2015년 5월 10일 일요일

Goethe und Werther 23

Goethe und Werther 23



Goethe an Lotte.
 
Einschluß des Vorigen.
 
 
Lotte wie lieb mir das Büchelgen ist magst du im Lesen fühlen, und
auch dieses Exemplar ist mir so werth als wär's das einzige in der
Welt. Du sollsts haben Lotte, ich hab es hundertmal geküsst, habs
weggeschlossen, dass es niemand berühre. O Lotte! -- Und ich bitte dich
lass es außer Meyers niemand iezzo sehn, es kommt erst die Leipziger
Messe in's Publikum. Ich wünschte iedes läs' es allein vor sich, du
allein, Kestner allein, und jedes schriebe mir ein Wörtgen.
 
Lotte Adieu Lotte.
 
 
106.
 
Fragment eines Brief-Conzepts
 
von Kestner an Goethe nach Empfang des Werther.
 
 
(Aus Hannover, vom Ende Sept. oder Anfang Oct. 1774.)
 
Euer Werther würde mir großes Vergnügen machen können, da er mich an
manche interessante Scene und Begebenheit erinnern könnte. So aber, wie
er da ist, hat er mich, in gewissem Betracht, schlecht erbauet. Ihr
wißt, ich rede gern wie es mir ist.
 
Ihr habt zwar in jede Person etwas Fremdes gewebt, oder mehrere in
eine geschmolzen. Das ließ ich schon gelten. Aber wenn Ihr bey dem
Verweben und Zusammenschmelzen euer Herz ein wenig mit rathen lassen;
so würden die würcklichen Personen, von denen ihr Züge entlehnet,
nicht dabey so prostituirt seyn. Ihr wolltet nach der Natur zeichnen,
um Wahrheit in das Gemälde zu bringen; und doch habt Ihr so viel
widersprechendes zusammengesetzt, daß Ihr gerade Euren Zweck verfehlt
habt. Der Herr Autor wird sich hiergegen empören, aber ich halte mich
an die Würklichkeit und an die Wahrheit selbst, wenn ich urtheile, daß
der Maler gefehlt hat. Der würcklichen Lotte würde es in vielen Stücken
leid seyn, wenn sie Eurer da gemalten Lotte gleich wäre. Ich weiß es
wohl, daß es eine Composition seyn soll; allein die H....., welche Ihr
zum Theil mit hineingewebt habt, war auch zu dem nicht fähig, was Ihr
eurer Heldin beymesset. Es bedurfte aber des Aufwandes der Dichtung zu
Eurem Zwecke und zur Natur und Wahrheit gar nicht, denn ohne das --
eine Frau, eine mehr als gewöhnliche Frau immer entehrende Betragen
Eurer Heldin -- erschoß sich Jerusalem.
 
Die würckliche Lotte, deren Freund Ihr doch seyn wollt, ist in Eurem
Gemälde, das zu viel von ihr enthält, um nicht auf sie starck zu
deuten, ist, sag' ich -- doch nein, ich will es nicht sagen, es
schmerzt mich schon zu sehr da ichs denke. Und Lottens Mann, Ihr
nanntet ihn Euren Freund, und Gott weiß, daß er es war, ist mit ihr --
 
Und das elende Geschöpf von einem Albert! Mag es immer ein eignes nicht
copirtes Gemählde seyn sollen, so hat es doch von einem Original wieder
solche Züge (zwar nur von der Aussenseite, und Gott sey's gedankt, nur
von der Aussenseite) daß man leicht auf den würklichen fallen kann.
Und wenn Ihr ihn so haben wolltet, mußtet ihr ihn zu so einem Klotze
machen? damit ihr etwa auf ihn stolz hintreten und sagen könntet, seht
was ~ich~ für ein Kerl bin!
 
 
107.
 
Goethe an Kestner und Lotte.
 
 
(Oct. 1774.)
 
Ich muß euch gleich schreiben meine Lieben, meine Erzürnten, dass mirs
vom Herzen komme. Es ist gethan, es ist ausgegeben, verzeiht mir wenn
ihr könnt. -- Ich will nichts, ich bitte euch, ich will nichts von euch
hören, biss der Ausgang bestätigt haben wird dass eure Besorgnisse zu
hoch gespannt waren, biss ihr dann auch im Buche selbst das unschuldige
Gemisch von Wahrheit und Lüge reiner an eueren Herzen gefühlt haben
werdet. Du hast Kestner, ein liebevoller Advokat, alles erschöpft,
alles mir weggeschnitten, was ich zu meiner Entschuldigung sagen
könnte; aber ich weis nicht, mein Herz hat noch mehr zu sagen, ob sichs
gleich nicht ausdrücken kann.
 
