Goethe und Werther 24
Diese Jerusalemische Geschichte, die ich möglichst genau erforschte,
weil sie merkwürdig war, schrieb ich mit allen Umständen auf, und
schickte sie Goethen nach Franckfurt; der hat denn den Gebrauch im
zweyten Theil seines Werthers davon gemacht, und nach Gefallen etwas
hinzugethan.
Sie sehen also, daß Sie mich ohne Ursache bedauert haben; und ob wir
gleich sehr ungern durch das Buch in das Gespräch des Publicums auf
solche Art kommen, so freut uns doch, daß es ohne Grund geschieht,
und Dank seys dem Höchsten, wir glücklich, zufrieden und vergnügt mit
einander gelebt haben und noch leben. Ein geheimer Schrecken überfällt
mich manchmal, wenn ich denke, diese Welt, und in so glücklicher Ehe!
Darum ertrage ich gern, wenn ich es mir übrigens ein wenig sauer werden
lassen muß, da mein Vater inzwischen verstorben ist, meine Einnahme
nicht groß, der Aufenthalt hier kostbar ist. Ich nehme dieß gern als
ein kleines Gegengewicht unseres Glückes an, zumal da es mir noch an
nichts gefehlt hat, und noch nicht fehlet, auch meine _Praxis_
immer etwas zunimmt, und die Aussicht zu besseren Umständen da ist.
Als Goethe sein Buch schon hatte drucken lassen, schickte er uns ein
Exemplar, und meinte Wunder was er für eine That gethan hatte. Wir
aber sahen es gleich voraus, wie der Erfolg seyn würde, und Ihr Brief
bestätigt eine Art unserer Prophezeihung. Ich schrieb ihm und zankte
sehr. Nun sah er erst ein was er gethan hatte; das Buch war aber schon
an die Buchführer gelangt, und er hoffte noch, daß wir uns geirrt haben
sollten.
Ehe ich weiter schreibe, bitte ich Sie inständigst diesen Brief gleich
zu verbrennen; wenn er verloren gienge, so bekämen wir eine neue
Auflage mit Anmerkungen. Ich habe mir vorgenommen, mich künftig zu
hüten, daß ich keinem Autor etwas schreibe, was nicht die ganze Welt
lesen darf.
Nun aber ersuche ich Sie, bey Mendelsohn und sonst zu äussern, daß
Sie gewiß wüßten, daß in dem Buche die Jerusalemische Geschichte
hauptsächlich zum Grunde liege. (Dieß ist wahr, und dem Todten
gleichgültig.) Allenfalls können Sie hinzusetzen, daß die Charactere
zum Theil wahr wären, aber nicht in der Maaße, daß der tragische
Erfolg daraus fliessen könne. Wenn uns jemand kennt, so suchen Sie das
Nachtheilige, das im Buche von uns liegt, von uns abzuwenden. Meiner
Frau Bild ist in dem, was an Lotten liebenswürdig und untadelhaft ist,
getreu. Schliessen Sie daraus, wie natürlich es zugegangen, daß ich sie
lieben mußte, da ich sie in ihrer unerfahrenen Jugend kennen lernte.
Wenn ich von ihr hätte lassen müssen; so stehe ich nicht dafür, ob ich
nicht Werther geworden wäre. Darin erkenne ich mich in Albert nicht.
Sagen Sie aber, was soll ich bey der Geschichte anders thun, als sie
übersehen. Zu redressiren ist sie nicht. Goethe hat's gewiß nicht übel
gemeint; er schätzte meine Frau und mich dazu zu hoch. Seine Briefe und
seine andern Handlungen beweisen es. Er betrug sich auch viel größer,
als er sich im Werther zum Theil geschildert hat. Uebrigens kann uns
die Geschichte bey denen, die uns nur halb kennen, nicht schaden. Der
Augenschein ist zu sichtbar ~für~ uns, da unser gutes Verständniß
unter einander bekannt ist.
109.
Goethe an Kestner.
v. 21. Nov. 1774.
Da hab ich deinen Brief, Kestner! An einem fremden Pult, in eines
Malers Stube, denn gestern fing ich an in Oel zu malen, habe deinen
Brief und muss dir zurufen Dank! Dank lieber! Du bist immer der Gute!
