Goethe und Werther 25
Goethe an Hans.
v. 9. Jan. 1775.
Hier, lieber Hans, ein Brief an Lotten. Von den Damens nehm Er das
Geld, von jeder 4-1/2 fl. und schicke er mirs mit Gelegenheit.
Seine Briefe haben mich über Freud und Leid herzlich lachen gemacht.
Fahr er fort mich lieb zu haben, und grüss er alles.
d. 9 Januar 1775.
G.
112.
Goethe an Lotte.
v. 19. Jun. 1775.
Tief in der Schweiz am Orte wo Tell seinem Knaben den Apfel vom Kopf
schoss, warum iust von da ein paar Worte an Sie da ich so lang schwieg?
Gut Liebe Lotte, einen Blick auf Sie und Ihre Kleinen, und das liebe
Männchen, aus all der herrlichen Natur heraus, mitten unter dem edlen
Geschlecht das seiner Väter nicht ganz unwerth seyn darf, obs gleich
auch Menschen sind hüben und drüben.
Ich kann nichts erzählen, nichts beschreiben. Vielleicht erzähl ich
mehr wenn mirs abwesend ist, wie mirs wohl eh mit lieben Sachen
gegangen ist.
Nicht wahr Sie haben mich noch ein bischen lieb und so halten Sie's und
küssen Ihren Mann auch von mir und Ihre Kleinen. Adieu. grüssen Sie
Meyers recht viel. Altdorf drey stunden vom Gotthard den ich morgen
besteige.
d. 19. Jun. 1775.
113.
Goethe's Schwester an Kestner.
v. 6. Jan. 1776.
Ich habe eine grose Sünde auf dem Herzen, bester Kestner, -- Ihren
lieben Brief so lang unbeantwortet zu lassen, das ist abscheulich --
Ich wäre mit nichts zu entschuldigen wenn ich nicht seit zwey Jahr
keinem Menschen in der Welt geschrieben hätte -- so lang währt meine
Krankheit und eine Art von Melancolie, die eine natürliche Folge davon
ist -- Ihre liebe aktive Lotte wird sich hierüber nicht wundern, weil
sie sich leicht vorstellen kann, was das heisst als Frau und Mutter
zwey Jahre lang im Bette zu liegen, ohne im Stand zu seyn sich selbst
nur einen Strumpf anzuziehen --
Zimmermann kam als mein guter Genius mich an Leib und Seele zu
erretten, er gab mir Hofnung und munterte mich so auf, dass ich
seitdem wenig ganze trübe Stunden mehr habe -- es ist auch wirklich
durch seine vortreffliche Vorschriften so weit mit meiner Cörperlichen
Besserung gekommen, dass ich große Linderung spüre -- Es fehlt mir
hier hauptsächlich an einer Freundinn die mich aufzumuntern wüsste, und
die meine Gedanken von dem elenden kränklichen Cörper weg, auf andere
Gegenstände zöge -- Es ist sehr schlimm dass ich mich selbst mit nichts
beschäfftigen kann, weder mit Handarbeit, noch mit lesen, noch mit
Clavierspielen -- auch das Schreiben fällt mir beschwerlich wie Sie
sehen --
Mein Mädgen würde mir sehr viel Freude machen wenn ich mich mit ihm
abgeben könnte, aber so muss ichs ganz fremden Leuten überlassen,
welches nicht wenig zum Druck meines Gemüths beyträgt -- Es ist sehr
lustig und will den ganzen Tag tanzen, desswegen es auch bey jedem
lieber als bey mir ist -- laufen kanns noch nicht allein, es happelt
aber entsetzlich wenn manns führt -- Schreiben Sie mir doch ja viel
und recht umständlich von Ihren Kleinen, denn wie ich höre so sind Sie
so glücklich zwey zu haben -- ich mögt gern wissen wie sie aussehn, ob
sie der Lotte gleichen, ob sie blaue oder schwarze Augen haben, ob sie
lustig oder still sind u.s.w.
Verzeihen Sie mir ja die vielen Fragen, ich würde sie nicht gethan
haben wenn ich nicht versichert wäre, dass Sie sie gern beantworteten
-- Leben Sie wohl. Ihre liebe Lotte küsse ich hundertmal.
d. 6. Jen. 76. S. Schlosser.
114.
Goethe's Mutter an Hans.
Franckfurt d. 2^{ten} Februar 1776.
