Mein buntes Buch 7
Von all der Pracht aber wissen die Menschen in der Stadt nichts;
sonst würden sie nicht in überfüllten Anlagen und lärmdurchtönten
Wirtschaftsgärten Erholung suchen, die dort nicht zu finden ist,
sondern ihren Sonntag in der Heide verbringen, in der lachenden,
lustigen, liederreichen Heide.
Der Fluttümpel.
Einen ganzen Tag und eine volle Nacht schlugen die Wogen über den
Strand. Ein jedes Mal, wenn sie ankamen, luden sie totes und lebendes
Getier, Steine und Tang ab, nahmen dafür aber große Mengen Sand mit, so
daß den ganzen Strand entlang eine Reihe von Tümpeln entstand.
Die meisten von ihnen waren so flach, daß sie die Sonne heute in
wenigen Stunden austrocknete. Der eine aber hier hinter der Barre von
Feuersteinknollen, Seegras und Miesmuscheln, die die Wogen anhäuften,
hat den Sonnenstrahlen widerstanden, denn er ist anderthalb Fuß tief,
zwanzig Schritte lang und zehn breit.
Ein Meer in kleinem Maßstab ist dieser Flutkolk. An mehreren Stellen
liegen Feuersteine, die dicht mit ledrigem Blasentang bewachsen sind,
dessen Laub bis an den Spiegel reicht. Auf anderen Steinen, die das
Wasser hier hinschleuderte, wuchern zarte Tange von hellgrüner Farbe,
auf anderen wieder zierliche Algen, braun, rot und grün gefärbt. Der
Boden des Tümpels besteht aus klarem Sande und den Schalen von Muscheln
und Schneckengehäusen.
Die See hat so viele Dorsche, Knurrhähne und Butts auf den Strand
geworfen, daß die Möwen und Krähen überreichlichen Fraß finden, und so
kümmern sie sich nicht um das Getier, das in dem Kolke lebt, und auch
die Brandenten, die bei hohem Seegange gern in ihm herumschnattern,
gründeln heute, wo das Meer still wie ein Spiegel daliegt, in der
Seegraswiese im Seichtwasser, in dem es von Fischbrut, Schnecken und
Garnelen wimmelt. So haben die Tierchen in dem Tümpel vorläufig Ruhe.
Hurtig schießen die jungen Dorsche durch das Wasser und jagen auf
winzige Krebschen. Sobald aber unser Schatten auf den Wasserspiegel
fällt, huschen sie unter die Steine oder verbergen sich zwischen
dem Blasentang, und die Garnelen fahren von dannen und graben sich
blitzschnell in den Kies ein. Eine durchsichtige Qualle schwimmt
langsam an der Oberfläche. Jetzt schließt sie sich über einem halbtoten
jungen Dorsch und sinkt mit ihm zu Boden, um ihn aufzusaugen, und dicht
neben ihr kriecht ein Seestern und sucht nach lebenden Miesmuscheln.
Zwischen dem zarten hellgrünen Tange bewegt sich etwas, das wie
ein abgerissenes Seegrasblatt aussieht. Es ist eine Seenadel. Ganz
langsam bewegt sich der grasgrüne, stricknadeldünne Fisch dahin.
Weiterhin zwischen dem Blasentang schwimmt ein bräunlicher, größerer,
und allmählich entdecken wir ein ganzes Dutzend der seltsamen Fische
zwischen den roten, braunen und grünen Algenbüschen. Auch einige
fadendünne Jungaale schlängeln sich am Rande des Tümpels dahin und
suchen einen Ausweg, denn das Brackwasser ist ihnen leid und es drängt
sie nach dem Flusse. Sogar eine winzige Scholle ist hier gefangen. Sie
hat sich bis auf die Augen eingewühlt und ist kaum sichtbar.
Da wir ganz stillliegen, zeigt sich immer mehr Leben. Flohkrebse
schießen zwischen den Algen hin und her, die Dorsche necken sich und
die Garnelen wagen sich wieder hervor. Hier vor uns tauchen zwei
winzige schwarze Punkte auf, und da und dort ebenfalls. Es sind die
Augen eines kaum zollangen, schlanken Krebses, der durchsichtig wie
Glas ist, so daß wir ihn nur an den Augen und an dem bräunlichen
Darminhalt erkennen. In Menge sind diese Tiere hier in dem Tümpel; aber
jetzt, wo der Schatten einer vorüberfliegenden Möwe auf das Wasser
fiel, sind sie sämtlich verschwunden, und trotz aller Mühe finden wir
keinen von ihnen wieder, bis auf einmal die schwarzen Augen wieder
auftauchen und sie uns verraten.
