Pitt und Fox 2
Fox war faul. Aber er hatte die größte Meinung von sich und seiner
Zukunft, und oft redete er davon, er werde Pitt sogar noch auf der
Schule überflügeln. Sein außerordentliches Selbstvertrauen aber ließ ihn
auf persönliche Anstrengungen verzichten, indem er dachte, alles würde
schon von selber getan; und so kam es, daß Pitt, der sich ebenfalls
keine Mühe gab, doch immer voran blieb. Pitt machte seinen Weg genau so,
wie er auf der Straße, wie er zu Hause ging: leise, ohne sichtbaren
Rhythmus. In kein Ding vertiefte er sich wirklich, er hatte keine Zu-
und keine Abneigungen, er erledigte seine Schularbeiten ohne Hast, ohne
Leidenschaft, nicht spielerisch, auch nicht zerstreut, aber so, daß
seine Lehrer sagten: Es fehlt ihm das Mark und die Kraft! Es kam vor,
daß man ihn ungerecht bestrafte. Trat dann durch Zufall seine Unschuld
an den Tag, und fragte man ihn verwundert, weshalb er sie denn nicht von
vornherein beteuert habe, so sagte er wohl: Es ist ja alles doch ganz
gleich! -- War aber ein Verdacht gegen ihn begründet, und ging er nur
nach einer falschen Richtung, so klärte er alles auf, mit belehrender
Offenheit, die an Unverfrorenheit grenzte, gleichsam als Dritter,
Unbeteiligter, Darüberstehender, und es hätte nur gefehlt, daß er, wie
einmal ein Lehrer sagte, von sich selbst als »er« gesprochen hätte. Man
hielt ihn für kalt und hochmütig. Er selbst hielt sich weder für das
eine noch für das andere. Ihm war, als führe er hier zu Hause und auf
der Schule ein Traumleben, und als müsse das anders werden, sowie er
draußen wäre. Daß er seinen Eltern nicht nahe stand, lag an seinen
Eltern; daß er keine Freunde hatte, lag an denen, die zur Auswahl
standen; mit geläufiger Zunge setzte er alle ihre Nachteile und
Schwächen auseinander, und sprach über sie wie über die einzelnen
Objekte einer Sammlung.
Sein Examen rückte nun heran, und damit auch die Frage nach einem Beruf.
Diese war ihm vollständig gleichgültig und sehr langweilig. Er fühlte
sich jedem Beruf gewachsen, und was einer wurde war ja doch nur Zufall.
Nur zur Universität im allgemeinen entschloß er sich, da er dann am
schnellsten herauskam aus diesem öden, freudlosen Leben zu Hause.
Möchtest du Mediziner werden? sagte Herr Sintrup. -- O ja, warum nicht?
-- Aber ich glaube, du hast nicht das mindeste Talent zum Mediziner. --
Dann kann ich ja auch was anderes werden. -- Solche Antworten brachten
seinen Vater zur Verzweiflung: wie ist dieser Geist in dich gefahren!
Hast du denn keine Spur von Ehrgeiz? -- Pitt schüttelte den Kopf. -- Ich
lasse dich einfach ein Handwerk lernen! -- Gut, ich bin mit allem
einverstanden! -- Nirgends, von keiner Seite war dieser Mensch zu
fassen.
