2015년 5월 10일 일요일

Goethe und Werther 22

Goethe und Werther 22


Mein garstig Zeug gegen Wieland macht mehr Lärm als ich dachte. Er
führt sich gut dabey auf wie ich höre, und so binn ich im Tort.
 
 
99.
 
Goethe an Kestner.
 
 
(11. May 1774.)
 
Es hat mich überrascht, ich erwartete das nicht. Gehofft hatt ichs,
doch da dein Brief nichts davon sagte, beschied ich mich dass die
erstgebornen der Famille gehören. Nun aber -- ich wünsche dass Lotte --
denn getauft ist der Knabe am 11 May da ich das schreibe -- dass Lotte,
alle Ueberlegung möge auffahrend durchgebrochen haben, und gesagt:
~Wolfgang~ heist ~er~! und der Bub soll auch so heisen! -- du
scheinst dahin zu neigen, und ich wünsche dass er diesen Nahmen führe
weil er mein ist. -- Habt ihr ihm den ~andern~ gegeben, so halt
ich mir aus dem nächsten den Nahmen ~Wolfgang~ zu geben, da ihr
doch mehr Gevattern nehmt -- und ich -- wohl all eure Kinder aus der
Taufe heben möchte, weil sie mir all so nah sind wie ihr. -- Schreibt
mir gleich was geschehn ist. -- Ich habe närrische Ahndungen dadrüber,
die ich nicht sage, sondern die Zeit will walten lassen.
 
Adieu ihr Menschen die ich so liebe (dass ich auch der träumenden
Darstellung des Unglücks unsers Freundes, die Fülle meiner Liebe borgen
und anpassen musste) Die Parenthese bleibt versiegelt bis auf weiters.
 
G.
 
 
100.
 
Goethe an Lotte.
 
 
v. 16. Jun. 1774.
 
Ich komme von Meyers liebe Lotte, habe mit ihnen zu Nacht gessen, und
gestern auch, heute den Tag über waren sie zu Darmstadt. Es sind recht
gute Menschen, ich schwöre sie lieben mich denn ich liebe sie auch.
Wir waren so offen in der ersten Viertelstunde. O Lotte was ich ein
Kind bin! Wie michs gleichsam überraschte da mir die Meyern sagte,
dass du noch an mich denkst. Sagen mir das nicht Kestners Briefe, sagt
mirs nicht mein Herz, und doch war mirs so ganz neu, da mir das liebe
Weibchen, mit der wahren Stimme des Antheils sagte: dass du noch an
mich denkst. O sie fühlte was sie mir sagte, sie ist eine liebe Frau.
Schon gestern Nacht wollt ich dir schreiben, aber es war nicht möglich,
ich ging in meiner Stube auf und ab, und redete mit deinem Schatten,
und selbst ietzt fällt mir's schweer das dahin zu krizzen! -- Soll ich
denn niemals wieder, niemals wieder deine Hand halten Lotte? Ich habe
der Meyern viel erzählt von dir, sie war mit mir im Wald und versprach
mir, dich auf der Ellrie[26] von mir zu unterhalten. Ja Lotte ich hab
lang so keine Freude gehabt -- Ihr Mann ist iust einer der Menschen wie
ich sie haben muss, die Erfahrung des Lebens, die schönen Kentnisse und
Wissenschafften ohne Pedanterey und die gute offne Seele. Wir haben uns
recht gut gefunden. Und so mit gute Nacht. Morgen früh gehn sie und ich
will ihnen noch was schicken. Adieu! Adieu!
 