Doch nicht nur im Wasser ist reiches Leben, auch der Sand birgt es,
wie die vielen feinen Löcher andeuten, mit denen er gemustert ist.
Kleine, schwarze, glatte, halbflügelige Wühlkäfer sind es, die hier
wie Maulwürfe graben und den winzigen Fliegenlarven nachstellen, die
sich von den faulenden Stoffen nähren, mit denen der Sand durchtränkt
ist. Auch ein sonderbarer kleiner, glasheller Krebs, der Meerfloh,
lebt unter dem Sande. Wir brauchen nur ein wenig zu scharren, und eine
ganze Menge der merkwürdigen Tiere kriecht hervor, hüpft eilig weiter
und bohrt sich schnell wieder ein. Und heben wir hier den faulenden
Blasentang auf, so finden wir einen Verwandten von ihm, den bräunlichen
Strandfloh, der sich mit ängstlichen Sprüngen vor dem Sonnenlichte zu
retten sucht.
Winzige Uferkäfer, in schimmerndes Erz gekleidet, rennen über den
Sand, und bald hier, bald da blitzt es auf, um sofort wieder zu
erlöschen. Das ist der Meerstrandsandläufer, ein wunderschöner, grauer,
weißgebänderter Raubkäfer mit blaugrünem, glänzendem Unterleibe, den er
jedesmal zeigt, wenn er auffliegt, um Strandfliegen zu fangen, die zu
Tausenden hier umherschwirren. Er ist ein reines Sonnentier. Je heißer
die Sonne scheint, um so reger ist er. Bei trübem Wetter verliert er,
wie die Wasserjungfern, die Flugkraft, verbirgt sich im Gekräut und
wartet bessere Tage ab. Ganz sein Gegenteil ist ein Verwandter von ihm,
ein platter Laufkäfer von bleichgelber Farbe mit schwarzem Sattel, der
sich hier überall unter hohlliegenden Steinen findet, wo er den Tag
verbringt, um sich erst in der Nacht hervorzuwagen und auf schlafende
Strandfliegen zu jagen.
Wenn die Sonne noch einige Tage scheint, so verdunstet das Wasser auch
in diesem Tümpel, er trocknet aus, die Dorschbrut und die Garnelen
sterben ab und die anderen zarten Krebse, die Schnecken und Flohkrebse
verkriechen sich unter dem Tang und warten, bis der Sturm abermals die
Wellen bis hierher wirft und wiederum, während er totes und sterbendes
Getier am Strande aufhäuft, den Fluttümpel mit neuem Leben erfüllt.
Der Windbruch.
Mitten in der Wohld liegt eine weite, breite Lichtung.
Der Sturm hat sie geschaffen. In einer schwarzen Nacht kam er über das
Moor gebraust, und als ihm die Wohld im Wege stand, stürzte er sich
mitten in sie hinein, schmiß viele Hunderte von Fichten und Föhren
durcheinander und verschwand über der Geest.
Viele Wochen lang krachten die Äxte und kreischten die Sägen auf dem
Windbruche. Als dann der Frühling kam, wuchs der Holzweg, den die
Bauern von dem Hauptgestelle nach der Blöße geschlagen hatten, zu.
Zwischen den gewaltigen Wurfböden und um die tiefen Kuhlen, in denen
sie gestanden hatten, sproß allerlei Kraut und Gestrüpp, das bisher
vor dem Drucke der dichten Kronen nicht hatte aufkommen können, und so
manches Getier, dem es dort einst zu dumpf gewesen war, siedelte sich
an.
Ein heimlicher Ort ist diese Stelle, eine Welt für sich, fest
umschlossen von engverschränktem Gebüsch und dichtgedrängten Bäumen.
Üppig sind die Himbeeren aufgeschossen, und frisch wuchert süßer
Hornklee. Darum steht der beste Bock in der Jagd mit Vorliebe auf
dieser Stelle, sicher vor dem Jägersmann, denn rundumher liegt so viel
Geknick und steht so viel Gestrüpp, daß der sich nicht unangemeldet
heranpürschen kann.
Die Morgensonne fällt voll auf die Blöße. Die großen Blumen der
Schwertlilien in den Kölken leuchten wie goldene Flammen und die zarten
Blüten der Wasserfeder, die die dunklen Spiegel mit grünem Rasen
bedeckt, schauen ehrfurchtsvoll zu ihnen auf. Ein großer Schillebold
mit himmelblau geziertem Leibe schießt in edlem Fluge hin und her.
Jedesmal, wenn er eine Wendung macht, knistern seine goldbraunen Flügel.
