Mein buntes Buch 8
Der Himmel, der zwei Tage grau und grämlich war, ist
vergißmeinnichtblau geworden, die Sonne, die zwei Tage lang hinter
Grauwolken steckte, scheint voll und heiß und lockte Bienen und
Fliegen. Der frische, reinliche Ostwind hat den faulen, schmutzigen
Westwind abgelöst, er schwenkt die blühenden Büsche und läßt die Falter
flattern.
Wo tief zwischen grünen Waldkuppen ein kühles Wasser liegt, dahin zieht
es alle Menschen an diesem glühenden Tag, über den Bergbach, dessen
wilde Wellen rauschend und brausend, blitzend und blendend über das
Wehr springen, den Wiesenpfad über den Berg hinan und hinein in den
schattigen Wald, wo von hoher Felsböschung der Ginster seiner goldenen
Blumen Fülle nicken läßt.
Am Teich sind alle Tische voll von frohem Volk. In der klaren
schönen Flut spiegelt sich der Buchen, Eichen, Fichten und Espen
verschiedenfarbiges Grün in wunderbarer Mischung; wo der Wind den
Wasserspiegel erreicht, kräuselt sich das Wasser blau und silbern. Von
den gelben Rudern spritzen leuchtende Perlen und hinter den Kielen
zittern silberne Streifen her.
Rund um den Teich führt ein abwechslungsreicher Weg durch warmes Licht
und kalten Schatten, über bunte Wiesen und durch grünen Wald. In den
sonnigen Buchten fahren die flinken Ellritzen hin und her, in den tiefen
Ecken steht die bunte Forelle. Silberne Wasserjungfern knistern über
die schwimmenden Blätter der Wasserhirse, stahlblaue Schwalben huschen
über die Flut.
Aus dem Schatten der Buchen, wo einer hohen Kuckucksblume große weiße
Blüten schimmern, tritt man auf eine sonnige Wiese, in der eine bunte
Blume die andre drängt; da surren langhörnige Käfer, da schwirren
glasflüglige Falter, da blitzt und funkelt es von allerlei sonnenfrohem
Kleingetier.
Weiterhin in der sumpfigen Schattenecke plätschert das
Wasserhühnchen herum, dicht über die schwarzgrüne Flut streicht ein
Strandläuferpärchen, mit den langen, schmalen, gebogenen Flügeln fast
das Wasser streifend, behäbig quarrt der Teichfrosch, lustig meckert
der Laubfrosch und langsam rudert ein Molch zwischen dem Kraut umher.
An einem Wieseneinschnitt, den ein kleines Wasser durchrieselt, ist
ein dichtes Beet schneeweißer Dolden. Da schlüpft der Zaunkönig unter
den grünen Schirmen der Pestwurz umher, und zwischen den überrieselten
Steinen fischt die Bergbachstelze nach Gewürm für ihre Kleinen.
Und dann tritt man in das Gedämmer der Fichten, aus deren Wipfeln das
dünne Gepiepe unsichtbarer Goldhähnchen ertönt, und wieder hinaus auf
die sonnige Talsperre, mit ihrer Doppelaussicht auf die tiefe Klamm
und die weite, grüne, von zwei Silberfäden durchzogene Wiese, und den
stillen, grünen, grünumkränzten Teich.
Hinter uns geht die Sonne unter, rote Glut über das dunkle Wasser
gießend. Die Drossel singt und der Kuckuck ruft, das Rotkehlchen
plaudert und die Frösche quaken, Eintagsfliegen tanzen über dem Wasser
in dichten Schwärmen, unbekümmert darum, ob ihr kurzes, auf Stunden
bemessenes Leben von den scharfen Zähnen der Fledermaus beendet wird,
die zwischen ihnen hin und her huscht, oder von dem Rachen der großen
Forellen, die platschend nach ihnen springen, große, goldene Ringe in
das tiefe Rot des Wassers malend.
Dann ruft die Eule, ein kühler Wind kommt über die Berge, der Teich
verliert den Rosenglanz und die Wälder um ihn ziehen ihr schwarzes
Nachtkleid an. Aber der Mond will nicht, daß dem hellen Tag eine dunkle
Nacht folgen soll. Groß und rund steigt er über den Berg und wirft eine
lange silberne Straße über das Wasser, eine Straße, auf der nur Wesen
gehen können, die ohne Leib sind. Aus den schwarzen Buchten tauchen
sie auf, aus den schwarzen Winkeln kommen sie hervor, weiße, wesenlose
Gestalten, aus dem Nichts entstehend, in das Nichts zerfließend, bis
sie vor dem hellen Mondlicht wieder fliehen in ihre schwarzen Buchten
und dunklen Winkel, die Nebelelfen.