Mein lieber Herr Buff! Die Mutter von Ihrem Freund, dem Doctor Goethe,
hätte eine Bitte an Sie. Ich weiß, daß Sie meinen Sohn lieb haben. Um
desto getroster darf ich Ihnen einen Auftrag geben, da Sie des Sohnes
wegen, der Mutter gewiß einen Gefallen thun. Den 9^{ten} November
vorigen Jahres, schickte ich an Hr. Cammerrichter ein Päckchen mit
44 fl. 10 kr. Dagegen bekam wie gewöhnlich einen Postschein, der ein
1/4 Jahr gültig ist; den 9^{ten} Februar wäre also die Zeit vorbey,
inzwischen habe von Hrn. Cammerrichter nicht die geringste Nachricht,
ob das Geld glücklich angekommen ist. Nun ist die Frage, ob Sie mir
wollen den Gefallen thun und sich bey seiner Excellenz Haushofmeister,
oder wen Sie sonst von seinem Hofstaat kennen, erkundigen wollen, ob
das Geld richtig überliefert worden seye, denn im entgegenstehenden
Falle habe noch 8 Tage Zeit mich beym Postamt zu melden. Haben Sie die
Güte mir vor Ablauf der 8 Tage zu antworten, damit ich weiß, woran ich
bin.
Sie werden sich ohne Zweifel wundern, warum der Doctor nicht selber
schreibt. Aber der ist nicht hier, schon ein 1/4 Jahr ist er in Weimar
beym Herzog, und Gott weiß wenn er wieder kömmt. Aber freuen thut er
sich gewiß, wenn ich ihm schreibe, daß ich an seinen lieben alten
Bekannten und guten Freund geschrieben habe, denn wie viel er immer von
Ihnen und Ihrem ganzen Haus erzählt hat, kann ich Ihnen nicht sagen.
Für seinen vergnügtesten Zeitpunkt hat er es immer gehalten. Ihr lieber
Herr Vater, Brüder und Schwestern, besonders Herr und Frau Kestner
sind doch, hoffe ich, alle wohl? Grüssen Sie alles von mir, und seyd
versichert, daß ich jederzeit seye
Ihre Freundin Goethe.
Wenn Sie die Güte haben an mich zu schreiben, so ist meine Adresse An
Frau Rath Goethe, auf dem grossen Hofgraben.
115.
Goethe an Kestner und Lotten.
v. 9. Jul. 1776 aus Weimar.
Liebe Kinder. Ich hab so vielerley von Stund zu Stund das mich
herumwirft, ehmahls warens meine eigne Gefühle, iezt sind neben denen,
noch die Verworrenheiten andrer Menschen die ich tragen und zurecht
legen muss. So viel nur: ich bleibe hier, und kann da wo ich, und wie
ich bin meines Lebens geniessen, und einem der edelsten Menschen, in
mancherley Zuständen förderlich und dienstlich seyn. Der Herzog mit
dem ich nun schon an die 9 Monate in der wahrsten und innigsten Seelen
Verbindung stehe, hat mich endlich auch an seine Geschäffte gebunden,
aus unsrer Liebschafft ist eine Ehe entstanden, die Gott seegne.
Er hat mir Siz und Stimme in seinem Geheimen Rath, und den Titel als
Geheimer Legationsrath geben, und wir hoffen das beste.
Viel gute liebe Menschen giebts noch hier mit deren Allgemeiner
Zufriedenheit ich da bleibe, ob ich gleich manchem nicht so recht
anstehe. Addio behaltet mich lieb. d. 9. Jul. 76 Weimar
Schreibt mir was von euern Kindern. Matthäi
hat mir einen Brief bracht.
G.
116.
Goethe an Kestner.
Wartburg d. 28. Sept. 77.
Lieber Kestner, nicht dass ich euch vergessen habe, sondern dass ich
im Zustande des Schweigens bin gegen alle Welt, den die alten Weisen
schon angerathen haben und in dem ich mich höchst wohl befinde, indess
sich viele Leute mit Mährchen von mir unterhalten, wie sie sich ehemals
von meinen Mährchen unterhielten. Wenn ihr's könntet auf euch gewinnen,
und mir mehr schriebt, oder nur manchmal, ohne Antwort, glaubt dass
mirs ewig werth ist, denn ich seh euch leben und glücklich seyn. --
Einen Rath verlangt ihr! Aus der Ferne ist schweer rathen! Aber der
sicherste, treuste, erprobteste, ist: ~bleibt wo ihr seyd~. Tragt
diese oder iene Unbequemlichkeit, Verdruss, Hintansezzung u.s.w. weil
ihrs nicht besser finden werdet wenn ihr den Ort verändert. Bleibt fest
und treu auf eurem Plazze. Fest und treu auf Einem Zweck, ihr seyd ia
der Mann dazu, und ihr werdet ~vordringen~ durchs ~bleiben~,
weil alles andre ~hinter euch~ weicht. Wer seinen Zustand
verändert verliert immer die ~Reise-~ und ~Einrichte-kosten~,
moralisch und ökonomisch, und sezzt sich zurück. Das sag ich dir als
Weltmensch, der nach und nach mancherley lernt wie's zugeht. Schreib
mir aber mehr von dir, vielleicht sag ich dir was bestimmt besseres.
Grüsse Lotten, und Gott erhalt euch und die Kleinen.
Ich wohne auf Luthers Pathmos, und finde mich da so wohl als er.
Uebrigens bin ich der glücklichste von allen die ich kenne. Das wird
dir auch genug seyn.
Addio. Grüsse Sophien.[28]
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