann über die moosigen
Wege dahin, ab und zu ungeschickt hüpfend, wenn ein Mensch mit seinen
Tritten den Boden erschüttert. Dann drückt sie sich zwischen einige
Steinbrocken oder hinter einen Grasbüschel, und setzt sich erst wieder
in Bewegung, wenn es ringsumher ganz still geworden ist. Dann und
wann, wenn sich vor ihr etwas rührt, macht sie halt und schnellt die
Klappzunge nach der Ackerschnecke, die an einem Blatte emporkriecht,
oder reißt mit derbem Rucke den Regenwurm ganz aus der Erde und
schlingt ihn, mit den Händen nachstopfend, hinab. So treibt sie es, bis
sie übersatt ist und genügend Nachttau mit der Haut aufgenommen hat, um
sich dann, wenn die Frühdämmerung herannaht, wieder in ihr Mauerloch
zurückzuziehen.
Die hübsche, grün und weiß gefleckte Wechselkröte ist viel gewandter
als sie. Sie hüpft so flink wie ein Frosch, klettert sicher an den
steinernen Umfassungen der Gräber empor und läuft, wenn sie sich in
Gefahr glaubt, hurtig in einen Schlupfwinkel. Wenn ihre goldgrünen
Augen irgendwo eine Bewegung im Grase erspähen, so ist sie schnell da
und schnappt die Beute fort. Mit ganz großen Tauwürmern wird sie leicht
fertig, und wenn ihr ein winziger Grasfrosch in den Weg kommt, so
macht sie mit dem auch wenig Umstände. Nur um die mächtigen, blauen,
goldgrün und kupferrot schimmernden Maiwurmkäfer mit den unförmlichen
Leibern, die sie bei ihren Tagesfahrten oft antrifft, kümmert sie sich
nicht, denn die sind ihr ekelhaft.
Im März, wenn die Sonne das Wasser des Dorfteiches anwärmt, tritt
die Erdkröte alljährlich die große Reise nach den Flachsrösteteichen
unter dem Dorfe an, wo sie sich mit ihresgleichen trifft. Aus dem
Murren der Grasfrösche klingt dann ihr trockener, hölzerner, wenig
lauter Paarungsruf heraus, und bald darauf glitzern zwischen den
Wasserpflanzen ihre langen, schwarzgeperlten Laichschnüre, aus denen
sich schnell winzige schwarze Kaulquappen entwickeln, auf die die drei
Arten von Molchen, die dort ebenfalls ihre Laichplätze haben, eifrig
Jagd machen. Erst lange nachher, wenn die Laubfrösche dort meckern und
die Wasserfrösche plärren, kommt auch die Wechselkröte angerückt und
ihr helles Trillern hebt sich dann scharf von dem Quarren der Frösche
und dem Schnarren der Kreuzkröten ab. Ist aber die Laichzeit vorüber,
so tritt sie wieder die lange Reise nach der Kirchhofsmauer an und
sucht wie die alte Erdkröte ihr Loch bei der Linde, ihre Steinspalte
unter dem Glockenblumenbusch auf, das sie Nacht für Nacht verläßt, um
zwischen den Grabhügeln zu jagen.
Es sind die beiden besten und sichersten Schlupfwinkel in dem alten
Gemäuer, und schon so lange wie der alte Pfarrer hier lebt, kennt er
die beiden Kröten. Wahrscheinlich sind es nicht immer dieselben, denn
im Herbst schnobert der Iltis hier oft umher und sammelt Frösche und
Kröten für die karge Zeit. Aber immer wieder sind die beiden Löcher
von alten, dicken Kröten, hier von einer Erdkröte, da von einer
Wechselkröte, besetzt, und das wird wohl so lange dauern, wie die
Kirchhofsmauer besteht.
Die Moorwiese.
Dort, wo die Heide zum Moore geworden ist, liegt ein großes Stück
Wiesenland.
In schwerer Arbeit hat der Bauer die Heide abgeplaggt, Rieselgräben
gezogen, eine Quelle des Söbenbores hineingeleitet, dem Boden Kalk
zugeführt und so die Wiese geschaffen, die ihm seinen Schweiß und seine
Mühe reichlich lohnt.
Dieses grüne Stück Land zwischen Moor und Heide ist eine eigene Welt
für sich. Süße Gräser gedeihen auf ihr und fetter Klee, zierliches
Schaumkraut, kecker Hahnenfuß, gebrechliche Kuckucksnelken und
schwanker Sauerampfer, auch das vornehme Knabenkraut und das stolze
Wohlverleih, und an ihren Rändern die anmutige Spierstaude sowie die
leuchtende Wasserlilie.