Ich schweige, nur die frohe Ahndung muss ich euch hinhalten, ich
mag gern wähnen, und ich hoffe, dass das ewige Schicksaal mir das
zugelassen hat, um uns fester an einander zu knüpfen. Ja meine Besten,
ich, der ich so durch Lieb an euch gebunden bin, muss noch euch und
euern Kindern ein Schuldner werden für die böse Stunden, die euch meine
-- nennts wie ihr wollt, gemacht hat. Haltet, ich bitt euch, haltet
Stand. Und wie ich in deinem letzten Briefe dich ganz erkenne Kestner,
dich ganz erkenne Lotte, so bitt ich bleibt! bleibt in der ganzen
Sache, es entstehe was wolle. -- Gott im Himmel man sagt von dir: du
kehrest alles zum besten.
 
Und, meine lieben wenn euch der Unmuth übermannt, denkt nur denkt, dass
der alte euer Goethe, immer neuer und neuer, und jetzt mehr als jemals
der eurige ist.
 
 
108.
 
Kestner an v. Hennings.
 
 
Hannover d. 7. November 1774.
 
Ihren Brief, Liebster Freund, würde ich nicht verstehen, wenn ich
es nicht längst vorausgesehen hätte, daß die Leiden des jungen
Werthers den Mißverstand erregen würden, den ich aus Ihrem Briefe in
_Berlin_ gewahr wurde. Aber warum war nicht mein erster Ausruf:
»Ich bin glücklich wie man es in der Welt seyn kann! Ich bin nicht zu
bedauren, wenigstens nicht in dem Verstande, wie Sie meynen. Ich traure
nicht.« -- Mit einem Worte, es ist alles Irrthum, und es geht mir nahe,
daß dieses Sie betrüben müße. Ich will Ihnen, so viel wie möglich
das Räthsel auflösen. Hätten Sie meinen Brief, den ich vor ohngefähr
einem Jahre von hier schon an Sie nach Berlin geschrieben, erhalten,
so hätte es zu dem Irrthum wahrscheinlich nicht kommen können. Er muß
aber verloren gegangen seyn. Ich bin schon seit mehr als 1-1/2 Jahren
nicht mehr zu Wetzlar, sondern hier als königlicher Archiv-Secretair.
Ehe ich aus Wetzlar gereiset, 2 Monat vorher, bin ich mit meinem
Lottchen auf ewig verbunden, und es war mir wohl, als ich es war, und
bin es noch. Darauf führte ich Lottchen in meinem Herzen im Triumph
hierher. Sie ward aufgenommen, wie sie es verdiente. Zu Wetzlar war
ich meiner Stelle müde, ich suchte daher zurückberufen zu werden, und
erhielt die jetzige Stelle, die zwar noch nicht viel einträgt, die ich
aber doch gern annahm, um erst wieder hierher zu kommen. Bald nachher
erhielt ich einen Brief über Wetzlar von Ihnen. Ich antwortete bald und
schrieb Ihnen meine ganze Geschichte. Ich schickte diesen Brief an den
Churbrandenburgischen Legations-Secretair Ganz zu Wetzlar; der ihn aber
nicht bestellt haben muß, oder er ist sonst verloren. Nunmehr erwartete
ich längst eine Antwort und war immer im Begriff noch einmal zu
schreiben, denn Sie sind noch immer mein erster Freund, und ich Ihnen
ganz der nämliche, der ich immer war. Zu Wetzlar habe ich nur einen
gefunden, den ich Ihnen gleich nachsetze; sein Namen ist schon bekannt
genug, er heißt Goethe. Sie können es daraus schliessen, daß er mir
mit den Leiden des jungen Werthers, ohne Vorsatz jedoch, und in seiner
Autor-Wärme, oder _Etourderie_, keinen angenehmen Dienst gethan
hat; indem mich vieles darin verdrießt, so wie meine Frau auch, und
der Erfolg uns doppelt verdrießt: Aber dennoch bin ich geneigt es ihm
zu verzeihen; doch soll er es nicht wissen, damit er sich künftig in
Acht nimmt. Im Vertrauen will ich Ihnen dieses und die Geschichte des
Werthers näher erklären, wovon Sie aber nur einen behutsamen Gebrauch
machen sollen; doch aber bitte ich einigen Gebrauch davon zu machen.
 
