Mein buntes Buch 6
In den Sonnenstrahlen, die durch die Wipfel der Fichten fallen, blitzt
und funkelt es unaufhörlich auf und ab. Ein Schwarm von Wintermücken
ist es, die hier ihren Hochzeitstanz aufführen. Den Sommer über haben
sie als Larven in dem faulen Laube am Grunde der Schlucht gelebt, haben
sich im Spätherbste zu Mücken entwickelt und schwärmen nun fröhlich
umher. Sie locken den Zaunkönig an, der eben noch in dem dichten
Waldrebengeflechte, das die lichthungrigen Dornbüsche weiter unten an
der Schlucht umspinnt, fürchterlich lärmte, weil es ihm nicht paßte,
daß die Waldmaus da umhersprang und ihm die Spinnen und Käfer fortfing,
die er als sein ausschließliches Eigentum betrachtet. Nun schlüpft er
in der Schlucht von Wurzel zu Wurzel und hascht alle Augenblicke eine
der Mücken. In den Dornbüschen turnt ein Sumpfmeisenpärchen umher und
pickt die Spannereier von der Rinde fort, und sobald es verschwunden
ist, erscheinen mit vergnügtem Gepiepe zwei Blaumeisen und halten
Nachsuche.
Dann ertönt ein leises Ticken, ein Rotkehlchen aus dem Norden, das den
Winter hierzulande warm genug findet und nicht weiter gewandert ist,
kommt angeschnurrt, macht einen Bückling, fängt eine Mücke, trinkt aus
dem Tümpel, sucht nach Gewürm und Schneckchen im Moose und schnurrt
von dannen. Einige Buch- und Bergfinken fallen ein, tränken sich und
stieben wieder ab. Eine Amsel fliegt herbei, wirft mit dem Schnabel
geräuschvoll das Vorjahrslaub durcheinander, erbeutet Regenwürmer
und Schnakenmaden und streicht mit gellendem Gezeter davon, weil der
Fuchs aus der Fichtendickung heranschleicht. Er besucht die Schlucht
gern, denn allerlei Mäuse wohnen in ihr, und ab und zu erwischt er
dort auch eine Forelle, die sich von Tümpel zu Tümpel geworfen hat,
um in dem sauerstoffreichen Wasser abzulaichen. Damit tut sie den
vielen Salamanderlarven, die auf dem Grunde der Kölke leben, einen
Gefallen, denn die frisch ausgeschlüpften Forellen sind ihnen ein
bequemes Futter. Sie selber aber fallen zum Teil dem Eisvogel zur
Beute, der ab und zu einen Ausflug in die Schlucht macht, während
die Köcherfliegenlarven, die in Menge auf dem Grunde der Pfützen
umherkriechen, der Wasseramsel über die schlechte Zeit hinweghelfen
müssen, wenn der Bach, in den das Bächlein rinnt, durch Regengüsse oder
Schneeschmelze getrübt ist.
Wenn im Vorfrühjahr die Sonne schon mehr Macht hat, blühen die
Haselbüsche auf, die an den Flanken der Schlucht wachsen; über die
ganze Rinne hin leuchtet es von den goldenen Troddelchen und die
bemoosten Felswände werden gelb überpudert. Es dauert dann auch nicht
lange, und die vielen Seidelbaststräucher in den Steinspalten bedecken
sich mit rosenroten Blüten, die blauen Sterne der Leberblümchen
erscheinen im Laube, erst wenige weiße Buschwindröschen, zu denen jeden
Tag mehr kommen, und schließlich auch die gelben, die Goldsternchen des
Scharfkrautes, rosig aufblühende und dann blau werdende Lungenblumen,
die zierlichen Simsen, die unheimliche Schuppenwurz, der bunte
Lerchensporn, das winzige Moschusblümchen, und über sie hin schwirrt
und flirrt es von Motten und Fliegen, und im Laube rispelt und krispelt
es von Käfern aller Art, und lustig flattern die Zitronenfalter
zwischen dem Gebüsche umher.
Um diese Zeit kommen auch die Fadenmolche aus ihren Winterlagern
hervorgekrochen, fressen heißhungrig, bis sie fett und dick sind,
vertauschen ihre mißfarbigen Kleider mit bunten Hochzeitsgewändern und
bevölkern die flache, mit faulen Blättern gefüllte Wasserrinne, bis
das Laichgeschäft vorüber ist. Ihnen folgen die Salamander, die zu
Hunderten hier zusammenkommen und in den tieferen Wasserlöchern ihre
Brut absetzen, um sich dann wieder über den ganzen Wald zu verteilen.
