Pitt und Fox 1
Pitt und Fox
Die Liebeswege der Brüder Sintrup
Author: Friedrich Huch
Erstes Kapitel.
Pitt -- -- so nannte Philipp Sintrup sein Spiegelbild, wie er es als
kleines Kind zum erstenmal erblickte und mit dem Finger berührte. Die
Familie heftete den Namen an ihn, und mit einer Art von Folgerichtigkeit
ward nun sein jüngerer Bruder nur noch Fox gerufen. Pitt war es
gleichgültig wie er hieß. Fox dagegen wehrte sich gegen den ihm
aufgehängten Namen, ohne daß er ihn vertreiben konnte. So behauptete er
denn, als er in das Alter kam, wo man moderne Weltgeschichte lernt, ein
Nachkomme des großen, bekannten Fox wäre sein Pate, und seinen
gewaltigen Reichtum werde er einmal erben.
Schon früh begann Fox Großes von sich zu erzählen. Er stellte sich als
den Helden von selbsterfundenen Geschichten hin, die er Märchen nannte,
die aber außer ihrer Unmöglichkeit nichts Märchenhaftes an sich hatten,
sondern der allernächsten Umgebung entnommen waren und nur in einem Tone
vorgetragen wurden, der Grausen erregen sollte. -- Der grauäugige, etwas
hochgeschossene Pitt hörte sie mit gelangweilten Augen an, und wenn Fox
geendet, erzählte er mit gleichmäßiger Stimme: ihm sei Ähnliches
begegnet, nur sei alles umgekehrt gewesen; vor seinen Feinden habe er,
anstatt sie anzugreifen, sich versteckt, indem er sich bewegungslos
gegen den Zaun drückte, so daß sie ihn für einen Holzpfahl hielten.
Während unter seines Bruders Tritten die dicksten Brückenbalken
krachten, genügte ihm ein Strohhalm, sich seinen Verfolgern über das
Wasser hin zu entziehen. Unter diesen befanden sich ganz unbesehen seine
nächsten Verwandten, seine eigenen Eltern. Herr Sintrup zog an ihrer
Spitze, und Frau Sintrup, Pitts Mutter, sonnte sich im Eingang einer
Höhle, ohne sich zu bewegen, so daß er nicht an ihr vorbei konnte, um
sich ein für allemal zurückzuziehen. Wurde Fox am Ende seiner
Erzählungen König, so verscholl Pitt am Schlusse ganz und gar, und wußte
selbst nicht wo er blieb. -- In solchen Augenblicken schwelgte Fox im
Gefühle seiner eingebildeten Stärke. Herr Sintrup aber sagte: aus dir
wird mal was Großes! Aber du, Pitt kannst dich nur gleich begraben
lassen. -- Dann zog Pitt unbemerkt ein Taschenbüchlein hervor, suchte
eine bestimmte Seite und machte einen Bleistiftstrich. Sein Vater und
seine Mutter sagten stets dasselbe und er führte darüber eine Art
Statistik.
Herr Sintrup war ein rühriger, geachteter Fabrikant in dem kleinen
Städtchen. Pünktlich mit dem Glockenschlag war er zumeist im Bureau und
schnauzte seinen Angestellten ein gutmütiges »guten Morgen« zu. Nur
manchmal kam es vor, daß er im Bette länger liegen blieb, denn ab und zu
liebte er einen »guten Tropfen«, wie er das nannte. Bekam er einen neuen
Lehrling, so stellte er ihn vor sich hin, durchbohrte ihn mit seinen
Augen, und sagte in schrecklich drohendem Ton: Bengel, Bengel, ich sage
dir ....! Im Grunde aber war er gutmütig und leicht gerührt.
Fox fühlte sich in seiner Haut sehr wohl; den Dienstboten gegenüber tat
er, als sei er eigentlich eine Art von Kronprinz; seine Mutter hatte er
ganz in der Gewalt, sie verwöhnte ihn und gab ihm in allem seinen
Willen, um so mehr, als Pitt ihr nicht im Wege war, der nie um etwas bat
und mit einem stereotypen: danke -- alles in Empfang nahm, mochte es nun
Gutes oder Geringwertiges sein. Pitt erschien wie ein verschlossenes,
etwas impertinentes Waisenkind, das trotz aller jahrelangen Gewöhnung
niemals recht häuslich wird in dem Kreise seiner Pflegeeltern. Die Namen
seiner nächsten Verwandten konnte er nicht auseinanderhalten. Manchmal
mußte er sich erst besinnen, wo das Eßzimmer, wo die Wohnstube lag.