Die reichlichere Nahrung brachte ein stärkeres Tierleben hervor, als
nebenan in Heide und Moor. In dem dichten Grase wimmelt es von allerlei
Raupen, Käfern, Heuschrecken und anderem Gewürm, und überall kriechen
die Bernsteinschnecken umher, flattern Motten, schwirren Graseulen,
taumeln Buttervögel, und die großen und kleinen Schillebolde, die,
sobald die Sonne scheint, hier unaufhörlich hin und her flirren, machen
reiche Beute.
Ein gutes Leben haben auch die Moor- und Grasfrösche dort, desgleichen
die Spitzmäuse; ihnen nach schleicht die Kreuzotter, die sich an heißen
Tagen hier gern im kühlen Grase birgt, und der Dorndreher, der in der
Hecke sein Nest hat, findet auf der Wiese Futter genug für seine immer
hungrige Brut. Gern wurmt da auch die Heerschnepfe, und mit Vorliebe
stelzt der Brachvogel dort umher und liest unter bedächtigem Kopfnicken
allerlei kleines Getier auf, wobei ihm ein Kiebitzpaar Gesellschaft
leistet, und an tauschweren Abenden läßt der Wachtelkönig aus dem
langen Grase sein Geschnarre erschallen.
Immer ist hier etwas los. Eben rüttelte der Raubwürger über der Wiese,
nach einer Zwergmaus spähend; darauf ließen sich zwei Krähen nieder und
suchten Heuschrecken; dann kam der Sperber vorbeigeschwenkt, zog aber
mit leeren Griffen ab, weil sich die Dorngrasmücke noch rechtzeitig in
das Gestrüpp fallen ließ, und hinterher kommt ein Kornweihenmännchen
angeschaukelt und suchte die Wiese Fuß um Fuß ab, bis sie niederstößt
und mit irgend einer Beute abzieht. Jetzt läßt sich ein Feldhuhnpaar
dort nieder; der Hahn treibt die Henne eifrig und schwirrt mit ihr
in das Moor hinein. Und dann flimmert und funkelt es herrlich; ein
Fasanenhahn ist aus dem Gebüsche hervorgetreten und läßt sein Gefieder
in der Sonne leuchten.
Ihm gegenüber, am Ende der Wiese, hoppelt ein Hase aus der Heide und
mümmelt eifrig das Gras ab. Kaum ist er verschwunden, so schiebt sich
ein Rehbock halb aus den Birken, sichert ein Weilchen und tritt ganz
heraus, unter fortwährendem Verhoffen das Gras abäsend. Jetzt wirft er
auf und äugt scharf dahin, von wo der Storch angeschritten kommt. Es
paßt ihm nicht, daß ihn der Langhals stört, und halb aus Scherz, halb
im Ernst zieht er, die Läufe im spanischen Tritt setzend, ihm entgegen
und macht drohende Forkelbewegungen mit dem Haupte, bis er seinen Zweck
erreicht hat, der Storch sich aufnimmt und abstreicht, während der Bock
sich langsam an der Hecke herunteräst und dann wieder dem Moore zuzieht.
Eine Weile ist es leer auf der Wiese, nur, daß die Dorngrasmücke ab und
zu über ihr herumzwitschert und Ammern und Finken angeflogen kommen,
um sich an den Staugräben zu tränken. Die Schillebolde schwirren hin
und her, ein Zitronenfalter taumelt vorbei, Weißlinge tanzen auf und
ab, eintönig schwirrt die Laubheuschrecke. Dann läßt sich ein fast ganz
weißer Wespenbussard mitten in der Wiese nieder, schreitet bedächtig im
Grase umher und füllt sich den Kropf, um dann dem Forste zuzuschweben,
wo er seinen Horst hat. Plötzlich ist eine weiße Bachstelze da, lockt,
springt nach Fliegen und flieht eilig, weil das Raubwiesel angehüpft
kommt, hastig durch das Gras schlüpft und mit einer halbwüchsigen
Wühlratte zwischen den Zähnen dem Gebüsche zueilt.
So geht es den ganzen Tag, und naht der Abend heran, verschwinden
die Wasserjungfern, hört das Faltergeflatter auf, erstirbt das
Bienengesumme und das Hummelgebrumm, dann wird ein anderes Leben laut.
Der Heuschreckensänger läßt sein eintöniges Geschwirre ertönen, das
Rotkehlchen singt sein Abendlied. Fledermäuse zickzacken hin und
her und die Nachtschwalbe jagt mit ihnen um die Wette. Wird es noch
dunkler, so stellt sich auch die Mooreule ein und geht auf Mäusefang,
Enten fallen ein und gründeln in den Rieselgräben, um mit lautem
Angstgequarre von dannen zu poltern, wenn der Fuchs sie zu beschleichen
versucht, heftig angeschmält von dem Altreh, das mit seinen beiden
Kitzen auf die Äsung getreten ist.