Dann aber ist auch die hohe Zeit für die Schlucht vorbei. Die
Vorfrühlingsblumen verwelken, das Laub der Buchen und Eichen
verschränkt sich und schattet so sehr, daß nur noch die Farne, die
braune Vogelnestwurz, der leichenfarbige Fichtenspargel, Pilze und
wenige Schattenpflanzen hier gedeihen und von den Tieren Schnecken und
solches Gewürm, das mit halbem Lichte zufrieden ist und die feuchte
Kühle liebt, und das zum Teil erst dann zu vollem Leben erwacht und
sich aus den modrigen Spalten und dem vom Fallaube verhüllten Schotter
nach oben zieht, wenn Schnee das Land bedeckt und Eiszapfen aus dem
Moose heraushängen.
Die Heide.
Im Spätherbst, als das rosenrote Seidenkleid der Heide immer mehr
verschoß, wurden die Stadtleute ihr untreu.
Wochenlang waren sie bei ihr zu Gast gewesen, waren auf und ab gezogen
in ihrem Bereiche, hatten ganze Arme voller rosiger Heidsträuße
mitgenommen, hatten auf das überschwenglichste von ihr geschwärmt und
waren dann fortgeblieben.
Sie wußten nicht, wie schön die Heide spät im Herbst ist, wenn ihr
bräunliches Kleid mit silbernen Perlchen bestickt ist, wenn die
Moorhalmbüschel wie helle Flammen leuchten, die Brunkelstauden feuerrot
glühen und die Hängebirken wie goldene Springbrunnen auf die dunklen
Jungföhren herabrieseln.
Die Leute meinen, tot und leer und farblos sei es dann dort. Sie
wissen nichts von den knallroten Pilzen, die im seidengrünen Moose
prahlen, von den blanken Beeren an den bunten Brombeerbüschen, von den
goldgelben Faulbaumsträuchern und den glühroten Espen vor den düsteren
Fichten, von den mit purpurnem Riedgrase besäumten, blau blitzenden
Torfgruben und von dem lustigen Leben, das zwitschernd und trillernd,
pfeifend und kreischend über alle die bunte Pracht hinwegzieht.
Sie ahnen es auch nicht, wie herrlich die Heide selbst dann noch ist,
wenn die Birken ihren goldenen Schmuck verlieren und die Eichen ihr
bronzenes Laub fahren lassen müssen. Viel farbiger als der Buchenwald
ist wintertags die Heide, sei es, daß der Schnee sie verhüllt, von
dem dann die ernsten Föhren, die unheimlichen Wacholder und die
silberstämmigen, dunkelästigen Birken sich feierlich abheben, oder daß
Rauhreif ihr ein zartes Spitzenkleid schenkt, das die Farben der Bäume
und Büsche weicher und feiner macht, und das in der Sonne wunderbar
glimmert und schimmert. Sogar dann, wenn der Nordweststurm seine
zornigsten Lieder singt und die Sonne blutrot in gespenstigen Wolken
hinter den blauen Wäldern untertaucht, hat die Heide Schönheiten, die
andere Landschaften nicht darbieten. Aber nicht viele Menschen wissen
das.
Und jetzt, da die Zeit herankommt, daß die Heide sich zum
Frühlingsfeste rüstet, nun sie ihr fröhlichstes Kleid anlegt, da bleibt
sie allein für sich, denn die Menschen in der Stadt haben keine Kunde
davon, wie lieblich sie ist in ihrer Bräutlichkeit. Wie ein stilles,
halb verlegenes, halb schalkhaftes Lächeln in einem schönen, ernsten
Frauengesicht ist das Aufwachen des Frühlings im Heidlande, langsam
bereitet es sich vor, fast unmerklich tritt es in Erscheinung durch
schüchtern sprießende Gräser, verschämt hervorbrechende Blättchen,
zaghaft sich öffnende Blüten, bis nach und nach die Büsche und Bäume
sich voll begrünen und jede Wiese ein einziges Blumenbeet ist.
Über der wilden Wohld, die geheimnisvoll und dunkel hinter den Wiesen
bollwerkt, kreisen die Kolkraben und rufen laut. Da recken die Erlen
am Forellenbach ihre Troddeln und schütten Goldstaub auf die Wellen.
In den hohen Föhren jagt der Schwarzspecht mit gellendem Jauchzen sein
Weibchen von Stamm zu Stamm. Da werden die Bommelchen am Haselbusch
lang und länger, bis sie wie Gold in der Sonne leuchten. Der Tauber
ruckst auf dem Hornzacken der alten Eiche. Da öffnen die Kuhblumen am
Graben ihre stolzen Blüten. Vor Tau und Tag schlägt der Birkhahn im
Bruche die Trommel, der Kranich trompetet, die Heerschnepfe meckert,
und nun platzen an den kahlen Porstbüschen die braunen Kätzchen auf,
das ganze weite Bruch umzieht sich mit einem goldrot glühenden Geloder,
und auf den angrünenden Wiesen entzünden die Weidenbüsche helle
Freudenfeuer.