-- O könnt ich dir an Hals springen, mich zu Lottens Füssen werfen,
Eine, Eine Minute, und all, all das sollte getilgt, erklärt seyn was
ich mit Büchern Papier nicht aufschliessen könnte! -- O ihr Ungläubigen
würd ich ausrufen! Ihr Kleingläubigen! -- Könntet ihr den tausendsten
Theil fühlen, was Werther tausend Herzen ist, ihr würdet die Unkosten
nicht berechnen, die ihr dazu hergebt! Da lies ein Blättgen, und sende
mirs heilig wieder, wie du hier drinnen hast. -- Du schickst mir
Hennings Brief, er klagt mich nicht an, er entschuldigt mich. Bruder
lieber Kestner! wollt ihr warten so wird euch geholfen. Ich wollt
um meines eignen Lebens Gefahr willen Werthern nicht zurückrufen,
und glaub mir, glaub an mich, deine Besorgnisse, deine _Gravamina_,
schwinden wie Gespenster der Nacht wenn du Geduld hast, und dann --
binnen hier und einem Jahr versprech ich euch auf die ~lieblichste~,
~einzigste~, ~innigste~ Weise alles was noch übrig seyn mögte von
Verdacht, Missdeutung &c. im schwäzzenden Publikum, obgleich das eine
Heerd Schwein ist, auszulöschen, wie ein reiner Nordwind, Nebel und
Dufft. -- Werther muss -- muss seyn! -- Ihr fühlt ~ihn~ nicht, ihr
fühlt nur ~mich~ und ~euch~, und was ihr ~angeklebt~ heisst -- und
trutz euch -- und andern -- ~eingewoben~ ist -- Wenn ich noch lebe, so
bist dus dem ichs danke -- bist also nicht Albert -- Und also --
Gib Lotten eine Hand ganz warm von mir, und sag ihr: Ihren Nahmen von
tausend heiligen Lippen mit Ehrfurcht ausgesprochen zu wissen, sey doch
ein Aequivalent gegen Besorgnisse, die einem kaum ohne alles andere im
gemeinen Leben, da man jeder Baase ausgesetzt ist, lange verdriesen
würden.
Wenn ihr brav seyd und nicht an mir nagt, so schick ich euch Briefe,
Laute, Seufzer nach Werthern, und wenn ihr Glauben habt, so glaubt dass
alles wohl seyn wird, und Geschwäz nichts ist, und beherzige deines
Philosophen Brief -- den ich geküsst habe --
-- O du! -- hast nicht gefühlt wie der Mensch dich umfasst, dich
tröstet -- und in deinem, in Lottens Werth Trost genug findet, gegen
das Elend das schon euch in der Dichtung schröckt. Lotte, leb wohl --
Kestner du -- habt mich lieb -- und nagt mich nicht --
G.
Das Billet keinem Menschen gezeigt! unter euch beyden! Sonst niemand
sehe das! Adieu ihr lieben! Küsse mir Kestner deine Frau und meine
Pathen
* * * * *
Und mein Versprechen bedenkt. ~Ich~ allein kann ~erfinden~,
was euch völlig ausser aller Rede setzt, ausser dem windgen Argwohn.
Ich habs in meiner Gewalt, noch ists zu früh! Grüss deinen Hennings
ganz herzlich von ~mir~
* * * * *
Ein Mädchen sagt mir gestern, ich glaubte nicht dass ~Lotte~ so
ein schöner Name wäre! er klingt so ganz eigen in dem Werther
* * * * *
Eine andre schrieb neulich: Ich bitte euch um Gotteswillen, heisst mich
nicht mehr Lotte! -- Lottgen, oder Lolo -- wie ihr wollt -- Nur nicht
Lotte bis ich des Nahmens werther werde denn ichs bin.
O Zauberkrafft der Lieb und Freundschafft.
Zimmermanns Billet nächstens. Es ist kalt, ich kanns nicht droben
suchen. Heut gehts aufs Eis, ihr lieben Ade
d. 21 Nov. 1774.
110.
Kestner an v. Hennings.
Hannover den 30ten November 1774.