Ganz duster ist es nun geworden. Im hohen Grase schnauft und schmatzt
der Igel, der Iltis geht auf die Froschjagd und flüchtet, wie der
Dachs heranschleicht und nach Untermast sticht, bis auch ihn ein
dumpfes Dröhnen vergrämt. Ein Rottier ist es, das mit seinen Kälbern
herangezogen kommt, und sich bis zum Morgen in der Wiese äst, deren
Gras reifer und süßer ist als im Forste und auf dem Moore. Ehe aber der
Nebel aus dem Grase weicht, ist das Rotwild schon wieder verschwunden
und außer zwei Hasen ist dort nur noch der Rehbock zu sehen, der aber
auch bald abzieht.
Noch ein Weilchen jagt die Mooreule an den Staugräben entlang, die
Heerschnepfe lockt, der Heuschreckensänger schwirrt: dann verliert sich
der Nebel und die Tiere des Tages treiben wieder ihr lustiges Leben auf
der Wiese zwischen Heide und Moor.
Die Schlucht.
Unter der Steilwand des Berges erhebt sich ein Dutzend Klippen in dem
Buchenaufschlag, und darunter liegt ein großer Erlensumpf, in dem sich
das Regenwasser, das von den Felsen hierhin geleitet wird, fängt, um
in einer Reihe von dünnen Wasserfäden wieder zum Vorscheine zu kommen,
die sich allmählich zusammenfinden und ein Bächlein bilden. Im Laufe
der Zeit hat es sich ein tiefes Bett in den Berg gegraben, den Erdboden
bis auf den felsigen Grund fortgewaschen, und so rinnt es nun in einer
engen Schlucht mit steilen Wänden zu Tale, meist flach und dünn, dann
und wann aber breite flache Tümpel oder tiefe Löcher bildend, je
nachdem die Rinne sich verbreitert oder Felszacken sie einengen.
Da aus der Schlucht immer eine feuchte Luft heraussteigt, sind ihre
Ränder dicht mit Farnen bestanden, hohem Straußfarn und Wurmfarn,
deren verwelkte Wedel jetzt wie braune Fächer herabhängen, starrem
Rippenfarn, dessen Laub auch im Winter grün bleibt, und Tüpfelfarn,
der ganze Rasen zwischen den Wurzeln der alten Eichen bildet,
die die Schlucht begleiten. Aus den Spalten ihrer feuchten Wände
kommen dichte Büschel winziger Felsenfarne hervor, die helles und
dunkles, gefiedertes und gelapptes Laub tragen, und mit Efeuranken,
Lebermoosgeflechten und Laubmoospolstern die Felswände fast ganz
bedecken.
Im Sommer kommt die Sonne wegen der dichtschattenden Eichen und Buchen
nur an ganz wenigen Stellen bis an die Schlucht heran; jetzt aber,
da die Wipfel kahl sind, kann sie sie nur da nicht erreichen, wo die
Fichten sich ganz eng um sie zusammendrängen. Hier, wo die Steilwände
auseinandergehen und der Wasserfaden ein breites Becken mit flachen
Ufern gebildet hat, fällt das Mittagslicht der Wintersonne voll auf das
Wässerchen. Die Schneeflocken an seinen Rändern leuchten nur so und die
Eiszapfen an den freien Wurzeln blitzen und funkeln um die Wette mit
den Blättern des Efeus und des Haselwurzes.
So warm scheint die Sonne, daß die Schneeflöhe auf den Schneeflecken
lustig hin und her hüpfen und der Gletschergast, das seltsame,
flügellose, dunkelerzgrüne Wespchen, munter zwischen den Fruchtschirmen
des Brunnenmooses auf und ab springt. Eine kleine Gehäuseschnecke ist
unter der Wirkung der Sonnenwärme aus der Froststarre erwacht; sie
kriecht langsam vorwärts und weidet den Algenüberzug des Gesteins
ab. Da kommt unter einem faulen Farnwedel ein winziges, fast nacktes
Schneckchen, das auf dem Hinterleibe einen lächerlich kleinen flachen
Deckel trägt, hervorgekrochen. Es streckt seine Taster in die Luft,
bewegt sie hin und her und schleicht dann stracks auf das andere
Schneckchen zu, das, sobald es sich berührt fühlt, sich schleunig
in sein Häuschen zurückzieht. Doch das nützt ihm wenig, denn die Daudebardie legt sich darüber, raspelt mit ihrer scharfgezähnten Zunge das Häuschen durch und frißt das Schneckchen bei lebendigem Leibe auf.
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