Jetzt rühren sich auch die Birken. Sie schmücken sich mit smaragdgrünen
Blättchen und behängen sich mit langen Troddeln, und in wenigen Tagen
geht ein betäubender Juchtenduft vor dem lauen Winde her, gemischt mit
dem strengen Geruch des blühenden Porstes. Auch die Föhren und Fichten
färben sich freudiger, die Erlen brechen auf und schließlich lassen
sich sogar die Eichen rühren und umgeben ihre knorrigen Zweige mit
goldenen Flittern. Nun beginnt ein Jubeln, Singen und Pfeifen, das von
Tag zu Tag stärker wird. In den Wäldern schlagen die Finken, pfeifen
die Stare, flöten die Drosseln, Laubvogel und Rotkehlchen singen ihre
süßen Weisen, die Meisen läuten, die Pieper schmettern, der Grünspecht
kichert, der Buntspecht trommelt, die Weihen werfen sich laut keckernd
aus der Luft, die Kiebitze rufen und taumeln toll vor Lebenslust
umher, und unter den lichten Wolken am hohen Himmel zieht der Bussard
jauchzend seine schönen Kreise.
Auch in dem Dörfchen, das unter den hohen Heidbergen fast ganz
versteckt zwischen seinen Hofeichen liegt, ist der Frühling
eingekehrt. Von jedem Giebel pfeifen die Stare, in allen blühenden
Bäumen schmettern die Finken, in den Fliederbüschen schwatzen die
Sperlinge, auf der Gasse jagen sich zwitschernd die Bachstelzen, und
am Mühlenkolke singt die Nachtigall. Über dem Dorf aber auf der hohen
Geest, wo der Wind am schärfsten weht, wird es nun erst Frühling.
Einzelne Birken sind ganz kahl, andre wollen sich just begrünen, und
nur ganz wenige schaukeln schon ihre Blütenkätzchen. Aber immer mehr
Heidlerchen hängen in der Luft und dudeln ihre lieben Lieder hinab,
von Tag zu Tag färbt sich das Heidkraut frischer, schmücken sich die
mürrischen Wacholderbüsche mit mehr jungen Trieben, verjüngt sich das
Torfmoos im Quellsumpf und umzieht sich sein Abfluß mit silbernen
Wollgrasschäfchen und goldgelben Milzkrautblüten, und hin und her
fliegen die Hänflinge, lustig zwitschernd.
Endlich flötet der Pfingstvogel in den hohen Birken bei dem alten
Schafstall, in der Wiese stelzt der Storch umher, grüne Käfer fliegen
blitzend und schimmernd über den gelben Sandweg, die Morgenrotfalter
taumeln über die Wiesen, die vom Schaumkraut weiß überhaucht sind, an
den Föhren und Fichten springen gelb und rot die Blütenzapfen auf und
sprießen neue Triebe, und ganz und gar hat sich nun der Frühling die
Heide erobert von den kahlen Höhen an bis tief in das Moor hinein, wo
an den Torfgruben die Rosmarinheide ihre rosenroten Glöckchen entfaltet
und auf den Gräbern silbernglänzendes Gras flutet. Das ganze Land ist
verjüngt, überall ist frisches, junges Laub und buntes Geblüm, darüber
hin zieht ein kräftiger Duft, und kein Fleck ist da, wo nicht ein
Vogellied erschallt von der Frühe an, wenn die Birkhähne blasen und
trommeln, bis zur Abendzeit, wenn die Nachtschwalbe mit gellendem Pfiff
dahinschwebt und laut die Fittiche zusammenknallt.
Dann ist die Heide lustiger als zu einer andern Zeit, so voll von
Leben, so bunt von Blumen, so reich an Farben, daß auch ihre ernsten
Menschen fröhlicher werden müssen. Rauscht doch das Birkenlaub so
schelmisch im Wind, summen doch selbst die brummigen Föhren zufriedener
als je, flattert es allerorts weiß und bunt von flinken Faltern und
ist die von Kienduft durchtränkte Luft erfüllt von Lerchengetriller
und Piepergeschmetter, daß der Mensch helläugig werden muß, auch wenn
er bei sengender Sonnenglut im Moor in schwerer Mühe den Torf gewinnen
muß; denn ohne daß er es weiß, machen die leise zitternden weißen Wollgrasflocken, die silbern blitzenden Birkenstämme und die goldenen Blüten an den Ginsterbüschen sein Herz leicht und heiter.
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