(geschlossen den 24 Jan. 1775)
.....Ihren vorigen Brief, nicht den letzten, habe ich Goethen
mitgetheilt, um ihn zu überzeugen, wie das Buch angesehen werden könne,
um ihn wenigstens in künftigen Fällen behutsamer zu machen. Er schreibt
ich soll Sie herzlich grüßen. Er hat Ihren Brief geküßt. Ich soll
den Brief meines Philosophen nur recht beherzigen &c. Sie kennen ihn
schon aus seinen Schriften. Er macht sich aus der ganzen Welt nichts,
darum kann er sich in die Stelle derer, die so nicht seyn können, noch
dürfen, nicht setzen. »O du! hast nicht gefühlt wie der Mensch dich
umfaßt, dich tröstet -- und in deinem und Lottens Werth Trost genug
findet gegen das Elend das Euch schon in der Dichtung schreckt &c.« --
sind seine Worte.
Die Urtheile von seinem Buche sind verschieden, und einige, so daß sie
ihn wegen manchem Tadel hinlänglich entschädigen. Gerade dem Ihrigen
Urtheile entgegen, sagte einer, -- Nun würde kein Unheiliger sich
leichtsinnig erschiessen.
Sie glauben nicht was es für ein Mensch ist. Aber wenn sein großes
Feuer ein wenig ausgetobet hat; so werden wir noch Freude an ihm
erleben.
d. 24. Januar 75.
Diesen Brief ward ich behindert fortzusetzen. Hernach dachte ich, er
träfe Sie nicht mehr an. Nun da Sie zu Altona seyn werden, soll mich
nichts mehr hindern. Ich danke Ihnen für den lieben Brief. Sie trösten
mich wegen Werthers Leiden. Im Grunde haben Sie Recht, und es hat mir
im _Publico_, so viel ich weiß, hier keinen Schaden gethan. Aber
es thut mir doch wehe, daß ich das Buch nicht mit der Theilnehmung,
wie ich bey andern sehe, lesen und wiederholt lesen kann. Immer stößt
mir eine Stelle auf, die mir auch in der Dichtung empfindlich ist. Nun
ist noch ein ungebetener Ausleger hinzugekommen, in der sogenannten
Berichtigung &c. Es ist wohl kein boshafter Ausleger, und manches dient
zur Verhinderung irriger Vorstellung. Aber was soll es? Muß denn das
Publikum alles so haarklein wissen. Man sollte wunder glauben, was das
_Publicum_ für ein ehrwürdiges Ding wäre, dem man ia von Allem
recht genauen Bericht abstatten müßte. Ich kenne den Verfasser nicht.
Er muß aber genaue Nachricht haben; wiewohl er sich in einigen Stücken
irrt. Ich bin mit Lottchen nicht vorher versprochen gewesen. Und was er
damit sagen will: »ich bekümmerte mich um den Weltlauf nicht,« verstehe
ich nicht. Ich lebte zu Wetzlar im _Publico_, und auch hier thue
ich es. Der Weltlauf interessirt mich in seiner Maasse allerdings, und
er ist sogar mein Studium. Wenn man Einen öffentlich schildern will,
so sollte man ihn doch kennen. Ein guter Freund schrieb mir letzthin:
»_Sauf le respect pour votre ami, mais il est dangereux d'avoir un
auteur pour ami._« Er hat wohl recht.
Wenn Sie in Ruhe sind, so schreiben Sie mir etwas umständlicher von
sich selbst. Es interessirt mich alles, was Sie angeht. O wenn ich Sie
doch wieder sehen könnte! Glauben Sie nur, Sie sind mir noch immer
das, was Sie vor vielen Jahren waren. Es freut mich, wenn ich mich
untersuche, daß ich meine Empfindungen so unverändert finde, durch die
Reihe von Jahren, durch ein reiferes Alter, durch so mancherley Scenen
und Begebenheiten, ganz unverändert. Nur thut mir oft wehe, daß meine
Geschäfte hindern, öfter dem Hang meines Herzens nachzuhängen. Die
Unvollkommenheit dieser Welt empfinde ich nur dann zu stark, wenn ich
abbrechen muß, wie jetzt. Leben Sie wohl. Vor allen Dingen leben Sie
vergnügt und zufrieden. Behalten Sie uns lieb. Mein Lottchen grüßt Sie
herzlich. Ihren Freund grüßen Sie auch; und wenn Sie ihren Bruder sehen werden, auch den.
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