Erbittert machte Herr Sintrup eine Faust hinter ihm drein, wie er ihn am
ersten Examentag, ein wenig gekrümmt, zur Schule gehen sah. Pitt blieb
stehen, sah aufmerksam auf seinen Vater, der hinter der Scheibe stand,
und rief irgend etwas. Herr Sintrup glaubte eine unerhörte, grenzenlose
Unverschämtheit zu vernehmen und öffnete energisch das Fenster. -- Ach
du bist es, sagte Pitt trocken und schlich weiter. Die nächsten Tage
ging jener dumpfe Geist im Hause um, wie ihn die Aussicht auf ein
reifendes trübes Geschick zeitigt; denn Pitt machte keinen besonders
freudigen Eindruck. Nur Frau Sintrup sprach sehr gemütlich von dem
Unglück: Es sei doch ganz egal, ob Pitt noch ein Jahr länger auf der
Schule sei oder nicht, sie liebe überhaupt keine Veränderungen, und wenn
er jetzt fort müsse, so käme das doch eigentlich recht plötzlich. --
Alle waren überrascht, als die Nachricht kam, Pitt habe das Examen als
einer der Besten bestanden. Tanten erschienen zur Besichtigung und zur
Gratulation, und Frau Sintrup litt alsbald an einer Magenverstimmung. --
Fox war recht enttäuscht. Nun blieb ihm nur die Hoffnung, er werde Pitt
bald einholen und dann auf der Universität überflügeln. Fox wußte schon
längst, was er werden wollte: Regierungsbeamter, welcher Art, war noch
nicht sicher. --
Nach der ersten großen Freude begann Herr Sintrup wieder mit seinen
Fragen. Und Pitt, der sich sagte, etwas müsse nun getan werden,
erklärte: er wolle Jurist werden, es sei dies der einzige Beruf, für den
er sich eigne. Und da er dies mit lauter Stimme mehrere Male sagte, so
glaubte ihm Herr Sintrup, der anfänglich etwas mißtrauisch war. Fox
dagegen meinte: Er macht mir das nur nach.
Nun war der Zeitpunkt wirklich eingetreten, nach dem Pitt sich so
gesehnt hatte, und doch empfand er eigentlich keine Freude. Als er das
Gymnasium verließ, mit dem Bewußtsein, es nie wieder betreten zu müssen,
sagte er sich: dies wird mir nach vielen Jahren vielleicht noch als
einer der allerglücklichsten Momente meines Lebens erscheinen. Fühle ich
mich jetzt glücklich? Ich fühle mich genau wie vorher. Aber die Freude
wird schon hinterher kommen, wenn ich erst einmal ganz fort bin. -- Ein
Familiensouper wurde ihm zu Ehren gegeben. Er hatte keine Lust es
mitzumachen, sagte, er habe Kopfweh, und legte sich zu Bett. So ruhte
das Gewicht, die herangewachsene Generation in der Familie zu vertreten,
auf Fox, und seine breiten Schultern schienen um die Last, aber auch um
den Stolz einer solchen Bürde zu wissen. Er hielt eine Rede, und es
gewann schließlich fast den Anschein, als sei dieses Fest eine
Vorwegnahme eines späteren, und in seinen Augen lag es wie eine Garantie
der Hoffnungen, die man auf ihn setzte. Frau Sintrup aber sagte, Pitt
sei nun genau so alt, wie ihr Mann damals gewesen war, als sie ihn zum
ersten Male sah. Nur habe der damals bereits einen Vollbart gehabt; --
ach Gott, ich weiß es noch wie heute; er steckte mir immer Bonbons zu,
und ich lauerte ihm auf, nur um die Bonbons zu kriegen. Na, dann wurde
es ja anders, aber wieviel Jahre gingen hin bis wir uns heiraten
durften, bis er Prokurist wurde! Und das pompöse Hochzeitsessen später!
Ich glaube, ich kann die Speisekarte noch heute auswendig. Natürlich
sagten die Leute, er habe mich des Geldes wegen geheiratet. Lieber Gott,
und wenn nun ein ganz bißchen Wahrheit daran gewesen wäre -- Aber Mausi!
rief Herr Sintrup, aber Mausi, was fällt dir ein! Alle lachten, aber
Frau Sintrup übertönte den Lärm mit ihrer Stimme: Ich hätte dich doch
auch niemals genommen, wenn Vater nicht ganz genauen Einblick in die
Verhältnisse gehabt hätte! Solidität muß sein. Andere waren ja noch
begeisterter für mich, wenigstens in ihren Redensarten; aber die taugen
für eine Ehe nicht, die verfliegen mit den Flitterwochen. Ich verzichte
gerne auf den Kram! --
Sie lehnte sich mit Behaglichkeit zurück und gedachte ihres ganzen
Lebens, das ihr auch nicht eine einzige Enttäuschung gebracht hatte. Daß
ihr Mann ihr zuweilen etwas untreu war, das rechnete sie nicht; das war
nur auf Geschäftsreisen und ging sie also gar nichts an. Hier zu Hause
liebte er nur sie, bereits seit fünfundzwanzig Jahren; -- in der ersten
Zeit war ihre Ehe kinderlos. Voll Zufriedenheit saß sie im Sofa und ließ
den Blick auf ihrem Bilde ruhen, das, von Schiller links, von Goethe
rechts flankiert, ihr gegenüber an der Wand hing.
