goether und werther 27
1) ~Die Ohrfeigen~, welche Lotte austheilt, waren uns beyderseits
anstössig. Diese Episode ist weder in der wahren Geschichte gegründet,
-- es sey denn, daß Ihr solches anders woher genommen -- noch dem
Character ~der~ Lotte, welche Ihr schildert, genug angemessen.
Meine Lotte wenigstens, wäre nie im Stande gewesen, sich so zu
benehmen. Ob sie gleich ein lebhaftes, muthwilliges Mädchen war; so
blieb sie doch immer ein Mädchen, und behielt bey solcher Lebhaftigkeit
und Muthwillen doch immer die weibliche _Delicatesse_ -- ein
andres Wort fällt mir nicht gleich ein -- bey.
2) Der Umstand, daß sie Werthern auf dem Balle gleich zu verstehen
gegeben, daß sie schon engagirt sey, war uns auch anstössig. Meine
Lotte, wenn die damit gemeynt wäre, hätte solches nicht äussern können;
weil wir nie eigentlich versprochen gewesen sind. Wir verstanden uns,
wir waren einig, wir waren nicht mehr zu trennen, das ist wahr. Es
beruhte aber nur zum Theil auf einer stillschweigenden Uebereinkunft.
Wir hätten, menschlichen Gesetzen nach, uns noch immer trennen können.
Auf meiner Seite hatte eine gewisse Eigenheit oder _Caprice_, wenn
Ihr wollt, daran Schuld.
123.
Goethe an Kestner.
v. 24. Jun. 1784.
Lange hätte ich Euch schon schreiben sollen, denn ich habe Euch noch
nicht für die gute Aufnahme meiner Iphigenie gedankt. Besonders war
mir sehr lieb daß Ihr ins Detail gegangen seyd und mir gesagt habt was
Euch daran gefiel, denn ein allgemeines unbestimmtes Lob hat wenig
tröstliches und belehrendes.
Das Exemplar habe ich lange wieder erhalten, und auch Euren Brief von
Zelle.
G.... konnte Euch wenig von mir sagen, ich habe nichts gemeines mit
ihm. Es ist ein töriger Mensch der sich zu Grunde richtet.
Was Ihr mir von Euren Kindern schreibt höre ich gern, glückseelig der
dessen Welt innerhalb des Hauses ist. Erkennts nur auch recht wie
glücklich Ihr seyd und wie wenig beneidenswerth glänzendere Zustände
sind.
Die Grafen Stollberg haben uns besucht, es war eine sehr angenehme
Erinnerung voriger Zeiten und eine neue Befestigung der alten
Freundschafft.
Wann werd ich Euch einmal wiedersehn! Grüset Lotten, und lebt wohl,
gesund und vergnügt mit den Eurigen, laßt manchmal von Euch hören und
behaltet mich lieb.
Eisenach d. 24 Jun 1784.
G.
Grüset mir Georgen noch besonders, und schreibt balde wieder.
124.
Goethe an Kestner.
v. 11. Jan. 1785.
Aus beyliegendem Blatte werdet Ihr mein lieber Kestner sehen, was mich
in diesem Augenblicke veranlaßt Euch zu schreiben. Ich bitte mir auf
das baldigste Nachrichten von der gedachten Person zu verschaffen. Sie
sitzt in Mayland und kann Dienste haben wenn ihre Angaben wahr befunden
werden, so daß man ihr auch wegen des übrigen Glauben beymessen kann.
Die Capuciner auf dem Gotthart die sich meiner erinnerten haben auf
Bitte ihrer Mayländischen Freunde an mich geschrieben, und da ich ihnen
als ein berühmter Mann bekannt war; so glaubten sie ich könne nichts
anders als ein Professor in Göttingen seyn, und müsste Relationen in
Hannover haben. So ist der Brief nach Deutschland gekommen und hat mich
endlich hier gefunden.
Dieses Jahr war ich nahe bey Euch und konnte nicht hinüber. Wann werden
wir uns einmal wieder sehen. Fast Alle meine Freunde haben mich einmal
besucht.