Die lauten, frohen Menschen sind alle schon fort. Ganz still ist es
geworden am Teiche. Eines kleinen Vogels süßperlendes Nachtlied, der
Eule tiefer, runder Ruf, eines Fisches Platschen, der Espen Geflüster,
alles ist es, was noch laut ist in der Mondnachtstille.
Wir sind auch ganz still. Was sollen Worte hier, wo die Gedanken kaum
hineinzuflüstern wagen in die feierliche Stimmung von Wald und Wasser
und Mondenschein.
Die Marsch.
Langsam und behäbig fließt der Fluß durch die Marsch. Sein dunkles
Wasser glitzert silbern im Sonnenlicht und gibt verzerrte Bilder von
den goldenen Kuhblumen und den silbernen Weidenbüschen wieder, die sich
in ihm spiegeln.
Ein frischer Hauch bewegt lustig den duftigen, aus unzähligen lichten
Schaumkrautblüten gewebten Schleier, der sich über das grasgrüne Land
zieht. Zwischen ihnen tanzen zarte Falter hin, deren Schwingenspitzen
feurig wie die Morgensonne leuchten.
Hoch oben am bachblumenblauen Himmel spielen fröhlich die Schwalben und
kreisen, dunkel eben und jetzt hell aussehend, zwei große Weihen. Unten
am Ufer flirren und schwirren um die schimmernden Ellernbüsche zahllose
Frühlingsfliegen. Wenn sie sich dem Wasserspiegel nähern, springen
ihnen laut schnalzend blinkende Fische entgegen.
Zwei Krähen, blitzblank im Sonnenschein leuchtend, kommen angeflogen.
Mit schneidendem Rufe steht ein Kiebitz auf, holt sie ein, stürzt sich
auf sie hinab und umfuchtelt sie in regellosem Fluge. Ein zweiter
gesellt sich zu ihm, noch einer, ein vierter und immer mehr: wie eine
Schar von Gespenstern gaukelt es um die schwarzen Eierdiebe her.
Selbstzufrieden stümpert der schwarzköpfige Rohrammerhahn sein
dürftiges Liedchen von der Spitze eines dürren Reethalms. Aus
dem Weidicht kommt das Gezirpe der Rohrsänger, ein Gemisch von
Froschgequarre und Riedgeruschel. Ein Pieper flattert unbeholfen empor,
hölzern klappernd und fällt wie kraftlos in das Gras. Wehmütig piepst
die gelbe Bachstelze und fröhlich zwitschernd steigt das Weißkehlchen
auf.
In den Uferbuchten prahlen die Frösche; aus dem verworrenen Getöse
klingt hier und da und dort das breite Lachen eines alten Vorsängers
heraus. Wo einer der Störche, die würdevoll und gemessen, weithin
sichtbar, durch das Gras waten, sich naht, endet das Gequarre in einem
entsetzten Gepaddel und Geplantsche, bis der schwarzweißrote Schreck
weitergestelzt ist, und der Lärm erst schüchtern wieder beginnt, um
immer zuversichtlicher und unbekümmerter anzuschwellen.
Das breite, weite, grüne Land ist voll von kleinen Vogelstimmen, und
der Himmel darüber tönt von Lerchengetriller und Schwalbengezwitscher.
Dennoch steht eine große Ruhe über der grünen, mit silbernen und
goldenen Blüten besäten Marsch, eine Ruhe, die der klirrende Ruf der
leuchtenden Seeschwalben, der spitze Schrei des dunklen Rohrhuhns eher
verstärkt als zerstört, und auch das Jodeln der Wasserläufer und das
weithin hörbare Flöten eines Brachvogels geht in ihr schließlich doch
unter.