Genau so fremd lebte er in der Schule. Seinen Kameraden gegenüber hatte
er einen leise überlegenen, ironischen Ton, feiner oder plumper, je
nachdem er es für angemessen hielt. Wirkliche Freundschaften kannte er
nicht. Er litt darunter, konnte es aber nicht ändern. Einmal schloß er
sich an eine gleichaltrige Cousine an; aber das Mädchen wurde so
gefühlvoll, ihm war, als spielten sie Theater; und als sie ihn eines
Tages wie gewöhnlich besuchen wollte, fand sie seine Tür verschlossen,
und er rief ihr durchs Schlüsselloch zu, es sei aus zwischen ihnen, er
wolle sie nie wiedersehen. Als er dann später einmal ein tragisch auf
ihn gerichtetes Gesicht erblickte, mußte er sich erst besinnen, wer das
war. -- Fox unterhielt Freundschaften mit Mädchen, die viel jünger waren
als er selbst; er verlachte Knaben, die mit gleichaltrigen oder älteren
gingen: das hat doch gar keinen Sinn! Die kann man ja später doch nicht
heiraten! Ein Mann muß doch immer älter sein als die Frau! -- Trotz
dieser massiven Untergründe wechselte er seine Liebe ziemlich oft. --
Über seinem Bette prangte die gedruckte Gestalt eines Athleten; die
Muskeln hatte er mit Tinte nachgezogen und verstärkt. Über der Tür hing
ein großes Pappschild, darauf hatte er sein eigenes Monogramm gemalt,
mit Blau- und Rotstift, in kolossalen Buchstaben. An der Wand hinter
seinem Arbeitstisch aber stand jene von einem autodidaktisch arbeitenden
Onkel unternommene, lebensgroße Kreidekopie nach einem kleinen Bilde,
das ihn in seinen ersten Jahren darstellte. -- Ich wog damals schon
fünfzig Pfund! sagte er zu einem Freund, der ihn besuchte. Und die
Muskeln! fügte er hinzu und blickte auf das Bild, auf dem man von Armen
überhaupt so gut wie gar nichts sah. Mit rascher Fassung aber sagte er:
Da oben kannst du sie hundert Jahre suchen und findest sie nicht, aber
ich hatte sie schon damals, das ist bombensicher! --
Fox war bei seinen Kameraden tonangebend, er umgab sich mit einem Stab,
der auf sein Wort zu hören pflegte. --
Pitt war jeder Lärm ein Gräuel. Er hielt seine Fenster zumeist
verschlossen und trug zu Haus fast immer Filzpantoffeln. Ein
eigentliches Zimmer für sich besaß er nicht; er wechselte stets. So wie
er anfing sich gemütlich zu fühlen, glaubte er irgend einen Mißstand zu
entdecken. Frau Sintrup gab dann mit gleichmütiger Stimme dem Mädchen
die Anweisung, sein Bett irgendwo anders hinzuschaffen; einen großen
Spiegel nahm er jedesmal persönlich mit von einem in das andere Zimmer.
Er liebte es, sich vor ihn hinzusetzen, hineinzusehen, alles zu
vergessen und gar nichts zu denken. So müßten die Menschen sein! Ganz
still und stumm, nur wie Erscheinungen! In Wirklichkeit dagegen waren
sie alle so laut und heftig, machten aus jedem Gefühl viele Worte, ganz
wie die Schauspieler auf der Bühne. Zuweilen empfand er sich selbst wie
einen Schauspieler, namentlich dann, wenn er in Erregung geriet, was
nicht oft geschah. Dann hörte er sich auf einmal selber reden, alles
erschien ihm plötzlich hohl und albern. Dabei besaß er selbst die
Fähigkeit, aus dem Geiste eines andern herauszureden, ihn nachzuahmen in
allen seinen Äußerungen. Aber davon wußte niemand, und er empfand
geradezu einen Haß gegen sich selbst, wenn er sich manchmal allein in
diesen Nachahmungen gehen ließ, denn dann war es, als hafte ein
besonderer Nachgeschmack an allem, was er selber tat und sagte.
Fox versäumte keine Schülervorstellung im Theater und versuchte zu Hause
alles nachzuahmen, wobei es ihm ganz gleichgültig war, wer etwa zuhörte.
--
Alljährlich pflegte die Familie Sintrup für einige Wochen in ein Bad zu
gehen. Frau Sintrup litt an einem Übel. Da es ihr aber vorläufig keine
großen Unbequemlichkeiten bereitete, pflegte sie zu sagen: Einmal muß
der Mensch doch sterben; ob es nun ein bißchen früher oder später kommt,
ist doch ganz gleich. -- Die Schneiderin kam mehrere Wochen vor der
Abreise und huschte maßnehmend um Frau Sintrup herum, bis diese meinte:
Nun hören Sie aber auch mal wieder auf; die Dinger werden wohl von
selber sitzen. -- Der einzige, der es sich gestatten konnte, jederzeit
so wie er war zu bleiben, war Herr Sintrup selbst, dessen tadelloser
»Habitus« wie er es nannte, dessen glänzend steifer Hut und funkelnd
rote Handschuhe ihn schon von weitem überall signalisierten.