Oben in den Kronen zirpen die Goldhähnchen. Ein Zaunkönig erhebt ein
großes Geschimpfe, denn es paßt ihm nicht, daß die Kreuzotter sich dem
Wurfboden nähert, in dessen Wurzelwerk er gebaut hat. Das Rotkehlchen,
das nicht weit davon brütet, und die Weidenmeise, die sich in einem
faulen Stumpfe ihr Nestloch gezimmert hat, helfen ihm dabei. Dann
raschelt es leise in der Dickung, unter dem Spillbaum, vor dem die
Schlange sich windet, zuckt ein feuerroter Blitz nach ihrem Kopfe,
und dann steht der Waldstorch da, die Otter im Schnabel. Sein blankes
Gefieder wirft rote und grüne Lichter von sich. Er sieht sich um,
schlägt seine Beute gegen die Erde und schleicht wieder zurück.
Heißer scheint die Sonne. Die Wasserwanzen schießen auf den
schwarzen Kölken hin und her und die Frösche, die auf dem hellgrünen
Vergißmeinnichtrasen sitzen, melden sich dann und wann. Plötzlich
verstummen sie. Ein Häher läßt sich an dem Wasserloche nieder, blickt
sich scheu um, trinkt und schwebt davon. Dumpf heult der Hohltäuber,
hell ruft der Schwarzspecht, und unaufhörlich erklingt das Geschmetter
der Finken und das Getriller der Meisen. Ein Pfauenauge spielt mit
seinem Weibchen, ein Zitronenfalter tänzelt um die Faulbaumbüsche, die
Luft blitzt von dem Geflitze der Schwebfliegen und ist erfüllt von
Hummelgesumme.
Auf dem dunklen Wasser wirbeln silbern blitzende Taumelkäfer lustig
umher. Jetzt fahren sie auseinander und tauchen hastig unter, denn ein
Schatten fiel über sie. Der Waldwasserläufer ist es, dieses seltsame
Urwaldschnepflein. Eilfertig trippelt der düstere Vogel, den lichten
Bürzel emporschnellend, an dem Tümpel entlang, hier im saftigen
Torfmoose herumstochernd, da ein Würmchen aus dem Wasser fischend und
dort eine Mücke von einem Halm schnappend, dabei fortwährend nickend
und wippend und gewandt über die Wasserfederpolster rennend.
Jetzt steht er mit schrillem Schrei auf und sofort ist sein Weibchen
bei ihm, das in dem vorjährigen Drosselneste in der Fichte brütet.
Laut rufend schießen die beiden sonderbaren Vögel über die Blöße
hin, ab und zu nach dem Raubwiesel hinunterstoßend, das zwischen dem
Gestrüpp hinschlüpft. Nun fängt auch der Zaunkönig an zu schimpfen,
das Rotkehlchen warnt, die Amsel zetert, die Braunelle entrüstet
sich, die Meisen lärmen, und das dauert so lange, bis der kleine
Räuber sich drückt und es still auf dem Windbruche wird. Die beiden
Waldwasserläufer aber bleiben noch eine ganze Weile wippend und nickend
auf zwei Wurfböden stehen und halten Wacht. Schließlich stiehlt sich
das Weibchen wieder zu seinem verborgenen Neste und das Männchen
trippelt von neuem an dem Pumpe entlang.
Der Kuckuck läutet. Die Tauben gurren. Vom hohen Himmel ruft der
Bussard. Leise bricht es in der Dickung. Unter dem Schneeballbusche
tritt der Bock heraus, äugt lange hin und her und äst sich dann
an Gras und Klee. Goldfinken locken, ein Buntspecht hämmert. Fern
fällt ein Büchsenschuß. Die Hummeln brummen, und die Fliegen summen,
das Sonnenlicht spielt auf den blanken Blättern des protzigen
Hülsenbusches, und hin und her schießt die große, herrlich gefärbte
Wasserjungfer über den Windbruch mitten in der wilden Wohld.
Der Bergteich.
Das Bergstädtchen ist heute ein einziger großer Blumengarten. Überall
recken sich die Rispen des weißen und blauen Flieders zwischen
dem hellgrünen Gesprieße der Tannen und dem tiefen Kupferrot der
Blutbuchen, über jeden Zaun fluten des Goldregens leuchtende Trauben,
die Roßkastanien sind überladen mit roten Kerzen, die Waldrebe
entfaltet ihre blauen Sterne, der Rotdorn bricht fast unter der
Fülle seiner Röschen, und die riesigen Knospen der Pfingstrosen sind
aufgesprungen und lassen ihre weißen und roten Blumenblätter leuchten.
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