goether und werther 26
Goethe an Kestner.
v. 23. Jan. 1778.
Danke recht sehr für das überschickte, und bitt euch besonders um die
Abänderungen und Verbesserungen, weil mir daran am meisten gelegen ist.
Was es kostet will ich gern ersezzen, es sey was es wolle.
Viel Glück zur Vermehrung und Entblatterung der Familie. Es wird
doch artig seyn, wenn ich euch einmal besuche und ihr mir mit einem
Halbduzzend solcher Figürchen aufwarten könnt.
Grüse Lotten, und wenn ich auch im Styl mit unter Geh. Rätisch werde,
so bleibt doch leider das übrige ziemlich im alten. Grüse Sophien.
Adieu. d. 23. Jan. 78.
G.
Apropos ist denn Lotte immer noch so schnippisch? Schickt mir doch
einmal Eure Silhouetten, und Sophies und der Kinder.
118.
Goethe an Kestner.
Pfingstsonntag 1780.
Es ist recht schön dass wir einander wieder einmal begegnen. Vor
einigen Tagen dacht ich an euch und wollte fragen wie es stünde. Schon
lange habe ich Plan gemacht euch zu besuchen vielleicht gelingt mir's
einmal und ich find euch und eure 5 Buben wohl und vergnügt. Es wär
artig wenn ihr mir einmal einen Familienbrief schicktet wo Lotte und
wer von den Kindern schreiben kann auch einige Zeilen drein schrieben
dass man sich wieder näher rückte. Ich schick euch auch wohl einmal
wieder was, denn ich habe schon mehr Lufft an meine Freunde zu denken
ob sich gleich die Arbeit vermehrt.
Ausser meiner Geheimeraths Stelle, hab ich noch die Direcktion des
Kriegsdepartements und des Wegebaus mit denen dazu bestimmten Kassen.
Ordnung, Präzision, Geschwindigkeit sind Eigenschaften von denen ich
täglich etwas zu erwerben suche.
Uebrigens steh ich sehr gut mit den Menschen hier, gewinne täglich
mehr Liebe und Zutrauen, und es wird nur von mir abhängen zu nuzzen
und glücklich zu seyn. Ich wohne vor der Stadt in einem sehr schönen
Thale wo der Frühling jetzt sein Meisterstück macht. Auf unsrer lezten
Schweizerreise ist alles nach Wunsch gegangen und wir sind mit vielem
Guten beladen zurückgekommen.
Für Henningsens Deducktion dank ich. Das Gedicht kenn ich nicht und die
ganze Sache zeugt von nicht sehr klaren Begriffen. Adieu Grüsse Frau
und Kinder und behaltet mich lieb. Pfingstsonntag 1780.
Goethe.
Dass dir Oberon so wohl gefällt konnt ich denken, es ist ein ganz
trefflich Gedicht. Wenn ein Deutscher Dichter ist so ist ers. Meine
Schriftstellerey subordinirt sich dem Leben, doch erlaub ich mir, nach
dem Beyspiel des grosen Königs der täglich einige Stunden auf die Flöte
wandte, auch manchmal eine Uebung in dem Talente das mir eigen ist.
Geschrieben liegt noch viel, fast noch einmal so viel als gedruckt,
Plane hab ich auch genug, zur Ausführung aber fehlt mir Sammlung und
lange Weile. Verschiedenes hab ich für's hiesige Liebhaber Theater,
freylich meist Conventionsmäsig ausgemünzt. Adieu.
119.
Goethe an Kestner.
v. 30. May 1781. _acc._ 22. Jun. 81.
Wieder ein gutes Wort von Euch zu hören mein lieber Kestner war mir ein
angenehm Begegnen unter den schönen Schatten meiner Bäume, unter denen
ich Freud und Leid still zu tragen gewohnt bin.
Grüst mir Lotten mit ihren vielen Buben, es mögte wohl hübsch seyn wenn
ich euch besuchen könnte.
Jetzt werd ich täglich mehr leibeigen, und gehöre mehr der Erde zu der
wir wiederzukehren bestimmt sind. Die Aufzählung eurer Thaten, in euren
kleinen Selbstgens, hat mir recht wohl gethan, ich hab euch dagegen
nichts zu geben, denn ich bin ein einsamer Mensch. Brandes[29] war nur
wenige Zeit bey mir.
Hierbey schick ich Lotten ein klein Nachspiel; sie solls nur nicht aus
Händen geben dass es nicht gedruckt wird. Adieu, wie vor Alters. W. d.
30 May 81.
Goethe
120.
Goethe an Kestner.
v. 15. Märtz 1783. _acc._ 22. _Mart._ 83.
Wollte ich gleiches mit gleichem vergelten; so bliebe Euer Brief auch
über das Jahr liegen, ich will aber der alten Freundschaft besser
opfern, und hier ist also mein Dank für das überschickte.