Bald nach diesem Abend verließ Pitt seine Vaterstadt. Mit einer
Riesengeschwindigkeit, wie zu einer ungeheuren Aufgabe jagend,
durchschmetterte er das deutsche Land -- und in Wahrheit war ihm alles,
was mit Beruf und Aufgaben zusammenhing, nebensächlich und nicht der
Rede wert. Nur seine Einsamkeit empfand er, und die Sehnsucht, daß es
besser werden möchte.
Zweites Kapitel.
Pitt stand eines Tages im Vorsaal eines vornehmen Hauses: Er wolle das
Fräulein sprechen. Der Diener bat um seine Karte, er gab sie zögernd.
Dann wartete er in dem großen, stillen Salon. -- Ein junges Mädchen trat
herein, mit stumpfem, blondem Haar und ganz hellem Gesichte. Sie hielt
Pitts Karte in der Hand, und gespannt, wer sie da wohl besuche, warf sie
einen neugierigen Blick ins Zimmer, aus ihren graublauen Augen, die wie
zwei lichte, besondere Kämmerchen für sich allein erschienen. Sofort
aber nahmen sie einen halb überraschten, halb beunruhigten Ausdruck an:
was fällt Ihnen denn ein! sagte sie schnell und halblaut, das geht doch
nicht! Sie kennen uns doch nicht! Meine Mutter und meine Schwester
wissen doch gar nichts von Ihnen! -- Die will ich ja auch gar nicht
besuchen; sagte Pitt. -- Sie sah beunruhigt auf die Tür: Wenn meine
Mutter jetzt hereinkäme -- ich kann ihr doch nicht gleich die ganze
Geschichte erzählen -- so gehen Sie doch, hören Sie denn nicht --
meinetwegen warten Sie draußen, ich muß sowieso in die Stadt. -- Er war
noch einen Augenblick wie unschlüssig, aber da schien es, als wollte sie
ihn in ihrer Unruhe vor sich herschieben; er lachte und ging eilig und
lautlos durch die teppichbelegte Vorhalle, an dem Diener vorbei, wie ein
Dieb, der einiges Silber in die Tasche gesteckt hat und sich bemüht, nun
möglichst harmlos dreinzuschauen. Fast wäre er gegen eine äußerst
elegante, schlanke junge Dame geprallt, die ins Haus schritt und ihn
jetzt mit einem etwas erstaunten Blicke maß. Es war Hedwig van Loo,
Elfriedes ältere Schwester. -- Wer war dieser junge Mensch? fragte sie
als sie zu ihr ins Zimmer trat. -- Ein Freund von mir! sagte Elfriede
gleichgültig und kurz; Hedwig zog ein wenig pikiert die Augenbrauen
hoch; die Unterhaltung war abgeschlossen. Elfriede nahm einige Noten vom
Flügel und verließ das Haus. Wie sie draußen an der Ecke Pitt erblickte,
lachte sie, als sei es ein lebendig gewordener Witz, der da vor ihr
stände. Er begriff noch immer nicht, daß sie ihn fortgeschickt habe. --
Wenn ich nur vorher genau gewußt hätte, daß _Sie_ das wären! sagte sie,
aber in dem Augenblick war ich ganz verwirrt. Eigentlich, fuhr sie nach
einer Pause fort, ist doch unsere Bekanntschaft auch recht sonderbar. --
Das finde ich gar nicht! Ich finde sie im Gegenteil höchst natürlich.