Hinter den Ellernbüschen kommt ein Flug schlanker Vögel angeschwenkt,
schlägt Bogen über Bogen, fällt ein, steht auf, läßt sich abermals
nieder, nimmt sich wiederum hoch, und verharrt schließlich auf einer
höheren Stelle, deren Graswuchs mager und dünn ist. Kampfläufer sind
es, schnurrige Gesellen. In anspruchsloses Graubraun sind die Weibchen
gekleidet; die Männchen jedoch prunken in schimmernden Rüstungen. Der
eine ist dunkelstahlblau an Nackenlatz und Brustschild, der da erzgrün,
dieser rostrot, jener weiß, und andere sind weiß- und gelbgefleckt,
hell und dunkel gemustert; aber keiner gleicht dem anderen völlig.
Stocksteif stehen sie da, die seltsamen Burschen, ungemein viel Würde
entwickelnd. Stochert einer einmal nach einem Würmchen im Rasen,
so besinnt er sich doch sofort, daß heute Mensurtag ist, und nimmt
schnell wieder Haltung an. Auf einmal stehen sich zwei gegenüber,
zittern vor Kampflust, sträuben die Kragen, nehmen Paukstellung an,
fahren aufeinander los, rennen sich die Schnäbel gegen Gesicht und
Brust, prallen zurück, sausen wieder zusammen und stehen plötzlich
mit heruntergelassenen Schilden da, als hätten sie nichts miteinander
vorgehabt.
Es ist ja auch nur Bestimmungsmensur, das Gefecht, nicht so schlimm
gemeint, wie es aussieht. Der dunkelerzgrüne und der hellkupferrote
Hahn treten jetzt an. Hei, wie sie aufeinander losfahren,
zurückweichen, Pause machen, hin und her trippeln, einen neuen Gang
beginnen, mitten darin abbrechen, wieder zusammenprallen, in die Höhe
hüpfen, stürmisch flattern, den Gegner mit Finten aus der Deckung
locken und ihm schnell einen Stich versetzen. Dann auf einmal ist der
Kampf zu Ende. Die Fechter stehen gleichgültig da, zupfen sich den
Paukwichs zurecht, rennen im Grase umher und suchen im Moose nach
Käfern.
Fort stiebt die ganze Gesellschaft, Paukanten sowohl wie Corona.
Im Zickzack schwenkt der Flug über die nassen, von goldenen Blumen
strahlenden Sinken, burrt quer über den Fluß, saust um die Weiden
herum und verschwindet in der Ferne, wo die beiden Reiher an dem
Ufer stehen. Der Rohrweih, der dort angeschaukelt kommt, hat sie
vertrieben. Wo sein Schatten hinfällt, schweigen die Frösche, verstummt
der Wiesenschmätzer, bricht der Rohrsänger sein Gezirpe ab. Aber eine
Seeschwalbe, wie ein silberner, rotbespitzter Pfeil herunterschießend,
vier Kiebitze und zwei Wasserläufer belästigen das braune Gespenst so
lange, bis es sich von dannen macht, und sofort fangen die Frösche
wieder zu quarren an, Schmätzer und Rohrsänger legen von frischem los,
und die Wasserhühner kommen kopfnickend aus dem Ried hervorgerudert.
Über der Kuhle, die ganz von den starren Blättern der Krebsschere
erfüllt ist, schweben stumm die Trauerseeschwalben hin und her, dann
und wann hinabschießend und eine Beute aufnehmend. In dem dichten
Wirrwarr von Rohr und Schilf führt eine Entenmutter ihre wolligen
Jungen. Mit schallendem Fluge streichen Stare herbei, fallen im Grase
ein, watscheln dort herum und suchen eifrig nach Futter. Über der
offenen Blänke flirrt es silbern und spritzt es, als regnete es dort;
der Barsch jagt Fischbrut, dicke Blasen steigen auf und zerplatzen
seufzend; der Aal wühlt im Schlamme. Trillernd schwirren zierliche
Uferläufer vorüber und drei Erpel, die das Segelboot aufstörte, stehen
mit Getöse auf und klatschen weiterhin in das Schilf.
Kühler weht es vom Abend her. Die Sonne versinkt. Nebel tauchen auf.
Der Heuschreckensänger läßt sein eintöniges Geschwirre erschallen,
die Frösche werden lauter. Schon unkt ein Dommelchen in seinem Rohrverstecke, heiser ruft ein Reiher, stolz vor rosenrot glühenden Wolken dahinrudernd, und mehr und mehr erklingt das Gemecker der Himmelsziegen, die pfeilschnell dahinsausen.
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