Das heist doch noch eine Parthie Köpfe! Misgönnt mir meine Bäume nicht,
Euer Buben sind um ein gut Theil besser. Grüßt Lotten. Euer und der
Eurigen Wohlfahrt erfreut mich herzlich.
Wir haben einen gesunden Erbprinzen, und sind darüber in neues Leben
und Freude versetzt. Ihr werdet das mitfühlen.
Hier meine Iphigenie. Ich bitte sie bald zurück. Wollt Ihr sie noch
einigen guten Freunden zeigen; so bewahrt mir sie nur vor den Augen
angehender Autoren. Es ist zwar so viel nicht dran gelegen, doch ists
verdrüslich, wie mir schon oft geschehn ist, sich stückweise ins
Publikum gezerrt zu sehn.
Laßt euch den Ton meines letzten Briefs nicht anfechten.[30] Ich wäre
der undankbarste Mensch wenn ich nicht bekennte daß meine Lage weit
glücklicher ist als ich es verdiene. Freylich schont mich auch wieder
die Hitze und Mühe des Lebens nicht, und da kann's denn wohl geschehen
daß man zu Zeiten müde und matt, auch wohl einmal mismuthig wird.
Lebt wohl, und gedenkt meiner unter den Eurigen.
Weimar d. 15 März 1783.
Goethe
121.
Goethe an Kestner.
v. 2. May 1783.
Ich habe mein guter Kestner, den Brief den mir euer iunger Mann[31]
bringen sollte durch die Post erhalten und werde ihn also später
zu sehen kriegen. Es muß nach Eurer Beschreibung ein interessanter
Mensch seyn. Das Trauerspiel ist nicht unverständig, es läßt einen
gewissen Geist im Verfaßer vermuthen, hingegen ist auch nichts neues,
eigenthümliches drinne, und mir wenigstens scheint keine dichterische
Ader durchzufliesen.
Für eure Langmuth alter und neuerer Zeiten danke ich Euch, und für Euer
gut Betragen gegen mich. Ich habe in meinem Leben viele tolle Streiche
angefangen, sie kosten mich aber auch etwas. Sehr angenehm war mir Euer
Brief eben zu dieser Zeit. Ich habe in ruhigen Stunden meinen Werther
wieder vorgenommen, und denke, ohne die Hand an das zu legen was so
viel Sensation gemacht hat, ihn noch einige Stufen höher zu schrauben.
Dabey war unter andern meine Intention Alberten so zu stellen, daß
ihn wohl der leidenschaftliche Jüngling, aber doch der Leser nicht
verkennt. Dies wird den gewünschten und besten Effekt thun. Ich hoffe
Ihr werdet zufrieden seyn.
Das Schicksal scheint euch übrigens recht als Günstling zu behandlen.
Erst soviel Bubens daß man denken sollte es wäre des Guten genug und
das erwünschte Mädchen bis zur rechten Zeit aufgehoben. Gott erhalte
sie Euch.
Vielleicht fällt mir einmal für Hansen etwas bey.
Grüset Lotten, und lebet wohl und behaltet mich lieb.
Weimar d. 2ten May 83.
G.
122.
Fragment eines Brief-Concepts
Kestners an Goethen.
(Von Hannover 1783.)
Ich dancke, daß Ihr mir von dem Vorhaben, den Werther umzuarbeiten,
Nachricht geben wollen. Ich freue mich aber, lieber bester Freund, nur
in so fern darauf, als das Anstössige darin hoffentlich wenigstens
gemildert werden kann, und -- wenn Ihr einigen Errinnerungen darüber
Raum geben wolltet, welches ich doch zu Eurer Freundschaft gegen uns
zuversichtlich hoffe, jetzt am mehrsten hoffe, da Euer Jugendliches
Feuer sich in 10 Jahren etwas gemildert haben, und der kältern
Ueberlegung des Mannes von selbst etwas nachgeben wird.
Ich erinnere mich gleich damals, als Ihr uns ein Exemplar davon
schicktet, einige Erinnerungen gemacht zu haben, um die völlige
Publication noch aufzuhalten, welches aber zu spät war. Da das Buch
auch einmal in aller Welt Händen ist; so wird nicht allen, wenigstens
nicht ganz abgeholfen werden können. -- ich besitze jetzo das Exemplar
nicht mehr. Es muß mir entwandt seyn. Von andern mag ich es auch nicht
fordern, theils aus den in meinem letzten Briefe bemerkten Gründen,
theils um nicht bemercklich zu machen, daß ich von der vorhabenden
Umarbeitung gewußt habe. Ich will es mir zwar verschreiben, um es nochmals genau durchzugehen, und meine Erinnerungen darüber bestimmter zu machen. Vorläufig aber etwas, das mir eben gerade einfällt.
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