Grüset Frau und Kinder schreibt mir einmal wieder von Euch. Von mir ist
nichts zu sagen wenn man nicht von Angesicht zu Angesicht steht. Lebet
wohl! Antwortet bald und behaltet mich lieb.
Weimar d. 11 Jan. 1785.
G.
* * * * *
Die Anlage dieses Briefes und die dabei befindlichen Aktenstücke
über Kestners Ausrichtung des empfangenen Auftrages sind hier von
keinem Interesse, daher nicht abgedruckt.
125.
Goethe an Kestner.
v. 25. April 1785.
Vielen Dank mein lieber Kestner für die doppelte Nachricht. Ich habe
den Capuzinern geantwortet und sie mögen nun daraus nehmen was sie
können.
Daß Ihr und die Eurigen wohl seyd und in einem glücklichen Häuflein
zusammen lebt, erfreut mich von Herzen. Erhalte Euch der Himmel dabey.
Grüset Lotten und Malgen[32] recht sehr, und den guten Georg. Er soll
mir mehr schreiben. Es scheint ein wackrer Knabe zu seyn.
Das Mineralien-_Cabinet_ was unser Bergsecretair Voigt dem Publiko
angeboten hat, ist eigentlich nicht für Kinder, sondern für Liebhaber,
die sich einen anschaulichen Begriff von den verschiedenen Gebürgsarten
machen wollen, von denen ietzt immer soviel gesprochen wird.
Wie beyliegendes Büchlein ausweiset. Das Cabinet enthält die in den
Briefen beschriebenen Steinarten und ist für iemanden den diese
Wissenschaft interessirt und sich unterrichten will, das Geld wohl
werth.
Wollt Ihr aber für Eure Kinder ein klein Naturaliencabinet haben; so
kann ich Euch ein's zusammen machen lassen, ich habe des Zeugs genug.
Adieu. Gedenkt mein.
W. d. 25 Apr. 1785.
G.
126.
Goethe an Kestner.
v. 1. Sept. 1785.
Euer Brief lieber Kestner hat mich vergebens in ienen Gegenden gesucht,
ich bin dem Hofe nicht gefolgt, und sas, da Ihr ihn schriebt, ziemlich
weit von Euch ab, in Carlsbad.
Wie viel Freude wäre es mir gewesen Euch wiederzusehen, Theil an
Eurer Freude und Eurem Kummer zu nehmen und die alten Zeiten wieder
herbey zu rufen. Der Todt Eures Mädgens schmerzt mich sehr. Ich sehe
was in Herders Familie so ein kleines Weibgen unter den vielen Knaben
wohlthut. Da Ihr immer fruchttragende Bäume seyd; so müsst Ihr den
Verlust zu ersezen suchen. Grüset Lotten herzlich, ich denke sie ist
mir noch gut und ich werde so lang ich lebe meine Gesinnungen gegen sie
nicht verändern.
Adieu. Alles liegt voll um mich von Papieren, deswegen nicht mehr.
d. 1. Sept. 85. G.
127.
Goethe an Kestner.
v. 4. Dec. 1785 d. 2. April 86 beantw.
Seit dem Empfang Eures Briefes, lieber Kestner, habe ich mich über
Euer Schicksal nicht beruhigen können, das Ihr mit so vielem guten
Muthe ertragt.[33] Bisher wart Ihr mir eine Art von Ideal eines durch
Genügsamkeit und Ordnung Glücklichen und Euer musterhaftes Leben mit
Frau und Kindern war mir ein fröhliches und beruhigendes Bild. Welche
traurige Betrachtungen lassen mich dagegen die Vorfälle machen die Euch
überrascht haben und nur Euer eignes schönes Beyspiel richtet mich
auf. Wenn der Mensch sich selbst bleibt, bleibt ihm viel. Seyd meines
herzlichen Antheils überzeugt, denn mein mannigfaltiges Weltleben hat
mir meine alten Freunde nur noch werther gemacht. Ich danke Euch für
den umständlichen Brief und für das sichere Gefühl meiner Theilnehmung.
Lebet wohl, grüst Lotten und die Kinder. Das Bad hat gute Würkung hervorgebracht und ich bin recht wohl.
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