Goethe und Werther 18
Goethe an Hans.
Hier schick ich mein lieber Hr. Hans, aus der Messe was, wird
hoffentlich zu West und Hosen reichen, sollt was abgehn schreiben Sies
ohne Umstände. Wenn Sie es anhaben und herumspringen, auf die Jagd
gehen, oder sonst lustig sind, so gedenken Sie meiner. Küssen Sie
Lotten die Hand und Lenchen von mir, und die Kleine viel hundertmal von
Ihrem Freunde
Goethe.
71.
Goethe an Hans.
Lieber Herr Hans. Ich danke von Herzen für ihr Andencken, werden Sie
nicht müde mir zu schreiben. Ich binn manchmal sehr allein, und so ein
lieb Brieflein freut mich sehr. Gott vergelts wenn ichs gleich nicht
kann, und mache Sie gros und starck und so glücklich als Sie brav sind.
Goethe
72.
Goethe an Kestner.
_acc._ 30. Apr. 73. Darmst. Sonntag.
Lieber Kestner ihr wisst mein Leben läßt sich nie detailliren und
vielleicht heute weniger als jemals, heut wars ein Gewirre, ein recht
toll und wunderbaar Leben. Sonntag! Wie ruhig werdet ihr bey Lotten
gesessen haben.
In 14 Tagen sind wir all auseinander; und es geht so im Hurry dass ich
nicht weiss wo mir der Kopf steht, wie noch Hoffnung und Furcht ist.
Gott verzeihs den Göttern die so mit uns spielen. Auf dem Grabe -- Ich
will nicht davon wissen will alles vergessen. Vergesst alles in Lottens
Armen, und dann arbeitet euer Tagewerk Genießt der Sonne, und wie ich
euch liebe sey euch gegenwärtig in Stunden der Ruh.
Ich hab Hansens Brief kriegt und euer Nachschreiben. Sagt ihm er soll
mehr ins Detail gehn. Er denkt nur er müsste ~Merkwürdigkeiten~
schreiben, ist nicht alles dorten merkwürdig?
73.
Goethe an Kestner.
_acc._ W. _5. Maii 73_.
Lieber Kestner ich binn wieder in Franckfurt und Gott sey Dank, wir
haben wunderbare Scenen gehabt und bald wird alles ausgerauscht haben.
Wie lebt ihr und wie lang bleibt ihr noch?
Die Flachsland ist verheurathet, an Herdern. Wißt ihr schon was davon.
Vorgestern war ich gegenwärtig der Trauung und gestern ging ich herüber.
Den Merkur in _duplo_ schick ich euch, sorgt doch noch daß ich das
Geld kriege. Die zwey machen iust 9 fl.
Adieu lieber küßt Lotten von meinetwegen auch einmal. Adieu.
74.
Goethe an Hans.
Lotte ist nun fort, und ich nehme so viel teil dran dass sie weg ist
als eins vom Hause. Aber ohngeachtet dessen lieber Hans wollen wir
nicht aufhören einander zu schreiben. Sie hören doch immer eher etwas
von unsrer Lotte und das melden sie mir treulich. Grüsen sie mir das
liebe Lengen und sagen Sie ihr, da nun Lotte weg sey und sie die zweyte
Lotte sey für euch, so sey sies auch für mich, und ich sehne mich sie
zu sehn, wenns möglich ist, so komm ich den Sommer. Adieu lieber Hans.
Empfehlen sie mich dem Papa. Und grüssen mir die Jungens.
Wenn Schwester Caroline sich meiner erinnert so küssen sie ihr die
Hand, und Sophien und Amalgen ein paar Mäulger von mir.
G.
75.
Goethe an Hans.
Ich dank ihm lieber Hans für den braven Brief. Schick er innliegenden
Hrn. Kestnern grüsse er den Papa u. alle. Und behalt er mich lieb.
Goethe.
76.
Goethe an Kestner.
_acc._ Hannover. 18. Jun. 73.
Euer Brief hat mich ergözt, ich wusste durch Hansen schon manches
von euch. Heute Nacht hat mirs von Lotten wunderlich geträumt. Ich
führte sie am Arm durch die Allee, und alle Leute blieben stehn und
sahn sie an, ich kann noch einige nennen die stehen blieben und uns
nachsahen. Auf einmal zog sie eine Calesche über und die Leute waren
sehr betreten. (Das kommt von Hansens Briefe der mir die Geschichte von
Minden schrieb.) Ich bat sie sie mögte sie doch zurückschlagen das that
sie. Und sah mich an mit den Augen, ihr wisst ja wies einem ist wenn
sie einen ansieht. Wir gingen geschwind. Die Leute sahen wie vorher.
O Lotte, sagt ich zu ihr, Lotte, dass sie nur nicht erfahren dass du
eines andern Frau bist. Wir kamen zu einem Tanzplaz &c. &c.