* * * * *
 
Und mein Pathgen ist wohl, und Mamagen wills auch bald wieder werden;
ich schwöre dir Lotte, das ist für meinen sinnlichen Kopf eine Marter,
dich als Mamagen zu dencken und einen Buben der ~Dein~ ist und der
einen seiner Namen durch meinen Willen trägt. Ich komme damit nicht
zurecht, ich kann mir's nicht vorstellen, und bleibe also dabey: Lotte
liebe Lotte, es soll alles seyn wie's war, und ist so, und die Meyern
sagt du habest dich auch nicht verändert. Und so grüse und küsse Papa
Kestnern, und er soll mir hübsch schreiben, und du sollst mir auch
hübsch schreiben, wenns Mamagen nicht zu beschweerlich fällt. Hier ist
von der Meyern ein Brief an ihre Schwester, denk ich. Hans schickte
mir einen an sie den ich richtig bestellt habe. Ich hoffe sie wird aus
dem Bade wieder durch gehen, und da geb ich ihr eine Hand und Grus für
dich mit. Adieu, liebe Lotte, ich schick euch ehstens einen Freund der
viel änlichs mit mir hat, und hoffe ihr sollt ihn gut aufnehmen, er
heisst Werther, und ist und war -- das mag er euch selbst erklären.
 
am 16^{ten} Juni 1774.
 
Goethe.
 
 
101.
 
Goethe an Lotte.
 
 
v. 26. und 31. Aug. 1774.
 
Wer geht den Augenblick aus meiner Stube? Lotte, liebe Lotte, das
räthst du nicht. Räthst ehr von berühmten und unberühmten Leuten eine
Reihe als die Frau Catrin Lisbet, meine alte Wetzlarer Strumpfwaschern,
die Schwätzern die du kennst die dich lieb hat wie alle die um dich
waren dein Lebenlang, sich nicht mehr in Wetzlar halten kann, der
meine Mutter einen Dienst zu schaffen hofft. Ich hab sie mit herauf
genommen in meine Stube, sie sah deine Silhouette, und rief: »Ach das
herzelieb Lottgen,« in all ihrer Zahnlosigkeit voll waren Ausdrucks.
Mir hat sie zum Willkomm in voller Freude Rock und Hand geküsst. und
mir erzählt von dir wie du so garstig warst, und ein gut Kind hernach
und nicht verschwäzt hättest, wie sie um dich hätte Schläge gekriegt da
sie dich zum Lieut^t. Meyer führte der in deine Mutter verliebt war,
und dich sehn und dir was schenken wollte, das sie aber nicht litt
&c. &c. alles, alles. Du kannst denken wie werth mir die Frau war, und
dass ich für sie sorgen will. Wenn Beine der Heiligen, und leblose
Lappen die der Heiligen Leib berührten, Anbetung und Bewahrung und
Sorge verdienen, warum nicht das Menschengeschöpf das dich berührte,
dich als Kind aufm Arm trug, dich an der Hand führte, das Geschöpf das
du vielleicht um manches gebeten hast? Du Lotte gebeten. -- Und das
Geschöpf sollte von mir bitten! Engel vom Himmel. Liebe Lotte noch
eins. Das machte mich lachen. Wie du sie oft geärgert hast mit deinen
schlocker-Händgen, die du so machst, auch wohl noch, sie machte mir sie
vor, und mir wars als wenn dein Geist umschwebte. Und von Carlinen,
Lehngen allen, und was ich nicht gesehn und gesehn habe, und am
Endlichen Ende war doch Lotte und Lotte und Lotte und Lotte, und Lotte
und ohne Lotte nichts und Mangel und Trauer und der Todt. Adieu Lotte.
kein Wort heut mehr. 26 Aug.
 
* * * * *
 
d. 31. Aug. Hier herein gehört, meine Liebe, beyliegendes Blättchen
das ich in Langen schrieb letzten Samstag eh Merk kam. Wir verbrachten
einen glücklichen Tag, der Sonntag war leider sehr trocken. Doch die
Nacht träumt ich von dir wie ich wäre wieder zu dir gekommen und du
mir einen herzlichen Kuss geben hättest. So lang ich von dir weg binn
hab ich weder wachend noch träumend, dich so deutlich vor mir gesehn.
Adieu. Von den Silhouetten hierbey ist eine für euch, für Meyers,
für Zimmermann. Kestner soll mir doch auch wieder einmal schreiben.
Adieu Lotte ich danke dir dass du wohl lesen magst was ich schreibe
und drucken lasse, hab ich dich doch auch lieb. Küss mir den Buben.
Und wenn ich kommen kann, ohne viel zu reden, und schreiben, steh ich
wieder vor dir, wie ich einst von dir verschwand, darüber du denn nicht
erschröcken, noch mich ein garstig Gesicht schelten magst. Grüs Meyers.
Ich möchte dich doch sehen den Buben aufm Arm. Adieu Adieu.
 