Ich habe noch nie im Leben einen Menschen auf so natürliche Weise kennen
gelernt wie Sie. -- Ich auch nicht! fiel sie schnell ein, aber gerade
deshalb finde ich es so komisch. -- Und eigentlich kenne ich Sie ja auch
jetzt noch so gut wie gar nicht! fuhr er fort. -- Ja das ist wahr! sagte
sie sehr ernsthaft und ging unwillkürlich etwas gemessener. -- Wenn Sie
wirklich in unser Haus kämen, fuhr sie nach einer Pause fort, so müßte
ich meiner Mutter doch irgend etwas vorher sagen, das geht gar nicht
anders. -- Gut, dann tun Sie das, und dann komme ich morgen wieder. --
Bitte -- sagte sie stolz, das hängt doch von mir ab, ich muß mir das
sehr überlegen. Sie schwiegen eine Zeitlang, dann sagte Pitt: Weshalb
tragen Sie eigentlich täglich diese Mappe? -- Weil ich täglich in die
Stunde gehe! Sie haben mich schon zweimal danach gefragt und jedesmal
dieselbe Antwort bekommen. Und als er bestätigend nickte, fragte sie:
Sind Sie öfter so zerstreut? -- Er erfuhr jetzt, daß sie sich ganz im
Klavierspiel ausbilde, viel habe sie schon gelernt, aber noch lange
nicht genug. Die Lehrer seien hier nicht besonders gut, sie wolle später
nach Paris gehen. Darauf teilte er ihr mit, er mache niemals Pläne,
alles käme ja doch immer so, wie es kommen müsse. Sie fand das dumm; er
bewies es ihr an seinen letzten Erfahrungen: Eigentlich, wenn es nach
dem Plan gegangen wäre, säße er jetzt ganz wo anders. Er habe sich
irgendeine Universitätstadt ausgesucht, aber mitten auf dem Bahnhofplatz
habe er dem Gepäckträger gesagt, er wolle umdrehen, er wolle
weiterfahren. -- Weshalb? -- Pitt zuckte die Achseln. -- Und dann sind
Sie weitergefahren? -- Jawohl, bis ich hier war, und da dachte ich: Nun
ist es richtig. -- Elfriede machte einen etwas spitzen Mund und sagte in
kleinen Tönen: Sie scheinen die Originalität zu lieben. -- Über diese
Worte ärgerte er sich, da sie ihn gar nicht trafen. -- Jetzt werde ich
nur noch in einem kleinen Kreis von Möglichkeiten herumgetrieben, sagte
er nach einer Pause, denn ich ziehe fortwährend von einer Wohnung in die
andere. Sie fand dies toll und direktionslos -- ein Ausdruck, den Hedwig
gern gebrauchte. Er sah halb von der Seite auf ihr Gesicht, und nach
einem kleinen Nachdenken sagte er: Ihnen geht es ja gerade so wie mir!
Sonst würden Sie doch hierbleiben und nicht durchaus nach Paris wollen!
-- Das ist doch etwas ganz anderes! Gerade das Gegenteil davon! Ich
folge doch dabei einem ganz festen Plane! Er bestritt dieses, sagte, das
rede sie sich nur ein, und berief sich auf seine Menschenkenntnis. --
Dann ist Ihre Menschenkenntnis keinen Pfennig wert! rief sie rasch und
ärgerlich. Er lachte und sah sie aufmerksam an. Ich meinte das auch gar
nicht so! Ich wollte nur gerne einmal sehen was Sie für ein Gesicht
bekommen wenn Sie böse sind! -- Nun war sie wirklich böse, hob den Kopf,
antwortete nichts und schritt schneller. Ein wenig unsicher blickte er
ab und zu auf ihr Profil, auf ihre feine, ein ganz wenig stumpfe Nase,
die so fest und eigensinnig in die Luft sah. -- Seien Sie doch nun
wieder anders! sagte er endlich. Da lachte sie und meinte, er sei ein
komischer Mensch. -- Sie hatten jetzt ein großes Haus erreicht,
Elfriedens Ziel, und verlangsamten ihren Schritt; Pitt, der es nicht
gewohnt war, eine gleichmäßig schnelle Gangart einzuschlagen, hatte in
den Beinen ein Gefühl, wie wenn ein Räderwerk im Ablaufen sei. -- Wenn
Sie nun wirklich nichts zu Hause sagen, dann sind Sie in Zukunft nie
mehr vor mir sicher. Ich erkenne Sie auf hundert Schritte. -- Das ist
nicht wahr! sagte sie blindlings, nur um zu widersprechen. -- Wollen wir
wetten? -- Sie schwieg wie im Nachdenken, dann sagte sie auf einmal:
Wollen Sie morgen mit mir spazierengehen? Bis dahin sage ich dann alles meiner Mutter.
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