Und so träume ich denn und gängle durchs Leben, führe garstige Prozesse
schreibe Dramata, und Romanen und dergleichen. Zeichne und poussire
und treibe es so geschwind es gehen will. Und ihr seyd geseegnet wie
der Mann der den Herren fürchtet. Von mir sagen die Leute der Fluch
Cains läge auf mir. Keinen Bruder hab ich erschlagen! Und ich denke die
Leute sind Narren. Da hast du lieber Kestner ein Stück Arbeit, das lies
deinem Weiblein vor, wenn ihr euch sammlet in Gott und euch und die
Tühren zuschließt. _NB._ Die Frau Archivarius (ich hoffe das ist
der rechte Titel) wird hoffentlich ihr blau gestreiftes Nachtjäckgen
nicht etwa aus leidigem Hochmuth zurückgelassen, oder es einer kleinen
Schwester geschenkt haben, es sollte mich sehr verdriessen, denn es
scheint ich habe es fast lieber als sie selbst, wenigstens erscheint
mir oft das Jäckgen wenn ihre Gesichtszüge sich aus dem Nebel der
Imagination nicht losmachen können.
77.
Goethe an Hans.
Ich habe, lieber Hans, allerley Angelegenheiten warum ich ihm schreiben
Muss. Erstl. zu fragen wies bey euch aussieht? Ich habe so lang aus dem
teutschen Haus nichts gehört.
Und hernach _Commissionen_, wenn er die Recht ausrichtet so soll
er einmal Agent von Churfürsten, Fürsten und Ständen des Reichs werden.
Erstl. bestellt er den Brief an Kestnern, wie den Vorigen.
2tens ist er so gut zum Hrn. Hofrath Sachs zu gehen, und zu sagen:
»Hier sey ein Brief an Hrn. von Kielmansegg. Ob sie wohl so gütig seyn
wollten ihn zu bestellen. Der Hr. Baron habe mir geschrieben ich soll
meine Briefe an Hrn. Hofrath adressiren.«
Drittens. Fragt er den Hrn. von Hille ob er habe ~einen ersten Theil
des teutschen Merkurs~ durch Hrn. Kestner bekommen, hat er ihn
bekommen so lass ich ihn um die halbe Louisd'or bitten, und will den
zweyten Theil gleich mit der fahrenden Post nach Wetzlar schicken.
Viertens fragt er den Papa ob er ein neues Schauspiel ~Götz von
Berlichingen~ gelesen habe?
Fünftens grüßt er mir alle im teutschen Haus, Lengen und Carlingen und
Dortlgen und Anngen und fragt sie ob sie sich meiner noch erinnern in
Ehre und Liebe. Und die Kleinen grüss er alle von mir, und schreibe er
mir bald.
Goethe.
78.
Goethe an Kestner.
_acc._ H. 21/7 73.
Ihr sollt immer hören wie mirs geht, lieber Kestner. Denn zum Laufe
meines Lebens hoff ich immer auf euch und euer Weib die Gott seegne
und ihr solche Freuden gebe als sie gut ist. Euch kanns an Beförderung
nicht fehlen. Ihr seyd von der Art Menschen die auf der Erde gedeyen
und wachsen, von den gerechten Leuten und die den Herren fürchten,
darob er dir auch hat ein tugendsam Weib gegeben, des lebest du noch
eins so lange.
Ich binn recht fleissig und wenns Glück gut ist kriegt ihr bald wieder
was, auf eine andre Manier. Ich wollt Lotte wäre nicht gleichgültig
gegen mein Drama. Ich hab schon vielerley Beyfalls Kränzlein von
allerley Laub und Blumen, Italiänischen Blumen sogar, die ich
wechselsweise ausprobiret, und mich vorm Spiegel ausgelacht habe.
Die Götter haben mir einen Bildhauer hergesendet, und wenn er hier
Arbeit findet, wie wir hoffen so will ich viel vergessen. Heilige
Musen reicht mir das _Aurum potabile_, _Elixir vitae_ aus
euren Schaalen, ich verschmachte. Was das kostet in Wüsten Brunnen zu
graben und eine Hütte zu zimmern. Und meine Papageyen die ich erzogen
habe, die schwäzen mit mir, wie ich, werden krank lassen die Flügel
hängen. Heut vorm Jahr wars doch anders, ich wollt schwören in dieser
Stunde vorm Jahr sass ich bey Lotten. Ich bearbeite meine Situation
zum Schauspiel zum Truz Gottes und der Menschen. Ich weis was Lotte
sagen wird wenn sies zu sehn kriegt und ich weis was ich ihr antworten
werde. Hört wenn ihr mir wolltet Exemplare vom ~Götz~ verkaufen,
ihr thätet mir einen Gefallen und vielleicht allerley Leuten. Boje hat
ihrer, schreibt ihm wie viel ihr wollt, ich habs ihm geschrieben euch
abfolgen zu lassen so viel ihr wollt. Verkauft sie alsdenn für zwölf
gute groschen und _notirt_ das _porto_ das sie euch kosten.
Der Verlag hört Mercken, der ist aber in Petersburg, ich schicke mich
nicht zum Buchhändler, ich fürchte es bleibt hocken. Denn vielleicht
kommt sonst in einem halben Jahr noch kein Exemplar zu euch. Schreibt
mir doch wo ich die zweyten Stücke des Merkurs hinschaffen, und wo ichs
Geld herkriegen soll. Wenn verschiedene Sachen nach meinem Kopfe gehn
kriegt Lotte bald eine Schachtel von mir wo keine _Confituren_
drinne sind, auch kein Puzwerk, auch keine Bücher, also --
Lassts euch wohl seyn, mich ergözt eure Genüglichkeit und eure
Aussichten. Und wenn euch was dran liegt von mir zu hören, so lasst von euch offt hören. Adieu.
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