* * * * *
 
Hiezu gehört Goethe's Gedicht nebst Silhouette, welche oben (Nr.
82) dem Duplicate des Gedichts im _Fac simile_ beigefügt sind.
 
Der Schluß dieses Briefes erläutert den im Gedichte enthaltenen
Ausdruck: »Garstges Gesicht.«
 
 
102.
 
Goethe an Lotte.
 
 
(27. Aug. 1774.)
 
Ich habe gestern den 26 einen Brief an dich angefangen, hier sitz ich
nun in Langen zwischen Franckfurt und Darmstadt, erwarte Merken, den
ich hierher beschieden habe, und mir ist im Sinn an dich zu schreiben.
Heut vor zwey Jahren sas ich bey dir fast den ganzen Tag da wurden
Bohnen geschnitten biss um Mitternacht, und der 28^{te}[27] feyerlich
mit Thee und freundlichen Gesichtern begonnen. O Lotte, und du
versicherst mich mit all der Offenheit und Leichtigkeit der Seele, die
mir so werth immer war an dir, dass ihr mich noch liebt, denn sieh es
wäre gar traurig wenn auch über uns der Zeiten Lauf das Uebergewicht
nehmen sollte. Ich werde dir ehestens ein Gebetbuch, Schatzkästchen
oder wie du's nennen magst schicken, um dich Morgends und Abends zu
stärken in guten Errinnerungen der Freundschaft und Liebe. Morgen denkt
ihr gewiss an mich. Morgen bin ich bey euch, und die liebe Meyern
hat versprochen mir ihr Geistgen zu schicken mich abzuhohlen. Ein
herrlicher Morgen ists, der erste lang ersehnte Regen nach einer Dürre
über vier Wochen, der mich erquickt wie das Land, und dass ich ihn auch
eben auf dem Land geniesse! Vorgestern war Gotter da, er geht mit zwey
Schwestern nach Lyon, dort eine Schwester zu besuchen, ist immer gut,
und sehr krank, doch munter, es ward unser altes Leben rekapitulirt, er
grüsste herzlich dein Schattenbild, ich schwäzt ihm allerley vor &c.
und so ging er wieder. Darin hab ichs gut, wenn meine Freunde halbweg
reisen so müssen sie zu mir, bey mir vorbey und zollen.
 
 
103.
 
Goethe an Hans.
 
 
v. 31. Aug. 1774.
 
Ihr habt einen lieben Bruder verlohren, und ich einen von meinen
lieben Buben. Seyd brav doppelt und dreyfach dass an euch Papa und
ich getröstet werden über den Verlust. Grüss er mir alle. Schreib er
mir öfter was passirt. Glaubt er denn nicht dass mich von euch alle
Kleinigkeiten interessiren? Ich bin zwar lang weg, doch immer bey euch.
Adieu; bestell er mir den Brief an Lotten aufs beste. am 31 Aug. 1774
 
G.
 
 
104.
 
Goethe an Kestner.
 
 
v. 23. Sept. 1774.
 
Habt ihr das Buch schon; so versteht ihr beygehendes Zettelgen, ich
vergas es hinein zu legen im Hurrli in dem ich ietzt lebe. Die Messe
tobt und kreischt, meine Freunde sind hier, und Vergangenheit und
Zukunft schweben wunderbar in einander.
 
Was wird aus mir werden. O ihr gemachten Leute, wieviel besser seyd ihr
dran.Ist Meyern wieder da. Ich bitt euch gebt das Buch noch nicht weiter,
und behaltet den lebendigen lieb, und ehret den Todten.
 Nun werdet ihr die dunkeln Stellen voriger Briefe verstehen.
  am 23. Sept. 1774.

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