Goethe und Werther 19
Goethe an Hans.
Lieber Hans. Bring er Hrn. v. Hille den 2ten Teil des Merkurs den
ersten hat Kestner aus Versehn mit nach Hannover genommen. Hr. v. Falke
wird ihn dem Hrn. v. Hille wieder zurück bringen. Und sodann bitt ich
mir die Bezahlung aus.
Hier das Schauspiel gieb er dem Papa und wenn ders gelesen hat und die
Schwestern es auch etwa gelesen haben, so gib er es Anngen und Dorthel,
und grüss er sie alle von mir. Der ich binn
Der alte
Doctor Goethe.
Und ihm viel Prämia wünsche, die er verdient.
80.
Goethe an Kestner.
Viel Glück zu allem was ihr unternehmt, und eurer besten Frau alle
Freuden des Lebens.
Ich kann euch nicht tadlen dass ihr in der Welt lebt, und Bekanntschaft
macht mit Leuten von Stand und Pläzzen. Der Umgang mit Grossen ist
immer dem vorteilhafft der ihrer mit Maas zu brauchen weis. Wie ich
das Schiespulver ehre dessen Gewalt mir einen Vogel aus der Lufft
herunterhohlt, und wenns weiter nichts wäre. Aber auch sie wissen
Edelmuth und Brauchbaarkeit zu schäzzen, und ein iunger Mann wie
ihr muss hoffen, muss auf den besten Platz aspiriren. Sakerment und
wenn ihrs nur eures Weibes willen tähtet. Was die häuslichen Freuden
betrifft, die hat dünkt mich der Canzler so gut als der Sekretarius,
und ich wollte Fürst seyn und mir sie nicht nehmen lassen. Also treibts
in Gottes Nahmen nach eurem Herzen und kümmert euch nicht um Urteile
und verschliesst euer Herz dem Tadler wie dem Schmeichler. Hören mag
ich sie beyde gern hören, biss sie mich ennüiren. Mad. La Roche war
hier, sie hat uns acht glückliche Tage gemacht, es ist ein Ergötzen
mit solchen Geschöpfen zu leben. O Kestner und wie wohl ist mirs, hab
ich sie nicht bey mir so stehen sie doch vor mir immer die Lieben all.
Der Kreis von edlen Menschen ist das wehrteste alles dessen was ich
errungen habe.
Und nun meinen lieben Götz! Auf seine gute Natur verlaß ich mich, er
wird fortkommen und dauern. Er ist ein Menschenkind mit viel Gebrechen
und doch immer der besten einer. Viele werden sich am Kleid stosen
und einigen rauhen Ecken. doch hab ich schon so viel Beyfall dass
ich erstaune. Ich glaube nicht daß ich so bald was machen werde das
wieder das Publikum findet. Unterdessen arbeit ich so fort, ob etwa dem
Strudel der Dinge belieben mögte was gescheuters mit mir anzufangen.
am 21 August
Das war lang geschrieben biss einmal die Zeit zu siegeln bey mir kommt.
Da ich euch nichts mehr zu sagen habe als liebt mich immer fort. und
Lotte soll mich lieb behalten und glücklich ist sie. Adieu.
81.
Goethe an Kestner.
Heut Abend des 15. September erhalt ich euern Brief, und habe mir
eine Feder geschnitten um recht viel zu schreiben. Dass meine Geister
biss zu Lotten reichen hoff ich. Wenn sie auch die Taschengelder
ihrer Empfindung, daran der Mann keine Prätension hat, nicht an mich
wenden wollte, der ich sie so liebe. Neulich hatte ich viel Angst in
einem Traum über sie. Die Gefahr war so dringend, meine Anschläge all
keine Aussicht. Wir waren bewacht, und ich hoffte alles, wenn ich den
Fürsten sprechen könnte. Ich stand am Fenster, und überlegte hinunter
zu springen, es war zwey Stock hoch, ein Bein brichst du, dacht ich, da
kannst du dich wieder gefangen geben. Ja dacht ich, wenn nur ein guter
Freund vorbey ging, so spräng ich hinunter und bräch ich ein Bein, so
müsst mich der auf den Schultern zum Fürsten tragen. Siehst du alles
erinnere ich mich noch, biss auf den bunten Teppich des Tisches an
dem sie sas und Filet machte, und ihr strohern Kistgen bey sich stehn
hatte. Ihre Hand habe ich tausendmal geküsst. Ihre Hand wars selbst!
die Hand! so lebhafft ist mirs noch, und sieh wie ich mich noch immer
mit Träumen schleppe.
Meine Schwester ist mit Schlossern vor wie nach. Er sitzt noch in
Carlsruhe wo man ihn herumzieht, Gott weis wie. Ich verstehs nicht.
Meine Schwester ist jetzt in Darmstadt bey ihren Freunden. Ich verliere
viel an ihr, sie versteht und trägt meine Grillen.