Im ersten Theile des Werthers ist Werther Goethe selbst. In Lotte und
Albert, hat er von uns, meiner Frau und mir, Züge entlehnt. Viele von
den Scenen sind ganz wahr, aber doch zum Theil verändert; andere sind,
in unserer Geschichte wenigstens, fremd. Um des zweyten Theils Willen,
und um den Tod des Werthers vorzubereiten, hat er im ersten Theile
verschiedenes hinzugedichtet, das uns gar nicht zukömmt. Lotte hat
z. B. weder mit Goethe, noch mit sonst einem anderen in dem ziemlich
genauen Verhältniß gestanden, wie da beschrieben ist; Dieß haben wir
ihm allerdings sehr übel zu nehmen, indem verschiedene Nebenumstände
zu wahr und zu bekannt sind, als daß man nicht auf uns hätte fallen
sollen. Er bereut es jetzt, aber was hilft uns das. Es ist wahr, er
hielt viel von meiner Frau; aber darin hätte er sie getreuer schildern
sollen, daß sie viel zu klug und zu delicat war, als ihn einmal so
weit kommen zu lassen, wie im ersten Theile enthalten. Sie betrug sich
so gegen ihn, daß ich sie weit lieber hätte haben müssen, als sonst,
wenn dieses möglich gewesen wäre. Unsere Verbindung ist auch nie
declarirt gewesen, zwar nicht heimlich gehalten; doch war sie viel zu
schamhaft als es irgend jemanden zu gestehen. Es war auch keine andere
Verbindung zwischen uns, als die der Herzen. Erst kurz vor meiner
Abreise, (als Goethe schon ein Jahr von Wetzlar weg, zu Franckfurt,
und der verstellte Werther 1/2 Jahr todt war) vermählten wir uns. Hier
erst, nach Verlauf eines ganzen Jahres, seit unseres Hierseyns, wurden
wir Vater und Mutter. Der liebe Junge lebt noch, und macht uns Gottlob
viel Freude. Sonst ist in Werthern viel von Goethe's Character und
Denkungsart. Lottens Portrait ist im ganzen das von meiner Frau. Albert
hätte ein wenig wärmer seyn mögen.
 
So viel vom ersten Theile. Der zweyte geht uns gar nichts an.
Da ist Werther der junge Jerusalem; Albert der Pfälzische
_Legations_-Secretair, und Lotte des letzteren Frau; was nämlich
die Geschichte anbetrifft, denn die Charactere sind diesen drey Leuten
größtentheils nur angedichtet. Von Jerusalem wußte aber der Verfasser
seine vorherige Geschichte vermuthlich nicht, darum schickte er die im
ersten Theile voraus, und setzte verschiedenes hinzu, um den Erfolg des
zweyten Theils wahrscheinlich zu machen, und diesem mehreren Anlaß zu
geben. Der Albert des zweyten Theils war freilich etwas eifersüchtig,
aber stand doch nicht in dem Verhältniß mit seiner Frau, wie da
beschrieben ist. Seine Frau ist ein sehr hübsches, sanftes, gutes
Geschöpf; aber nicht das Leben in ihr, was ihr da beygelegt wird; sie
war auch zu der kleinen Untreue nicht einmal fähig, und auch sie betrug
sich viel eingezogener gegen Jerusalem, der sie freylich sehr liebte,
aber doch im beleidigten Ehrgeiz, mehr als in der unglücklichen Liebe
den Grund zu seinem letzten Entschlusse fand. Er beredete sich aber
vielleicht selbst, daß das Letzte die Hauptursache sey, und die letzte
Veranlassung ist die Liebe selbst gewiß gewesen. Es ist zwar wieder
wahr daß ich ihm die Pistolen dazu hergeliehen. Aber daß er sie dazu
mißbrauchen würde, ließ ich mir nicht einmal träumen. Ich kannte ihn
nur wenig, und meine Frau noch weniger; denn er entfernte sich die
mehrste Zeit von den Menschen. Ich wußte von seinen Grundsätzen nichts;
und von seiner Liebes-Geschichte nur, was das _Publicum_ wußte;
das war nicht viel. Er war nur zwey Mal bey mir gewesen, und bey dieser
Gelegenheit hatte er vielleicht die Pistolen bey meiner Cammerthür
hängen sehen. Er schrieb mir das eingerückte Billet würklich, und aus
Höflichkeit schickte ich ihm die Pistolen, ohne Bedenken. Sie waren
nicht geladen; ich hatte nie damit geschossen. -- Er war ein guter
melancholischer Junge; aber das hätte sich niemand von ihm träumen lassen; es hat es mir auch niemand verdacht.

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