Pitt lebte im Bade genau so wie zu Hause; es kümmerte ihn nicht, ob er
zu spät zur Mittagstafel kam: als sei er ganz allein, trabte er durch
den Saal und starrte den Menschen in die Gesichter, als wolle er
entscheiden, ob es seine Eltern waren oder nicht.
Pitt! du bist nun bald konfirmiert, du verläßt in ein paar Jahren die
Schule! sagte Herr Sintrup: _So_ ißt man seine Suppe! Er nahm den Löffel
zierlich und hielt die Ellbogen an den Leib gedrückt. Frau Sintrup,
deren Busen den Teller fast berührte, fügte mechanisch hinzu: Wozu hat
man denn seine Eltern, wenn man sich nicht nach ihnen richten will --
und hatte soviel Geistesgegenwart, den Löffel unterwärts nicht
abzulecken, wie sie zu Hause gerne tat. Fox saß in solchen Augenblicken
stramm auf seinem Stuhl. Die Haare klebten straff an beiden Schläfen,
sein roter Schlips aus Halbatlas glänzte wie seine Backen. Er fühlte
sich als den Sohn des reichen Fabrikanten, und wußte, was er der Welt
schuldig war. -- Den einzigen Menschen, welchen Pitt grüßte -- den
Portier -- grüßte er nicht; Fox grüßte niemals Untergebene; gerne hielt
er sich in der Nähe solcher Fremden auf, die durch anspruchsvolles Wesen
seine Aufmerksamkeit erregten. Er wußte Bekanntschaften einzuleiten, und
es machte den Menschen Spaß, den halbwüchsigen, dicken und im Grunde
gutmütigen Jungen scheinbar ernst zu nehmen und fast wie einen
Erwachsenen zu behandeln. Wenn er von solchen Reisen nach Hause
zurückkehrte, erschien er jedesmal ein Stück gefestigter und reifer.
Auch schrieb er alsdann viele Briefe, an Mädchen, die er kennen lernte,
von denen er die eine oder die andere später zu heiraten gedachte,
Mädchen, die Pitt samt und sonders langweilig oder häßlich fand. Pitt
selber schloß einmal eine nähere Freundschaft, nachdem er lange
geschwankt hatte ob er solle oder nicht. Schon Tage vor der Abreise
sprach das Mädchen in geheimnisvoller Weise von einem Andenken. Er war
neugierig, und am Tage der Abfahrt überreichte sie ihm einen großen
Kranz, den sie gemeinsam mit der Gesellschafterin der Familie geflochten
hatte. Pitt schenkte ihn heimlich dem Portier. Später bekam er einen
richtigen Liebesbrief, den er vier Seiten lang beantwortete, aber so,
daß er von jedem Worte nur den allerersten Buchstaben niederschrieb, so
daß das Ganze wie ein regelloses Alphabet aussah. Damit war dies
Erlebnis beendet.
Fox arbeitete zu Hause weiter an seiner Entwicklung. Wenn Freunde seines
Vaters zu Tisch kamen, merkte er stets auf die Unterhaltung, sein gutes
Gedächtnis ließ ihn vieles behalten, und später wiederholte er es andern
Leuten gegenüber als sein geistiges Eigentum. So gelang es ihm, bei
Menschen den Glauben an Frühreife wirklich zu erwecken, nachdem sie im
ersten Augenblick über ihn gelacht hatten. Solchem Lachen pflegte er
einen ernsten, bedauernden Blick entgegenzusetzen. Er verdarb es mit
niemand, auch nicht mit solchen, die ihm unangenehm waren. Wie oft kam
es vor, daß Herr Sintrup über irgend einen Menschen in der
lästerlichsten Weise redete; begleitete ihn Fox noch am selben
Nachmittag auf der Straße, so konnte es geschehen, daß Herr Sintrup
denselben Herrn auf die kordialste Weise ansprach, ihm derb die Hand
schüttelte und sich bedauernd wieder von ihm trennte. --
Weltgewandtheit, mein lieber Fox, Weltgewandtheit muß man haben; ohne
die kommt man nicht aus im Leben! Der Kerl da weiß ganz genau was ich
von ihm denke; und ich weiß ganz genau was der Kerl von mir denkt. Mit
der einen Hand hält man sein Portemonnaie fest, mit der andern winkt man
sich zu, das ist einmal nicht anders! -- Fox eiferte seinem Vater nach;
und wenn der öfter gezwungen war größere Reisen zu unternehmen, -- was
Fox jetzt noch nicht konnte, so stellte er sich dafür manchmal auf den
Bahnhof, wartete, bis der große Eilzug kam, der für wenige Minuten
verweilte, kletterte hinein, sah für ein paar Augenblicke ernst und
interessant aus dem Fenster einer ersten Klasse, stieg dann wieder
heraus, und ging, die Hände in den Hosentaschen, mit einem
erschöpft-bedeutenden Gesichte auf dem Bahnsteig auf und ab.
댓글 없음:
댓글 쓰기