Ich lieber Mann, lasse meinen Vater iezt ganz gewähren, der mich
täglich mehr in Stadt CivilVerhältnisse einzuspinnen sucht, und ich
lass es geschehn. So lang meine Kraft noch in mir ist! Ein Riss!
und all die siebenfache Bastseile sind entzwey. Ich binn auch viel
gelassener, und sehe dass man überall den Menschen, überall groses
und kleines schönes und Hässliches finden kann. Auch arbeit ich sonst
brav fort. und denke den Winter allerley zu fördern. Dem alten Amtmann
hab ich einen Göz geschickt der viel Freude dran gehabt hat, es ist
auch gleich (wahrscheinlich durch Brandts) weiter kommen, und der Kam.
Richt.[24] und v. Folz habens begehrt; Das schreibt mir Hans, mit dem
ich viel Correspondenz pflege. Ueber alles das, lieber K. vergess ich
dir zu sagen, dass drunten im Visitenzimmer, diesen Augenblick sitzt --
die liebe Frau Grostante ~Lange~ von Wetzlar, mit der so teuern
ältsten Jungfer Nichte. Die haben nun schon in ihrem Leben mehr,
um Lottens Willen, gesessen wo ich sie nicht hohlte, mögen sie auch
diesmal sich behelfen. Hanngen ist nicht mit da. Sie haben viel Liebs
und Guts von meiner Lotte geredt! Dank Ihnen der Teufel. -- ~Meiner
Lotte!~ Das schrieb ich so recht in Gedanken. Und doch ist sie
gewissermassen mein. Hierin gehts mir wie andern ehrlichen Leuten, ich
bin gescheut -- biss auf diesen Punct. Also nichts mehr davon.
Und zum Merkur um uns abzukühlen. Ich weiß nicht ob viel Grossprecherey
dem Zeug mehr Schaden tuht, oder das Zeug der Großsprecherey. Das ist
ein Wind und ein Gewäsch, dass eine Schand ist. Man ist durchgängig
unzufrieden gewesen, der zweyte Teil ist was besser.
Der Hans und die Hänsgen. Wiel.[25] und die Jackerls haben sich eben
prostituirt! Glück zu! Für mich haben sie ohnedem nicht geschrieben.
Fahr hin. Des Cammerrath Jakobis Frau war hier, eine recht liebe
brave Frau, ich habe recht wohl mit ihr leben können, binn allen
Erklärungen ausgewichen, und habe getahn als hätte sie weder Mann noch
Schwager. Sie würde gesucht haben uns zu vergleichen, und ich mag ihre
Freundschafft nicht. Sie sollen mich zwingen sie zu achten wie ich sie
iezt verachte, und dann will und muss ich sie lieben.
Heut früh hab ich von Falcken einen Brief kriegt, mit dem ersten
Bogen des Musen Alman. Du wirst auf der 15ten S. den ~Wandrer~
antreffen den ich Lotten ans Herz binde. Er ist in meinem Garten, an
einem der besten Tage gemacht. Lotten ganz im Herzen und in einer
ruhigen Genüglichkeit all eure künftige Glückseeligkeit vor meiner
Seele. Du wirst, wenn dus recht ansiehst mehr Individualität in dem
Dinge finden als es scheinen sollte, du wirst unter der Allegorie
~Lotten~ und ~mich~, und was ich so hunderttausendmal bey
ihr gefühlt erkennen. Aber verraths keinem Menschen. Darob solls euch
aber heilig seyn, und ich hab euch auch immer bey mir wenn ich was
schreibe. Jezt arbeit ich einen Roman, es geht aber langsam. Und ein
Drama fürs Aufführen damit die Kerls sehen dass nur an mir liegt Regeln
zu beobachten und Sittlichkeit Empfindsamkeit darzustellen. Adieu. Noch
ein Wort im Vertrauen als Schriftsteller, meine Ideale wachsen täglich
aus an Schönheit und Grösse, und wenn mich meine Lebhafftigkeit nicht
verlässt, und meine Liebe, so solls noch viel geben für meine Lieben,
und das Publikum nimmt auch sein Teil.
Und so gute Nacht liebe Lotte. Im Couvert sind Verse die wollt ich zu
einem Portrait von mir an Lotten legen, da es aber nicht gerathen ist
so hat sie inzwischen das. Biss auf weiters.
82.
Goethe an Lotte.
Wenn einen seeligen Biedermann
Pastorn oder Rathsherrn lobesan
Die Wittib läßt in Kupfer stechen
Und drunter ein Verslein radebrechen
Da heißts:
Seht hier von Kopf und Ohren,
Den Herrn ehrwürdig, wohlgebohren,
Seht seine Mienen und seine Stirn
Aber sein verständig Gehirn,
So manch Verdienst ums gemeine Wesen
Könnt ihr ihm nicht an der Nase lesen.
So liebe Lotte heissts auch hier:
Ich schicke da mein Bildniss dir!
Magst wohl die lange Nase sehn,
Der Augen Blick, der Locken Wehn,
Es ist ohngefähr das ~garstge Gsicht~
Aber meine Liebe siehst du nicht.
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